Im Bild: Café Griensteidl, Aquarell von Reinhold Völkel, 1896, Wien Museum. Wenige Monate nachdem dieses Aquarell entstand, wurde das Kaffeehaus am Michaelerplatz in Wien abgerissen. Geblieben ist die Gesprächskultur, die es hervorgebracht hatte: dass man zum Denken nicht allein bleibt, sondern sich dorthin setzt, wo jemand widerspricht. Das Café Epiktet führt diese Gesprächskultur online fort.
Café Epiktet — und seine Räume
Das Café Epiktet hat zwei Räume. Der öffentliche Raum ist eine Denkstube in Textform: Wer eintritt, wählt ein Pseudonym, schreibt seine Frage in ein Eingabefeld und erhält eine Antwort von einem erfahrenen Psychotherapeuten, der zur selben Zeit anwesend ist. Wie viele Gäste mitdenken, ist nicht begrenzt; jeder liest alles, und jeder darf schreiben. Das kostet nichts, verpflichtet zu nichts und verlangt von Ihnen nichts als einen Namen, den Sie sich selbst geben.
Der private Raum ermöglicht ein Gespräch unter vier Augen. Es findet über eine Videoverbindung statt, die unmittelbar zwischen Ihrem Bildschirm und dem von Thomas verläuft, Ende zu Ende verschlüsselt und ohne fremden Videodienst dazwischen. Hier sind Sie zu zweit, und niemand liest mit. Den Zugang schickt Ihnen Thomas nach der Verabredung per E-Mail.
Wer hier antwortet, ist ein Mensch mit psychotherapeutischer Ausbildung, Berufserfahrung und Berufszulassung. Er hört Ihnen zu, um Sie zu verstehen, und er widerspricht Ihnen, wenn Ihre Argumentation nicht schlüssig ist. Darin liegt der Unterschied zu Chatbots als Psychotherapeuten, die Ihnen zustimmen, weil sie darauf programmiert sind.
Warum der Name Epiktet
Epiktet, geboren um 50 nach Christus, war zunächst Sklave in Rom und wurde später einer der einflussreichsten Lehrer der Stoa. Von ihm stammt die Beobachtung, dass es nicht die Dinge selbst sind, die den Menschen beunruhigen, sondern seine Urteile über die Dinge.
Diese Beobachtung ist das gesamte Programm der kognitiven Psychotherapie, rund neunzehnhundert Jahre vor ihrer Erfindung formuliert. Wenn nicht das Ereignis das Leiden erzeugt, sondern die Bewertung des Ereignisses, dann ist die Bewertung der Ort, an dem gearbeitet werden muss. Genau das praktiziert die kognitive Psychotherapie: Sie sucht die fehlerhaften Bewertungen, prüft sie auf ihren Realitätsbezug und ersetzt sie durch realistischere. Das Verhalten muss danach nicht eigens umtrainiert werden; es folgt dem veränderten Denken von selbst, weil es aus ihm hervorgegangen ist. Darin unterscheiden sich die kognitive Psychotherapie und die kognitive Verhaltenstherapie, die zusätzlich mit Übungsprogrammen für das Verhalten arbeitet.
Der Name des Cafés ist also kein Zierrat. Er benennt die Voraussetzung, unter der hier gesprochen wird: dass Ihre Schwierigkeiten nicht in der Welt liegen, sondern in dem, was Sie über die Welt annehmen — und dass Ihre Annahmen prüfbar sind.
Denken zu zweit
Denken zu zweit heisst nicht, gemeinsam einer Meinung zu sein. Es heisst, einen Gedanken gemeinsam zu prüfen, statt ihn zu behaupten oder zu verteidigen. Das ist anstrengender, als es klingt, denn es verlangt von beiden Beteiligten die Bereitschaft, den eigenen Gedanken als vorläufig zu behandeln.
Die schönste Form dieses gemeinsamen Denkens findet nicht in einer Psychotherapie-Praxis statt, sondern im Vertrauen einer Paarbeziehung. Zwei Menschen, die offen miteinander denken können, brauchen für die meisten ihrer Schwierigkeiten keinen Dritten. Sie haben einen Vorteil, den kein Psychotherapeut hat. Sie kennen die Vorgeschichte, und sie sehen einander täglich. Was der eine über den anderen annimmt, lässt sich deshalb im Alltag überprüfen — der Psychotherapeut bekommt immer nur eine selektive Schilderung dessen zu hören, was zu Hause geschieht. Sie haben allerdings auch einen Nachteil: Wer verliebt ist, hält Zustimmung leicht für Zuneigung und Widerspruch für Angriff. Denken zu zweit beginnt in einer Paarbeziehung deshalb mit der Verabredung, dass Widerspruch ein Liebesdienst ist.
Ein Beispiel, wie es in jeder zweiten Beziehung vorkommt:
Sie denkt seit Jahren:
«Wenn er mich wirklich liebte, wüsste er, was ich brauche, ohne dass ich es sagen muss.»
Diese Überzeugung ist ein Glaubenssatz — eine Annahme, die für wahr gehalten wird, ohne je geprüft worden zu sein. Und sie hat Folgen. Wer sie hegt, teilt seine Wünsche nicht mit, sondern wartet darauf, dass sie erraten werden. Der andere rät und rät notgedrungen oft falsch. Jeder Fehlgriff wird als Beleg gebucht: Er liebt mich also nicht genug. Die Annahme bestätigt sich, weil sie das Verhalten erzeugt, das sie bestätigt.
Denken zu zweit heisst nun: diese Annahme auf den Tisch legen und drei Fragen an sie stellen. Erstens — welche Vorhersage steckt in ihr? Die Vorhersage lautet: Liebe befähigt zum Gedankenlesen. Zweitens — ist diese Vorhersage jemals eingetroffen? Nein, in keinem einzigen Fall. Drittens — was wäre die realistischere Annahme? Sie lautet: Wer schweigt, bekommt allenfalls zufällig das Richtige. Wer etwas braucht, sagt es. Wer es sagt, kann es bekommen.
Was sich daraufhin ändert, ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Gewohnheit. Aus einem Vorwurf, den niemand einlösen kann, weil die Erwartung ungenannt bleibt, wird eine Auskunft, der sich mühelos entsprechen lässt. Und aus zwei Menschen, die zu erraten versuchen, was der andere wünscht, werden zwei, die miteinander denken. Dass dies beglückt, ist nicht die Zugabe, sondern der Sinn der Sache. Nur lässt sich ein Gefühl nicht unmittelbar herstellen. Es stellt sich nur ein, wenn das Denken stimmt.
Die Paarbeziehung ist der beste, aber nicht der einzige Ort für das Denken zu zweit. Es funktioniert ebenso mit einem Freund, der Ihnen nicht nach dem Mund redet, mit einem Kollegen, der Ihr Fach kennt, oder mit einem erwachsenen Kind, das Ihnen an Unbefangenheit überlegen ist. Entscheidend ist nicht die Beziehung, sondern eine einzige Eigenschaft des Gegenübers: Es muss bereit sein, Ihnen zu widersprechen, und Sie müssen bereit sein, das auszuhalten.
Daraus folgt umgekehrt, was kein Denken zu zweit ist. Ein Gespräch, in dem einer Recht bekommt, ist keines. Ein Gespräch mit einem Sprachmodell, das darauf ausgelegt ist, Ihnen zuzustimmen, ist ebenfalls keines — es ist Denken zu eineinhalb, bei dem die halbe Hälfte auch noch Ihre eigene ist. Und ein Gespräch, in dem einer sich beschwert und der andere Verständnis zeigt, ist zwar wohltuend, aber es verändert keinen einzigen fehlerhaften Gedanken.
Ein Espresso zum Denksport mit Thomas
Im Café Epiktet antwortet Thomas. Das ist das Pseudonym des Psychotherapeuten vom Dienst — so, wie Sie unter einem Pseudonym Ihrer Wahl schreiben. Diese Gleichheit ist beabsichtigt. Im Café zählt, was gesagt wird, und nicht, wer es sagt; ein Titel auf der einen Seite und ein anonymer Besucher auf der anderen ergäben ein Gefälle, das dem gemeinsamen Denken im Weg stünde.
Wenn Sie ein Problem vortragen, wird Thomas Ihnen wenig erzählen und viel fragen. Er wird wissen wollen, welche Annahme hinter Ihrer Schilderung steckt, seit wann Sie sie hegen und was sie Ihnen bisher eingebracht hat. Er wird Ihnen widersprechen, wenn Ihre Begründung nicht trägt. Er wird Ihnen nicht recht geben, damit Sie zufrieden das Café verlassen. Das mag im ersten Augenblick unbequem sein; es ist der einzige Grund, warum das Gespräch sich lohnt.
Den Espresso zum Denksport bringen Sie selbst mit. Den Termin schenkt Ihnen Thomas: Schreiben Sie ihm, was Sie beschäftigt, ausführlich genug, dass er sich ein Bild machen kann, und sagen Sie dazu, welchen der beiden Räume Sie möchten. Die offene Denkstube eignet sich für Fragen, an denen andere mitdenken sollen; die Videoverbindung für alles, was Sie lieber allein mit ihm besprechen. Er antwortet mit einer Zeit.
Wofür das Café Epiktet gedacht ist
Das Café Epiktet ist der Ort, an dem Sie die kognitive Psychotherapie kennenlernen, bevor Sie sich für oder gegen sie entscheiden. Sie können eine eigene Annahme vortragen und sehen, wie sie geprüft wird. Sie können fragen, wie das Verfahren arbeitet und warum es ohne Übungsprogramme für das Verhalten auskommt. Und Sie können sich ein Bild davon machen, wie hier gedacht wird, ohne dass daraus etwas folgt.
Was darüber hinausgeht, hat seinen eigenen, geordneten Weg. Eine Diagnose setzt eine geordnete Psychodiagnostik voraus, eine Psychotherapie beginnt mit einer Anmeldung, und wer sich in einer akuten Notlage befindet, braucht Hilfe an seinem Ort und in Echtzeit. Im Café Epiktet findet deshalb weder Diagnostik noch Behandlung noch Krisenhilfe statt. Wer eine kognitive Psychotherapie sucht, lernt die zur Auswahl stehenden Verfahren kennen, absolviert die Eignungsprüfung und stellt den Aufnahmeantrag.
Wie eine Öffnung vereinbart wird
Sie schreiben uns über den Kontakt, nennen Ihr Thema oder Anliegen im Detail in nachvollziehbarer Form und schlagen eine Zeit vor. Wir bestätigen die Zeit oder nennen eine andere. Zur verabredeten Zeit ist das Café geöffnet, die Seite zeigt es an, und Sie können eintreten.
Zwei Formen der Öffnung stehen zur Wahl. Die öffentliche Öffnung findet in der Denkstube statt, also im Textfenster dieser Seite: Jeder, der die Seite in diesem Zeitfenster aufruft, liest mit und darf mitschreiben, und die Zahl der Teilnehmer ist nicht begrenzt. Diese Form eignet sich für Fragen, die viele betreffen. Die private Öffnung findet als Videogespräch auf einer eigenen, geschützten Seite statt; die Verbindung läuft unmittelbar zwischen den beiden Browsern und ist Ende zu Ende verschlüsselt. Den Zugang erhalten Sie nach der Verabredung per E-Mail. Nach dem Ende einer Sitzung ist in beiden Fällen nichts mehr zu sehen.
Beides kostet nichts. Eine Viertelstunde ist die übliche Dauer; mehr ist möglich, wenn es die Sache verlangt.
Datenschutz
In der Denkstube findet keine Registrierung statt; die Beiträge werden am Sitzungsende gelöscht. Für das private Videogespräch wird allein eine E-Mail-Adresse benötigt, an die der Zugang geschickt wird; das Gespräch wird weder mitgeschrieben noch aufgezeichnet. Das Café Epiktet℠ ist eine Dienstleistungsmarke der Dr. Dietmar Luchmann, LLC, und geniesst deren maximierten Datenschutz.
Häufige Fragen zum Café Epiktet
Was ist das Café Epiktet?
Das Café Epiktet ist kein Kaffeehaus, sondern eine öffentliche Denkstube im Netz: ein Gesprächsraum, in dem ein Psychotherapeut von der Zeitschrift Psychotherapie und Dr. Dietmar Luchmann, LLC, zur vereinbarten Zeit anwesend ist und mit den Besuchern über kognitive Psychotherapie spricht. Geschrieben wird unter einem selbst gewählten Pseudonym.
Wie finde ich das Café Epiktet wieder?
Die Adresse lautet psychotherapie.com/psychotherapeuten/cafe-epiktet/. Beide Schreibungen führen an dieselbe Stelle: Café Epiktet mit Akzent und Cafe Epiktet ohne Akzent.
Wann ist das Café Epiktet geöffnet?
Geöffnet wird rund um die Uhr nach Bedarf. Eine Öffnung wird vorher vereinbart. Wer sprechen möchte, schreibt uns über den Kontakt und schlägt eine Zeit vor; wir bestätigen sie oder nennen eine andere.
Kann ich auch per Video sprechen?
Ja. Das private Gespräch im Café Epiktet läuft über eine Videoverbindung, die unmittelbar zwischen den beiden Browsern verläuft und Ende zu Ende verschlüsselt ist. Ein fremder Videodienst ist nicht beteiligt. Den Zugang erhalten Sie nach der Verabredung per E-Mail; für die Teilnahme genügt ein Browser.
Was kostet die Teilnahme am Café Epiktet?
Nichts. Die Teilnahme ist kostenfrei und unverbindlich. Es entsteht kein Vertrag und keine Verpflichtung, ein Behandlungsangebot in Anspruch zu nehmen.
Muss ich mich registrieren?
Für die öffentliche Denkstube nicht. Sie wählen beim Betreten ein Pseudonym Ihrer Wahl; Name, E-Mail-Adresse und sonstige Personendaten werden nicht erhoben. Für das private Videogespräch brauchen wir eine E-Mail-Adresse, an die der Zugang geschickt wird. Sie wird ausschliesslich dafür verwendet.
Wer antwortet im Café Epiktet?
Thomas. Das ist das Pseudonym des Psychotherapeuten vom Dienst. Es antwortet kein Sprachmodell und kein automatisches System.
Ist das Café Epiktet eine Psychotherapie?
Nein. Im Café Epiktet findet weder Diagnostik noch Behandlung statt, und es wird keine Krisenintervention geleistet. Es handelt sich um eine allgemeine Auskunft über kognitive Psychotherapie. Wer eine Behandlung sucht, geht den geordneten Weg über Verfahren, Eignungsprüfung und Aufnahmeantrag.
Sind meine Beiträge öffentlich sichtbar?
In der öffentlichen Denkstube ja: Alle Beiträge erscheinen unter dem gewählten Pseudonym für alle Anwesenden. Wählen Sie deshalb kein Pseudonym, das auf Ihre Person schliessen lässt, und schreiben Sie nichts, was Sie nicht öffentlich lesen möchten. Das private Gespräch findet als Videoverbindung zwischen Ihnen und Thomas statt; es wird weder mitgeschrieben noch aufgezeichnet. Nach dem Ende einer Sitzung ist auf der Seite nichts mehr zu sehen.
Öffnungzeiten verabreden
Über dieses Kontaktformular können Sie das gemeinsame Denken mit Thomas verabreden — öffentlich im Textraum dieser Seite oder privat als Videogespräch unter vier Augen: