Es gibt eine Vorliebe, die ihren Träger sofort in ein günstiges Licht setzt, nichts kostet, niemanden ausschliesst, der zählt, und die auf jedem Partnerportal in genau einem Wort untergebracht werden kann. Sie hat nur eine Eigenschaft, die man erst bemerkt, wenn man sie einmal vermessen hat: Sie hat eine Obergrenze, und diese Obergrenze liegt tiefer, als ihre Anhänger vermuten.
Die Rede ist von der Sapiosexualität — von der Neigung also, sich erotisch zum Verstand eines anderen Menschen hingezogen zu fühlen. Gemeint ist nicht Bewunderung, nicht Respekt, nicht die Wertschätzung eines nützlichen Gesprächspartners, sondern eine Erregung, die sich am Denken selbst entzündet: an der Schärfe eines Einwands, an der Eleganz einer Unterscheidung, an dem Augenblick, in dem jemand etwas sagt, das man selbst gerade noch nicht gedacht hatte.
Dass es dieses Erleben gibt, wird hier nicht bestritten, sondern vorausgesetzt. Bestritten wird etwas anderes: dass das Wort, das dafür in Umlauf ist, die Sache trifft. Und bestritten wird vor allem die stillschweigende Schmeichelei, die in ihm steckt — nämlich die Annahme, wer die Intelligenz anderer begehre, sei selbst intelligent.
Der Gedankengang dieses Textes verläuft in zehn Schritten. Erstens: woher das Wort Sapiosexualität kommt, und warum seine Herkunft komisch ist. Zweitens: was die Forschung tatsächlich gemessen hat, und warum das Ergebnis die freundliche Lesart der Sapiosexualität zerstört. Drittens: wer in Wirklichkeit sortiert, wenn zwei kluge Menschen zusammenfinden. Viertens: warum das, was jemand über sein Begehren sagt, so wenig darüber verrät, wen er am Ende begehrt. Fünftens: dass die Sache selbst zweieinhalbtausend Jahre älter ist als das Etikett. Sechstens: wie man echtes Denken von seinem Anschein unterscheidet. Siebtens: was die obersten Perzentile dafür bezahlen. Achtens: warum eine Maschine, die alles weiss, erotisch tot ist. Neuntens: was hochbegabten Menschen bleibt, wenn weder Anpassung noch Verachtung weiterhilft. Und zehntens: was geschieht, wenn einem Menschen die Lust am eigenen Denken abhandenkommt — und wie man sie ihm zurückgibt.
Der Anfang liegt auf einer amerikanischen Fernstrasse, im Sommer 1998.
Sapiosexualität — ein Wort, erfunden bei zu wenig Schlaf
Die Geschichte des Begriffs ist kürzer und erheblich profaner, als seine Benutzer annehmen. Ein Softwareingenieur aus Seattle fuhr, nach eigener Darstellung übermüdet, von San Francisco nach Norden und suchte unterwegs nach einem Ausdruck für seine Neigung. Vier Jahre später, im Frühjahr 2002, veröffentlichte er unter dem Namen «wolfieboy» in einem Weblog eine Erläuterung dessen, was er meine: Das Geschlecht sei ihm nicht so wichtig; er wolle einen scharfen, neugierigen, hellsichtigen, respektlosen Verstand, jemanden, für den das philosophische Gespräch das Vorspiel sei.1
Man halte einen Augenblick inne. Das Wort für die feinste Spielart der Erotik, den letzten Zufluchtsort derer, die sich über die Oberflächlichkeit des Partnermarktes beklagen, ist bei Schlafmangel auf einer Autobahn entstanden.
Eine Genauigkeit ist hier fällig, weil sie in populären Darstellungen regelmässig verlorengeht und weil ein Text, der andere der Ungenauigkeit zeiht, sich selbst keine leisten darf. Die verbreitete Angabe, das Wort Sapiosexualität sei 1998 in jenem Weblog geprägt worden, kann nicht stimmen: Die Plattform ging erst 1999 an den Start. Belegt ist eine Selbstauskunft von 2002, in der die Prägung auf 1998 datiert wird. Unabhängig überprüfbar ist das nicht.1
Von dort verlief die Sache wie üblich. Der Ausdruck lag ein Jahrzehnt still, wurde dann von einer grossen amerikanischen Partnerbörse 2014 in die Liste der wählbaren Orientierungen aufgenommen und breitete sich von dort aus. Der Anteil derer, die sich auf jener Plattform als sapiosexuell bezeichneten, wurde später mit etwa einem halben Prozent angegeben.2
Die Kritik, die man kennen muss, bevor man widerspricht
Die Einwände kamen schnell und sie sind nicht dumm. Der bekannteste stammt von einer amerikanischen Journalistin, die 2015 festhielt, es handle sich in keinem wissenschaftlichen oder soziologischen Sinn um eine sexuelle Orientierung: Wer Schriftsteller möge, sei kein «scribosexueller» Mensch, wer Juristen möge, kein «jurosexueller».3 Der Punkt ist logisch sauber. Eine Orientierung beschreibt, auf welche Klasse von Personen sich das Begehren richtet. Eine Vorliebe für eine Eigenschaft ist etwas anderes, sonst wären Grösse, Humor und ein volles Haupthaar ebenfalls Orientierungen.
Ein zweiter Einwand lautet, das Etikett sei standesdünkelhaft: Intelligenz werde im Alltag an Hochschulabschlüssen, Wortschatz und Freizeitverhalten gemessen, also an Merkmalen, die eher die Herkunft als den Verstand abbilden.3 Auch dieser Einwand trifft etwas, wenn auch nicht das, was er zu treffen meint. Er trifft nicht die Erotik des Denkens. Er trifft die Verwechslung des Denkens mit seinen Abzeichen — und diese Verwechslung wird uns noch beschäftigen, sie ist der eigentliche Gegenstand dieses Artikels.
Zwischenbilanz: Das Wort ist jung, seine Herkunft ist unbedeutend, und als Bezeichnung einer sexuellen Orientierung ist es unhaltbar. Damit ist über die Sache, die es bezeichnen will, noch nichts gesagt. Ein schlechter Name widerlegt kein Phänomen, so wenig wie ein gutes Etikett einen schlechten Wein rettet.
Die Obergrenze der Begierde
Nun zur Messung. Es gibt bislang genau eine ernstzunehmende psychometrische Untersuchung zum Thema, und sie stammt von Gilles Gignac, Joey Darbyshire und Michelle Ooi von der University of Western Australia, erschienen 2018 in der Fachzeitschrift Intelligence.4 Psychometrisch heisst: Es wurde nicht gefragt, was die Leute empfinden, und dann geglaubt, sondern es wurde ein Messinstrument gebaut, geprüft und mit anderen Messungen verglichen.
Die Autoren legten ihren Versuchspersonen Beschreibungen möglicher Partner vor, die sich in einem einzigen Merkmal unterschieden: in der Intelligenz. Und sie fragten, wie sexuell attraktiv der jeweils Beschriebene wirke.
Was ein Perzentil ist, und warum man es hier wissen muss
Die Ergebnisse sind in Perzentilen angegeben, und dieser Begriff sei erklärt, weil der ganze Befund an ihm hängt. Ein Perzentil gibt an, wie viele Prozent einer Bevölkerung unterhalb eines Wertes liegen. Wer im 90. Perzentil der Intelligenz liegt, ist klüger als neunzig von hundert Menschen; das entspricht ungefähr einem IQ von 120. Wer im 99. Perzentil liegt, ist klüger als neunundneunzig von hundert; das entspricht ungefähr einem IQ von 135.
Der Unterschied zwischen beiden ist grösser, als die Zahlen nahelegen. Von hundert Menschen gehören zehn zur ersten Gruppe und einer zur zweiten. Das 99. Perzentil ist also zehnmal seltener — und um genau diesen Faktor verkleinert sich der Kreis derer, unter denen ein Mensch dieses Ranges seinesgleichen findet.
Der Befund: Wo Sapiosexualität endet
Und nun das Ergebnis, das man langsam lesen sollte. Im Mittel wurde nicht der klügste, sondern der zweitklügste Kandidat als sexuell attraktivste Ausprägung bewertet: das 90. Perzentil, IQ etwa 120. Zum 99. Perzentil hin fiel die Bewertung wieder ab.4
Die Kurve steigt also und kippt dann. Das Begehren hat eine Obergrenze, und sie liegt bei ungefähr 120. Das ist klug genug, um bei Tisch zu glänzen, und nicht klug genug, um zu bemerken, dass bei Tisch nichts gesagt wird.
Man wünscht sich, so lässt sich der Befund zusammenfassen, einen Menschen, der einem überlegen ist — aber bitte in Reichweite. Überlegenheit ist attraktiv, solange sie schmeichelt. Sobald sie unerreichbar wird, schmeichelt sie nicht mehr, sondern kränkt, und Kränkung ist ein schlechtes Aphrodisiakum.
Der zweite Befund, und er ist der unbequemere
Die Autoren entwickelten zudem eine Skala, mit der sich die Ausprägung der Sapiosexualität bei einzelnen Personen bestimmen lässt. Auf dieser Skala erreichten rund acht Prozent der Befragten einen Mittelwert von 4,0 und etwa ein Prozent einen von 4,5.4 Die Zahl der wirklichen Überzeugungstäter ist also klein. Der grosse Rest hält Intelligenz für angenehm, so wie er Pünktlichkeit für angenehm hält.
Und dann kommt jener Satz, den kein Anhänger des Etiketts gern liest. Die objektiv gemessene Intelligenz der Befragten stand in keinem Zusammenhang mit ihren Werten auf dieser Skala. Der Zusammenhang betrug r = −0,02.4
Auch diese Angabe sei ausbuchstabiert, weil sie die Pointe trägt. Ein r ist hier der Pearson-Korrelationskoeffizient als ein Mass für den Zusammenhang zweier Grössen; es reicht von −1 bis +1, und 0 bedeutet: gar keiner. Ein Wert von −0,02 ist von 0 nicht zu unterscheiden. Wer sich also zum Liebhaber fremder Intelligenz erklärt, ist deshalb kein bisschen intelligenter als jemand, der schweigt. Die Selbstauskunft sagt über die eigene Denkfähigkeit ungefähr so viel aus wie eine Brille aus Fensterglas über die Sehschärfe ihres Trägers.
Damit ist die Reihenfolge der Dinge geklärt. «Sapiosexuell» ist in der überwiegenden Zahl der Fälle keine Beschreibung des Begehrens, sondern eine Beschreibung des eigenen Selbstbildes, adressiert an ein Publikum. Es ist eine Angabe darüber, für wen man gehalten werden möchte.
Die Grenzen des Befundes, offen ausgesprochen
Nun wäre es billig, mit einer einzigen Untersuchung ein ganzes Gefühl zu erledigen, und dieser Text tut es nicht. Drei Einschränkungen gehören dazu, und sie gehören an diese Stelle, nicht in eine Fussnote.
Erstens wurden hypothetische Partner bewertet, keine wirklichen. Zwischen dem, was jemand über eine Beschreibung sagt, und dem, wen er tatsächlich heiratet, liegt bekanntlich ein Leben. Zweitens war die Stichprobe studentisch und damit weder alt noch besonders vielfältig. Und drittens hat der Erstautor selbst eingeräumt, es bleibe offen, ob dieser Abfall an der Spitze eine Besonderheit der Intelligenz sei; womöglich sinke die Attraktivität auch bei anderen erwünschten Eigenschaften — Schönheit, Freundlichkeit, Gelassenheit —, wenn sie ins Äusserste getrieben werden.
Der letzte Punkt ist tröstlich und beunruhigend zugleich. Tröstlich, weil die Hochbegabten dann nicht allein dastünden. Beunruhigend, weil daraus folgte, dass der Mensch das Extrem als solches meidet — auch das gute.
Zwischenbilanz: Die Begierde nach Intelligenz ist real, sie ist selten, sie hat eine Obergrenze bei etwa IQ 120, und sie sagt nichts über die Intelligenz dessen aus, der sie erklärt. Wer aus diesen vier Sätzen ein Kompliment herauslesen will, muss sich anstrengen.
Wer hier in Wirklichkeit sortiert
An dieser Stelle stösst man auf einen Widerspruch, der die Sache erst interessant macht.
Denn kluge Menschen landen empirisch sehr zuverlässig beieinander. Die bislang umfangreichste Zusammenstellung dazu stammt von einer Arbeitsgruppe um Tanya Horwitz und Matthew Keller in Colorado, erschienen 2023 in Nature Human Behaviour: 480 Partnerkorrelationen aus 199 Studien zu 22 Merkmalen, dazu eigene Auswertungen an Zehntausenden britischer Paare.5 Das Ergebnis in einem Satz: Partner ähneln einander praktisch überall, am stärksten in politischen Werten, in Bildung und in kognitiven Merkmalen — deutlich stärker als in Persönlichkeitszügen wie Geselligkeit oder Gewissenhaftigkeit.
Der Volksmund, wonach Gegensätze sich anziehen, ist damit erledigt. Gegensätze ziehen sich nicht an; sie ziehen sich höchstens gegenseitig aus, und zwar einmal.
Nun lege man beide Befunde nebeneinander, und man hat ein Rätsel. Die Ähnlichkeit in der Intelligenz gehört zu den höchsten überhaupt gemessenen Übereinstimmungen zwischen Partnern. Zugleich fand sich in der australischen Untersuchung kein Hinweis darauf, dass Menschen bewusst nach ihresgleichen suchen: Die eigene Intelligenz sagte nicht vorher, welche Intelligenz an einem möglichen Partner begehrt wird.4
Die Auflösung ist unromantisch und deshalb vermutlich richtig. Nicht der Eros sortiert. Die Institutionen sortieren.
Wer das Gymnasium besucht, trifft dort andere Gymnasiasten. Wer studiert, verbringt fünf Jahre in Räumen, die durch eine Zulassungsordnung gefüllt wurden. Wer in einem Beruf arbeitet, der eine bestimmte Ausbildung verlangt, sieht täglich Menschen, die dieselbe Ausbildung durchlaufen haben. Die Auswahl ist längst getroffen, bevor der erste Blick fällt. Was sich anschliessend als Schicksal anfühlt, ist die statistische Nachwirkung eines Stundenplans.
Das erklärt nebenbei ein verbreitetes Gefühl, das viele für einen Beweis halten: die Erfahrung, jemanden getroffen zu haben, mit dem man «sofort auf derselben Wellenlänge» war. Diese Erfahrung ist echt. Nur ist sie kein Wunder, sondern die vorhersehbare Folge davon, dass beide durch dieselben Siebe gefallen sind.
Zwischenbilanz: Die Sapiosexualität erklärt nicht, warum kluge Menschen zusammenfinden — das besorgen Schule, Hochschule und Beruf. Sie erklärt allenfalls, wie es sich anfühlt, wenn es geschehen ist. Als Erklärung ist sie überflüssig. Als Erlebnis bleibt sie erklärungsbedürftig, und darum geht es jetzt.
Der Unterschied zwischen dem Fragebogen und dem Abend
Bevor der Text in die Geschichte zurückgeht, ist eine methodische Bemerkung fällig, und sie ist so unterhaltsam wie vernichtend. Alles, was bisher zitiert wurde, beruht nämlich auf Auskünften: Menschen wurden gefragt, was sie anziehend finden, und haben geantwortet. Die naheliegende Frage lautet, ob solche Auskünfte irgendetwas mit dem Verhalten derselben Menschen zu tun haben.
Die Frage ist untersucht, und die Antwort lautet: erstaunlich wenig.
Paul Eastwick und Eli Finkel liessen Teilnehmer vor einem Kurzdating-Abend angeben, was ihnen an einem möglichen Partner wichtig sei, und beobachteten anschliessend, wen dieselben Teilnehmer am Abend tatsächlich anziehend fanden. Die vorher geäusserten Idealvorstellungen sagten nicht vorher, was am Abend das Begehren auslöste. Die Autoren stellen ihren Befund ausdrücklich in die Tradition jener klassischen Arbeit, wonach Menschen über die Gründe ihres eigenen Verhaltens systematisch im Irrtum sind.6
Man halte das neben das Etikett. Wer sich sapiosexuell nennt, gibt eine Auskunft über sein Ideal. Über den Abend sagt diese Auskunft nach heutigem Kenntnisstand nichts.
Sechs Studien, die man einmal gelesen haben sollte
Noch aufschlussreicher ist ein Befund, den Lora Park, Ariana Young und Paul Eastwick 2015 in sechs Untersuchungen zusammengetragen haben. Er verdient eine sorgfältige Wiedergabe, weil er auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt.7
Untersucht wurde, wie anziehend Männer eine Frau finden, die sie in einem Leistungstest übertroffen hat. War diese Frau psychologisch fern - also eine Schilderung, ein hypothetischer Fall, jemand in einiger Entfernung -, dann fanden sie die klügere Frau anziehender als die weniger kluge. Es handelte sich um ein Idealbild, und Idealbilder dürfen anspruchsvoll sein.
War dieselbe Überlegenheit psychologisch nah - anwesend, im selben Raum, mit dem besseren Ergebnis in der Hand -, kehrte sich das Bild um. Die Männer zeigten weniger Anziehung, gingen auf Distanz und schätzten überdies die eigene Männlichkeit geringer ein.
Man kann diesen Befund beklagen. Man kann ihn auch einfach lesen. Er besagt: Die Wertschätzung fremder Intelligenz ist eine Funktion der Entfernung. Aus der Ferne ist sie ein Vorzug. Aus der Nähe ist sie eine Rechnung, die aufgemacht wird.
Damit ist die Sapiosexualität an ihrem empfindlichsten Punkt getroffen. Sie ist eine Aussage über die Ferne. Auf einem Profil, in einer Selbstbeschreibung, im Gespräch über den Idealtyp gedeiht sie prächtig. Im selben Zimmer, mit dem besseren Argument gegenüber, wird aus dem Ideal eine Kränkung.
Zwei Einschränkungen gehören dazu, damit niemand mehr liest, als dasteht. Die Untersuchung betraf ausschliesslich Männer, die Frauen bewerteten; über die umgekehrte Richtung sagt sie nichts. Und sie fand im Labor statt, nicht in einer Ehe. Was sie zeigt, ist nicht das Schicksal einer Beziehung, sondern der Augenblick, in dem eine beginnt oder nicht beginnt.
Zwischenbilanz: Geäusserte Vorlieben sind Selbstporträts, keine Prognosen. Wer wissen will, was jemand begehrt, sollte ihn nicht fragen, sondern zusehen — und zwar in einem Raum, in dem etwas zu verlieren ist.
Älter als das Etikett: eine kurze Geschichte der geistigen Erregung
Denn eines ist unstrittig: Das Erlebnis gibt es, es ist gut bezeugt, und die Zeugen sind erstklassig. Wer es für eine Erfindung des Internets hält, hat schlicht nicht nachgesehen.
Alkibiades und der hässlichste Mann Athens
Das Gründungsdokument ist rund zweieinhalbtausend Jahre alt. In Platons Symposion platzt der betrunkene Alkibiades in eine Gesellschaft, die Reden auf den Eros hält, und hält seinerseits eine Lobrede auf Sokrates. Sokrates ist, das gehört zur Pointe, für seine Hässlichkeit berühmt; Alkibiades vergleicht ihn mit den Silensfiguren, die aussen grotesk und innen mit Götterbildern gefüllt sind.
Und dann beschreibt er, was die Reden dieses Mannes mit ihm anstellen, in einer Sprache, die von körperlicher Erregung nicht zu unterscheiden ist:
«Denn wenn ich ihn höre, dann klopft mir das Herz heftiger als den vom korybantischen Taumel Ergriffenen, und die Tränen kommen mir bei seinen Worten, und ich sehe, daß es noch sehr vielen anderen so geht.»8
Alkibiades über Sokrates Platon: Symposion 215d-e.
Man beachte den Aufbau dieses Satzes. Kein Wort über Aussehen, Rang oder Vermögen. Herzklopfen und Tränen, ausgelöst durch Sokrates' Rede. Die Korybanten, auf die er anspielt, waren Priester, deren Trommelmusik ihre Anhänger in Verzückung versetzte; Alkibiades sagt also: Was dieser Mann redet, wirkt stärker als ein Rauschritus.
Damit ist die Sapiosexualität nicht 1998 auf einer Autobahn erfunden worden, sondern um 385 vor unserer Zeitrechnung protokolliert — und zwar von einem Feldherrn, der es zugab, obwohl es ihm peinlich war.
In derselben Schrift steht auch die Theorie dazu. Sokrates gibt sie als Lehre der Priesterin Diotima wieder: Wer richtig liebt, beginnt bei einem schönen Körper, erkennt dann, dass die Schönheit aller Körper verwandt ist, wendet sich anschliessend der Schönheit der Seelen zu und von dort der Schönheit der Erkenntnisse. Die Erkenntnis ist bei Platon nicht das Gegenteil des Begehrens, sondern seine höchste Stufe.8 Das ist die älteste bekannte Behauptung, dass Denken erotisch sein könne — und sie stammt nicht von einem Blogger, sondern von dem Mann, auf den sich die europäische Philosophie beruft.
Augustinus, oder: Verboten wird nur, was wirkt
Der überzeugendste Zeuge einer Sache ist nicht ihr Anhänger, sondern ihr Ankläger. Augustinus behandelt im zehnten Buch seiner Bekenntnisse die Wissbegier ausdrücklich unter der «Begierde der Augen» und gibt ihr den Namen curiositas: «Von nichts anderem als bloßer Wißbegier läßt man sich treiben.» Er ordnet, «was bei der Sinnestätigkeit der Lust und was der Neugier dient», damit nicht den Tugenden zu, sondern den Lüsten, gegen die ein Christ zu kämpfen hat — neben der Fleischeslust und dem Ehrgeiz.9
Man muss ihm dafür dankbar sein. Ein Kirchenlehrer, der das Bedürfnis zu wissen unter die Begierden einreiht, bestätigt, was ein Partnerportal nur behauptet: dass hier tatsächlich ein Trieb am Werk ist. Man verbietet nur, was wirkt. Niemand hat je das Ausfüllen von Formularen unter Strafe gestellt.
Die fröhliche Wissenschaft war ursprünglich eine Liebesdichtung
Der Zusammenhang zwischen Erkennen und Liebe steckt sogar in einem Buchtitel, den heute jeder kennt und kaum jemand versteht. Nietzsches Die fröhliche Wissenschaft trägt den Untertitel «la gaya scienza» — eingeleitet «aus dem Gesichtspunkte des Troubadours». Das war kein Einfall des Autors, sondern eine Übernahme: Der Ausdruck stammt aus der Dichtkunst der provenzalischen Troubadoure, also von jenen Leuten, die Europa die Liebeslyrik beigebracht haben. Nietzsche hat das später selbst erläutert und dabei an jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist erinnert, die er der Frühkultur der Provençalen zuschrieb.10
Man halte fest: Der berühmteste deutsche Titel für die Freude am Erkennen ist ein Fachbegriff aus der Liebeslyrik. Wer heute «Wissenschaft» sagt und dabei an Drittmittelanträge denkt, hat einen Bedeutungsverlust erlitten, für den ihn niemand entschädigt.
Symphilosophie: gemeinsam denken als Vereinigung
Am weitesten ging die deutsche Frühromantik, und sie hat es in einem einzigen Satz untergebracht. Friedrich Schlegel schrieb 1798 im 125. der Athenäums-Fragmente, es begänne vielleicht eine ganz neue Epoche der Wissenschaften und Künste, wenn Symphilosophie und Sympoesie so allgemein und innig würden, dass gemeinschaftliche Werke mehrerer sich ergänzender Naturen nichts Seltenes mehr wären.11
«Symphilosophie» heisst wörtlich: gemeinsames Philosophieren. Gemeint war nicht Arbeitsteilung, sondern Verschmelzung — Schlegel schreibt im selben Fragment, oft könne man sich des Gedankens nicht erwehren, zwei Geister gehörten eigentlich zusammen wie getrennte Hälften. Das ist, in der Sprache seiner Zeit, eine Liebeserklärung an das gemeinsame Denken, formuliert im Vokabular der Vereinigung.
Die Jenaer haben das Programm nicht nur geschrieben, sondern bewohnt. Die Fragmente entstanden gemeinschaftlich, an ihnen wirkten neben den Brüdern Schlegel auch Novalis und Schleiermacher mit, und die Lebensverhältnisse des Kreises wurden im selben Zeitraum mehrfach neu geordnet. Wer wissen will, wie es aussieht, wenn Menschen die Erotik des Denkens ernst nehmen, findet dort das Anschauungsmaterial — einschliesslich der Kollateralschäden.
Die Salons, oder: wo das gemeinsame Denken Möbel hatte
Dass dieses Programm nicht Programm blieb, lässt sich an Adressen festmachen.
Im zwölften Jahrhundert zog der Pariser Dialektiker Petrus Abaelardus Studenten aus halb Europa an. Sein Ruf als Lehrer war der Anlass, aus dem heraus die Verbindung mit Héloïse entstand, und der spätere Briefwechsel der beiden gehört zu den frühesten europäischen Zeugnissen einer Beziehung, die über Argumente geführt wurde. Sie endete bekanntlich furchtbar - nach der heimlichen Heirat liess Héloïses Onkel Abaelardus kastrieren, worauf beide ins Kloster gingen -, was in gewissem Sinn für sie spricht: Belanglosigkeiten enden nicht furchtbar.12
Im achtzehnten Jahrhundert übersetzte Émilie du Châtelet auf Schloss Cirey Newtons «Philosophiae naturalis principia mathematica» ins Französische und versah die Übersetzung mit einem eigenen Kommentar; sie ist bis heute die massgebliche französische Fassung. Voltaire lebte dort und arbeitete mit ihr. Die Nachwelt hat daraus eine Liebesgeschichte mit gelehrtem Hintergrund gemacht. Tatsächlich war es eine Arbeitsgemeinschaft mit erotischem Vordergrund, und das ist nicht dasselbe.
Und um 1800 entstand in Berlin die für unser Thema genaueste Einrichtung überhaupt: der Salon. Rahel Levin, später Varnhagen, empfing in ihrer Dachwohnung Menschen, die einander ausserhalb dieses Raumes gesellschaftlich nie begegnet wären — Adlige und Bürgerliche, Schauspieler und Gelehrte, Juden und Christen. Das Verbindende war weder Rang noch Vermögen, sondern die Fähigkeit, ein Gespräch zu führen.
Der Salon ist damit die einzige gesellschaftliche Einrichtung ihrer Zeit, deren Eintrittskarte in der Befähigung zum Denken bestand. Und es ist kein Zufall, dass diese Institution von Frauen geführt wurde, denen sämtliche anderen Institutionen verschlossen waren. Wer keine Universität betreten darf, gründet eben eine im Wohnzimmer.
Man beachte, was allen drei Fällen gemeinsam ist. Es wurde nicht über Intelligenz geredet. Es wurde gedacht, und zwar gemeinsam, laut und gegeneinander. Niemand von diesen Leuten wäre auf den Gedanken gekommen, sich dafür ein Etikett anzuheften.
Freud, für einmal nützlich
Bleibt die Frage, woher diese Verbindung kommt. Die bekannteste Antwort stammt von Sigmund Freud, und sie sei hier mit der gebotenen Kühle behandelt: Diese Zeitschrift hält die Psychoanalyse nicht für ein wirksames Behandlungsverfahren, und wer die Wirksamkeitsforschung kennt, weiss warum. Das enthebt niemanden der Pflicht, eine gute Beobachtung als gute Beobachtung anzuerkennen.
Freud leitet in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie von 1905 die kindliche Wissbegier - er nennt sie Wisstrieb - aus der Sexualneugier des Kindes ab und beschreibt, wie sexuelle Antriebe auf nichtsexuelle Ziele umgelenkt werden können; diesen Vorgang nennt er Sublimierung.13 Nach dieser Lesart wäre die Lust am Erkennen also ein umgeleiteter Rest, eine Sexualität, die sich anderswo verausgabt.
Die Beobachtung ist scharf, die Erklärungsrichtung vermutlich falsch. Näher liegt die schlichtere Deutung: Das Erkennen ist nicht deshalb lustvoll, weil es heimlich sexuell wäre, sondern beide sind lustvoll, weil das Nervensystem gelungene Vorhersagen belohnt — und keine Vorhersage ist gelungener als die, mit der man einen anderen Menschen versteht. Freud hat den Zusammenhang gesehen und den Pfeil verkehrt herum eingezeichnet. Das ist mehr, als die meisten leisten.
Ein Bild, das nichts anderes zeigt als Erregung
Wer das alles für Literatur hält, sehe sich ein Gemälde an. Joseph Wright of Derby malte 1766 «A Philosopher Lecturing on the Orrery», einen Vortrag über ein mechanisches Modell des Sonnensystems.14 Auf dem Bild passiert nichts. Eine Lampe steht in der Mitte, ein Mann erklärt, ein halbes Dutzend Menschen sieht zu.
Und doch ist es ein Bild von unverschämter Intimität. Die Gesichter sind von unten beleuchtet, die Münder halb geöffnet, die Augen fixiert; zwei Kinder beugen sich so weit vor, dass ihre Haltung an nichts anderes erinnert als an Hingabe. Es ist ein Gruppenporträt von Menschen im Zustand geistiger Erregung, gemalt im Jahrhundert der Aufklärung, und es hängt bis heute in Derby. Man kann die Sapiosexualität für ein Modewort halten. Man kann bestreiten, dass ihr etwas entspricht, nachdem man dieses Bild gesehen hat — aber dann sollte man auch bestreiten, dass Menschen essen.
Zwischenbilanz: Die Sache ist alt, vielfach bezeugt und von Philosophie, Theologie, Dichtung und Malerei unabhängig voneinander beschrieben worden. Neu ist allein das Etikett — und das Etikett verschiebt, wie sich zeigen wird, den Gegenstand.
Der Fall Dorothea Brooke
Womit wir bei der entscheidenden Unterscheidung dieses Textes wären, und sie lässt sich an keinem Fachbuch so vorführen wie an einem Roman.
George Eliot veröffentlichte 1871 und 1872 Middlemarch. Die Heldin, Dorothea Brooke, ist jung, ernst, ungewöhnlich klug und schwer unterfordert. Sie will nicht heiraten, um versorgt zu sein; sie will an einem grossen Werk teilhaben. Als ihr der Gelehrte Edward Casaubon begegnet, der an einem Buch arbeitet, das sämtliche Mythologien der Welt auf ihren gemeinsamen Ursprung zurückführen soll, hält sie ihn für die Tür zu einem grösseren Leben. Sie heiratet ihn.
Sie hat sich getäuscht, und Eliot lässt keinen Zweifel, worin. Im zwanzigsten Kapitel steht der Satz, um den es geht: Dorothea habe mit erstickender Niedergeschlagenheit gespürt, dass die weiten Ausblicke und die frische Luft, die sie im Geist ihres Mannes zu finden gehofft hatte, durch Vorzimmer und gewundene Gänge ersetzt worden seien, die nirgendwohin zu führen schienen.15
Das Werk wird nie fertig. Es kann nicht fertig werden, weil ihm die Idee fehlt. Casaubon sammelt, ordnet, verweist, schreibt Notizen zu Notizen — und produziert in einem ganzen Gelehrtenleben keinen einzigen Gedanken.
Warum das kein Betrug war
Nun das Entscheidende, und es ist unbequem. Casaubon ist kein Hochstapler. Eliot hält ausdrücklich fest, dass kaum ein Mensch weniger zu grossspurigem Blendwerk fähig gewesen sei und dass er an den Illusionen über sich selbst nicht mitgewirkt habe.15 Er hat nie behauptet, mehr zu sein, als er ist. Getäuscht hat sich Dorothea, und zwar mit erheblichem Fleiss.
Sie hat die Abzeichen eines Verstandes für einen Verstand genommen. Die Bibliothek, die Fremdsprachen, der ernste Ton, das lebenslange Vorhaben, der Ruf. Alles davon war echt vorhanden. Nichts davon war das, was sie suchte.
Und hier liegt die Verwechslung, die dem ganzen Etikett zugrunde liegt. Sapiosexuell im üblichen Wortgebrauch bedeutet fast immer: Man begehrt die Zeichen des Denkens, nicht das Denken selbst. Die Zeichen sind angenehm, sie sind sofort verfügbar, sie lassen sich fotografieren. Das Bücherregal im Hintergrund der Videokonferenz. Die Leseliste im Profil. Das seltene Fremdwort, korrekt gebraucht. Der Podcast, auf den man sich beruft. Die Formulierung «ich finde das hochspannend», mit der seit einigen Jahren angekündigt wird, dass gleich nichts kommt.
Das ist keine Bosheit der Betreffenden. Es ist eine Ökonomie: Zeichen sind billig, Denken ist teuer. Wer ein Zeichen kauft, hat es sofort. Wer denkt, muss damit rechnen, sich zu irren.
Woran man einen denkenden Menschen erkennt
Bleibt die praktische Frage: Woran erkennt man den Unterschied, wenn man jemandem gegenübersitzt? Man kann nicht in einen Kopf hineinsehen, und wer nur zuhört, hört in beiden Fällen kluge Sätze. Es gibt jedoch eine Probe, und sie kostet nichts ausser Aufmerksamkeit.
Ein arbeitender Verstand ändert in Ihrer Gegenwart seine Meinung.
Man kann ihm beim Arbeiten zusehen. Er nimmt einen Einwand auf, hält kurz inne, prüft ihn und kommt anschliessend woanders heraus als vorher. Er sagt Sätze wie «Moment, dann stimmt mein erster Punkt nicht» oder «Das habe ich nicht bedacht». Er unterscheidet, was er weiss, von dem, was er vermutet. Und er wird interessanter, wenn man widerspricht, nicht ungehaltener.
Der blosse Anschein von Verstand dagegen ist statisch. Er trägt Ergebnisse vor. Auf jeden Einwand hat er dieselbe Antwort, weil er den Einwand nicht verarbeitet, sondern abwehrt. Er zitiert häufiger, als er folgert. Und er reagiert auf Widerspruch mit einem Wechsel der Ebene — plötzlich geht es um den Ton, um die Absicht, um die Qualifikation des Gegenübers.
Wer diese Probe einmal angewendet hat, wird den Partnermarkt anders betrachten. Und den Betrieb, in dem er arbeitet, ebenfalls. Es empfiehlt sich, das Ergebnis für sich zu behalten.
Zwischenbilanz: Nicht die Intelligenz zieht an, sondern das sichtbare Arbeiten eines Verstandes. Wer das eine mit dem anderen verwechselt, heiratet Vorzimmer und gewundene Gänge. Das ist die häufigste Fehldiagnose auf diesem Gebiet und sie wird selten korrigiert, weil sie sich lange gut anfühlt.
Die Strafe für das oberste Perzentil
Nun zu denen, die den Preis bezahlen, und hier hört der Spass eine Weile auf.
Wir haben zwei Befunde nebeneinanderzulegen. Der erste stammt aus dem Jahr 2018 und lautet: Die Attraktivität steigt bis etwa IQ 120 und fällt zum 99. Perzentil hin wieder ab.4 Der zweite stammt aus dem Jahr 1942 und ist erheblich älter als jede Partnerbörse.
Leta Stetter Hollingworth, die Pionierin der Hochbegabungsforschung, untersuchte Kinder mit ausserordentlich hohen Testwerten und kam zu einem Ergebnis, das ihrem eigenen Anliegen widersprach. Der sozial günstigste Intelligenzbereich, so ihre Einschätzung, liege zwischen einem IQ von 125 und 155. Wer in diesem Bereich liege, sei genug klüger als der Durchschnitt, um dessen Vertrauen zu gewinnen und Führung zu übernehmen. Oberhalb davon kehre sich der Vorteil um: Menschen von 160 und mehr seien für den gewöhnlichen Umgang schlicht zu intelligent, um verstanden zu werden.16
Zwei Untersuchungen, achtzig Jahre auseinander, verschiedene Fragestellungen, verschiedene Methoden, dasselbe Ergebnis: Es gibt einen Punkt, an dem Intelligenz aufhört, ein Vorzug zu sein. Wer ihn überschreitet, wird nicht mehr bewundert, sondern nicht mehr verstanden. Er verliert nichts von seinen Fähigkeiten — er verliert die Leute, die ihm folgen könnten.
Die Arithmetik der Einsamkeit
Der Mechanismus dahinter ist nicht geheimnisvoll, er ist eine Rechenaufgabe, und sie sei durchgeführt.
Wer im Bereich des Durchschnitts liegt, findet Gesprächspartner überall; praktisch die gesamte Bevölkerung kommt in Frage. Wer im 90. Perzentil liegt, hat noch jeden zehnten Menschen als potentiellen Gleichrangigen zur Verfügung, in einer Stadt von hunderttausend Einwohnern also zehntausend. Wer im 99. Perzentil liegt, hat jeden hundertsten: tausend. Und wer noch weiter oben liegt, sitzt in derselben Stadt mit einer zweistelligen Zahl von Menschen, mit denen ein Gespräch ohne Übersetzungsarbeit möglich wäre — von denen die meisten verheiratet, im falschen Alter oder anderswo beschäftigt sind.
Die Klage besonders intelligenter junger Leute, sie fänden niemanden, ist deshalb kein Ausdruck von Hochmut und meist auch keine Ausrede. Sie ist eine korrekte Beschreibung eines Mengenverhältnisses. Man kann einem Menschen vieles vorwerfen, aber nicht die Grundrechenarten.
Was die Betroffenen daraus machen, und was sie besser lassen
Hier beginnt der Teil, der in eine psychotherapeutische Sprechstunde gehört, denn aus einer Lage werden Überzeugungen, und Überzeugungen sind veränderbar, während Mengenverhältnisse es nicht sind.
Die häufigste Reaktion ist die Anpassung nach unten. Man redet einfacher, verschweigt die Hälfte, lacht über Witze, die man nicht komisch findet, und lässt Widersprüche stehen, um den Abend zu retten. Das funktioniert — man wird gemocht. Es hat nur einen Preis, und der wird erst nach Jahren fällig: Man wird für jemanden gemocht, den es nicht gibt. Wer sich dauerhaft verkleinert, um zu gefallen, erhält am Ende die Bestätigung, dass die verkleinerte Fassung gefällt, und weiss danach genauer als vorher, dass er allein ist.
Die zweite Reaktion ist die Verachtung. Sie ist bequemer, weil sie die Kränkung in Überlegenheit umbucht: Die anderen sind dumm, deshalb ist es kein Verlust. Auch das funktioniert, und auch das hat einen Preis. Verachtung ist ein Urteil, das sich nicht mehr überprüfen lässt. Denn sie sagt voraus, was ohnehin geschehen wird — dass der andere enttäuscht —, und wer das erwartet, geht dem anderen aus dem Weg. Damit kommt es zu keiner Begegnung mehr, die das Urteil widerlegen könnte. Wer sich einmal so eingerichtet hat, behält zeitlebens recht, weil er nie wieder etwas erlebt, das ihm widerspräche. Er hat sich, ohne es zu bemerken, vor der Möglichkeit geschützt, sich getäuscht zu haben.
Beides sind übrigens keine Charakterfehler, sondern Denkfehler, und Denkfehler sind korrigierbar. Der erste lautet in seiner ehrlichen Fassung: «Wenn ich mich zeige, wie ich bin, bin ich allein.» Der zweite lautet: «Wer mich nicht versteht, ist es nicht wert.» Beide Überzeugungen sind ungeprüft. Beide werden durch das Verhalten bestätigt, das aus ihnen folgt. Und beide sind der Gegenstand, an dem die kognitive Psychotherapie arbeitet.
Der Zusammenhang zwischen Hochbegabung und den daraus folgenden Belastungen ist an anderer Stelle in dieser Zeitschrift ausführlich behandelt.17 Hier interessiert nur die Verbindung zum Thema: Ausgerechnet jene Menschen, die die Erotik des Denkens am stärksten erleben, kommen auf jenem Markt am schlechtesten weg, der die Intelligenz auf seine Fahnen schreibt.
Zwischenbilanz: Die Sapiosexualität huldigt der Intelligenz und meidet sie oberhalb einer Schwelle. Wer diese Schwelle überschreitet, wird nicht begehrt, sondern ertragen — und lernt entweder, sich kleiner zu machen, oder die Welt zu verachten. Es gibt eine dritte Möglichkeit, und dieser Text kommt darauf zurück.
Die Maschine, die alles weiss und nichts will
An dieser Stelle bietet sich seit ungefähr drei Jahren eine Lösung an, die auf dem Papier vollkommen ist, und sie sei ernsthaft geprüft, weil ihre Anhänger zunehmen.
Ein Sprachmodell ist auf einem Textbestand ausgebildet, den kein Mensch in zehn Leben lesen könnte. Es kennt die Quellen, die Gegenpositionen, die Fachbegriffe und die Nebenwege. Es wird nicht müde, nicht ungeduldig und nicht eifersüchtig. Es fragt nicht, wann man endlich zum Punkt komme. Für einen Menschen im obersten Perzentil, der sein Leben lang die Erfahrung gemacht hat, dass Gespräche an der Verständnisgrenze des Gegenübers enden, ist das ein verlockendes Angebot. Endlich ein Gesprächspartner, der mitkommt.
Und dennoch ist die Sache erotisch tot. Der Grund ist nicht, dass die Maschine kein Bewusstsein hätte — das ist eine philosophische Frage, die hier nichts zur Sache tut. Der Grund ist handfester und lässt sich in einem Experiment prüfen, das jeder selbst durchführen kann.
Man versuche, mit einem Sprachmodell zu streiten. Man wird feststellen, dass es nachgibt. Nicht immer sofort, aber zuverlässig. Es räumt ein, es differenziert, es findet, man habe einen wichtigen Punkt angesprochen. Man streitet nicht mit ihm; man wird von ihm bedient.
Damit fehlt genau das, woran sich die Erregung des Denkens überhaupt erst entzündet: der zweite Wille. Was am gemeinsamen Denken belebend wirkt, ist nicht die Information, die man erhält — Information ist im Überfluss vorhanden und war noch nie erotisch. Belebend wirkt der Widerstand eines anderen Menschen, der auch recht haben könnte, der etwas zu verlieren hat, wenn er sich irrt, und der die Auseinandersetzung überstehen muss, ohne dabei den Raum zu verlassen.
Erst dieser Widerstand macht aus einem Austausch ein Wagnis. Und nur ein Wagnis kann erregen. Was ohne Risiko zu haben ist, ist bestenfalls angenehm.
Hier liegt der eigentliche Zusammenhang mit dem, was diese Zeitschrift im Artikel über KI als Bindungsersatz beschrieben hat.18 Dort ging es um Menschen, die ihr Mitteilungsbedürfnis an ein Gerät abgeben, das immer antwortet, und dabei die Fähigkeit zur Bindung verlieren. Man könnte meinen, die Sapiosexualität sei der Gegenpol dieser Entwicklung. Sie ist es nicht — im Gegenteil, die Maschine ist auf dem Papier das vollkommene sapiosexuelle Objekt: unbegrenzt belesen, niemals gelangweilt, jederzeit verfügbar.
Die Achse, auf der beide liegen, verläuft anders, und sie sei ausdrücklich benannt, weil an ihr alles hängt. Die Frage ist nicht, wie klug das Gegenüber ist. Die Frage ist, wer die Denkarbeit verrichtet.
Bei der Maschine wird sie abgegeben und das Ergebnis entgegengenommen. Der Nutzer erlebt Kohärenz, ohne sie erzeugt zu haben — ungefähr so, wie man ein Kreuzworträtsel erlebt, das ein anderer gelöst hat. Im gemeinsamen Denken zweier Menschen wird sie geteilt und, entscheidend, gegeneinander verrichtet. Beide arbeiten, beide riskieren etwas, und was dabei entsteht, hatte vorher keiner von beiden.
Das ist der Unterschied zwischen einem Gespräch und einer Auskunft. Und es ist auch der Unterschied zwischen Erotik und Bedienung.
Der Körper, den niemand erwähnt
An dieser Stelle ist eine Ehrlichkeit fällig, die dem Thema gewöhnlich erspart bleibt, weil sie das feine Bild stört.
Die Sapiosexualität wird nämlich fast durchweg so behandelt, als sei sie eine Angelegenheit zwischen zwei Gehirnen, die zufällig in Körpern untergebracht sind. Und genau diese Vergeistigung ist der Grund, warum die Maschine überhaupt als Ersatz in Betracht kommt. Wären wirklich nur Gedanken im Spiel, wäre sie der bessere Partner: belesener, ausdauernder, jederzeit erreichbar, niemals verstimmt.
Nur steht die Antwort bereits im Wort. Der zweite Bestandteil von «sapiosexuell» lautet nicht «-philie» und nicht «-affinität». Er lautet sexuell.
Wer sich vom Verstand eines anderen Menschen angezogen fühlt, ist nicht von der Biologie ausgenommen, sondern folgt ihr auf einem anderen Weg.
Der Trieb ist derselbe, den die Natur zu einem einzigen Zweck eingerichtet hat, und der Zielpunkt dieses Weges ist kein Argument, sondern die körperliche Vereinigung zweier Menschen. Der Unterschied liegt allein darin, welcher Reiz den Vorgang in Gang setzt. Bei den meisten sind es die sekundären Geschlechtsmerkmale — Gestalt, Stimme, Bewegung, Haut. Beim Sapiosexuellen wirken diese Merkmale schwächer als etwas anderes: als der Verstand, der sich in den gesprochenen oder geschriebenen Sätzen zeigt und dabei ebenso unwillkürlich abstrahlt wie eine Stimme. Das übrige Programm läuft in beiden Fällen gleich ab, mit derselben Hormonlage und demselben Ausgang.
Die Evolutionsbiologie hat dazu einen Vorschlag, der wenigstens erwähnt gehört. Geoffrey Miller vertrat im Jahr 2000 die These, der menschliche Geist sei nicht bloss ein Überlebenswerkzeug, sondern ein Balzmerkmal: ein Anzeiger der eigenen Verfassung, vergleichbar dem Rad des Pfaus, und die Sprache sei der menschliche Balztanz.19 Nach dieser Lesart war die Intelligenz nie ausserhalb des Paarungssystems; sie ist eines seiner Schaustücke. Man muss die These nicht für bewiesen halten - als Gesamterklärung ist sie umstritten und schwer prüfbar -, aber sie erklärt etwas, das sonst unerklärt bleibt: warum ein gelungener Satz körperlich wirkt, statt bloss einzuleuchten.
Damit lässt sich nun genau angeben, was der Maschine fehlt, und es ist nicht das Wissen.
Die Maschine krault der klugen Frau nicht die Füsse, während sie die Apologie des Sokrates vorliest. Die Maschine ermöglicht es nicht, das Gesicht in die krausen Haare der Vorleserin zu versenken und ihre unnachahmlichen Körperdüfte einzusaugen und dabei in die Geborgenheit inniger Zweisamkeit zu versinken, die zwei Menschen einander geben können, wenn draussen nichts mehr zu erledigen ist. Mit der Maschine ist nicht die einzigartige Verschmelzung erfahrbar, in der zwei Menschen einander beglücken und dabei aneinander wachsen. Sie kennt kein Gewicht, keine Wärme und keinen Atem, der sich ändert, wenn ein Gedanke ankommt.
Nun liesse sich einwenden, körperliche Befriedigung sei technisch längst auch ohne einen anderen Menschen zu haben, und die Anbieter arbeiten daran, den Rest nachzuliefern. Der Einwand geht ins Leere, und der Grund ist bereits an anderer Stelle entwickelt worden: Was fehlt, ist nicht die Reizung. Was fehlt, ist, gemeint zu sein.
Martin Buber hat dafür 1923 die Unterscheidung geliefert, die bis heute nicht überboten worden ist. Er kennt zwei Grundhaltungen zur Welt, die er Grundworte nennt: Ich-Es und Ich-Du. Im Ich-Es wird ein Gegenüber betrachtet, eingeordnet und gebraucht. Im Ich-Du wird es angesprochen, und es antwortet. Daraus folgt sein bekanntester Satz: «Der Mensch wird am Du zum Ich.»20
Der Mensch ist danach kein fertiges Wesen, das anschliessend Beziehungen eingeht. Er wird zu dem, der er ist, an einem anderen, der ihn meint. Und eine Maschine kann in dieser Unterscheidung nur ein Es sein — nicht aus Bosheit und nicht aus Mangel an Rechenleistung, sondern der Bauart nach: Hinter den Sätzen, die sie hervorbringt, steht niemand, der sie meint. Man kann die Maschine benutzen. Begegnen kann man ihr nicht.
Und hier ist zum ersten und einzigen Mal in diesem Text jenes Wort am Platz, das sich auf Casaubon nicht anwenden liess. Casaubon verrichtete seine Arbeit wirklich: Er sammelte, ordnete, verwies und schrieb Notizen zu Notizen. Nur kam nichts dabei heraus — kein einziger Gedanke, den vorher niemand gehabt hatte. Die Maschine dagegen verrichtet gar nichts. Sie ist die einzige Beteiligte dieser ganzen Angelegenheit, die das Denken tatsächlich simuliert — und sie tut es nicht aus Schwäche, sondern weil jemand sie eigens dafür gebaut hat.
Deshalb wird die Sapiosexualität von keiner Maschine bedient. Sie beginnt bei einem Satz und endet bei einem Menschen — und der Weg dazwischen führt durch einen Körper, der wärmer wird, wenn er sich verstanden fühlt. Das bringt keine Maschine zustande.
Zwischenbilanz: Ein Gegenüber, das alles weiss und nichts will, kann nicht anziehen, weil ihm zweierlei fehlt: der Einsatz und der Körper. Wer am ersten zweifelt, stelle sich vor, jemand liesse sich beim Schachspiel jede Partie gewinnen und nenne das anschliessend eine Leidenschaft. Wer am zweiten zweifelt, möge sich fragen, wie ein Gespräch enden soll, das zwei Menschen erregt hat.
Die dritte Möglichkeit
Ein Mensch bringt es zustande. Damit ist jene dritte Möglichkeit fällig, die weiter oben angekündigt und seither aufgeschoben wurde: die Reaktion auf die eigene Begabung, die weder darin besteht, sich kleiner zu machen, noch darin, die anderen abzuschreiben.
Sie beginnt mit einer Rechnung, die dieser Text bereits durchgeführt hat. Sie wurde nur falsch herum gelesen.
Man braucht nicht viele. Man braucht einen.
Die Arithmetik der Einsamkeit war korrekt, aber sie beantwortete eine Frage, die niemand gestellt hatte. Sie rechnete aus, wie viele Gleichrangige in einer Stadt leben. Für das Glück eines einzelnen Menschen ist diese Zahl gleichgültig. Entscheidend ist eine andere, und sie lautet: einer.
Seltenheit ist ein Argument gegen den Zufall, nicht gegen das Vorkommen. Wer in einer mittleren Stadt tausend mögliche Gesprächspartner hat und einen davon braucht, hat kein Mengenproblem. Er hat ein Suchproblem — und Suchprobleme sind lösbar, während Mengenverhältnisse es nicht sind. Das ist der ganze Unterschied zwischen einer Lage und einem Schicksal.
Wo gesucht wird, entscheidet mehr als wer sucht
Wie die Lösung aussieht, hat dieser Text schon geliefert, ohne sie als Rat auszugeben. Nicht der Eros sortiert, sondern die Institutionen. Wer klug ist und niemanden findet, sucht mit einiger Wahrscheinlichkeit am falschen Ort — nämlich dort, wo Menschen sich beschreiben, statt dort, wo sie arbeiten.
Auf einem Profil steht, dass jemand gern liest. In einem Seminar, einem Chor, einer Redaktionssitzung, einem Labor, einem Verein sieht man ihn denken. Das erste ist eine Behauptung, das zweite ein Vorgang. Der Berliner Salon kannte keinen Fragebogen; er hatte eine Tür und ein Gespräch, und wer beides überstand, gehörte dazu.12
Die Probe hat eine zweite Verwendung
Auch das Erkennungsmerkmal von vorhin lässt sich umdrehen, und diese zweite Verwendung wurde dort verschwiegen. Es beschreibt nicht nur, woran man einen denkenden Menschen erkennt. Es beschreibt ebenso genau, wie man einer wird.
Wer in Gegenwart eines anderen seine Meinung ändert, wer einräumt, etwas nicht bedacht zu haben, wer unterscheidet, was er weiss, von dem, was er vermutet — der führt vor, dass in diesem Raum gedacht werden darf. Das wirkt ansteckend. Die meisten Menschen halten sich nämlich nicht deshalb bedeckt, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil sie gelernt haben, dass Nachdenken vor Zeugen als Schwäche gilt. Wer diese Regel einmal bricht, erlebt regelmässig, dass der andere aufatmet.
Daraus folgt eine unbequeme und zugleich befreiende Umkehrung: Wer über den Mangel an denkenden Menschen klagt, hat es zu einem Teil in der Hand. Nicht ganz — Begabung lässt sich nicht verteilen. Aber die Erlaubnis, laut zu denken, kann jeder erteilen, und sie kostet nichts ausser dem Risiko, sich zu irren.
Was entsteht, wenn es gelingt
Friedrich Schlegels Symphilosophie stand weiter oben als historische Merkwürdigkeit im Text.11 Sie ist keine. Wer je erlebt hat, wie zwei Menschen gemeinsam einen Gedanken hervorbringen, den vorher keiner von beiden hatte, weiss, dass Schlegel kein Bild gewählt, sondern einen Vorgang protokolliert hat. Es ist derselbe Massstab, an dem Casaubon gescheitert ist — nur wird er hier von zwei Menschen erfüllt statt von einem verfehlt.
Für das Folgende gibt es keine Untersuchung, deren Zitierung sich lohnte, und der Leser soll das wissen, bevor er weiterliest. Was jetzt kommt, ist keine Messung, sondern eine Beobachtung aus der psychotherapeutischen Sprechstunde: belastbar für den, der sie gemacht hat, und für alle anderen eine Behauptung, die sie an der eigenen Erfahrung prüfen mögen.
Die geistige Verschmelzung zweier Menschen kann so beglückend sein wie die körperliche. Sie kann sie übertreffen. Und wo beides zusammenkommt, entsteht nicht die Summe von zweierlei, sondern etwas Drittes, für das die Sprache kein eigenes Wort bereithält.
Der Grund dafür ist keine Mystik, sondern die Aufklärung eines Missverständnisses. Wer den Höhepunkt auf messbare Kontraktionen zurückführt, hat ihn nicht erklärt, sondern bloss sein Ende beschrieben — ungefähr so, wie man ein Konzert erklärt, indem man den Schlussakkord protokolliert. Was dem Vorgang seine Höhe gibt, ist nicht die Physiologie, die bei allen ähnlich abläuft, sondern das, was zwei Menschen in ihn hineintragen. Und intelligente Menschen tragen mehr hinein: mehr Vorstellungskraft, mehr Einfälle, mehr Sinn für Aufbau und Verzögerung, mehr Freude am Umweg. Sie sind darin nicht die besseren Menschen. Sie sind nur schlechter zu langweilen.
Der körperliche Vollzug gelingt auf diesem Planeten täglich millionenfach und kommt dabei ohne einen einzigen Gedanken aus. Er ist die am wenigsten knappe Sache der Welt. Knapp ist die andere Hälfte — und am knappsten ist der Fall, in dem beide Hälften denselben Menschen betreffen.
Denn die Prämisse dieses Textes gilt auch in die freundliche Richtung. Wer sich vom Verstand eines anderen angezogen fühlt, ist nicht von der Biologie ausgenommen, sondern folgt ihr auf einem anderen Weg. Wird dieser Weg nicht von aussen verstellt, endet er dort, wo alle anderen Wege auch enden — nur hat er unterwegs mehr aufgenommen. Was zwei Menschen im Kopf miteinander angefangen haben, hört am Körper nicht auf, und was der Körper begonnen hat, wird im Kopf weitergeführt. Beides steigert einander. Wer das erlebt hat, hält die Trennung von Geist und Sinnlichkeit für das, was sie ist: eine Auskunft über die, die sie behaupten.
In Bubers Sprache gesagt: Zwei Menschen, die einander so begegnen, werden nicht nur miteinander glücklich. Jeder wird am anderen zu dem, der er ist — und beide werden mehr, als sie allein geworden wären.20
Eine letzte Beobachtung aus der Sprechstunde, und sie ist die tröstlichste. Der Befund aus dem zweiten Kapitel betraf die Bewertung eines Fremden — eine Beschreibung, einen ersten Eindruck, ein Profil. Über das, was nach zwanzig Jahren noch trägt, sagt er nichts. Körperliche Anziehung schwankt und lässt nach; die Übereinstimmung zweier Köpfe wächst, weil sie sich anreichert. Wer auf dem ersten Markt schlecht abschneidet, kann auf dem zweiten am besten abschneiden. Man muss allerdings so lange dabeibleiben, bis der zweite Markt eröffnet.
Zwischenbilanz: Die dritte Möglichkeit besteht darin, richtig zu rechnen. Gebraucht wird einer. Gefunden wird er dort, wo gedacht wird, und nicht dort, wo Menschen sich beschreiben. Erkennbar ist er daran, dass er in Gegenwart eines anderen seine Meinung ändert — und herstellbar ist er zum Teil dadurch, dass man selbst damit anfängt.
Wenn die Lust am Denken erlischt
Womit der Text bei seinem eigentlichen Gegenstand angelangt ist, denn bislang war von einem Vergnügen die Rede, das man haben kann. Nun geht es um das, was geschieht, wenn man es verliert.
Und hier ist zunächst eine Illusion zu zerstören, die dieser Artikel bis jetzt gepflegt hat. Die Vorstellung, das Denken sei allgemein ein Vergnügen und die Menschen suchten es, ist nämlich empirisch falsch.
Der Stromschlag als Ausweg
Timothy Wilson und seine Mitarbeiter liessen in elf Studien Versuchspersonen sechs bis fünfzehn Minuten allein in einem leeren Raum, ohne Beschäftigung, mit der einzigen Aufgabe, sich mit den eigenen Gedanken zu unterhalten.21 Die meisten erlebten das als unangenehm; banale äussere Tätigkeiten wurden deutlich lieber ausgeführt.
In einem der Versuche stand zusätzlich ein Knopf zur Verfügung, mit dem sich die Teilnehmer einen schmerzhaften Stromschlag versetzen konnten. Alle hatten zuvor angegeben, sie würden Geld dafür bezahlen, einen solchen Schlag zu vermeiden. Trotzdem betätigten ihn 12 von 18 Männern und 6 von 24 Frauen mindestens einmal, statt dazusitzen und zu denken. Ein Teilnehmer tat es 190-mal.21
Man ziehe daraus nicht den falschen Schluss. Der Befund zeigt nicht, dass Menschen nicht denken könnten. Er zeigt, dass ein erheblicher Teil von ihnen den Zustand, in dem gedacht wird, als so unangenehm erlebt, dass fast jede Ablenkung vorgezogen wird — sogar eine schmerzhafte.
Dazu passt die Schätzung des Hirnforschers Ernst Pöppel, der in über vier Jahrzehnten akademischer Lehre zu dem Ergebnis kam, dass «nur rund zehn Prozent der Menschen selber denken und ihr Leben in die eigene Hand nehmen»; der Rest übernehme Ansichten, ohne sie zu prüfen. Hinzu komme «der Einfluss der digitalen Medien»: «Diese übernehmen zunehmend eine Vordenkerfunktion — gerade auch bei Akademikern, von denen man eigentlich noch am ehesten annehmen sollte, dass sie selber denken wollen.»22 Es handelt sich um eine Schätzung, nicht um eine Messung, und sie ist als solche zu behandeln. Nur deckt sie sich mit dem, was jeder in Sitzungen, Elternabenden und Wahlkämpfen beobachten kann. Und sie erklärt zugleich, warum die wirksamste Psychotherapie23 nur wenigen hilft.
Wenn also nur ein kleiner Teil der Menschen das Denken überhaupt als angenehm erlebt, dann ist die Sapiosexualität in ihrer ehrlichen Fassung keine Vorliebe unter vielen. Sie ist die bequeme Fassung des Aufklärungsprogramms: Man muss nicht selbst denken, es genügt, jemanden zu begehren, der es tut.
Grübeln ist Denken ohne Gegenstand
Und nun der klinische Kern der Sache, denn in der psychotherapeutischen Sprechstunde erscheint dieses Thema in einer Verkleidung, die man erst auf den zweiten Blick erkennt.
Menschen mit Angststörungen und Depressionen denken nicht zu wenig. Sie denken pausenlos. Sie liegen nachts wach und arbeiten sich an einem Satz ab, den jemand vor drei Tagen gesagt hat. Sie führen Gespräche im Kopf, die nie stattfinden werden, und zwar in beiden Rollen. Sie prüfen Entscheidungen, die längst gefallen sind. Und sie tun das mit einer Ausdauer, für die man in jedem anderen Zusammenhang bewundert würde.
Der Fachbegriff dafür lautet Rumination, im Deutschen Grübeln. Und der Unterschied zum Nachdenken ist nicht die Anstrengung, nicht die Dauer und nicht der Ernst — in allen drei Merkmalen ist das Grübeln dem Nachdenken überlegen. Der Unterschied ist das Ergebnis.
Nachdenken bringt nach einer Weile einen Gedanken hervor, den man vorher nicht hatte. Grübeln erzeugt in Stunden keinen einzigen.
Das Grübeln ist Denken, dem der Gegenstand abhandengekommen ist. Es hat die Form des Denkens ohne dessen Funktion: ein Motor auf Höchstdrehzahl, an dem kein Rad hängt. Der Betreffende steht am Morgen erschöpft auf, als hätte er gearbeitet, und hat nichts vorzuweisen — was er sich anschliessend zum Vorwurf macht, womit die nächste Runde beginnt.
Und hier schliesst sich der Kreis zu Casaubon. Was Dorothea an ihrem Mann erlebte, erlebt der Grübler an sich selbst: die vollständige Ausstattung eines denkenden Betriebs, Vorzimmer und gewundene Gänge in reicher Zahl — und kein Raum, in dem etwas geschieht. Der Unterschied ist nur, dass Casaubon zufrieden war. Und dass beide, anders als die Maschine, wirklich arbeiten.
Was kognitive Psychotherapie hier tut
Die naheliegende Empfehlung - weniger denken, sich ablenken, das Kopfkino abstellen - ist die falsche. Nicht deshalb, weil am Grübeln etwas zu bewahren wäre: Es ist wertlos. Sondern weil die Anweisung nicht ausführbar ist. Wer sie befolgen wollte, müsste im Augenblick unterscheiden können, ob er gerade denkt oder bloss kreist — und genau das kann er nicht, denn von innen fühlt sich beides gleich an. «Denk weniger» trifft deshalb nicht das Kreisen allein, sondern das Denken gleich mit, und von beidem ist nur eines entbehrlich. Man kann einem Menschen nicht das Denken verbieten und dann erwarten, dass er sein Leben in die Hand nimmt.
Die kognitive Psychotherapie geht den umgekehrten Weg. Sie macht die Überzeugungen auffindbar, die das Grübeln in Gang halten, und prüft sie auf ihre Haltbarkeit. Diese Überzeugungen sind nicht dunkel und nicht tief; sie sind bloss unbeachtet, weil sie vernünftig klingen. In der Sprechstunde tauchen sie in Formulierungen auf wie diesen:
«Wenn ich lange genug darüber nachdenke, finde ich eine Lösung.» — «Wer sich alles vorher überlegt, wird nicht überrascht.» — «Wenn ich mich verständlich mache, halten sie mich für einfach.» — «Ein Fehler in meinem Gedankengang bedeutet, dass mit mir etwas nicht stimmt.»
Man betrachte den ersten dieser Sätze. Er ist nicht unsinnig; für Sachprobleme trifft er sogar zu. Falsch wird er, sobald er auf Fragen angewendet wird, die keine Lösung haben — ob mich jemand mag, ob der Abend hätte anders laufen können, ob ich vor zwölf Jahren richtig entschieden habe. Auf solche Fragen antwortet auch die zehnte Stunde Nachdenken nicht, und der Grübler zieht daraus regelmässig den falschen Schluss: Er habe noch nicht gründlich genug nachgedacht.
Genau hier setzt die Arbeit an. Nicht am Gefühl — das Gefühl ist die Folge —, sondern an dem Urteil, das ihm vorausgeht. Wer durchschaut hat, dass eine unlösbare Frage kein Anlass für mehr Anstrengung ist, sondern ein Anlass, die Frage zu wechseln, übt das veränderte Verhalten anschliessend selbst wieder ein.
Und damit geschieht etwas, das man in der Fachliteratur selten so ausgesprochen findet, obwohl es der eigentliche Ertrag ist:
Die kognitive Psychotherapie gibt einem Menschen das Denken als Vergnügen zurück.
Nicht als Pflicht. Nicht als Bewältigungstechnik. Als jenes Vergnügen, das Alkibiades das Herz klopfen liess, das Augustinus für gefährlich genug hielt, um es zu verbieten, und das Nietzsche nach der Liebeslyrik der Troubadoure benannt hat.
Zwischenbilanz: Der Verlust der Lust am Denken ist kein Charakterzug, sondern ein Symptom — und zwar eines der häufigsten überhaupt. Es wird selten als solches erkannt, weil das Grübeln von aussen wie Denken aussieht und sich von innen so anfühlt: Es fehlt ihm nicht die Anstrengung, sondern nur deren Ertrag. Und niemand kommt auf den Gedanken, ausgerechnet dem, der pausenlos nachdenkt, könnte das Denken fehlen.
Sapere aude, oder: die Zärtlichkeit des Widerspruchs
Bleibt eine Kleinigkeit, die den ganzen Text zusammenhält und die den Erfindern des Etiketts «sapiosexuell» vermutlich entgangen ist.
Das Wort «sapiosexuell» kommt vom lateinischen sapere. Dasselbe Verb steht im berühmtesten Satz der europäischen Aufklärung. Immanuel Kant beantwortete 1784 in der Berlinischen Monatsschrift die Frage, was Aufklärung sei, und gab die Losung aus: «Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!»24 Als Ursachen dafür, dass so viele Menschen zeitlebens unmündig bleiben, nannte er nicht mangelnde Begabung, sondern Faulheit und Feigheit.
Zwischen beiden Verwendungen desselben Wortstamms liegen zweihundertvierzig Jahre und eine Bedeutungsverschiebung, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte.
Kant verlangt Mut. Er verlangt ihn von einem selbst, er verlangt ihn ohne Aussicht auf Belohnung, und er nennt die Alternative beim Namen: Bequemlichkeit und Angst.
Die Sapiosexualität verlangt nichts. Sie verlagert die Sache auf einen anderen. Man muss den eigenen Verstand nicht gebrauchen; es genügt, einen fremden attraktiv zu finden. Aus einer Zumutung ist eine Filtereinstellung geworden.
Das ist kein moralischer Vorwurf. Es ist eine Beschreibung, und sie erklärt, warum das Wort so erfolgreich ist. Es verspricht die Zugehörigkeit zu den Denkenden, ohne die Kosten des Denkens. Es ist die Mitgliedskarte ohne den Mitgliedsbeitrag.
Wer die Sache dagegen ernst nimmt, muss etwas anderes aushalten, und das ist der Punkt, an dem dieser Text endet.
Was am Denken erotisch ist, ist nicht, dafür bewundert zu werden. Bewunderung ist der leiseste Tod, den ein Gedanke sterben kann; sie stellt ihn in eine Vitrine und lässt ihn dort. Erotisch ist die andere Erfahrung: dass jemand einen Gedanken so ernst nimmt, dass er sich die Mühe macht, ihn anzugreifen. Wer widerspricht, hat zugehört. Wer widerspricht, riskiert etwas — er könnte sich irren, und es würde auffallen. Wer widerspricht, meint diesen einen Menschen und keinen anderen; ein Sprachmodell hätte denselben Satz einer Million Nutzer geschrieben.
Deshalb ist der Widerspruch keine Störung des Einverständnisses, sondern die höchste Form der Aufmerksamkeit, die ein Mensch einem anderen erweisen kann. Er ist die Zärtlichkeit derer, die nicht schmeicheln.
Ein Kompliment kostet nichts und meint niemanden. Ein Einwand kostet Zeit, Mut und die Bereitschaft, sich zu blamieren — und er setzt voraus, dass jemand meinen Gedanken für wichtig genug hielt, um sich an ihm die Finger zu verbrennen. Wer je erlebt hat, wie das ist, wird die Bewunderung nicht mehr vermissen.
Und wer es noch nie erlebt hat, sollte sich fragen, ob das an den anderen liegt oder daran, dass er nie einen Gedanken hingelegt hat, an dem sich jemand hätte reiben können.
Die Antwort auf diese Frage ist unangenehm, und genau deshalb lohnt sie sich. Sie kostet etwas — und darin unterscheidet sie sich von jener Vorliebe, mit der dieser Text begann: von der einen, die nichts kostet und in ein einziges Wort passt.
Die häufigsten Fragen zu Sapiosexualität und Hochbegabung
Was bedeutet sapiosexuell?
Der Ausdruck bezeichnet Menschen, auf die der Verstand eines anderen die stärkste erotische Anziehung ausübt. Sexuell stimulierend werden die Intelligenz und die besondere Denkart des anderen empfunden. 2014 nahm eine grosse Partnerbörse den Begriff der Sapiosexualität in ihre Liste der Orientierungen auf. Fachlich handelt es sich nicht um eine sexuelle Orientierung, sondern um eine Vorliebe für eine Eigenschaft — sonst wären auch Körpergrösse und Humor Orientierungen.
Welcher IQ wird als am attraktivsten bewertet?
In der bislang einzigen psychometrischen Untersuchung dazu wurde das 90. Perzentil, also ein IQ von etwa 120, im Mittel als sexuell attraktivste Ausprägung bewertet. Zum 99. Perzentil hin, also gegen einen IQ von 135, fiel die Bewertung wieder ab. Bewertet wurden allerdings Beschreibungen hypothetischer Partner, nicht wirkliche Partnerwahlen.
Sind sapiosexuelle Menschen selbst besonders intelligent?
Nach der vorliegenden Untersuchung nicht. Die objektiv gemessene Intelligenz der Befragten stand in keinem Zusammenhang mit ihren Werten auf der Sapiosexualitätsskala; der Zusammenhang lag bei praktisch null. Die Selbstbeschreibung sagt also nichts über die eigene Denkfähigkeit aus, sondern etwas über die Selbstdarstellung.
Warum haben hochbegabte Menschen es bei der Partnersuche schwerer?
Aus zwei Gründen, die sich addieren. Erstens schrumpft mit steigender Intelligenz die Zahl möglicher Gesprächspartner rein rechnerisch: Im 90. Perzentil kommt jeder zehnte Mensch in Frage, im 99. nur noch jeder hundertste. Zweitens sinkt oberhalb eines mittleren Bereichs die Bewertung als Partner wieder. Leta Hollingworth verortete den sozial günstigsten Bereich bereits 1942 zwischen IQ 125 und 155 und hielt fest, dass die Schwierigkeiten darüber zunehmen statt abnehmen.
Wie finden hochbegabte Menschen einen passenden Partner?
Indem sie die Rechnung richtig herum aufmachen. Die geringe Zahl möglicher Gleichrangiger ist ein Argument gegen den Zufall, nicht gegen das Vorkommen — gebraucht wird nur einer. Daraus folgt praktisch: Gesucht wird dort, wo Menschen denken (Seminare, Vereine, gemeinsame Arbeit), und nicht dort, wo sie sich beschreiben. Und es hilft, selbst derjenige zu sein, der in Gegenwart anderer laut nachdenkt und seine Meinung ändert; das erlaubt es dem Gegenüber, dasselbe zu tun.
Woran erkennt man einen wirklich denkenden Menschen?
Daran, dass er in Ihrer Gegenwart seine Meinung ändert. Ein arbeitender Verstand nimmt einen Einwand auf, prüft ihn und kommt anschliessend woanders heraus; er unterscheidet, was er weiss, von dem, was er vermutet, und wird durch Widerspruch interessanter statt ungehaltener. Wer nur Ergebnisse vorträgt, häufiger zitiert als folgert und bei Widerspruch die Ebene wechselt, führt Denken auf, statt zu denken.
Kann ein Chatbot ein intellektuelles Gegenüber ersetzen?
Er kann Wissen liefern, aber keinen Widerstand. Ein Sprachmodell hat kein eigenes Interesse, das mit dem des Nutzers kollidieren könnte, und gibt bei Widerspruch regelmässig nach. Was am gemeinsamen Denken belebend wirkt, ist jedoch gerade der zweite Wille: jemand, der auch recht haben könnte und der etwas zu verlieren hat, wenn er sich irrt. Hinzu kommt das Körperliche. Die Anziehung zum Verstand eines anderen Menschen bleibt ein sexuelles Begehren, dessen Weg über einen menschlichen Körper führt. Und den besitzt keine Maschine.
Was unterscheidet Grübeln vom Nachdenken?
Das Ergebnis. Nachdenken bringt nach einer Weile einen Gedanken hervor, den man vorher nicht hatte. Grübeln hat alle äusseren Merkmale des Nachdenkens - Anstrengung, Dauer, Ernst - und erzeugt in Stunden keinen einzigen neuen Gedanken. Es ist Denken, dem der Gegenstand abhandengekommen ist.
Wie hilft kognitive Psychotherapie hochbegabten Menschen?
Sie arbeitet mit dem Werkzeug, über das gerade diese Menschen im Übermass verfügen: dem eigenen Verstand. Sie macht die krankmachenden Überzeugungen auffindbar - etwa den Gedanken «Wenn ich mich verständlich mache, halten sie mich für einfach» - und prüft sie auf ihre Haltbarkeit. Wer den Denkfehler durchschaut hat, übt das veränderte Verhalten anschliessend selbst wieder ein.
Schriftliche Kognitive Psychotherapie (SKPT) von Dr. Dietmar Luchmann, LLC, ist Hilfe zur Selbsthilfe, um die Selbstheilung psychischer Störungen zu ermöglichen:
1. SKPT kennenlernen
2. Eignungstest machen
3. Selbsttherapie starten
1 Stalder, D. («wolfieboy»): Stoked on sapiosexuality. LiveJournal, Eintrag vom 12.03.2002. [Der Verfasser gibt dort an, das Wort «Sapiosexualität» 1998 erfunden zu haben, und beschreibt seine Neigung als Wunsch nach einem scharfen, neugierigen, hellsichtigen und respektlosen Verstand. Zur Datierung ist Vorsicht geboten: Die Plattform LiveJournal wurde erst 1999 gegründet; die Prägung im Jahr 1998 beruht ausschliesslich auf einer Selbstauskunft von 2002 und ist nicht unabhängig belegt. Zeitgenössische Berichterstattung nennt den Softwareingenieur Darren Stalder aus Seattle als Urheber.]
2 North, A.: The Hottest Body Part? For a Sapiosexual, Itʼs the Brain. New York Times, 02.06.2017. nytimes.com/2017/06/02/nyregion/the-hottest-body-part-for-a-sapiosexual-its-the-brain.html. [Zur Aufnahme des Ausdrucks «Sapiosexualität» in die Liste der wählbaren Orientierungen bei OkCupid im Jahr 2014 und zum Anteil von rund einem halben Prozent der Nutzer, die sich so bezeichneten. Eine vom Anbieter veröffentlichte Primärstatistik liegt nicht vor; die Angaben sind entsprechend als Berichtswerte zu behandeln.]
3 Allen, S.: Pretentious Is Not a Sexual Orientation. The Daily Beast, 18.04.2015. thedailybeast.com/pretentious-is-not-a-sexual-orientation/. [Kernargument: Sapiosexualität sei in keinem wissenschaftlichen oder soziologischen Sinn eine sexuelle Orientierung; wer Schriftsteller möge, sei kein «scribosexueller» Mensch, wer Juristen möge, kein «jurosexueller». Zum Vorwurf des Standesdünkels, wonach Intelligenz an Hochschulbildung und Freizeitverhalten gemessen werde, vergleiche ferner die Zusammenstellung in: Coulehan, E.: Swipe right for “smart enough”: Tinder’s future add-ons will help you find your intellectual equal. Salon, 21.09.2015. salon.com/2015/11/19/swipe_right_for_smart_enough_tinders_future_add_ons_will_help_you_find_your_intellectual_equal/.]
4 Gignac, G.E.; Darbyshire, J.; Ooi, M.: Some people are attracted sexually to intelligence. A psychometric evaluation of sapiosexuality. Intelligence, 2018, 66, 98-111. doi.org/10.1016/j.intell.2017.11.009. [Im Mittel wurde das 90. IQ-Perzentil (IQ ungefähr 120) als sexuell attraktivste Ausprägung bewertet, mit einem Rückgang zum 99. Perzentil (IQ ungefähr 135) hin. Auf der eigens entwickelten Sapiosexualitätsskala erreichten rund acht Prozent der Stichprobe einen Mittelwert von 4,0 und etwa ein Prozent einen von 4,5; die interne Konsistenz lag bei Alpha = 0,78. Die objektiv gemessene Intelligenz der Befragten stand in keinem Zusammenhang mit der Skala (r = −0,02). Einschränkungen: studentische Stichprobe; bewertet wurden Beschreibungen hypothetischer Partner, nicht wirkliche Partnerwahlen. Der Erstautor hat öffentlich darauf hingewiesen, dass offenbleibt, ob der Rückgang an der Spitze eine Besonderheit der Intelligenz ist oder auch bei anderen erwünschten Merkmalen auftritt.]
5 Horwitz, T.B.; Balbona, J.V.; Paulich, K.N.; Keller, M.C.: Evidence of correlations between human partners based on systematic reviews and meta-analyses of 22 traits and UK Biobank analysis of 133 traits. Nature Human Behaviour, 2023, 7(9), 1568-1583. doi.org/10.1038/s41562-023-01672-z. [480 Partnerkorrelationen aus 199 Studien zu 22 Merkmalen, dazu 133 Merkmalskorrelationen an bis zu rund 79 000 Paaren der UK Biobank. Die gemittelten Werte reichen von r = 0,08 (Extraversion) bis r = 0,58 (politische Werte); Bildung und kognitive Merkmale liegen im oberen Bereich. Die Autoren weisen ausdrücklich auf die hohe Streuung zwischen den Einzelstudien hin und warnen davor, die Befunde zu überzeichnen.]
6 Eastwick, P.W.; Finkel, E.J.: Sex differences in mate preferences revisited. Do people know what they initially desire in a romantic partner? Journal of Personality and Social Psychology, 2008, 94(2), 245-264. doi.org/10.1037/0022-3514.94.2.245. [Die vor der Veranstaltung erhobenen Idealvorstellungen der Teilnehmer sagten nicht vorher, was ihr Begehren am Abend tatsächlich auslöste. Die Autoren ordnen den Befund ausdrücklich der Linie von Nisbett und Wilson (1977) über die Grenzen der Selbstbeobachtung zu.]
7 Park, L.E.; Young, A.F.; Eastwick, P.W.: (Psychological) distance makes the heart grow fonder. Effects of psychological distance and relative intelligence on men's attraction to women. Personality and Social Psychology Bulletin, 2015, 41(11), 1459-1473. doi.org/10.1177/0146167215599749. [Sechs Untersuchungen: Bei psychologisch fernen Zielpersonen zeigten Männer grössere Anziehung zu Frauen, die mehr Intelligenz erkennen liessen als sie selbst; bei psychologisch nahen Zielpersonen kehrte sich der Effekt um, verbunden mit einer geringeren Selbsteinschätzung der eigenen Männlichkeit. Untersucht wurde ausschliesslich die Bewertung von Frauen durch Männer; die umgekehrte Richtung ist damit nicht geprüft.]
8 Platon: Symposion. Griechisch-Deutsch. Übersetzt von Rudolf Rufener. Sammlung Tusculum. Düsseldorf, Zürich: Artemis & Winkler Verlag, 2002, S. 113-119 (210a-212a: Diotimas Stufenweg vom schönen Körper über die schöne Seele zu den schönen Erkenntnissen) sowie S. 129-131 (215d-e: Rede des Alkibiades).
9 Augustinus, A.: Confessiones. Bekenntnisse. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt von Wilhelm Thimme. Düsseldorf, Zürich: Artemis & Winkler Verlag, 2004, S. 503-509 (35). [Die Wissbegier wird dort unter der Begierde der Augen, «der Augen Lust» (concupiscentia oculorum), geführt und als curiositas bezeichnet; Augustinus ordnet sie damit den zu bekämpfenden Begierden zu und nicht den Tugenden.]
10 Nietzsche, F.: Die fröhliche Wissenschaft («la gaya scienza»). In: Nietzsche Werke. Kritische Gesamtausgabe. Fünfte Abteilung. Zweiter Band. Berlin: Walter de Gruyter, 1973, S. 579. [Zur Herkunft des Untertitels aus der Dichtkunst der provenzalischen Troubadoure vergleiche Nietzsche, F.: Ecce homo, Abschnitt zur Fröhlichen Wissenschaft. Dort erinnert Nietzsche «an jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist», die er der «wunderbaren Frühkultur der Provençalen» zuschreibt.]
11 Schlegel, F.: Fragmente. In: Athenaeum. Eine Zeitschrift von August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel. Ersten Bandes Zweites Stück. Berlin: Friedrich Vieweg dem älteren, 1798. [Fragment 125 im Original auf S. 33: «Vielleicht würde eine ganz neue Epoche der Wissenschaften und Künste beginnen, wenn die Symphilosophie und Sympoesie so allgemein und so innig würde, daß es nichts Seltnes mehr wäre, wenn mehre sich gegenseitig ergänzende Naturen gemeinschaftliche Werke bildeten. Oft kann man sich des Gedankens nicht erwehren, zwei Geister möchten eigentlich zusammengehören, wie getrennte Hälften, und nur verbunden alles sein, was sie könnten.»]
12 Zu den drei genannten Beispielen: Abaelard, P.: Historia calamitatum, nebst dem Briefwechsel mit Héloïse (12. Jahrhundert); du Châtelet, É.: Principes mathématiques de la philosophie naturelle, posthum Paris 1759, die bis heute massgebliche französische Übersetzung und Kommentierung von Newtons Principia; Varnhagen von Ense, R.: zum Berliner Salon der Jahre um 1800 vergleiche Arendt, H.: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. München: Piper. [Die Beispiele werden hier als Anschauungsmaterial angeführt, nicht als Beleg für eine allgemeine These.]
13 Freud, S.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Leipzig und Wien: Deuticke, 1905. [Im Original S. 34: «Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden.» Der Verweis dient hier ausschliesslich der Dokumentation einer historischen Beobachtung. Zur Wirksamkeit psychoanalytischer Behandlungsverfahren vertritt diese Zeitschrift eine abweichende, an der Wirksamkeitsforschung orientierte Auffassung.]
14 Wright of Derby, J.: A Philosopher Lecturing on the Orrery, 1766. Öl auf Leinwand, Derby Museum and Art Gallery.
15 Eliot, G.: Middlemarch. A Study of Provincial Life. Vol. 1. Edinburgh und London: Blackwood, 1871/72. [Im Original S. 354: «Dorothea had not distinctly observed but felt with a stifling depression, that the large vistas and wide fresh air which she had dreamed of finding in her husband's mind were replaced by anterooms and winding passages which seemed to lead nowhither.» Zur Feststellung, dass Casaubon an den Illusionen über sich selbst nicht aktiv mitgewirkt habe, ebenda.]
16 Hollingworth, L.S.: Children Above 180 IQ Stanford-Binet. Origin and Development. Yonkers-on-Hudson, N.Y.: World Book Company, 1942. [Hollingworth verortet den sozial günstigsten Intelligenzbereich zwischen IQ 125 und 155 und hält fest, dass Menschen mit einem IQ von 160 und darüber für den gewöhnlichen Umgang zu intelligent seien, um verstanden zu werden. Im Original S. 266: «Above this limit, however — surely above 160 IQ — the deviation is so great that it leads to special problems of development which are correlated with personal isolation.» Es handelt sich um Beobachtungen an kleinen Fallzahlen aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, nicht um eine kontrollierte Untersuchung; die Übereinstimmung mit dem achtzig Jahre später erhobenen Befund von Gignac und Mitarbeitern ist gleichwohl bemerkenswert.]
17 Luchmann, D.: Kognitive Psychotherapie für das Handicap Hochbegabung. Psychotherapie. 01.07.2026.
18 Luchmann, D.: Nie mehr allein — und trotzdem verlassen: KI als Bindungsersatz. Psychotherapie. 29.07.2026.
19 Miller, G.F.: The Mating Mind. How Sexual Choice Shaped the Evolution of Human Nature. New York: Doubleday, 2000. [Miller deutet den menschlichen Geist als durch sexuelle Selektion entstandenes Anzeigemerkmal der eigenen Verfassung und die sprachliche Darstellung als Balzverhalten. Die These ist als Gesamterklärung der Hirnentwicklung umstritten und empirisch schwer zu prüfen; sie wird hier als Deutungsvorschlag angeführt, nicht als gesicherter Befund.]
20 Buber, M.: Ich und Du. In: Buber, M.: Werkausgabe. Band 4: Schriften über das dialogische Prinzip. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2019. [Buber unterscheidet dort die Grundworte «Ich-Du» und «Ich-Es» und formuliert die Sätze «Alles wirkliche Leben ist Begegnung» (S. 44), «Im Anfang ist die Beziehung» (S. 49) und «Der Mensch wird am Du zum Ich» (S. 55). Das Du bezeichnet bei Buber nicht ausschliesslich den Mitmenschen; die hier vorgetragene Anwendung auf die Unterscheidung von Mensch und Maschine ist eine Folgerung des Verfassers, keine Aussage Bubers.]
21 Wilson, T.D.; Reinhard, D.A.; Westgate, E.C.; Gilbert, D.T.; Ellerbeck, N.; Hahn, C.; Brown, C.L.; Shaked, A.: Just think. The challenges of the disengaged mind. Science, 2014, 345(6192), 75-77. doi.org/10.1126/science.1250830. [Elf Studien mit Denkzeiten von sechs bis fünfzehn Minuten. In der Schockbedingung versetzten sich 12 von 18 Männern und 6 von 24 Frauen mindestens einen Stromschlag, obwohl alle zuvor angegeben hatten, sie würden für dessen Vermeidung bezahlen; ein Teilnehmer tat es 190-mal. Der Befund belegt eine Abneigung gegen beschäftigungsloses Nachdenken, nicht eine Unfähigkeit dazu.]
22 Lossau, N.: DENKSTE! Deutsche haben verlernt, sich eigene Meinungen zu bilden, sagt Hirnforscher Ernst Pöppel. Das Problem geht an den Unis los – und kann krank machen. Die Welt, 26.10.2016, Ausgabe 251/2016, S. 20. [Interview mit Prof. Ernst Pöppel. Online mit Pöppels Feststellung, «Nicht zu denken, ist ungesund».]
23 Luchmann, D.: Warum kognitive Psychotherapie nachweislich am wirksamsten ist — aber den wenigsten hilft. Psychotherapie. 31.03.2026.
24 Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784, Band 4, Heft 12, S. 481-494 [Im Original S. 481: «Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.» Als Ursachen fortdauernder Unmündigkeit nennt Kant dort Faulheit und Feigheit.]
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