Die Bilanz der Ich-Gesellschaft
Was das Interview im Jahr 2001 noch tastend «Ich-Gesellschaft» und «Wettbewerb der Egoisten» nannte, hat die Soziologie inzwischen präzise kartiert. Andreas Reckwitz beschreibt die Gesellschaft der Singularitäten, in der das Besondere zur Pflicht geworden ist und der eigene Lebensentwurf zum Kunstwerk, das keine Kompromisse duldet. Inzwischen sind die Singularitäten mit der «Desillusionierung der Utopie des persönlichen Glücks» konfrontiert.1
Eva Illouz seziert eine Beziehungskultur, deren Grundoperation nicht mehr das Binden ist, sondern das Entbinden — die Freiheit zum jederzeitigen, begründungsfreien Ausstieg.2 Und Eli Finkel zeigt, wie die Ehe mit Selbstverwirklichungsansprüchen überfrachtet wurde, bis sie unter der Last erstickt: Der Partner soll heute leisten, wofür früher ein ganzes Dorf zuständig war — Geliebter, bester Freund, Therapeut, Coach und Publikum in einer Person.3
Wer das Interview liest, wird feststellen, dass dessen Diagnose - Selbstverwirklichung, zur Tugend erhoben, gebiert «krankhaften Egoismus» und endet in Vereinsamung - Finkels Befund um sechzehn Jahre vorwegnimmt.
Die Zahlen zur Ernte der Singularisierung sind amtlich. In der Schweiz enden rund zwei von fünf Ehen vor dem Scheidungsrichter4 — und immer weniger schliessen überhaupt noch eine. In Deutschland bestehen 41,6 Prozent aller Haushalte nur noch aus einer einzigen Person — der Einpersonenhaushalt ist damit die häufigste Haushaltsform; auf die Bevölkerung gerechnet lebt jeder fünfte Bewohner des Landes allein.5
Epidemie der Einsamkeit und sozialen Isolation
Die Folgen hat inzwischen die oberste Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten zur «Epidemie»6 erklärt: Einsamkeit und soziale Isolation «können das Risiko eines vorzeitigen Todes ebenso stark erhöhen wie das Rauchen von bis zu 15 Zigaretten pro Tag.»6 Braucht es da nicht einen Warnhinweis analog zur Zigarettenpackung: «Chronische Einsamkeit kann tödlich sein»?
Darüber hinaus stellt der U.S. Surgeon General, der oberste Gesundheitsberater der US-Regierung, fest, sind Einsamkeit und "unzureichende soziale Bindungen [...] mit einem erhöhten Risiko für Angstzustände, Depressionen und Demenz verbunden".6
Man lese vor diesem Hintergrund den Satz, den der Psychotherapeut 2001 der MAX-Redaktion gab: «Immer mehr Menschen sind in ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit sehr einsam.» Das war keine Meinung. Das war eine Prognose, und sie ist eingetroffen — mit Ansage und amtlichem Stempel.
Es geht dabei um mehr als privates Unglück. Hannah Arendt hat gezeigt, dass die «Ängste moderner Menschen in dem Dschungel einer atomisierten Gesellschaft» der Boden sind, auf dem totale Herrschaft gedeiht — der vereinzelte Mensch, der niemandem mehr vertraut, ist der ideale Untertan.7 Das Vertrauen zwischen zwei Menschen ist darum im Wortsinn fundamental: zuerst für das Fundament der Partnerschaft, dann für das der Familie und am Ende für das der freien Gesellschaft. Wer es preisgibt, verliert mehr als eine Beziehung.
Was Paare tatsächlich glücklich macht
Die Gegenrechnung liefert die längste Studie, die die Psychologie besitzt. Seit 1938 verfolgt die Harvard Study of Adult Development das Leben von Hunderten Männern und inzwischen ihrer Nachkommen — und ihr Befund ist von entwaffnender Schlichtheit: Nicht Reichtum, Ruhm oder Leistung sagen ein gesundes, zufriedenes Leben voraus, sondern die Qualität der engen Beziehungen. Ihr Studienleiter Robert Waldinger fasst 85 Jahre Daten in zwei Sätzen: «Gute Beziehungen halten uns glücklicher und gesünder. Punkt.»8
Und die Paarforschung hat vermessen, woran Beziehungen zerbrechen: John Gottman identifizierte die Verachtung als den stärksten Einzelprädiktor der Scheidung und beschrieb die stabile Ehe als ein emotionales Konto, auf das laufend mehr eingezahlt als abgehoben werden muss.9 Der Leser des nachfolgenden Interviews wird dieses Konzept unter dem Namen «Beziehungskonto» wiederfinden — samt der Empfehlung, stets ein wenig mehr einzuzahlen, als man entnimmt.
Neu ist an alledem nichts; neu ist nur, dass es wieder bewiesen werden musste. Erich Fromm bestimmte die Liebe als eine Kunst, die wie jede Kunst Wissen und Anstrengung verlangt — nicht als ein Gefühl, in das man fällt, sondern als eine Tätigkeit, in der man sich übt: «Ist Lieben eine Kunst? Wenn es das ist, dann wird von dem, der diese Kunst beherrschen will, verlangt, daß er etwas weiß und daß er keine Mühe scheut.»10
Søren Kierkegaard ging einen Schritt weiter: Erst wo das Lieben Pflicht ist, ist die Liebe gegen jede Veränderung gesichert — gegen die Launen des Gefühls, das heute schwört und morgen kündigt: «Nur wenn das Lieben eine Pflicht ist, nur dann ist die Liebe für immer vor jedem Wandel geschützt, für immer in seliger Unabhängigkeit befreit, für immer und glücklich vor Verzweiflung bewahrt.»11
Rainer Maria Rilke nannte das «Liebhaben von Mensch zu Mensch [...] vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist» — und beschrieb die gelungene Verbindung als jenen Zustand, den wir «ringend und mühsam vorbereiten, der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen».12
Saint-Exupéry schliesslich fasste das Zueinander in das Bild, «dass Lieben nicht bedeutet, einander anzusehen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung zu blicken».13 Das ist exakt die Bewegung, um die es geht: Partner, die sich zueinander entwickeln statt auseinander — nicht weil der Zeitgeist es belohnt, sondern weil alles andere nachweislich unglücklich macht.
Das Interview verdichtet diese ganze Erkenntnis in einen einzigen Satz:
«Die Liebe ist deshalb das einzige Gut, das wächst, wenn man es verschwendet.»
Beziehungskrisen sind Denkfehler-Krisen
Bleibt die Frage, was zu tun ist, wenn das Fundament Risse zeigt — nach einem Seitensprung, in der schleichenden Entfremdung, im Dauerstreit. Die Antwort der kognitiven Psychotherapie stammt von ihrem Mitbegründer selbst: Aaron Beck hat mit «Love Is Never Enough» gezeigt, dass Paare nicht an ihren Gefühlen scheitern, sondern an ihren Denkfehlern — am Gedankenlesen («Er müsste doch wissen, was ich brauche»), an stillen, nie ausgesprochenen Erwartungen, an der Katastrophisierung jeder Kritik zur Grundsatzfrage und an jener Enttäuschung, die nichts anderes ist als das erwachsene Kind der anfänglichen Idealisierung.14 Genau das beschreibt das Interview als die «Beziehungskonzepte», die jeder Partner aus seiner Lerngeschichte mitbringt und die zusammenzuführen die eigentliche Arbeit der Liebe ist.
Kognitive Paartherapie
Kognitive Paartherapie ist deshalb keine Beziehungssimulation mit wöchentlichem Aussprache-Abonnement, sondern Instruktion: Beide Partner lernen, ihre Interpretationen zu prüfen, ihre Denkfehler zu erkennen und selbst zu korrigieren — das veränderte Verhalten zueinander folgt dem veränderten Denken übereinander, ohne dass es vom Psychotherapeuten trainiert werden müsste.15
Schriftliche Kognitive Psychotherapie (SKPT) von Dr. Dietmar Luchmann, LLC, ist Hilfe zur Selbsthilfe, um die Selbstheilung psychischer Störungen zu ermöglichen:
1. SKPT kennenlernen
2. Eignungstest machen
3. Selbsttherapie starten
Wer als Paar - oder als Einzelner nach einer Trennung, in der Einsamkeit, auf der Suche - diesen Weg gehen will, dem stehen dafür die drei Formate für die kognitive Psychotherapie offen, von der schriftlichen über die Video- bis zur Präsenzform. Eine Beziehungskrise ist kein Urteil. Sie ist, wie es im Interview heisst, ein Prüfstein für die Lernfähigkeit der Partner — und Lernen ist exakt das, was sich anleiten lässt.
1 Reckwitz, A.: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp, 2017, S. 439.
2 Illouz, E.: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Berlin: Suhrkamp, 2018.
3 Finkel, E.J.: The All-or-Nothing Marriage. How the Best Marriages Work. New York: Dutton, 2017.
4 Bundesamt für Statistik (BFS): Scheidungshäufigkeit. [Zusammengefasste Scheidungsziffer 2024: 39,8 Prozent.]
5 Statistisches Bundesamt (Destatis): Mikrozensus 2024. [17 Millionen Einpersonenhaushalte; 41,6 Prozent aller Privathaushalte; 20,6 Prozent der Bevölkerung leben allein.]
6 Office of the U.S. Surgeon General: Our Epidemic of Loneliness and Isolation. The U.S. Surgeon General's Advisory on the Healing Effects of Social Connection and Community. Washington, DC, 2023. [Im Original S. 8: «Lacking social connection can increase the risk for premature death as much as smoking up to 15 cigarettes a day. In addition, poor or insufficient social connection is associated with increased risk of disease, including a 29% increased risk of heart disease and a 32% increased risk of stroke. Furthermore, it is associated with increased risk for anxiety, depression, and dementia.»]
7 Arendt, H.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Band II: Imperialismus. Frankfurt: Ullstein, 1975, S. 176.
8 Waldinger, R.; Schulz, M.: The Good Life. Lessons from the World's Longest Scientific Study of Happiness. New York: Simon & Schuster, 2023. [Im Original S. 10: «Good relationships keep us happier and healthier. Period.»]
9 Gottman, J.M.: Why Marriages Succeed or Fail. New York: Simon & Schuster, 1994.
10 Fromm, E.: Die Kunst des Liebens. In: Erich Fromm Gesamtausgabe. Band IX: Sozialistischer Humanismus und Humanistische Ethik. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1981, S. 440.
11 Kierkegaard, S.: Kierkegaard's Writings, Vol. XVI: Works of Love. Princeton, N.J.: Princeton University Press, 1995. [In der englischen Übersetzung von Hong auf S. 29: «"You shall love." Only when it is a duty to love, only then is love eternally secured against every change, eternally made free in blessed independence, eternally and happily secured against despair.»]
12 Rilke, R.M.: Briefe an einen jungen Dichter. Leipzig: Insel, 1929. [Brief vom 14. Mai 1904 an Franz Xaver Kappus; Zitate im Originalwortlaut, S. 37 und 43.]
13 Saint-Exupéry, A. de: Terre des hommes. Paris: Gallimard, 1939. [Im Original S. 198: «Liés à nos frères par un but commun et qui se situe en dehors de nous, alors seulement nous respirons et l’expérience nous montre qu'aimer, ce n'est point nous regarder l'un l'autre, mais regarder ensemble dans la même direction.»]
14 Beck, A.T.: Love Is Never Enough. How Couples Can Overcome Misunderstandings, Resolve Conflicts, and Solve Relationship Problems Through Cognitive Therapy. New York: Harper & Row, 1988.
15 Luchmann, D.: Kognitive Verhaltenstherapie und kognitive Psychotherapie — der Unterschied. Psychotherapie. 04.06.2026.
Das nachfolgende Interview führte die Redakteurin Stefanie Hellge vom Lifestyle-Magazin MAX mit Dietmar Luchmann für ein Themenheft über den «Volkssport Seitensprung»; es erschien zuerst am 26. Juli 2001 in MAX, Heft 16/2001, Seite 32. Das Interview wird im Original wiedergegeben — einschliesslich der damaligen Rechtschreibung und Begrifflichkeit. Der szenische Vorspann der MAX-Redaktion ist durch eine redaktionelle Zusammenfassung ersetzt.
Warum wir nicht treu sein können — Volkssport Seitensprung
MAX
(Heft 16/2001), Seite 32
Psychologie von Untreue und Seitensprung
Für ein Themenheft über das Phänomen «Volkssport Seitensprung» führte Stefanie Hellge von der Redaktion des Monatsmagazins MAX ein Interview mit dem Diplom-Psychologen, Psychotherapeuten und Paartherapeuten Dietmar Luchmann von der Angstambulanz am Institut für kognitive Psychotherapie und Verhaltenstherapie in Stuttgart.
Das Interview, das in dem am 26.07.2001 erschienenen Heft 16/2001 von MAX, Seite 32, erstmals veröffentlicht wurde, trug den Titel der von Dietmar Luchmann zum Thema explizit vertretenen Position:
«Vertrauen ist das Fundament der Partnerschaft»
Der szenische Vorspann der MAX-Redaktion zeichnete das Sittenbild jenes Sommers: Boris Becker sei nicht allein — die meisten nähmen es mit der Treue und Loyalität zum Partner nicht so genau; Fremdgehen gelte als Kavaliersdelikt, mit Skandal oder privater Katastrophe rechne kaum jemand, man lasse sich einfach nicht erwischen. Als Anschauung diente die präzise getaktete Mittagspause eines gewissen Martin, der im Stundenhotel bereits von der «Gattin» erwartet wird, die nicht die seine ist — der Champagner kaltgestellt, um 14.30 Uhr zurück im Büro. Vor diesem Panorama stellte die Redaktion ihre Fragen an den Paartherapeuten.
Das Interview
Stefanie Hellge: Viele Psychotherapeuten sehen in einem Seitensprung ein eindeutiges Indiz für ein Problem in der bestehenden Partnerschaft. Welche Probleme sind das in der Regel?
Dietmar Luchmann: In die Partnerschaft tritt ein Paar mit Beziehungskonzepten ein, die sehr verschieden sein können. Jeder Partner bringt seine in der individuellen Lerngeschichte erworbenen Erfahrungen, Erwartungen und Kompetenzen in Bezug auf eine enge menschliche und sexuelle Beziehung mit. Wo die Liebe hinfällt, wird indes zunächst nicht die naturgemäße Unvollkommenheit des anderen gesehen, sondern der Partner wird anhand einzelner Eigenschaften idealisiert. Im alltäglichen Zusammenleben weicht die anfängliche Verliebtheit einer zunehmenden Vertrautheit. Dann treten auch die Schwächen deutlich hervor. Die des anderen ebenso wie die eigenen. Für Schwächen und Fehler haben die meisten Menschen seit ihrer Kindheit Abwertung erfahren. Beginnt ein Partner nun die Schwächen des anderen anzusprechen und auf Veränderung zu drängen, so reagieren viele wieder wie früher — tief verletzt. Deshalb vermeiden viele Menschen auch in der Partnerschaft, sich mit ihren Schwächen auseinander zu setzen und Fehler als Chance zur gemeinsamen Entwicklung zu begreifen. Sie haben nicht gelernt, durch offene und konstruktive Gespräche ihre Bedürfnisse mitzuteilen und durch beständige gemeinsame Arbeit an sich selbst ihre unterschiedlichen Beziehungskonzepte zusammenzuführen. Begegnet ein über die Unzulänglichkeiten seiner Beziehung frustrierter Mensch in diesem Moment einem anderen, der genau das zu haben scheint, was er bei dem eigenen Partner vermisst, so erscheint der Seitensprung eine einfache und bequeme Lösung. Das eigene Beziehungskonzept kann scheinbar ohne Veränderung aufrecht erhalten werden.
Sie betrachten den Seitensprung als eine Folge mangelhafter Kommunikation und fehlender Beziehungsarbeit?
Luchmann: Ja, das sind mehrheitlich die Gründe, an denen Paare scheitern. Aber ein Kommunikationsstil, der wechselseitige Anerkennung, respektvolle Aufrichtigkeit und tiefe Zuneigung praktiziert und dem Partner das eigene Erleben, Befinden und Fühlen transparent macht, lässt sich lernen. Oft werden jedoch Interaktionsmuster und Kommunikationsstile aus der Ich-Gesellschaft in die Paarbeziehung übertragen und zerstören die Grundlagen von Nähe, Geborgenheit und Rückhalt, die mit der Partnerschaft verknüpft werden. Paare, die scheitern, haben häufig übersehen, dass eine erfolgreiche Partnerschaft davon lebt, kein Wettbewerb der Egoisten zu sein, sondern in den Stürmen des Lebens vielmehr Halt und Wärme zu geben. Die Liebe ist deshalb das einzige Gut, das wächst, wenn man es verschwendet. Die grenzenlose Gier der modernen Gesellschaft nach Genuss erweckt leicht den Eindruck, Treue und Beständigkeit der monogamen Beziehung taugten lediglich als Entschuldigung der Einfältigen. Das Gegenteil ist richtig: Immer mehr Menschen sind in ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit sehr einsam. Wer sexuelle Highlights will und den Partner für seine Bedürfnisse gewinnt, mit dem bereits eine tragfähige und bewährte Beziehung verbindet, hat langfristig die besseren Chancen, glücklich zu sein, als nach dem Seitensprung von vorn anzufangen. Eine innige und befriedigende Paarbeziehung ist ein durch beständige Beziehungsarbeit erworbenes großes Glück.
Gibt es auch Seitensprünge, die einfach passieren und mit der bestehenden Partnerschaft nichts zu tun haben?
Luchmann: Durchaus. Das ist der Konflikt zwischen den Ansprüchen einer Hochkultur und den realen Individuen, deren Verhalten noch oft durch einfachste Schlüsselreize hormonal gesteuert wird. Davon lebt nicht nur die Werbung mit dem Prinzip «Sex sells». Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass unsere kurze Kulturzeit nicht immer Millionen Jahre biologische Entwicklung kompensieren kann, die Männer und Frauen lustbetont gleichermaßen orientierte, möglichst viele Nachkommen zu zeugen. So unterschätzen sie im Bereich Sex ihre Anfälligkeit, nach biologisch vorgegebenen Verhaltensmustern zu reagieren. Die Psychoanalytiker, die regelhaft ihre Patientinnen sexuell missbrauchen, belegen diese Diskrepanz zwischen dem Schein und der Wirklichkeit in ihrer unerfreulichsten Form. Diese Mechanik ist mit dem derben Satz gemeint: Wenn der Schwanz steht, schaltet das Hirn ab.
Kann man unterscheiden in «gute» Seitensprünge und «schlechte»? Ist z. B. ein Seitensprung mit einem Fremden, wo es nur um Sex ging, ein «guter» und Sex mit jemanden, den man auch als Mensch gern hat, ein «schlechter»?
Luchmann: Eine solche Bewertung ist nicht hilfreich. Es gibt zwar Paare, die sich einvernehmlich ein bestimmtes Maß an sexueller Freizügigkeit zugestehen. Wenn beide Partner die vereinbarten Regeln respektieren, kann eine solche Beziehung ungeachtet der gesundheitlichen Risiken im Aids-Zeitalter sehr gut und befriedigend funktionieren. In einer offenen Beziehung mag auch eine gemeinsame Freundin, ein gemeinsamer Freund oder ein befreundetes Paar einvernehmlich zur sexuellen Bereicherung beitragen. In allen anderen Fällen wird jede Art von Seitensprung als ein tatsächlicher Treuebruch die Bindung jedoch nachhaltig in Frage stellen. Für die meisten Menschen besteht Liebe heute in der Ausschließlichkeit, den Partner nicht teilen zu müssen. Im Gegensatz zu diesem Anspruch lassen die erotische Attraktivität und die sexuelle Aktivität in einer Beziehung mit der Zeit oft nach. Zudem praktizieren die meisten Paare entgegen dem Eindruck in manchen Medien eher schlichten Hausmannssex. Je weniger ein Paar das unvermeidliche sexuelle Spannungsfeld zwischen dem Innen und dem Außen wahrnimmt und gestaltet, in dem sich jede langfristige Paarbeziehung bewegt, umso größer wird die Erschütterung sein, wenn der Fall eingetreten ist, dass ein Partner entgegen der erwarteten Treue und Ausschließlichkeit seiner «biologischen Steuerung» erlegen ist. So kann allenfalls der Umgang mit dem Seitensprung in einer Weise erfolgen, die für die Beziehung «gut» oder «schlecht» ist.
Im Interview mit der «Welt am Sonntag» sprachen Sie über die Wichtigkeit des Beichtens. Warum ist Beichten für das Fortführen der bestehenden Partnerschaft so wichtig?
Luchmann: Ein Seitensprung verändert eine Beziehung gravierend. Für den, der ihn begangen hat, ebenso wie für den, der hintergangen worden ist. Der eine weiß es, der andere kann es zumeist spüren. So wenig wie ein Autoliebhaber bei seinem besten Stück plötzliche Motoraussetzer ignorieren würde, so wenig sollte ein Seitensprung übergangen werden. Das Geschehen signalisiert einen ernsten Konflikt in der Partnerschaft, an dem zu arbeiten zwingend erfordert, den Partner einzubeziehen. Dieser wird die Tragweite der Beziehungskrise oft erst erkennen können, wenn ihm der Seitensprung offenbart wird. Wird das aktuelle Geschehen und der zugrunde liegende Konflikt nicht von beiden gemeinsam aufgearbeitet, kann die Beziehung langsam von innen heraus zersetzt werden. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass eine Paarbeziehung umso eher auseinander bricht, je häufiger Auseinandersetzungen stattfinden. Entscheidend ist vielmehr die Art und Weise wie konstruktiv mit Fehlern und Konflikten umgegangen wird und wie unvermeidbare Verletzungen durch Liebe und Leidenschaft ausgeglichen werden.
Ist es in bestimmten Fällen nicht besser, einfach den Mund zu halten?
Luchmann: Kaum. Auch wenn manche Ratgeber das Verschweigen bevorzugen — ich empfehle respektvolle Offenheit statt Selbsttäuschung. Sex ist ein natürliches Verlangen wie Essen oder Trinken, dessen Befriedigung wir bedürfen und mit dem wir lernen können in sachgerechter und partnerschaftlicher Weise umzugehen. Viele Probleme entstehen daraus, dass die Sexualität und die Paarbeziehung idealisiert werden. Dies zu erkennen und ein realistisches Beziehungskonzept zu erarbeiten, mag vorübergehend schmerzhaft sein, ist aber für eine im Grundsatz tragfähige Beziehung immer ein Gewinn. Natürlich kann es Konstellationen geben, in denen ein Partner durch Krankheit oder Behinderung die sexuellen Bedürfnisse des anderen nicht mehr zu befriedigen vermag. Wenn ein Partner den anderen pflegt und gleichwohl Sex außerhalb dieser Beziehung praktiziert ist vorstellbar, dass wechselseitiges Vertrauen und gegenseitige Achtung ein Paar zu einem Arrangement führen kann, das Einvernehmen herstellt, ohne durch Details zu belasten oder zu verletzen.
Wie können Paare den Vertrauensbruch bewältigen?
Luchmann: Eine Krise bedeutet nicht das Ende der Beziehung. Auch der vermeintliche Traumpartner hat nicht nur Stärken, sondern ebenso Schwächen. Die Probleme mit ihm wären vielleicht nicht dieselben, aber gewiss andere. Jedes Paar besteht stets aus zwei eigenständigen Menschen mit jeweils unterschiedlicher Lerngeschichte, Weltsicht und Bedürfnislage. Das Paar kann die Krise nutzen, sich über diese Schwächen auseinander zu setzen, ohne immer gleich verletzt, mit Rückzug oder Verweigerung zu reagieren. Es ist wichtig, sich wechselseitig so öffnen und betrachten zu lernen, dass jeder dem anderen helfen kann, seine Schwächen zu überwinden. Das erfordert Mut, Offenheit, Geduld und Einfühlungsvermögen in die Lage des anderen. Es ist unverzichtbar, sich Zeit zu nehmen, sich wechselseitig zuzuhören. Keinesfalls hilfreich sind Kritik, Abwertung und Rechtfertigung. Eine Schuldzuweisung bringt nicht wirklich weiter. Ein Paar kann sich in dieser Situation sinnvoll nur die Frage stellen: Was können wir aus dem Geschehen für die Zukunft lernen? Dabei sind Aufrichtigkeit und Offenheit der Schlüssel zum Vertrauen des Partners, der zu entscheiden hat, ob er den Vertrauensbruch verzeihen kann. Insofern ist die Krise ein Prüfstein für die Lernfähigkeit der Partner und den Wert der Beziehung. Oft sind sie später froh, um ihre Beziehung gekämpft zu haben.
Die meisten Seitensprünge sind nicht geplant, man gerät in eine Situation und muss sich entscheiden: Soll ich oder soll ich nicht. Viele Menschen hätten sicher gern eine Art Leitfaden. Gibt es Kriterien, wo man davon ausgehen kann, jetzt und mit diesem Menschen ist ein Seitensprung eine ganz schlechte Idee?
Luchmann: Ich halte jeden Seitensprung, der den Partner hintergeht, für eine schlechte Idee. Vertrauen ist das Fundament und das kostbarste Gut jeder Partnerschaft. Der kurze Gewinn an Lust und Illusion steht zu den Risiken eines nicht mehr behebbaren Vertrauensverlustes in keiner vernünftigen Relation. Zwar leben wir in einer Zeit, die Selbstverwirklichung zur Tugend erhebt. Daraus resultiert für viele ein krankhafter Egoismus. Selbstverwirklichung auf Kosten des Partners tötet aber auf Dauer jede Beziehung und führt letztendlich zur Vereinsamung. Reife Menschen werden die Verantwortung ihrem Partner gegenüber immer auch als Verantwortung für sich selbst betrachten. Mit dem Sex ist es nicht anders als mit den Kirschen in Nachbars Garten: Wenn man sie stiehlt, bekommt man Schrotkugeln in den Hintern, wenn man darum bittet, bekommt man manchmal die schönsten Kirschen geschenkt.
Welche Vermeidungsmöglichkeiten gibt es? Allein die Tatsache, dass man für eine Partnerschaft auch Opfer bezüglich des eigenen Egos (in diesem Fall: Sex mit jemand anderem) bringen muss, hilft oft nicht wirklich.
Luchmann: Ein Seitensprung ist ebenso wenig völlig auszuschließen wie ein Verkehrsunfall, es sei denn, man verzichtet völlig darauf, am Leben teilzunehmen. Die Statistik belegt: Je weniger die Menschen miteinander sprechen und je mehr Freiheit die Gesellschaft ihnen gibt, umso mehr Ehen gehen kaputt. Ob man es als Opfer oder als Gewinn für das eigene Ego empfindet, von dem Risiko frei zu sein, mit ständig wechselnden Sexualpartnern verkehren zu müssen, ist eine Frage der persönlichen Reife und Werte-Definition. Gesellschaftliche Freiheit beinhaltet daher, sich selbst begrenzen zu lernen. Ein guter Weg besteht darin, am Anfang einer Partnerschaft auch für diese Situation realistische Vereinbarungen zu treffen. Einen besseren Weg der Prävention stellt die unermüdliche Pflege der eigenen Paarbeziehung dar. Menschen in einer glücklichen Beziehung sind in der Regel für einen Seitensprung deutlich weniger anfällig. Ich empfehle meinen Klienten, ihrem Partner dieselbe Aufmerksamkeit und Hingabe zu widmen, die sie sich in Bezug auf ihre Person wünschen. Wer sich deutlich mehr Zeit für seinen Partner nimmt als die zehn Minuten, die verheiratete Paare nach statistischen Befunden durchschnittlich miteinander sprechen, und auf das gemeinsame Beziehungskonto immer ein wenig mehr einzahlt als er entnimmt, der wird seine Beziehung lange am Leben erhalten.
Kann Seitenspringen auch positiv sein?
Luchmann: Ist der Seitensprung geschehen, so kann er für beide Partner bei der Bewältigung zu einer großen Herausforderung werden. Er wird die Beziehung erschüttern, aber diese Erschütterung kann eine neue Qualität hervorbringen. Man darf nicht vergessen: Auch bei der Vervollkommnung ihrer Paarbeziehung bleiben zwei Partner lebenslang Lernende. So kann ein Seitensprung zum Salz in der Suppe eines reifenden Paares werden.
Veröffentlicht am 26.07.2001.
Text aus: MAX, 26.07.2001 (16/2001), S. 32. Hellge, Stefanie: Psychologie des Seitensprungs. «Vertrauen ist das Fundament der Partnerschaft». [Interview mit Psychotherapeut und Paartherapeut Dietmar Luchmann.]
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