Der alte Mann und die Frau — Eine Abendvorlesung über die schönste Sache der Welt, die nicht der Sex ist

Ein alter Spruch behauptet, der Mann habe in der Jugend die Frauen nötig, aber kein Geld für sie, im Alter habe er Geld, aber bedürfe der Frauen nicht mehr. Dr. Friedrich Weihenruh, achtundsechzig und seit einem halben Jahr Witwer, prüft ihn an Hemingway, Platon und Cicero, an den Daten der Sexualforschung und an sich selbst. Heraus kommt eine Vorlesung über den Unterschied zwischen Bedürfen und Lieben — und über das Glück, erkannt worden zu sein.

Offenlegung eines Interessenkonflikts

Dr. Friedrich Weihenruh nannte die Besetzung des Hörsaals an diesem Abend später demografisch unmöglich. Vorne sassen Studenten, hinten Pensionierte, dazwischen niemand. Die Menschen zwischen dreissig und sechzig waren, wie er vermutete, an einem Dienstagabend damit beschäftigt, das Geld zu verdienen, mit dem sie später nichts mehr anzufangen wüssten. Die einzige Ausnahme sass in der ersten Reihe: eine Studentin von Mitte dreissig, die, wie sich zeigen sollte, ihre Fragen nicht für sich behielt.

Weihenruh trug eine schwarze Krawatte, die ihn feierlicher aussehen liess, als er sich fühlte. Er legte ein einzelnes Blatt aufs Pult und begann ohne Begrüssung.

«In wissenschaftlichen Zeitschriften steht bei jedem Aufsatz, wer die Untersuchung bezahlt hat und welche Interessen der Verfasser verfolgt. Man nennt das die Offenlegung von Interessenkonflikten. Ich halte das für eine der wenigen Erfindungen der Wissenschaft, die man auch im Privatleben einführen sollte, und beginne deshalb damit.»

«Erstens: Sie haben im Voraus bezahlt. Ich arbeite nur gegen Vorauszahlung, und bei einer Vorlesung ist das nicht anders als im Kino oder in der Oper: Ohne bezahlte Eintrittskarte kommt niemand in den Saal. Für Sie hat das einen Vorteil. Da Ihr Geld schon bei mir ist, muss ich Ihnen nicht nach dem Mund reden.»

«Zweitens: Ich bin achtundsechzig, was in meinem Fall eine Altersangabe ist und keine Weltanschauung.»

«Drittens: Ich war vierzig Jahre verheiratet. Meine Frau ist vor einem halben Jahr gestorben. Die Krawatte ist kein modisches Bekenntnis. Man hat mir geraten, mit dieser Vorlesung bis zum Ende des Trauerjahres zu warten. Meine Frau hätte gesagt: Dann trag eben eine schwarze Krawatte und sag, was du zu sagen hast. Ich habe mich, wie meistens, an ihren Rat gehalten.»

Es wurde still, auf jene Weise, die entsteht, wenn dreihundert Menschen gleichzeitig nicht wissen, ob sie lachen dürfen.

«Sie dürfen», sagte Weihenruh. «Heute Abend geht es um die Liebe, und über die Liebe kann man nur mit Humor sprechen oder gar nicht. Ich erzähle Ihnen das mit dem Trauerjahr nur, damit Sie meine Befangenheit kennen. Ein Witwer, der über die Liebe im Alter spricht, ist ungefähr so unparteiisch wie ein Winzer, der über Wein spricht. Sie dürfen ihm zuhören. Sie sollten ihm nicht alles glauben.»

Er nahm das Blatt in die Hand.

«Ich sage Ihnen vorweg, was Sie erwartet. Ich werde Ihnen fünf Dinge zeigen. Erstens, woher der Titel dieses Abends stammt. Zweitens, woher ein alter Spruch stammt, der mich seit Jahren verfolgt. Drittens, woran die Jugend leidet, wenn nicht an der Liebe, und was sie dagegen tun kann, ohne siebzig zu werden. Viertens, warum Liebe nicht gleich Sex ist. Fünftens, was davon übrig bleibt, wenn man alt ist. Am Schluss erzähle ich Ihnen, was ich selbst davon weiss, und erkläre Ihnen, warum Sie mir gerade diesen Teil am wenigsten glauben sollten.»

«Das alles hängt an einem einzigen Unterschied, den ich Ihnen heute erklären möchte. Wenn Sie nichts anderes mit nach Hause nehmen, dann bitte diesen: Es ist ein Unterschied, ob man einer Sache bedarf oder ob man sie sich wünscht. Wer einer Sache bedarf, leidet Mangel, wenn sie fehlt. Wer sie sich wünscht, hätte sie gern, kommt aber auch ohne sie zurecht. Das eine ist Not, das andere ist Freiheit. Sie werden diese beiden Wörter heute Abend öfter hören.»

«Woran Sie den Abend messen können, sage ich Ihnen auch gleich. In Amerika wird jedes Jahr ein Preis für Forschung vergeben, die, wie die Veranstalter sagen, die Menschen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Er heisst Ig-Nobelpreis, nach dem englischen Wort ignoble, unwürdig.1 Ich habe mir für heute dieselbe Reihenfolge vorgenommen. Gelingt beides, war es fast schon Psychotherapie, und die haben Sie bereits bezahlt.»

La mar

«Beginnen wir mit dem Titel. Er ist bei Ernest Hemingway gestohlen, der 1952 eine Novelle veröffentlicht hat, die Sie alle kennen oder zu kennen glauben: The Old Man and the Sea, auf Deutsch Der alte Mann und das Meer.2 Ein alter kubanischer Fischer namens Santiago hat vierundachtzig Tage lang nichts gefangen. Am fünfundachtzigsten fährt er allein hinaus, weiter als je zuvor, nimmt einen riesigen Marlin auf den Haken, kämpft drei Tage mit ihm, tötet ihn, bindet ihn längsseits an sein Boot und muss auf der Heimfahrt zusehen, wie die Haie ihm den Fang bis auf das Gerippe abfressen.»

«Was die wenigsten bemerken: Diese Geschichte ist auch eine Liebesgeschichte, und Hemingway liefert den Hinweis selbst. Santiago denkt vom Meer immer als la mar, weiblich, so wie es die Menschen im Spanischen nennen, die es lieben. Die jüngeren Fischer, die sich vom Geld aus dem Handel mit Haifischleber Motorboote gekauft haben, sagen el mar, männlich. Für sie ist das Meer ein Gegner, ein Ort, manchmal sogar ein Feind. Für den Alten ist es etwas, das Gunst gewährt oder verweigert, und wenn es Wildes oder Böses tut, dann, so denkt er, weil es nicht anders kann. Der Mond, heisst es weiter, wirke auf das Meer wie auf eine Frau.»

Vorne murmelte jemand, das sei doch bloss Grammatik.

«Grammatik ist nie nur Grammatik», sagte Weihenruh. «Achten Sie auf den Unterschied: Die Jungen haben einen Motor, der Alte hat ein Segel. Der Motor heisst auf Deutsch auch Antrieb, und mit diesem Wort sind wir bereits beim Thema. Wer einen Motor hat, fährt, wohin der Antrieb treibt. Wer segelt, muss das Wetter lesen, das Wasser verstehen und sich nach etwas richten, das er nicht beherrscht. Der eine erobert ein Revier. Der andere lebt mit einem Gegenüber.»

«Die deutsche Übersetzung hat Santiagos Geliebte übrigens sächlich gemacht: das Meer, obwohl das Deutsche mit die See ein weibliches Wort bereitgehalten hätte. Man kann das Übersetzung nennen. Man kann es auch Versachlichung nennen.»

«Auf diesen Abend gebracht hat mich ein Detail. Santiago träumt nicht mehr von Stürmen, nicht mehr von Frauen, nicht von grossen Ereignissen, nicht von grossen Fischen, nicht von Kämpfen und nicht von Kraftproben. Er träumt auch nicht mehr von seiner eigenen Frau, deren Bild er von der Wand genommen hat, weil es ihn zu einsam machte. Er träumt nur noch von Orten und von den Löwen am Strand, die in der Dämmerung spielen wie junge Katzen.»

«So träumt ein Mann, der nichts mehr beweisen muss. Am nächsten Morgen aber steht er auf, fährt hinaus und kämpft drei Tage lang mit einem grossen Fisch. Im Traum ist er schon frei, am Tag noch nicht. Ich komme am Ende des Abends auf diesen Unterschied zurück.»

«Hemingway selbst wusste, wovon er schrieb. Er war viermal verheiratet. Die Frage, ob man einer Frau bedarf, hat er viermal mit Ja beantwortet und dreimal vor Gericht korrigiert.3 Zwei Jahre vor der Novelle hatte er einen Roman veröffentlicht, Über den Fluss und in die Wälder, in dem sich ein fünfzigjähriger Oberst in Venedig in eine junge Contessa verliebt. Die Figur trug unverkennbar Züge einer jungen Italienerin namens Adriana Ivancich, in die Hemingway sich verliebt hatte.3 Die Kritik verriss das Buch. Hemingway schickte daraufhin einen alten Mann ohne Frau aufs Meer und erhielt dafür 1953 den Pulitzerpreis und 1954 den Nobelpreis, in dessen Begründung die Novelle ausdrücklich genannt wird.4 Die Schutzumschläge beider Bücher hat dieselbe junge Frau entworfen, Adriana Ivancich. Der alte Mann auf dem Meer kam im Umschlag der jungen Frau in die Buchhandlungen.»

«Hemingway hat Der alte Mann und die Frau im Grunde schon geschrieben, nur unter anderem Titel, und ist damit gescheitert. Ich habe aus dieser Abfolge gelernt, dass man mit der Frau anfangen und mit dem Meer aufhören sollte, wenn man einen Preis will. Ich mache es heute umgekehrt. Ich bedarf des Nobelpreises nicht mehr.»

«Den haben Sie doch gar nicht», rief die Studentin, «den Nobelpreis, meine ich.»

«Eben», sagte Weihenruh. «Sie haben mir gerade die Pointe des Abends vorweggenommen. Man kann aufhören, einer Sache zu bedürfen, ohne sie je besessen zu haben. Für die vorderen Reihen ist das eine gute Nachricht.»

Ein Spruch mit Stammbaum

«Den Spruch, um den es heute geht, habe ich vor vielen Jahren gehört, ich weiss nicht mehr, von wem, und er hat mich seither nicht losgelassen: Als ich der Frauen bedurfte, fehlte mir das Geld; als ich das Geld hatte, bedurfte ich ihrer nicht mehr.»

In den hinteren Reihen nickten ein paar Köpfe.

«Ich sehe, der Spruch teilt den Saal ungefähr in der Mitte. Vorne kennt man die erste Hälfte, hinten die zweite. Beide Hälften zugleich erlebt hier niemand. Darin liegt die Tragik des Spruchs.»

«Eine bekannte deutsche Fassung wird Immanuel Kant zugeschrieben: In jungen Jahren, da ich eine Frau hätte brauchen können, konnte ich keine ernähren, und jetzt da ich eine ernähren kann, kann ich keine gebrauchen.5 Ich muss Sie enttäuschen. Einen Beleg dafür habe ich weder in Kants Schriften noch bei seinen frühen Biographen gefunden. Das spricht nicht gegen den Satz, nur gegen Kant als seinen Urheber.»

«Allerdings ist das Vokabular echt. Kant definiert die Ehe in seiner Metaphysik der Sitten tatsächlich als die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften. Die Geschlechtsgemeinschaft selbst nennt er den wechselseitigen Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht.6 Wer immer Kant den Satz mit dem Gebrauchen in den Mund gelegt hat, kannte diese Textstelle.»

Ein älterer Herr in der letzten Reihe wollte wissen, ob Kant deshalb nie geheiratet habe.

«Ich vermute, deshalb hat ihn keine geheiratet», sagte Weihenruh. «Stellen Sie sich die Situation vor. Ein Professor in Königsberg bittet eine Dame, sich mit ihm zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften zu verbinden. Ich kenne keine Frau, die darauf mit Ja antwortet. Ich kenne einige, die darauf mit dem Regenschirm antworten würden.»

Es dauerte eine Weile, bis sich der Saal beruhigt hatte.

«Es kommt noch besser. Im nächsten Paragraphen erklärt Kant, warum man, um miteinander zu schlafen, überhaupt heiraten muss. Im Geschlechtsakt, schreibt er, macht sich ein Mensch selbst zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person widerstreitet. Erlaubt sei das nur unter einer einzigen Bedingung: dass die eine Person von der anderen gleich als Sache erworben wird und diese gegenseitig wiederum jene erwerbe; denn so gewinnt sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her.»6

«Einfacher gesagt: Zwei Menschen erwerben einander wie eine Sache und bekommen dafür sich selbst als Person zurück. Jeder gibt sich her und kauft sich im selben Augenblick wieder zurück. Die Ehe ist bei Kant ein Rückkaufgeschäft mit Persönlichkeitsgarantie. Ich habe Paare gekannt, die mit weniger Vertrag lebenslang ausgekommen sind.»

«Weil Kant gründlich war, schliesst er gleich noch eine Lücke. Es könnte ja einer auf den Gedanken kommen, vom anderen nur jenen Teil zu erwerben, auf den es ihm gerade ankommt. Kant verbaut ihm diesen Ausweg mit einem Satz, den ich allen Heiratswilligen gerahmt überreichen würde: Es ist aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der ganzen Person, weil diese eine absolute Einheit ist.6 Mit dem Gliedmass meint Kant, wie der Zusammenhang zeigt, genau das, woran Sie jetzt denken. Er sagt es nur so, dass man es in Königsberg auch vor Damen vorlesen konnte. Teillieferungen gibt es bei Kant nicht. Wer einen Teil will, bekommt den ganzen Menschen, samt Launen, Schwiegermutter und Schnarchen, und zwar lebenswierig.»

«Um auf Ihre Frage zurückzukommen», sagte Weihenruh zu dem Herrn in der letzten Reihe, «warum Kant ledig geblieben ist: Die Überlieferung kennt eine Antwort, die mir noch besser gefällt als meine. Zweimal, so wird erzählt, hat er eine Frau näher kennengelernt, die Königsberg besuchte, und beide Male hat er mit dem Antrag zu lange gewartet.7 Bei ihm war das Methode. Für die Kritik der reinen Vernunft brauchte er, wie er Moses Mendelssohn schrieb, mindestens zwölf Jahre Nachdenken und etwa vier bis fünf Monate Niederschrift.8 Besuche dauern aber in der Regel keine zwölf Jahre. Einer der grössten Denker der Neuzeit ist, wenn Sie so wollen, durch seine eigene Gründlichkeit ledig geblieben.»

«Zurück zu unserem Spruch. Der Gedanke des Spruchs ist viel älter als Kant. Shakespeare lässt in Mass für Mass, geschrieben um 1604, einen Herzog einem jungen Mann erklären, was vom Leben zu halten sei, und liefert dabei beide Hälften unseres Spruchs in einem Atemzug.9 Die Jugend, sagt er, doth beg the alms / Of palsied eld: Sie bettelt beim zittrigen Greisenalter um Almosen, weil die Alten das Geld haben. … and when thou art old and rich, / Thou hast neither heat, affection, limb, nor beauty, / To make thy riches pleasant. Und bist du alt und reich, so hast du weder Glut noch Neigung, weder Glieder noch Schönheit, die dir den Reichtum angenehm machten.»

«1867 taucht der Gedanke in einer amerikanischen theologischen Zeitschrift auf. Dort gilt er als eines der schönsten alten Epigramme, wie man knappe Sinnsprüche nennt, und als eines, das fast jeder Weltmensch selbst erfahren habe.10 Der Verfasser hat es gleich in Verse gebracht: In youth my passions were by want restrained, / And passion died in age when wealth was gained. In der Jugend zügelte der Mangel meine Leidenschaften, und im Alter, als der Reichtum kam, starb die Leidenschaft. Das Gedicht endet damit, dass alle unsere Tage in halb vollendeten Freuden vergehen und in Enttäuschung schliessen.»

«Auf diese Enttäuschung komme ich zurück, denn sie beruht auf einem Denkfehler, der sich beheben lässt. Vorerst nur so viel: Der alte Mann des Epigramms ist enttäuscht, weil er das Alter mit der Elle der Jugend misst. Er hat jetzt das Geld für etwas, dessen er nicht mehr bedarf, und statt sich darüber zu freuen, beklagt er, dass er es nicht mehr begehrt.»

«Die Franzosen haben das Ganze auf sechs Wörter gebracht: Si jeunesse savait, si vieillesse pouvait. Wenn die Jugend wüsste, wenn das Alter könnte. Der Drucker und Gelehrte Henri Estienne hat den Gedanken schon 1594 in seine Sammlung von Sprichwörtern in Versen aufgenommen.11 Er hätte hinzufügen können: Und wenn beide wüssten, was sie eigentlich wollen, bräuchten sie den Spruch nicht.»

«Damit Sie mir nicht vorwerfen, ich trüge Ihnen nur Bonmots vor, noch eine Tatsache. In der Schweiz war die erste Hälfte unseres Spruchs lange Zeit geltendes Recht. Zahlreiche reformierte Kantone, darunter Zürich und Bern, verfolgten vom siebzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert eine Politik, die Angehörige der Unterschicht vom Heiraten abschrecken sollte. Der Aargau, erst 1803 zum Kanton geworden, schloss sich im neunzehnten Jahrhundert an. Manche knüpften die Heiratsbewilligung an ein Mindestvermögen.12 Erst die Bundesverfassung von 1874 bestimmte, das Recht zur Ehe dürfe nicht aus ökonomischen Rücksichten beschränkt werden.13 Als ich der Frauen bedurfte, fehlte mir das Geld war also kein Seufzer. Es war ein Verwaltungsakt.»

Er legte das Blatt ab.

«Bleibt das Wort, auf das es mir ankommt. Der Spruch sagt nicht: Als ich mir Frauen wünschte. Er sagt: Als ich der Frauen bedurfte. Das Wort geht auf das althochdeutsche bithurfan zurück, und das hiess: bedürftig sein, etwas nötig haben. Bedürftig war, wer arm war und Mangel litt.14 Im neunzehnten Jahrhundert diente das Wort Bedürfnis zudem als feinere Bezeichnung für die Notdurft. Wer damals sein Bedürfnis verrichtete, suchte keine Frau auf, sondern einen stillen Ort. Die Sprache wusste schon lange, was die Jugend oft vergisst: Ein Bedürfnis ist etwas, das man erledigt. Geliebt wird etwas anderes.»

Der Notstand

«Kommen wir zur Jugend und ihrem Notstand mit dem Sturm der Hormone.»

«Ein Student schilderte mir, wie er in einer Vorlesung sass, vor ihm eine Kommilitonin, von der er nur den Nacken und die hochgesteckten Haare kenne. Worum es in der Vorlesung ging, wisse er nicht mehr, an den Nacken und die Haare erinnere er sich sofort. In der folgenden Nacht träumte er davon und sein Körper erledigte ohne sein Zutun, was ihm der Tag nicht erlaubt hatte. Die Medizin nennt das eine Pollution. Das Wort kommt vom lateinischen pollutio und bedeutet Befleckung. Die Medizin hat sich ihr Vokabular an dieser Stelle bei der Kirche ausgeliehen und es nie zurückgegeben.»

«An einer amerikanischen Universität hat man 283 Studenten zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren gebeten, eine Woche lang mitzuzählen, wie oft sie an Sex denken.15 Die jungen Männer kamen im Median auf knapp 19 Gedanken am Tag, die jungen Frauen auf etwa halb so viele. Der Median ist der mittlere Wert: Die eine Hälfte der Befragten liegt darunter, die andere darüber. Einzelne brachten es auf 388, wobei ich mich frage, wann sie Zeit zum Zählen fanden.»

«Dieselben jungen Männer dachten fast ebenso oft ans Essen und gut halb so oft ans Schlafen. Man sollte ihnen deshalb nicht nachsagen, sie dächten nur an das eine. Sie denken an drei Dinge. Fürs Essen ist die Mensa zuständig, fürs Schlafen die Vorlesung, und für das dritte fühlt sich niemand zuständig.»

«Wir wollen aber nicht ungerecht sein. Eine Patientin, damals dreiundzwanzig, beschrieb mir ihr Verlangen als einen Mitbewohner, der nie auszieht, keine Miete zahlt und nachts laut ist. Damit hat sie beschrieben, was die Jugend mit ihrem eigenen Körper erlebt. Man hat den Mitbewohner nicht eingeladen, man wird ihn nicht los, und er hält sich für den Hausherrn.»

«Den Hausherrn hat schon Sophokles gekannt. Platon lässt im Eingang seines Staates, der auch Politeia oder Republik heisst, den reichen alten Kephalos erzählen, man habe den greisen Dichter einmal gefragt, wie es bei ihm mit der Liebe stehe und ob er noch mit einer Frau zusammenkommen könne.16 Cicero hat die Antwort ins Lateinische übertragen: Di meliora! Libenter vero istinc sicut ab domino agresti ac furioso profugi.17 Die Götter mögen Besseres fügen! Ich bin von dort mit Freuden entlaufen wie vor einem rohen und rasenden Herrn.»

«Arthur Schopenhauer hat dieselbe Stelle gelesen und ist, wie immer, noch weiter gegangen: Viel richtiger schätzt Plato (im Eingang zur Republik) das Greisenalter glücklich, sofern es den bis dahin uns unablässig beunruhigenden Geschlechtstrieb endlich los ist. Die endlosen Grillen, die dieser Trieb erzeuge, unterhielten im Menschen einen beständigen, gelinden Wahnsinn.18 Schopenhauer meinte das ernst. Ich meine es heute nur halb.»

«Die andere Hälfte liefert, unter Vorbehalt, die Biochemie. In Pisa hat man bei 20 frisch Verliebten an den Blutplättchen ein bestimmtes Transportmolekül für den Botenstoff Serotonin gemessen. Seine Dichte war ebenso niedrig wie bei 20 Patienten mit Zwangsstörung und deutlich niedriger als bei 20 Gesunden.19 Bei so wenigen Versuchspersonen ist das kein Beweis, eher ein Trost: Wenn Sie verliebt sind und an nichts anderes mehr denken können, sind Sie nicht dumm geworden. Sie sind nur einer grösseren Anstrengung des Denkens ausgesetzt, die Kontrolle über ihre Botenstoffe zu behalten.»

«Goethe hat das Ganze in zwei Zeilen erledigt. Faust trinkt in der Hexenküche einen Verjüngungstrank, und Mephisto bemerkt leise: Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / Bald Helenen in jedem Weibe.20 Helena ist die schönste Frau der griechischen Sage. So beschreibt Goethe, was Hormone mit der Wahrnehmung anstellen. Die beiden Zeilen sind fast zweihundert Jahre älter als die moderne Potenzpille und könnten trotzdem auf ihrem Beipackzettel stehen, unter den Nebenwirkungen.»

Weiter hinten meldete sich ein Herr. «Also, das mit der Helena … bei mir ist das heute noch so.»

«Dann gratuliere ich Ihnen», sagte Weihenruh, «oder ich bedaure Sie. Welches von beiden, entscheiden Sie selbst. Davon handelt dieser Abend.»

«Die Erregung ist eine Tatsache. Sie kommt, ob man sie bestellt hat oder nicht, und bei den Jungen kommt sie heftiger. Was die Jugend quält, ist aber weniger die Erregung als das Urteil, das sie darüber fällt: Das halte ich nicht aus. Albert Ellis, ein Psychiater aus New York, hat für dieses Urteil ein hässliches, aber treffendes Wort erfunden: I-can't-stand-it-itis, zu Deutsch etwa die Ich-halte-das-nicht-aus-itis.21 Ellis unterschied zwischen einer Forderung und einem Wunsch. Ich muss das haben ist eine Forderung, und wer sie nicht erfüllt bekommt, verzweifelt. Ich hätte das gern ist ein Wunsch, und wer ihn nicht erfüllt bekommt, ist enttäuscht, aber nicht verzweifelt. Genau das ist der Unterschied zwischen Bedürfen und Wünschen, von dem ich eingangs sprach.»

«Ellis hat seine Methode zuerst an sich selbst erprobt. Er war ein schüchterner junger Mann, der die Frauen begehrte und vor jeder einzelnen Angst hatte, vor allem vor ihrem Nein. Im August 1933, mit neunzehn Jahren, verordnete er sich deshalb eine Kur.22,23 Einen Monat lang setzte er sich im Botanischen Garten der Bronx neben jede Frau, die allein auf einer Parkbank sass, um sie anzusprechen. Es waren hundertdreissig. Dreissig standen auf und gingen, kaum dass er sich gesetzt hatte. Mit den übrigen hundert sprach er, mal kurz, mal länger. Eine einzige willigte in eine Verabredung ein. Sie kam nicht.»

«Ellis hielt den Versuch trotzdem für einen vollen Erfolg, und er hatte recht. Niemand, so fasste er es später zusammen, habe ein Stilett gezogen, um ihn zu entmannen, niemand habe sich übergeben und sei davongelaufen, und niemand habe die Polizei gerufen.24 Er hatte die Überzeugung, ein Nein sei unerträglich, an der Wirklichkeit geprüft. Die Zurückweisung war nicht unerträglich, sie war bloss lästig. Aus Ich muss ihr Ja haben war Ich hätte ihr Ja gern geworden. Nach einem Monat hatte er hundert Gespräche hinter sich, eine geplatzte Verabredung und keine Angst mehr. Mit dieser Erfolgsquote wäre mancher Psychotherapeut zufrieden. Gut zwanzig Jahre später hat er daraus eine Methode gemacht, die Rational-Emotive Psychotherapie.»

Die Studentin fragte, was man denn tun solle, ausser zu warten, bis man siebzig sei.

«Denken», sagte Weihenruh. «Das geht schneller und ist billiger. Ellis war neunzehn.»

«Und woran?», fragte die Studentin.

«Zum Beispiel daran, wonach Sie wählen», sagte Weihenruh. «Denn dort richtet der Notstand den grössten Schaden an, und zwar nicht aus Dummheit, sondern aus Biologie. Ich zeige es Ihnen an einem Käfer.»

Gefällt dir, was du siehst?

«In Westaustralien lebt ein Prachtkäfer mit dem schönen Namen Julodimorpha bakewelli. Das Weibchen ist braun und glänzend, und seine Flügeldecken sind mit Reihen feiner Grübchen überzogen, die im Sonnenlicht schimmern. Die Männchen fliegen umher und suchen dieses Signal. 1983 haben zwei Insektenforscher, Darryl Gwynne und David Rentz, eine Beobachtung veröffentlicht, deren Titel man sich merken sollte: Beetles on the bottle, Käfer auf der Flasche.25 Die Männchen versuchten, sich mit weggeworfenen Bierflaschen zu paaren.»

Gelächter.

«Lachen Sie nicht zu früh. Die Flaschen waren nämlich, aus der Sicht eines Käfers, das vollkommene Weibchen: braun, glänzend, am unteren Rand mit einem Band aus Glasnoppen, die das Licht ähnlich zurückwarfen wie die Flügeldecken, und vor allem grösser als jedes Weibchen, das die Natur je hervorgebracht hat. Ein Superweibchen. Die Männchen liessen nicht mehr los. Manche kamen in der prallen Sonne um, andere wurden von Ameisen gefressen, und einige mussten die Forscher von Hand von der Flasche lösen.»

«Die beiden Forscher haben dafür 2011 den Ig-Nobelpreis erhalten, von dem ich eingangs sprach.1 Der Käfer ist nicht dumm. Er folgt einer Regel, die sich über Jahrmillionen bewährt hat: Je grösser, brauner und glänzender, desto weiblicher. Die Regel hat immer gestimmt, bis der Mensch anfing, Bier in braune Flaschen zu füllen und die leeren Flaschen in die Landschaft zu werfen.»

«Die Verhaltensforschung nennt so etwas einen übernormalen Reiz: eine Attrappe, die die Merkmale des Originals übertreibt und deshalb stärker wirkt als das Original. Niko Tinbergen, der 1973 für seine Verhaltensforschung den Nobelpreis erhielt, hat beobachtet, dass ein Austernfischer, ein Watvogel, lieber auf einem riesigen Attrappenei brütet als auf seinem eigenen, obwohl er kaum hinaufkommt.26 Solche Attrappen stellt der Mensch inzwischen in Serie her, in der Werbung, im Film, auf den Bildschirmen, in den Filtern, mit denen junge Menschen ihre Fotos verschönern. Die Welt ist voller Bierflaschen.»

«Der Mensch hält sich für klüger als der Käfer. Arthur Schopenhauer hat ihm diese Illusion schon 1844 genommen, und zwar so feierlich, dass man ihn nur wörtlich zitieren kann: Der Endzweck aller Liebeshändel, sie mögen auf dem Sockus, oder dem Kothurn gespielt werden, ist wirklich wichtiger, als alle andern Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit Jeder ihn verfolgt, völlig werth. Das nämlich, was dadurch entschieden wird, ist nichts Geringeres, als die Zusammensetzung der nächsten Generation.27 Sockus und Kothurn sind die Schuhe der Schauspieler in der antiken Komödie und in der Tragödie. Schopenhauer meint: Ob eine Liebesgeschichte lustig oder traurig ausgeht, ist der Natur gleichgültig, solange Kinder daraus werden.»

«Wenn sich zwei Zwanzigjährige zum ersten Mal auf einer Parkbank küssen, beraten sie nach Schopenhauer über die Zusammensetzung der nächsten Generation, daher der tiefe Ernst.»

«Damit die Natur ihren Zweck erreicht, dämpft sie bei den Verliebten ausgerechnet das Werkzeug, mit dem man einen Menschen prüft. Die Londoner Neurobiologen Andreas Bartels und Semir Zeki haben Verliebten im Hirnscanner Bilder des geliebten Menschen gezeigt und 2004 berichtet, dass dabei die Aktivität in jenen Hirnregionen sinkt, die für die kritische Beurteilung anderer Menschen und für negative Gefühle zuständig sind.28 Liebe macht also tatsächlich blind, und zwar genau an der Stelle, an der man am dringendsten sehen müsste: bei der Wahl des Menschen, mit dem man vierzig Jahre lang frühstücken wird. Die Natur setzt die Urteilskraft vor der wichtigsten Entscheidung des Lebens auf Sparflamme.»

«Deshalb sage ich Ihnen: vorher denken. Irgendwann kommt im Leben junger Leute der Augenblick, in dem eine junge Frau die Hüllen fallen lässt und fragt: Gefällt dir, was du siehst? Junge Männer stellen dieselbe Frage auch, nur ziehen sie dabei den Bauch ein. Beide testen damit den Käfer im anderen.»

«Man kann aber auch eine andere Hülle fallen lassen: die, hinter der man seine Gedanken, Ängste und Hoffnungen verbirgt. Die junge Frau könnte den Blick von ihren Geschlechtseigenschaften, wie Kant sagen würde, auf die Tiefen ihrer Seele lenken und dann dieselbe Frage stellen: Gefällt dir, was du siehst? Der junge Mann könnte es auch. Er müsste dafür nicht einmal den Bauch einziehen.»

«Dass das wirkt, hat der Psychologe Arthur Aron im Experiment gezeigt. Er hat Studenten, die einander nicht kannten, paarweise zusammengesetzt und ihnen 36 Fragen vorgelegt, die immer persönlicher wurden.29 Die erste lautete: Wen auf der Welt hätten Sie, wenn Sie die freie Wahl hätten, gern als Gast zum Abendessen? Gegen Ende hiess es: Wenn Sie heute Abend sterben müssten, ohne noch mit jemandem sprechen zu können, was würden Sie am meisten bereuen, jemandem nicht gesagt zu haben? Und warum haben Sie es ihm noch nicht gesagt? Nach einer knappen Stunde fühlten sich diese Paare einander näher als Paare, die dieselbe Zeit mit Plaudern verbracht hatten. Zwei der Versuchspersonen haben einander ein halbes Jahr später geheiratet.30 Eine Heiratsvermittlung hat Aron trotzdem nicht gegründet.»

«Beachten Sie bitte den entscheidenden Vorteil dieser Methode: Es ist die einzige Form der Entblössung, bei der man angezogen bleibt.»

«Eine Frau von siebzig lädt auf diese zweite Art ein. Sie sagt nicht: Schau mich an. Sie sagt: Schau in mich hinein. Und dann prüft sie, ob ihm gefällt, was er sieht, und vor allem, ob es passt. Sie ist dabei nicht weniger anspruchsvoll als die junge Frau, sondern anspruchsvoller. Die junge Frau prüft, ob sie gefällt. Die Frau von siebzig prüft, ob er passt. Die eine lässt die Hüllen fallen, die andere die Masken. Und der Mann von siebzig zieht, wenn er klug ist, den Bauch nicht mehr ein. Er hat eingesehen, dass es ohnehin nichts mehr nützt, und gelernt, dass es auf etwas anderes ankommt.»

«Über diese Prüfung hat ein Mann Kluges geschrieben, der sie selbst nie bestanden hat: Friedrich Nietzsche. Er schrieb 1878 unter der Überschrift Die Ehe als langes Gespräch: Man soll sich beim Eingehen einer Ehe die Frage vorlegen: glaubst du, dich mit dieser Frau bis in's Alter hinein gut zu unterhalten? Alles Andere in der Ehe ist transitorisch, aber die meiste Zeit des Verkehrs gehört dem Gespräche an.»31

Jemand kicherte.

«Transitorisch heisst vorübergehend», sagte Weihenruh. «Nietzsche meinte mit Verkehr den Umgang miteinander, wie man damals sagte. Aber auch im heutigen Sinn stimmt der Satz. Rechnen Sie für eine Ehe von vierzig Jahren einmal nach, wie viele Stunden auf das eine und wie viele auf das andere entfallen. Ich tue es hier nicht, um die Jüngeren unter Ihnen nicht zu entmutigen.»

«Nietzsche war nie verheiratet, so wenig wie Kant und Schopenhauer. Versucht hat er es allerdings, nur eben umgekehrt wie Kant. Im April 1876 schrieb er in Genf einer jungen Frau, der er erst wenige Male begegnet war, einen Heiratsantrag. Er bat sie, allen Mut ihres Herzens zusammenzunehmen, um vor seiner Frage nicht zu erschrecken, und fügte hinzu: Kein Wort über das Plötzliche meiner Neigung!32 Sie lehnte ab. Kant hat zu lange nachgedacht, Nietzsche zu kurz, und geheiratet hat keiner von beiden. Das Denken, das ich meine, liegt dazwischen: nicht zwölf Jahre und nicht ein paar Begegnungen, sondern so lange, bis man Nietzsches Frage beantworten kann.»

«Drei der schärfsten deutschen Denker über Liebe und Ehe waren Junggesellen. Das ist ungefähr so, als liesse man sich das Schwimmen von drei Männern erklären, die das Wasser nur vom Ufer kennen.»

«Das meine ich mit Denken. Die Hormone fragen nach Grösse und Glanz. Das Denken fragt: Passt dieser Charakter zu meinem, und kann ich mich mit diesem Menschen in vierzig Jahren noch unterhalten? Diese Fragen schützen vor einer hormonellen Fehlleitung, die wie beim Käfer auf den grössten Reiz hereinfällt. Man muss sie nur früher stellen als die Hormone.»

Auch Psychotherapeuten sind Menschen

«Der Notstand ist keine Frage der Reife. Das zeigt mein eigener Berufsstand. Psychotherapeuten gelten als Menschen, die ihre Gefühle im Griff haben. Das ist ein Gerücht, das wir selbst in die Welt gesetzt haben, und es hält sich erstaunlich gut.»

«Von 575 Psychologen in freier Praxis, die man Mitte der Achtzigerjahre in Amerika befragte, gaben 87 Prozent an, sich mindestens gelegentlich zu einem Patienten sexuell hingezogen gefühlt zu haben, die Männer deutlich häufiger als die Frauen.33 Knapp zwei Drittel fühlten sich deswegen schuldig, ängstlich oder verwirrt. Nicht einmal jeder Zehnte fand, die Ausbildung habe ihn auf diese Situation ausreichend vorbereitet. Die Ausbildung behandelte das Thema damals ungefähr so, wie meine Grossmutter die Aufklärung behandelt hat: gar nicht, aber mit Nachdruck.»

«Ich habe in vierzig Jahren viele Kollegen in Supervision begleitet, jener Form der Fallbesprechung, in der ein erfahrener Psychotherapeut einem anderen hilft, die eigene Arbeit zu prüfen. Die Einzelheiten der folgenden Geschichte habe ich so verändert, dass sich niemand wiedererkennt, die Betroffene eingeschlossen.»

«Eine erfahrene, verheiratete Kollegin erzählte mir von einem Patienten, der in ihren Sitzungen ausführlich und sehr anschaulich über die Schwierigkeiten seiner Ehe sprach, auch über jene im Schlafzimmer. Nach einer dieser Sitzungen habe sie in der Viertelstunde bis zum nächsten Patienten die Tür des Sprechzimmers abgeschlossen und sich dreimal hintereinander eigenhändig die Entspannung verschafft, deren sie nach dem Gespräch zu bedürfen glaubte. Sie sagte wörtlich: Ich musste.»

«Eine weibliche Besonderheit ist das nicht. Ein Kollege gestand mir, dass er nach den Sitzungen mit einer bestimmten Patientin im Januar bei minus fünf Grad mit offenem Autofenster nach Hause fuhr. Er nannte das Abkühlen.»

«Beide haben nichts Unrechtes getan. Es gibt hier eine Grenze, die man nicht verwischen darf. Das Gefühl gegenüber einem Patienten ist menschlich. Jede sexuelle Handlung gegenüber einem Patienten ist das Ende des Berufs, mit gutem Grund. Beide haben diese Grenze respektiert. Die Kollegin hat niemandem geschadet, der Kollege allenfalls seinen Bronchien.»

«Aber die Kollegin hat etwas Falsches gedacht. Sie hat gedacht, sie habe keine Wahl. Ich musste. Ich habe sie gefragt, was geschehen wäre, wenn sie nicht gemusst hätte. Sie überlegte und sagte: Dann hätte ich die nächste Sitzung etwas unkonzentriert begonnen. Und dann? Dann wäre es vergangen. Die Erregung war eine Tatsache, das Müssen ein Urteil. Der Körper hat die Spannung geliefert, und der Kopf hat daraus einen Befehl gemacht. Ich sage das ohne Vorwurf. Darin liegt sogar die gute Nachricht: Ein Befehl, den man sich selbst erteilt, ist ein Urteil, und ein Urteil lässt sich prüfen.»

«Ich fasse zusammen, was wir bis hierher haben, denn wir sind ungefähr in der Mitte. Die Jugend ist getrieben, das ist belegt, von Sophokles bis zur Strichliste. Sie leidet an einer Erregung, die sie nicht bestellt hat, und zusätzlich an einem Urteil, das sie selbst darüber fällt: Das halte ich nicht aus. Und sie wählt, solange sie die Anstrengung des Denkens nicht auf sich nimmt, nach den Regeln eines australischen Käfers — nach dem stärksten Reiz. Die Erregung nimmt mit dem Alter ab, das Urteil nicht. Das kann man prüfen. Und nun frage ich Sie: Wenn die Erregung abnimmt, was bleibt dann von der Liebe übrig? Die Antwort hängt davon ab, ob Liebe und Sex dasselbe sind.»

Zeus' Notbehelf

«Die schönste Antwort auf diese Frage stammt von einem Komödiendichter. In Platons Gastmahl, das auch Symposion heisst, hält Aristophanes eine Rede über den Ursprung der Liebe, und sie ist so absurd, dass sie wahr sein muss.»34

«Die Menschen, erzählt Aristophanes, waren ursprünglich kugelförmig. Jeder hatte vier Hände, vier Füsse, zwei Gesichter und einen Übermut, der den Göttern nicht gefiel. Da schnitt Zeus sie in der Mitte durch, so wie man, sagt Aristophanes, Eier mit einem Haar zerschneidet. Seither sucht jede Hälfte die andere. Es gab bei ihm drei Sorten von Kugelmenschen, männliche, weibliche und gemischte, woraus sich alle Liebesverhältnisse erklären, auch die gleichgeschlechtlichen. Der Mythos ist in dieser Hinsicht weiter als mancher Lehrplan.»

«In der Schule lässt man den folgenden Teil gern weg. Die zerschnittenen Hälften fanden einander, umschlangen sich, wollten zusammenwachsen und starben an Hunger und Untätigkeit, weil sie nichts mehr ohne einander tun wollten. Zeus hatte Mitleid und griff zu einer Notmassnahme. Die Geschlechtsteile sassen bis dahin auf der Aussenseite, und die Menschen zeugten ihre Nachkommen nicht ineinander, sondern wie die Zikaden in die Erde. Zeus versetzte sie nach vorn. Nun sollten Mann und Frau in der Umarmung zeugen, und wo das nicht möglich war, sollte wenigstens Sättigung eintreten, damit die Menschen zur Ruhe kämen, sich wieder ihrer Arbeit zuwendeten und für das übrige Leben sorgten.»

Er sah in den Saal.

«Nach Aristophanes ist der Sex eine göttliche Notmassnahme, erfunden, damit die Menschheit nicht verhungert, weil sie sich ständig umarmt. Er dient ausdrücklich dazu, dass man danach wieder arbeiten kann. Ich kenne Unternehmensberater, die das nicht präziser hätten formulieren können.»

«Und dann folgt der Gedanke, auf den es mir ankommt. Wenn zwei Hälften einander gefunden haben, sagt Aristophanes, dann werde niemand glauben, es sei der Liebesgenuss, dessentwegen sie sich so sehr daran freuten, beieinander zu sein. Die Seele eines jeden wolle offenbar etwas anderes, das sie nicht sagen könne. Sie ahne nur, was sie wolle, und deute es in Rätseln an. Wenn Hephaistos, der Schmied der Götter, mit seinem Werkzeug zu ihnen träte und anböte, sie zusammenzuschweissen, damit sie für immer eins seien, im Leben und im Tod, dann würde kein einziges Paar ablehnen. Dieses Verlangen nach dem Ganzen, schliesst Aristophanes, trägt den Namen Eros.»

«Liebe ist nicht gleich Sex. Das steht bei Platon, zweitausendvierhundert Jahre bevor es auf den ersten Wandkalender kam.»

«C. S. Lewis, der Verfasser der Narnia-Bücher, hat es 1960 in einem Satz gesagt: Sexual desire, without Eros, wants it, the thing in itself; Eros wants the Beloved.35 Das sexuelle Verlangen ohne Eros will es, die Sache an sich. Eros will den geliebten Menschen.»

«Erich Fromm hat vier Jahre zuvor in Die Kunst des Liebens die richtige Reihenfolge festgehalten: Liebe sei nicht das Ergebnis ausreichender sexueller Befriedigung, vielmehr sei sexuelles Glück, sogar die Kenntnis der sogenannten Sexualtechnik, das Ergebnis der Liebe.36 Fromm war Psychoanalytiker. Man muss ihm das nachsehen. Auch ein Psychoanalytiker hat gelegentlich recht, meistens dort, wo er die Psychoanalyse vergisst.»

«Die Gegenprobe hat ein Franzose geliefert. Nicolas Chamfort, ein Moralist im französischen Sinn des Wortes, das heisst ein scharfer Beobachter menschlicher Schwächen, schrieb, die Liebe, wie sie in der Gesellschaft existiere, sei nichts als l'échange de deux fantaisies et le contact de deux épidermes, der Austausch zweier Launen und die Berührung zweier Häute.37 Eine vollkommene Definition, nur eben des Sexes ohne Liebe. Chamfort wusste das und schränkte sie deshalb auf die Gesellschaft ein. Er lebte in der Nähe des Hofes und hatte Anschauungsmaterial.»

«Und die Forschung? Die amerikanische Psychologin Bianca Acevedo und ihr Kollege Arthur Aron, der Mann mit den 36 Fragen, haben 2009 fünfundzwanzig Studien in einer Meta-Analyse ausgewertet, also in einer statistischen Zusammenfassung vieler Einzeluntersuchungen.38 Sie unterschieden zwischen romantischer Liebe, mit Intensität, Anziehung und sexuellem Interesse, und Besessenheit, jenem ängstlichen, klammernden Nicht-mehr-loslassen-Können der ersten Monate. Das Ergebnis: Romantische Liebe ohne Besessenheit hing in kurzen wie in langen Beziehungen stark mit der Zufriedenheit zusammen. Die Besessenheit dagegen ging nur in kurzen Beziehungen mit mehr Zufriedenheit einher, in langen mit weniger. Nicht die Sexualität stört die Liebe. Was stört, ist das ängstliche Klammern, und das ist nichts anderes als Bedürfen.»

«Später hat Acevedo mit Kollegen 17 Menschen in den Hirnscanner gelegt, die nach durchschnittlich einundzwanzig Ehejahren angaben, immer noch intensiv verliebt zu sein, und ihnen Fotos ihres Ehepartners gezeigt.39 Aktiv wurden jene Hirnregionen, die auf Belohnung ansprechen und die man von frisch Verliebten kennt, dazu aber Regionen, die mit Bindung und Wohlbefinden zu tun haben und die bei frisch Verliebten nicht auftauchen. Man könnte sagen: Das Wollen bleibt, das Mögen kommt hinzu.»

«Halten wir fest: Liebe und Sex sind zwei verschiedene Dinge. Sie hängen zusammen, aber sie fallen nicht zusammen. Wer sie verwechselt, hält den Notbehelf des Zeus für den Zweck der Veranstaltung.»

Was die Alten tun, wenn niemand zuschaut

«Vielleicht erwarten Sie jetzt, dass ich Ihnen sage, im Alter höre das alles auf und man sei endlich frei. Das wäre eine schöne Vorlesung. Sie wäre allerdings falsch. Deshalb bekommen Sie zuerst die Daten. Meine eigene Geschichte hebe ich mir, wie angekündigt, für den Schluss auf.»

«An der Universität Chicago hat man rund 3000 Amerikaner zwischen siebenundfünfzig und fünfundachtzig Jahren nach ihrem Sexualleben gefragt, ausgewählt so, dass sie die Bevölkerung dieses Alters im Kleinen abbildeten.40 In der jüngsten Gruppe, bis vierundsechzig, waren knapp drei Viertel sexuell aktiv, in der mittleren, bis vierundsiebzig, gut die Hälfte und in der ältesten noch gut jeder Vierte. Die Sexualität nimmt ab, aber sie verschwindet nicht. Man muss die Fünfundsiebzigjährigen nur fragen.»

«In Göteborg hat man über dreissig Jahre hinweg immer wieder Siebzigjährige befragt, 1971 zum ersten und 2001 zum letzten Mal, jedes Mal einen neuen Jahrgang.41 Bei den verheirateten Männern stieg der Anteil derer, die noch Geschlechtsverkehr hatten, von gut der Hälfte auf zwei Drittel, bei den verheirateten Frauen von gut einem Drittel auf mehr als die Hälfte und bei den unverheirateten Frauen von fast null auf 12 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil derer, die ihre Beziehung als sehr glücklich bezeichneten. Die Siebzigjährigen von heute sind nicht die Siebzigjährigen, die Ihre Grosseltern waren. Über die Liebe im Alter sollte man deshalb nur mit Jahrgangsangabe sprechen.»

«Einen Befund mag ich besonders, weil er aus einer Siedlung wohlhabender Leute in Kalifornien stammt, wo die zweite Hälfte unseres Spruchs gilt. Man hat dort 806 Frauen befragt, im Mittel siebenundsechzig Jahre alt.42 Zwei von fünf gaben an, nie oder fast nie sexuelles Verlangen zu verspüren. Trotzdem stieg der Anteil der sexuell Zufriedenen mit dem Alter. Von den über Achtzigjährigen war rund die Hälfte fast immer oder immer zufrieden.»

«Weniger Begehren, mehr Befriedigung: Das klingt wie ein Rätsel, hat aber eine einfache Lösung. Wer weniger will, wird leichter satt. Das hat schon Cicero bemerkt, ich komme auf ihn zurück.»

«Eine Untersuchung an über 1000 Paaren zwischen vierzig und siebzig Jahren aus fünf Ländern, von Brasilien bis Japan, die im Durchschnitt fünfundzwanzig Jahre zusammen waren, hat gezeigt, dass häufiges Küssen und Kuscheln die Zufriedenheit der Männer mit ihrer Beziehung vorhersagte, nicht aber die der Frauen.43 Zärtlichkeit ist, statistisch gesehen, Männersache.»

Im Saal nickten einige Frauen. Die Männer verzogen keine Miene.

«Die Herren bestätigen den Befund», sagte Weihenruh. «Wer kuscheln will, redet nicht gern darüber. Die Frauen dieser Studie waren sexuell umso zufriedener, je länger die Beziehung dauerte. Ob sie zufrieden wurden, weil sie blieben, oder blieben, weil sie zufrieden waren, lässt sich aus solchen Daten nicht ablesen.»

«Auch alte Paare streiten. Man hat im Labor 156 Ehepaare über ein Problem ihrer Ehe sprechen lassen und das Gefühlsverhalten der Partner Äusserung für Äusserung ausgewertet.44 Die älteren Paare stritten weniger feindselig und liebevoller als die Paare mittleren Alters. Vermutlich wissen sie einfach, dass sie am nächsten Morgen mit demselben Menschen frühstücken werden.»

«Was ältere Paare dabei gewinnen, ist auch Lebenszeit. Das weiss man aus der längsten Studie über das Erwachsenenleben, die es gibt. 1938 begann die Harvard-Universität, 268 junge Studenten durch ihr Leben zu begleiten, später auch junge Männer aus den ärmeren Vierteln Bostons und schliesslich deren Frauen und Kinder. Robert Waldinger, der die Studie seit Jahren leitet, hat ihr Ergebnis in einem Satz zusammengefasst: Gute Beziehungen halten uns glücklicher und gesünder. Punkt.45 Wer mit fünfzig in seinen Beziehungen am zufriedensten war, war mit achtzig am gesündesten, und das sagte mehr über das Altern voraus als der Cholesterinspiegel.46 Man sollte die eigene Ehe deshalb mindestens so aufmerksam überwachen wie die Blutfette.»

«Was Paare glücklich macht und woran sie zerbrechen, habe ich an anderer Stelle ausführlicher dargelegt, in einem Interview über Seitensprung, Untreue und das Vertrauen, auf dem eine Partnerschaft ruht. Dort steht ein Satz, den wohl kein Ökonom unterschreiben würde und der trotzdem stimmt: Die Liebe ist das einzige Gut, das wächst, wenn man es verschwendet. Dort steht auch, wie teuer das Gegenteil ist. Der Surgeon General, der oberste Gesundheitsbeamte der Vereinigten Staaten, hat 2023 gewarnt, dass fehlende Verbundenheit und Einsamkeit das Risiko eines frühen Todes ungefähr so stark erhöhen wie das Rauchen von bis zu 15 Zigaretten am Tag.47 Eine gute Ehe ist demnach die angenehmste Form der Raucherentwöhnung.»

«Wie unmittelbar eine Ehe in den Körper geht, hat die Psychologin Janice Kiecolt-Glaser in Ohio gezeigt. Sie hat 42 Ehepaare zweimal für je vierundzwanzig Stunden ins Spital geholt und ihnen mit einem kleinen Sauggerät winzige Blasen auf der Haut erzeugt, also kleine Wunden, deren Heilung man messen kann. Einmal sollten die Partner einander bei einem persönlichen Anliegen unterstützen, das andere Mal über einen Streitpunkt ihrer Ehe sprechen. Nach dem Streit heilten die Wunden langsamer. Bei den Paaren, die besonders feindselig miteinander umgingen, heilten sie nur mit 60 Prozent der Geschwindigkeit der friedlicheren.48 Vor einem Ehestreit sollte man deshalb kein Gemüse schneiden. Oder man lernt von den alten Paaren, freundlicher zu streiten.»

«John Gottman, der seit Jahrzehnten Ehepaare im Labor beobachtet, hält die Verachtung für den gefährlichsten Vorboten einer Scheidung, gefährlicher als den Streit an sich. Eines ihrer verräterischsten Zeichen ist eine unscheinbare Bewegung, das Augenrollen. Paare, die einander verachten, leiden zudem häufiger an Infekten wie Erkältungen und Grippe.49»

«Ich habe selbst lange geglaubt, dass im Alter nur jene den Sex noch so stark betonen, die zu echter Nähe nicht fähig sind. Das war eine bequeme Überzeugung für einen Mann in meinem Alter. Die Daten haben mich widerlegt. Bei älteren Paaren stehen Nähe und Sexualität nicht gegeneinander. Das Küssen und Kuscheln, von dem ich vorhin sprach, gehört zu beidem. Zwei Forscherinnen der Universität Sheffield fanden, dass die Bedeutung, die ältere Menschen dem Sex beimessen, vor allem davon abhängt, ob ein Partner da ist und ob die Gesundheit mitspielt.50 Ein alter Mensch ohne Sex ist deshalb nicht automatisch weise, oft nur allein oder krank.»

«Meine Überzeugung hatte einen zweiten Fehler, einen logischen. Wenn ich sage, nur wer zu echter Nähe unfähig sei, betone den Sex, dann kann ich jeden, der ihn betont, für unfähig erklären, und kein Gegenbeispiel kann mich mehr widerlegen. Die Logiker nennen das den Kein-wahrer-Schotte-Fehlschluss: Kein wahrer Schotte tut so etwas, und wer es tut, ist eben kein wahrer Schotte. Eine Behauptung, die sich gegen jede Widerlegung abgesichert hat, sagt nichts mehr.»

«Ein Rest meiner Beobachtung hält trotzdem stand. Entscheidend ist nicht, ob im Alter Sex stattfindet, sondern wozu er gebraucht wird. In der Chicagoer Studie nahmen 14 Prozent der Männer Mittel zur Steigerung ihrer Potenz.40 Über die Mittel selbst urteile ich nicht, das ist Sache der Ärzte. Mich interessiert, wofür einer sie nimmt. Nimmt er sie, um zu lieben, ist es Pharmakologie. Nimmt er sie, um zu beweisen, dass er noch kann, ist es Bedürfen mit Rezept.»

«Solange einer den Sex als Beweis braucht, als Beweis seiner Potenz oder seines Wertes, bedarf er seiner noch. Erlebt er ihn als Ausdruck, kann er ihn haben oder lassen. Dazu passt eine amerikanische Langzeitstudie, die über 1000 Menschen im mittleren und höheren Alter rund zehn Jahre lang begleitete: Wer sich älter fühlte und schlechter über das Altern dachte, erlebte die Sexualität als weniger genussvoll, auch bei gleicher Häufigkeit.51 Der Unterschied lag im Kopf.»

Von hinten rief jemand, als Witwer habe er leicht reden. «Da ist es leicht zu sagen, das sei alles nicht so wichtig.»

«Sie denken an den Fuchs», sagte Weihenruh. «An Äsops Fuchs, der die Trauben nicht erreicht und daraufhin erklärt, sie seien ohnehin sauer. Der Einwand ist berechtigt, und ich nehme ihn an. Ich kann Sie aber beruhigen. Die Trauben waren süss. Sie waren nur nicht das Beste am Weinberg.»

Montaigne, der schlechte Verlierer

«Der stärkste Einwand gegen alles, was ich bisher gesagt habe, stammt von Michel de Montaigne, dem Erfinder des Essays im sechzehnten Jahrhundert, und er lautet: Die Befreiung vom Begehren ist keine Tugend, sondern eine Niederlage.»

«Montaigne hasst, wie er schreibt, jene zufällige Reue, die das Alter mit sich bringt.52 Er erinnert an einen Mann der Antike, der den Jahren dankbar war, weil sie ihn von der Wollust befreit hätten. Gemeint ist, ohne dass Montaigne ihn nennt, unser Sophokles. Montaigne antwortet ihm, er werde dem Unvermögen nie Dank wissen für das Gute, das es ihm tue. Und er fügt hinzu, es sei eine erbärmliche Art von Heilmittel, der Krankheit seine Gesundheit zu verdanken.»

«Montaigne war ein schlechter Verlierer. Aber er hat recht. Wer im Alter keusch ist, weil er nicht mehr anders kann, hat keine Tugend erworben. Er hat eine Fähigkeit verloren. Das Alter nimmt einem den Notstand ab, aber es verleiht dafür keinen Orden.»

«Montaigne hatte gar nicht heiraten wollen. Er gesteht: De mon dessein, j'eusse fuy d'espouser la sagesse mesme, si elle m'eust voulu.52 Aus eigenem Antrieb wäre er davor geflohen, die Weisheit selbst zu heiraten, wenn sie ihn gewollt hätte. Aber, fügt er hinzu, Brauch und Gewohnheit des gewöhnlichen Lebens rissen einen mit. Er hat geheiratet, weil man eben heiratete. Man sollte meinen, dass einer, der so in die Ehe hineinstolpert, nichts Gescheites über sie zu sagen hat.»

«Trotzdem schreibt derselbe Montaigne im selben Buch, in einem Essay über einige Verse des Vergil, einen Satz, der mich seit Jahrzehnten begleitet: Un bon mariage, s'il en est, refuse la compagnie et conditions de l'amour : il tasche à representer celles de l'amitié.52 Eine gute Ehe, wenn es denn eine gibt, lehnt die Gesellschaft und die Bedingungen der Leidenschaft ab; sie sucht jene der Freundschaft nachzubilden.»

«Montaigne hat also zweimal recht, und die beiden Sätze widersprechen einander nicht. Das Alter befreit vom Bedürfen, aber diese Befreiung ist kein Verdienst. Sie ist eine Gelegenheit, etwa für eine Ehe nach dem Muster der Freundschaft. Was aus der Gelegenheit wird, entscheidet nicht der Hormonspiegel. Es entscheidet das Denken.»

«Cicero hat in dieser Befreiung sogar einen Gewinn gesehen. Im Cato maior, seiner Schrift über das Alter, räumt er zunächst ein, bei den Alten gebe es nicht mehr so viel quasi titillatio, gleichsam Kitzel, der Lüste.17 Aber es gebe auch kein Verlangen danach, sagt er, und nichts sei lästig, was man nicht vermisse. Dann erzählt er die Geschichte von Sophokles und dem rasenden Herrn und schliesst mit einem Satz, den ich über mein Bett hängen würde, wenn ich ein Mensch wäre, der Sätze über sein Bett hängt: Quamquam non caret is, qui non desiderat; ergo hoc non desiderare dico esse iucundius. Doch wer nicht begehrt, dem fehlt nichts. Darum sage ich: Dieses Nichtbegehren ist das Angenehmere.»

«Seneca hat es noch knapper gesagt. An die Stelle der Genüsse, schreibt er einem jüngeren Freund, trete im Alter eben dies: nullis egere, keiner zu bedürfen. Quam dulce est cupiditates fatigasse ac reliquisse! Wie süss ist es, die Begierden ermüdet und hinter sich gelassen zu haben!53 Entscheidend ist das Verb. Seneca sagt nicht, die Begierden seien gestorben. Er sagt, man habe sie ermüdet. Ermüden ist eine Tätigkeit, keine Krankheit.»

«Dass die Befreiung nicht von selbst zur Liebe führt, zeigt wiederum Chamfort. Er berichtet in seinen Maximen von sich selbst, er habe als junger Mann les besoins des passions gehabt, die Bedürfnisse der Leidenschaften, und in der Gesellschaft Ablenkung von grausamen Qualen gesucht.37 Mit vierzig habe er die Leidenschaften verloren und mit ihnen die Qualen, und fortan sei er nicht mehr unter Menschen gegangen. Dieselbe Befreiung, die andere zur Liebe führt, führte ihn in die Zurückgezogenheit. Die Biologie war dieselbe, das Denken ein anderes.»

«Über das Geld im Alter schreibt Schopenhauer: Bequemlichkeit und Sicherheit sind seine Hauptbedürfnisse: daher liebt man im Alter, noch mehr als früher, das Geld; weil es den Ersatz für die fehlenden Kräfte gibt.18 Diesen Satz würde jede Bank unterschreiben.»

«Platon war an dieser Stelle klüger. Als Sokrates den reichen Kephalos fragt, ob ihm das Alter nicht vor allem deshalb leichtfalle, weil er reich sei, antwortet Kephalos mit einer Anekdote über Themistokles.16 Ein Mann von der unbedeutenden Insel Seriphos hatte dem berühmten Feldherrn vorgeworfen, er verdanke seinen Ruhm nicht sich selbst, sondern seiner Vaterstadt Athen. Themistokles antwortete, wäre er selbst aus Seriphos, so wäre er nicht berühmt geworden, der andere aber auch dann nicht, wenn er aus Athen stammte. Ebenso, folgert Kephalos, trage ein vernünftiger Mensch das Alter in Armut nicht ganz leicht, ein unvernünftiger aber werde auch mit Reichtum nicht mit sich ins Reine kommen. Geld hilft, aber einen Unvernünftigen macht es nicht zufrieden.»

«Wo im Alter das Geld da ist und das Bedürfen fort, entfällt eine bequeme Ausrede: dass man sich die Liebe nicht leisten könne. Was dann noch fehlt, fehlt nicht im Portemonnaie.»

«Wie sehr es auf das Denken ankommt, hat Becca Levy an der Universität Yale gezeigt. Sie hat die Daten von 660 Menschen über fünfzig ausgewertet, die 1975 nach ihrer Einstellung zum eigenen Altern gefragt und danach bis zu dreiundzwanzig Jahre lang begleitet worden waren.54 Wer positiver über das eigene Altern dachte, lebte im Mittel siebeneinhalb Jahre länger, auch wenn man Alter, Geschlecht, Einkommen, Einsamkeit und körperliche Gesundheit herausrechnete. Beweisen, dass die Einstellung das Leben verlängert, kann eine solche Studie nicht. Aber siebeneinhalb Jahre sind ein Unterschied, über den man nachdenken sollte.»

«Wer schlecht über das Altern denkt, befindet sich jedenfalls in schlechter Gesellschaft: in der Gesellschaft derer, die früher sterben.»

«Das Alter nimmt also den Notstand weg und schenkt eine Gelegenheit. Was daraus wird, hängt am Denken, an der Unterscheidung, die Albert Ellis beschrieben hat: zwischen dem, was man zu brauchen glaubt, und dem, was man sich wünscht.21 Das Alter liefert die Gelegenheit. Das Denken liefert das Befinden.»

Erkennen

«Was aber bleibt, wenn der Notstand vorbei ist? Ich sage es Ihnen mit einem Wort aus der Bibel in der Übersetzung Martin Luthers: Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger.55»

Ein Student in der zweiten Reihe grinste.

«Sie grinsen zu Recht», sagte Weihenruh. «Das hebräische Wort meint beides, das Erkennen und den Beischlaf, und Luther hat es wörtlich übersetzt. Die Bibel hat also für den Geschlechtsakt das Wort erkennen. Und das ist der Kern des heutigen Abends: Die Jungen haben den Akt und halten ihn für Erkenntnis. Die Alten haben die Erkenntnis und brauchen den Akt nicht mehr als Beweis.»

«Am wichtigsten im Leben sind Denken, Erkenntnis, Liebe, und zwar in dieser Reihenfolge, weil das eine aus dem anderen folgt. Denken führt zur Erkenntnis und Erkenntnis zur Liebe, denn lieben heisst, den anderen zu erkennen: nicht das Bild, das man sich von ihm macht, sondern ihn. Wer sich erkannt weiss, hört auf, sich zu verstellen. Er kann sich fallen lassen, ohne wie ein Kunde behandelt zu werden, den man bei Laune halten muss. Junge Paare können das oft noch nicht, reife Paare können es eher.»

«Max Frisch hat dazu in seinem Tagebuch das biblische Bilderverbot auf die Liebe übertragen, unter der Überschrift Du sollst dir kein Bildnis machen.56 Gerade den Menschen, den wir lieben, so beobachtet er, können wir am wenigsten beschreiben. Dabei dreht er, logisch sauber, Ursache und Wirkung um: Die Liebe endet nicht, weil wir den anderen kennen. Weil sie endet, erklären wir ihn für bekannt. Damit haben wir uns ein Bild gemacht, und ein Bild ist fertig, sobald man aufhört hinzusehen. Mit dem Erkennen wird man nie fertig.»

«Montaigne, der sich die gute Ehe nach dem Muster der Freundschaft wünschte, hat über seinen früh verstorbenen Freund Étienne de La Boétie geschrieben, wenn man ihn dränge zu sagen, warum er ihn geliebt habe, könne er nur antworten: Par ce que c'estoit luy, par ce que c'estoit moy.52 Weil er es war, weil ich es war. Die Begründung kommt ohne Bild und ohne Liste von Vorzügen aus.»

«Auch dafür gibt es Daten. William Swann und seine Kollegen an der Universität von Texas haben 1994 untersucht, wie Menschen von ihrem Partner gesehen werden wollen.57 In der Zeit des Werbens wollten sie vor allem positiv gesehen werden, also besser, als sie sich selbst sahen. In der Ehe dagegen wollten sie so gesehen werden, wie sie sich selbst sahen, auch dort, wo dieses Selbstbild nicht schmeichelhaft war. Wer wirbt, will bewundert werden. Wer verheiratet ist, will erkannt werden. Die meisten Scheidungen, die ich gesehen habe, begannen damit, dass einer der beiden immer noch warb und sich dem Erkennen verweigerte.»

«Wie das Erkennen im Alltag aussieht, hat John Gottman an frisch verheirateten Paaren beobachtet. Partner machen einander den ganzen Tag kleine Angebote. Einer schaut aus dem Fenster und sagt: Schau mal, ein Specht. Der andere kann aufschauen und sich dem Specht zuwenden, oder er kann weiterlesen. Die Paare, die sechs Jahre später noch verheiratet waren, hatten sich solchen Angeboten in 86 Prozent der Fälle zugewandt. Die Paare, die sich inzwischen hatten scheiden lassen, nur in 33 Prozent.58 Eine Ehe entscheidet sich eher am Küchenfenster als im Schlafzimmer.»

«Gottman spricht von einem emotionalen Bankkonto, auf das jede solche Zuwendung einzahlt.59 Damit sind wir wieder bei unserem Spruch und seinem Geld. Im Alter hat man es, sagt der Spruch. Die Frage ist nur, auf welchem Konto. Achten Sie auf die Spechte.»

«Verlässlichkeit ist im Übrigen die erotische Eigenschaft, die am meisten unterschätzt wird. Wer weiss, woran er ist, kann sich fallen lassen. Das klingt nach Sonntagsschule, und manche halten das Gegenteil für wahr: Begehren brauche Ungewissheit und Abstand, und wer sich des anderen sicher sei, begehre ihn nicht mehr. Die israelische Psychologin Gurit Birnbaum hat mit Kollegen in drei Studien geprüft, was daran ist, im Labor und im Alltag von Paaren. Wer den Partner als aufmerksam und verständnisvoll erlebte, begehrte ihn stärker, nicht schwächer, und bei den Frauen war der Zusammenhang besonders deutlich.60 Wer auf die Spechte achtet, wird also nicht langweilig. Er wird begehrt.»

«Seneca, den wir vorhin beim Ermüden der Begierden angetroffen haben, hat demselben Freund auch die richtige Reihenfolge aufgeschrieben: post amicitiam credendum est, ante amicitiam iudicandum.53 Vor der Freundschaft soll man urteilen, nach ihr vertrauen. Viele junge Paare machen es umgekehrt. Sie vertrauen vorher und urteilen nachher, und das letzte Urteil spricht dann ein Gericht.»

«Meine Frau hat mir vor der Heirat gesagt: Du bist nicht so klug, wie du glaubst, aber klüger, als du dich benimmst. Ich halte das bis heute für ein Kompliment, obwohl es keines war. Sie hatte mich erkannt. Ich musste ihr nichts mehr vorspielen, und ich habe selten eine grössere Erleichterung erlebt.»

Die Studentin meldete sich wieder. «Heisst das jetzt, dass man in unserem Alter gar nicht richtig lieben kann?»

«Nein», sagte Weihenruh. «Sie können nur noch nicht wissen, wen Sie lieben. Das ist kein Mangel an Gefühl, es ist ein Mangel an Daten. Erkennen braucht Beobachtungen, und Beobachtungen brauchen Zeit. Mit dem Denken kommen Sie allerdings schneller voran. Die 36 Fragen von Arthur Aron sind ein guter Anfang.»

«Machen wir die Probe», sagte Weihenruh und wandte sich an die vorderen Reihen. «Wer von Ihnen hat schon erlebt, bei einem Menschen zu sein, vor dem er sich nicht mehr verstellen muss und bei dem er sich fallen lassen kann? Heben Sie ruhig die Hand, Namen notiere ich keine.»

Zuerst regte sich nichts. Dann gingen einige Hände hoch, zögernd und die meisten nur halb. Die Studentin liess ihre unten.

«Es geht also», sagte Weihenruh. «Dafür muss man nicht siebzig werden. Man muss nur aufhören, die passende Hälfte zu suchen, als läge sie irgendwo fertig herum.»

«Damit muss ich Platons schönes Bild vom Kugelmenschen korrigieren. Aristophanes behauptet, die passende Hälfte existiere bereits und müsse nur gefunden werden. Die Beziehungspsychologie nennt das eine Schicksalsüberzeugung: Zwei Menschen sind füreinander bestimmt, oder sie sind es nicht. Die Psychologie hat untersucht, was aus dieser Überzeugung folgt.61 Wer an das Schicksal glaubt, zieht sich eher zurück, sobald früh Probleme auftauchen, denn die Probleme beweisen ihm, dass der andere nicht der Richtige ist. Wer dagegen glaubt, dass Beziehungen mit der Zeit wachsen und dass man an Schwierigkeiten zusammenwächst, versucht eher, die Beziehung zu gestalten, zu reparieren und zu erhalten.»

«Meine Frau und ich waren kein Kugelmensch. Wir sind einer geworden.»

Weihenruh liess ein Bild an die Wand werfen.

Caspar David Friedrich, «Mann und Frau in Betrachtung des Mondes», um 1824: Ein Mann und eine Frau, dem Betrachter abgewandt, stehen in der Dämmerung auf einer Anhöhe im Wald neben einer abgestorbenen, halb entwurzelten Eiche. Die Frau stützt sich mit dem Arm auf die Schulter des Mannes, beide blicken zur Mondsichel.

Caspar David Friedrich (1774–1840): «Mann und Frau in Betrachtung des Mondes», auch «Mann und Frau den Mond betrachtend», um 1824, Öl auf Leinwand, Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin. Bildquelle: Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie / Jörg P. Anders (gemeinfrei).

«Caspar David Friedrich hat dieses Paar um 1824 gemalt.62 Einige Jahre zuvor hatte er dieselbe Szene mit zwei Männern gemalt. Hier steht an der Stelle des einen eine Frau. Der Kunsthistoriker Eberhard Hanfstaengl vermutete, Friedrich habe sich selbst und seine Frau Caroline dargestellt.63 Die beiden sehen einander nicht an. Sie stehen nebeneinander, sie stützt sich auf seine Schulter, und beide sehen in dieselbe Richtung. Zwei Menschen, die einander erkannt haben, müssen einander nicht mehr ansehen. Neben ihnen steht eine abgestorbene, halb entwurzelte Eiche. Den Tod hat Friedrich oft ins Bild gestellt, eher als Nachbarn denn als Drohung.»

«Erich Fromm hat, um ihn ein zweites Mal zu loben, vier Grundelemente der Liebe genannt: Fürsorge, Verantwortung, Achtung und Erkenntnis.36 Die Erkenntnis steht bei ihm an letzter Stelle. Ich hätte sie an die erste Stelle gesetzt. Vor ihr käme bei mir nur das Denken. Aber ich bin auch kein Psychoanalytiker. Ich habe nur vierzig Jahre lang hingesehen.»

«Man hält die seelische Innenschau gern für das Gebiet der Psychoanalytiker und das scharfe, logische Denken für das der Logiker. Das ist ein Missverständnis. Innenschau und Logik sind keine Gegensätze, sondern zwei Enden derselben Bewegung: Wer genau denkt, sieht tiefer in sich hinein, und wer tief in sich hineinsieht, braucht die Logik, um darin nicht zu ertrinken.»

«Über die Anziehungskraft, die von einem denkenden Menschen ausgeht, habe ich an anderer Stelle geschrieben, über die Erotik des Denkens und was sie mit Hochbegabung zu tun hat. Ich füge hier nur eine Beobachtung hinzu, die man erst im Alter machen kann: Diese Anziehung des Denkens nimmt mit den Jahren zu, während die meisten anderen abnehmen.»

Der halbe Kugelmensch

«Ich komme nun zu dem Teil, in dem Sie mir am wenigsten glauben sollten.»

Weihenruh schob das Blatt beiseite und sprach ohne Vorlage weiter.

«Bevor ich Ihnen von meiner Frau erzähle, muss ich Sie warnen. Eine Soziologin, Helena Lopata, hat knapp 1200 Witwen befragt und festgestellt, dass sie ihre verstorbenen Männer und das Leben mit ihnen idealisieren, oft bis zur Heiligsprechung.64 Lopata hat nur Witwen befragt. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass Witwer davor gefeit sind, und dieser hier schon gar nicht. Gewähren Sie mir denselben Abschlag, den Sie jedem Verkäufer gewähren, der die eigene Ware lobt.»

«Beweisen kann ich Ihnen deshalb nichts, was ein Labor anerkennen würde. Ein einzelner Fall beweist nie, dass es allen so geht. Wenn er stimmt, beweist er aber, dass es geht. Die Logiker nennen das einen Existenzbeweis: Er zeigt nicht, dass etwas immer so ist, sondern dass es so sein kann. Wer behauptet, die Liebe alter Leute sei nur noch Gewohnheit, ist mit einem einzigen Gegenbeispiel widerlegt. Ein solches Gegenbeispiel habe ich vierzig Jahre lang aus nächster Nähe studiert, mit wachsender Sachkenntnis.»

Aus den hinteren Reihen kam ein Zwischenruf, den das Protokoll nicht verstanden hat. Der Saal lachte.

«Nein», sagte Weihenruh, «das meinte ich nicht. Oder jedenfalls nicht nur.»

«Bei Platon verhungern die Kugelmenschen, weil sie nichts mehr ohne einander tun wollen.34 Mir fehlt meine Hälfte, und ich esse, wie Sie sehen, und arbeite, wie Sie hören. Das verdanke ich meiner Frau. Sie hat mir vierzig Jahre lang vorgeführt, dass man einen Menschen von ganzem Herzen wollen kann, ohne ihn zu brauchen wie eine Krücke. Ich vermisse sie jeden Tag. Aber Vermissen ist nicht Bedürfen, jedenfalls nicht für mich.»

«Wer im Sommer meine Vorlesung über ein Gemälde von Émile Friant gehört oder nachgelesen hat, erinnert sich vielleicht, dass ich sie mit Philemon und Baucis beendet habe. Ich muss gestehen, dass ich damals etwas verschwiegen habe. Ich war schon Witwer.»

«Bei Ovid bitten die beiden Alten die Götter, ihren Tempel hüten zu dürfen, und um eine zweite, grössere Gnade: Weil wir in Eintracht unsere Jahre verbracht haben, soll dieselbe Stunde uns beide hinwegnehmen, damit ich niemals das Grab meiner Gattin sehe und sie mich nicht bestatten muss.65 Die Götter gewähren es ihnen, und die beiden werden zu einer Eiche und einer Linde, die Seite an Seite stehen. Diesen Antrag haben meine Frau und ich nicht gestellt. Man hätte ihn uns ohnehin nicht bewilligt, und meine Frau hätte gesagt, die Götter hätten Besseres zu tun, als Ehepaaren die Trauer zu erlassen.»

«Goethe hat dasselbe Paar im zweiten Teil des Faust wieder auftreten lassen, als zwei Alte in einer Hütte unter Linden, die einem gewaltigen Landgewinnungsprojekt des greisen Faust im Weg stehen.66 Faust will sie umsiedeln lassen. Die Umsiedlung besorgt Mephisto mit drei Gewalttätigen, die Hütte brennt, die beiden Alten sterben. Goethe war über achtzig, als er das Werk abschloss, und verfasste damit die genaueste Prognose über das Verhältnis des Fortschritts zu alten Paaren, die ich kenne.»

«Der Psychiater Colin Murray Parkes, der sein Leben lang über die Trauer geforscht hat, schrieb 1972: The pain of grief is just as much a part of life as the joy of love; it is, perhaps, the price we pay for love, the cost of commitment.67 Der Schmerz der Trauer gehört ebenso zum Leben wie die Freude der Liebe; er ist vielleicht der Preis, den wir für die Liebe zahlen, die Kosten der Bindung. Ich zahle ihn gern.»

«Man hat mir Trauerbegleitung angeboten. Ich habe mich erkundigt, was die Forschung darüber weiss. Eine grosse Auswertung der verfügbaren kontrollierten Studien kam zu dem Ergebnis, dass solche Angebote Hinterbliebenen ohne besondere Belastung auf längere Sicht wenig bringen. Wirksam sind sie vor allem dort, wo die Trauer tatsächlich krank macht.68 Ich habe dankend abgelehnt und stattdessen diese Vorlesung vorbereitet. Sie ist billiger, und die Nebenwirkungen tragen Sie.»

«Vorhin habe ich Ihnen erzählt, fehlende Verbundenheit sei ungefähr so schädlich wie bis zu 15 Zigaretten am Tag. Nach dieser Rechnung rauche ich seit einem halben Jahr, ohne je eine Zigarette angezündet zu haben. Ich habe deshalb beschlossen, nicht einsam zu sein, sondern bloss allein.»

Einige lachten, andere nicht.

«Ich meine das nicht als Wortspiel. Allein ist eine Tatsache: Es ist niemand da. Einsam ist ein Urteil. Die Forschung beschreibt Einsamkeit als das unangenehme Erleben, dass die eigenen Beziehungen in einer wichtigen Hinsicht mangelhaft sind, weil es zu wenige sind oder nicht die richtigen.69 Mangelhaft sind sie gemessen an dem, was man zu brauchen glaubt. Einsamkeit ist, buchhalterisch gesprochen, die Differenz zwischen Soll und Ist, und das Soll schreibt man selbst. Da ist es wieder, unser altes Wort: Einsam ist, wem jemand fehlt, dessen er zu bedürfen glaubt. Das Ist kann ich nicht ändern, das Soll schon.»

«Allerdings will ich Ihnen nichts vormachen. Die Statistik ist weniger grosszügig als ich. Nach einer grossen Auswertung von 70 Studien trägt auch, wer bloss allein lebt, ein erhöhtes Risiko, früher zu sterben.70 Ich habe daraus die Folgerung gezogen, die mir am nächsten lag: Ich lebe allein, aber ich gehe unter Leute. Ich halte zum Beispiel Vorlesungen. Sie, meine Damen und Herren, sind heute Abend mein Nikotinpflaster.»

«Paulus hat im ersten Brief an die Korinther geschrieben, was man in Luthers Übersetzung bei Hochzeiten vorliest und bei Beerdigungen, wenn der Pfarrer gut ist: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesichte. Jetzt erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.55 Ich weiss nicht, was nach dem Tod kommt. Ich weiss nur, dass ich erkannt worden bin. Das kann mir niemand mehr nehmen, auch der Tod nicht.»

«Damit bin ich zum Schluss wieder bei unserem Spruch: Als ich der Frauen bedurfte, fehlte mir das Geld; als ich das Geld hatte, bedurfte ich ihrer nicht mehr. Er klingt nach Verlust. Richtig gelesen, beschreibt er das Gegenteil. Je weniger ich meiner Frau bedurfte, desto mehr habe ich sie geliebt. Nicht weil ich sie brauchte, sondern weil ich sie wollte. Das ist der ganze Unterschied.»

Die Löwen

«Lassen Sie mich mit Hemingway schliessen. Seine Novelle endet mit einer Szene, die ich nicht besser erfinden könnte.»2

«Santiago kommt mit dem Gerippe seines Marlins in den Hafen zurück. Am nächsten Tag sehen Touristen von der Terrasse eines Lokals aus das riesige weisse Rückgrat mit dem gewaltigen Schwanz zwischen den leeren Bierdosen im Wasser treiben. Eine Frau fragt den Kellner, was das sei. Der Kellner will ihr erklären, was geschehen ist, und sagt etwas von einem Hai. Die Frau versteht, es sei ein Hai gewesen, und bemerkt, sie habe nicht gewusst, dass Haie so schöne, wohlgeformte Schwänze hätten. Ihr Begleiter hat es auch nicht gewusst.»

«Oben in seiner Hütte schläft der alte Mann auf dem Bauch, und der Junge sitzt neben ihm und wacht. Der alte Mann träumt von den Löwen.»

«Die Touristen haben die Trophäe nicht verstanden. Dem Alten ist es gleichgültig. Er schläft. Das ist die Freiheit des Alters. Sie besteht nicht darin, dass keine Frau mehr da wäre, sondern darin, dass man kein Publikum mehr braucht, das die eigene Trophäe richtig deutet.»

«Santiagos einziger Fehler war, dass er zu weit hinausgefahren ist, um noch einmal etwas zu beweisen. Er sagt es auf der Heimfahrt selbst, zu dem toten Fisch: Er hätte nicht so weit hinausfahren sollen. Er hat das Meer geliebt und ist trotzdem hinausgefahren, um ihm eine Trophäe abzuringen. So sieht ein Mann aus, der im Traum schon frei ist und im Leben noch nicht. Heute schluckt dieser Mann mit siebzig Tabletten, um zu beweisen, dass er es noch kann, und vergisst darüber, wen er liebt.»

«Frei ist man erst, wenn beides zusammenfällt: wenn man von den Löwen träumt und am nächsten Morgen trotzdem nicht zu weit hinausfährt. Das kann man mit achtundsechzig lernen. Man kann es aber auch mit zwanzig lernen, wenn man bereit ist, das eigene Denken zu prüfen. Darin besteht der Kern der kognitiven Psychotherapie. Sie macht aus einem Bedürfen keine Gleichgültigkeit, sondern einen Wunsch.»

Er nahm das Blatt vom Pult.

«Am Ausgang liegt ein Datenbogen. Meine Patienten bestätigen auf einem solchen Bogen am Schluss mit ihrer Unterschrift, was sie erreicht haben. Sie tragen sich bitte nur ein, wenn Sie den Text dieser Vorlesung und das Verzeichnis der Quellen per E-Mail erhalten möchten. Was Sie heute erreicht haben, merken Sie erst später: spätestens mit siebzig, die Jüngeren unter Ihnen, wenn sie klug sind, schon morgen früh. Wer sich nicht einträgt, muss mir glauben. Oder selber denken, was ohnehin das Bessere ist.»

Nach der Vorlesung

Als die meisten schon gegangen waren, stand die Studentin noch am Pult.

«Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?»

«Fragen dürfen Sie», sagte Weihenruh. «Ob ich antworte, entscheide ich danach.»

«Vorhin haben Sie gefragt, wer schon erlebt hat, sich fallen lassen zu können. Ich habe die Hand nicht gehoben.» Sie zögerte. «Können Sie mir erklären, wie das geht? Oder zeigen?»

Weihenruh sah sie eine Weile an und versuchte, sich kein Bild von ihr zu machen. Es gelang ihm, wie er später zugab, nur zur Hälfte.

«Erklärt habe ich es neunzig Minuten lang», sagte er dann. «Es hat offenbar nicht gereicht. Den Rest muss man üben. Drüben im Café brennt noch Licht. Zuerst lernen Sie, sich fallen zu lassen, ohne den Kaffee zu verschütten.»

«Und was kostet der Unterricht?»

«Sie wissen, ich arbeite nur gegen Vorauszahlung», sagte Weihenruh. «Den Kaffee bezahlen Sie.»

Er hielt ihr die Tür auf. Hinter ihnen löschte der Hauswart das Licht.

* * *

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Dr. Friedrich Weihenruh ist ein literarisches Alter Ego, durch das der Autor seine Erlebnisse und Erfahrungen als Psychotherapeut erzählerisch verarbeitet. Die Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten, sind jedoch fiktionalisiert: Zum Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht wurden Namen, Orte und Details geändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.

Quellen

Das Quellenverzeichnis erhalten Sie vom Autor Dietmar Luchmann.

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