«Ist er arrogant, und sie betrübt?» — Eine Vorlesung über die Denkfehler der Betrachter

Eine Frau stellt vor einem Gemälde von 1888 eine Frage, die nach Naivität klingt und keine ist. Dr. Friedrich Weihenruh nimmt sie mit in eine Fortbildungsveranstaltung, lässt siebzig Psychotherapeuten dasselbe Bild ansehen und findet die Denkfehler dort, wo sie immer sind: nicht auf der Leinwand, sondern im Publikum. Übrig bleibt ein Paar, das seine Zukunft durchdenkt — und eine Frau, deren Urteil abgewartet wird.

Die Frage einer Frau

Dr. Friedrich Weihenruh trat ohne Manuskript ans Pult, was im Saal für eine gewisse Unruhe sorgte, und sagte:

«Ich hatte für heute einen Vortrag über eine kognitive Fallkonzeption vorbereitet. Den halte ich nicht. Mir ist etwas Besseres zugestossen.»

Er legte ein Blatt Papier auf das Pult.

«Vor kurzem fragte mich eine Frau nach einem Gemälde. Ich kannte es nicht, was mich in eine Situation brachte, die einem Angehörigen meines Berufsstandes selten widerfährt: Ich hatte nichts zu sagen. Die Frage lautete: Was besprechen die beiden wohl? Ist er leicht arrogant, und sie etwas betrübt / zugewandt — oder täusche ich mich da?»

Er sah in den Saal.

«Ich habe diese Frage mitgebracht, weil sie besser ist als die meisten, die ich auf Kongressen höre. Sie enthält nämlich etwas, das in unserem Beruf ungefähr so häufig vorkommt wie Schnee im August: einen Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Sie sagt nicht: Der Mann ist arrogant. Sie fragt: Täusche ich mich da? Halten Sie das bitte für den Rest des Nachmittags fest. Wir werden darauf zurückkommen, und zwar auf eine Weise, die Ihnen nicht gefallen wird.»

Dann liess er das Bild an die Wand werfen.

Émile Friant, «Les Amoureux», 1888: ein junger Mann mit Hut und Zigarette und eine junge Frau im dunklen Kleid lehnen nebeneinander am eisernen Geländer einer Fussgängerbrücke über der Meurthe bei Nancy und sprechen miteinander.

Émile Friant (1863–1932): «Les Amoureux», auch «Soir d'automne» und «Idylle sur la passerelle», 1888, Öl auf Leinwand, Musée des Beaux-Arts de Nancy. Bildquelle: Wikimedia Commons (gemeinfrei).

«Émile Friant, Les Amoureux, gemalt 1888, signiert E. Friant 88. Das Museum in Nancy führt es zusätzlich unter zwei weiteren Titeln: Soir d'automne, Herbstabend, und Idylle sur la passerelle, Idylle auf dem Steg. Es hängt seit 1888 dort, weil die Museumskommission es im Jahr seiner Entstehung gekauft hat. Der Ort ist bekannt: das Areal der Grands Moulins, der grossen Mühlen von Nancy, gesehen von der Passerelle du Pont-Cassé über der Meurthe. Das ist kein Park. Das ist eine Werkgegend.»

Er trat einen Schritt zurück.

«Und jetzt möchte ich von Ihnen wissen, was Sie sehen. Nicht, was Sie denken. Was Sie sehen.»

Was Sie sehen, und was Sie hinzufügen

Der Saal war gefüllt mit ungefähr siebzig Psychotherapeuten verschiedener Schulen, also mit Menschen, die es beruflich gewohnt sind, dass ihnen zugehört wird. Entsprechend schnell kamen die Antworten.

«Er redet auf sie ein.»

«Sie ist in sich gekehrt.»

«Er nimmt viel Raum ein.»

«Die beiden haben sich nichts mehr zu sagen.»

«Herbst. Es geht zu Ende.»

Weihenruh schrieb mit. Nach der fünften Antwort hörte er auf.

«Ich habe fünf Antworten notiert und keine einzige Beobachtung. Ich hatte um Beobachtungen gebeten. Sie haben mir Deutungen geliefert, und zwar in einem Tempo, das ich, ganz ohne Ironie, bewundernswert finde. Sie haben ungefähr anderthalb Sekunden gebraucht, um aus Farbe auf Leinwand eine Beziehungsgeschichte mit Anfang, Mitte und absehbarem Ende zu machen.»

Jemand rief: «Er trägt einen Hut.»

«Danke», sagte Weihenruh. «Das war die erste Beobachtung des Nachmittags. Sie kam nach vier Minuten. Bitte weiter.»

Es dauerte, aber dann kamen sie:

Zwei Menschen lehnen am Geländer einer eisernen Brücke.
Er steht links, sie rechts.
Beide sind dem Betrachter abgewandt; sein Kopf ist zu ihr gedreht.
Beide stützen sich in derselben Haltung auf dasselbe Geländer.
In seiner Hand hält er eine Zigarette.
Sie stützt den Kopf auf die Hand.
Sie berühren einander nicht.
Hinter ihnen liegen ein Fluss, Bäume und Gebäude.
Das Laub ist herbstlich gefärbt.

«Das ist die gesamte Datenlage», sagte Weihenruh. «Neun Zeilen. Alles andere, was heute noch gesagt wird, ist Zutat. Merken Sie sich, wie wenig da steht. Und merken Sie sich, wie viel Sie daraus vorhin gemacht haben, ohne es zu bemerken.»

Er wandte sich zur Leinwand.

«Zur Beruhigung: Es geht Ihnen nicht schlechter als der Wissenschaft. Wenn Sie nachschlagen, wie gross dieses Bild ist, finden Sie zwei Angaben. Die Bestandsnotiz des Museums nennt hundertvierzehn Zentimeter Höhe. Andere Darstellungen, darunter das französische Standardnachschlagewerk des Internets, nennen hundertelf. Es geht hier nicht um eine Deutung, um eine Stimmung oder um die Seele der Beteiligten. Es geht um die Höhe einer Leinwand, die seit hundertachtunddreissig Jahren an derselben Wand hängt und die man mit einem Metermass messen könnte. Man ist sich nicht einig.» Er lächelte höflich. «Und Sie wollen dem Gesichtsausdruck einer jungen Frau ansehen, ob sie glücklich ist.»

Die Zigarette und der Vandale

Ein Herr aus der zweiten Reihe meldete sich. Er sprach langsam, wie jemand, der es gewohnt ist, dass man auf ihn wartet.

«Sie unterschlagen das Naheliegende. Die Zigarette ist kein Requisit. Sie steht zwischen den beiden, sie ist in seiner Hand, sie brennt ab. Das ist ein Symbol, und es ist kein besonders verstecktes.»

«Ein Symbol wofür?», fragte Weihenruh freundlich.

«Für das Verrinnen. Für Vergänglichkeit. Möglicherweise auch für Männlichkeit, die sich hier zwischen die beiden schiebt.»

«Sehr schön», sagte Weihenruh. «Ich habe eine Gegenfrage, und ich stelle sie ohne jeden Spott: Was müsste auf diesem Bild zu sehen sein, damit Ihre Deutung falsch ist?»

Der Herr überlegte.

«Das ist keine Fangfrage», sagte Weihenruh. «Sie ist der ganze Unterschied zwischen unseren beiden Berufsauffassungen. Wenn die Zigarette Vergänglichkeit bedeutet, wenn ein fehlender Kuss Distanz bedeutet, wenn ein vorhandener Kuss Verzweiflung bedeuten könnte und ein Blick zur Seite ebenfalls — dann gibt es kein Bild und keinen Menschen mehr, an dem Ihre Deutung scheitern könnte. Eine Annahme, die nichts ausschliesst, sagt nichts. Sie ist deshalb nicht falsch. Sie ist etwas Schlimmeres: Sie ist folgenlos.»

«Und die Zigarette bedeutet dann gar nichts?»

«Sie bedeutet zunächst, dass ein junger Mann im Jahr 1888 raucht, was damals ungefähr so aussagekräftig war wie heute ein Mobiltelefon in der Hand. Und sie bedeutet, dass eine gewisse Zeit vergangen ist, seit er sie angezündet hat. Das ist alles, und es ist mehr, als Sie glauben: Es sagt uns, dass dieses Gespräch dauert. Es ist kein Ausruf. Es ist ein Gespräch mit Länge.»

Er hielt inne.

«Es gibt allerdings eine Zigarette in der Geschichte dieses Bildes, die tatsächlich etwas bedeutet, und sie ist nicht gemalt. Im Jahr 1912 hat ein Museumsbesucher seine brennende Zigarette auf der Leinwand ausgedrückt. Er hat sich zwei Stellen ausgesucht: das Auge des jungen Mannes und die Wange der jungen Frau.»

Es wurde still.

«Ich finde das aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens hat dieser Mensch genau die beiden Stellen zerstört, um die wir hier den ganzen Nachmittag streiten: den Blick und den Gesichtsausdruck. Er war offenbar der bislang einzige Betrachter, der eine wirklich abschliessende Interpretation abgegeben hat.» Weihenruh liess das einen Moment stehen. «Zweitens hat Friant sein Bild danach selbst restauriert. Der Maler durfte den Kommentar des Publikums eigenhändig wieder entfernen. Ich kenne keinen Autor, dem je dieses Glück widerfahren wäre.»

Sieben Schlüsse in anderthalb Sekunden

«Kommen wir zum Handwerk», sagte Weihenruh. «Ich schreibe Ihre Antworten von vorhin noch einmal auf, aber diesmal in zwei Spalten. Links, was zu sehen ist. Rechts, was Sie daraus gemacht haben.»

Er gestikuliert. — Er ist arrogant.
Sie sagt nichts. — Sie ist traurig.
Sie berühren einander nicht. — Die beiden sind sich fremd geworden.
Sie hört ihm zu. — Sie ist ihm unterlegen.
Das Laub ist gefärbt. — Ihre Liebe geht zu Ende.
Er raucht. — Schwermut.
Hinter ihnen steht eine Fabrikgegend. — Hübsche Kulisse, unwichtig.

«Sieben Zeilen. Links steht in jeder Zeile etwas, dem ich nicht widersprechen kann. Rechts steht in jeder Zeile etwas, das ich nicht prüfen kann. Und zwischen links und rechts ist keine einzige Tatsache hinzugekommen. Kein zweites Bild, kein Brief Friants, kein Wort der Beteiligten. Sie sind von der Beobachtung zur Diagnose gelangt und haben unterwegs keinerlei Erkenntnis dazugewonnen.»

Er tippte auf die erste Zeile.

«Zeile eins ist Gedankenlesen. Sie schliessen aus einer Handbewegung auf eine Charaktereigenschaft. Zeile zwei ist der Schluss vom eigenen Gefühl auf die Wirklichkeit: Das Bild macht Sie melancholisch, also muss die Frau melancholisch sein. Zeile drei ist ausgewählte Wahrnehmung: Sie zählen, was fehlt, und übersehen, was da ist — die beiden lehnen nebeneinander auf demselben Geländer, in genau derselben Haltung, ihre Ellenbogen so dicht aneinander, dass kein Blatt Papier zwischen sie passt. Zeile vier ist ein Kurzschluss, auf den ich gleich sehr ausführlich zurückkomme. Zeile fünf ist Symbolüberdehnung: Es ist Herbst, weil es Herbst war. Das Bild heisst Herbstabend, nicht Ende einer Liebe. Zeile sechs kennen Sie aus Ihren eigenen Sprechzimmern: Sie haben eine Vermutung und suchen sich danach die Belege zusammen, die zu ihr passen. Und Zeile sieben ist die teuerste von allen: Sie haben die halbe Bildfläche für Dekoration erklärt, weil sie nicht in Ihre Geschichte passte.»

Eine Kollegin fragte: «Was hat das mit unserer Arbeit zu tun? Das ist Kunstbetrachtung.»

«Es hat insofern damit zu tun, als Sie das, was Sie hier an einem Gemälde tun, jeden Tag an einem Gesicht tun. An dem Gesicht Ihres Mannes, Ihrer Frau, Ihres Kindes, Ihres Vorgesetzten. Der Vorgang ist identisch: wenige sichtbare Merkmale, blitzschnelle Ergänzung zu einer vollständigen Geschichte, sofortiges Gefühl, entsprechendes Verhalten. Der Unterschied ist bloss, dass Friants Leinwand nicht zurückschlägt. Ihr Mann schon.» Er hob die Schultern. «Deshalb üben wir am Bild. Am Bild ist der Irrtum gratis.»

Die Hand am Kinn

«Nun zu der Frau, die den Kopf auf die Hand stützt», sagte Weihenruh. «Und zu meiner Lieblingsstelle des Nachmittags.»

Er nahm ein Stück Kreide, ging zur Tafel und zeichnete etwas, das mit Nachsicht als Umriss eines sitzenden Menschen durchgehen konnte, den Ellbogen auf dem Knie, das Kinn auf der Faust.

«Sie erkennen die Figur. Auguste Rodin hat sie ungefähr in denselben Jahren entworfen. Sie heisst Der Denker. Sie heisst nicht Der Betrübte, nicht Der Erschöpfte und nicht Der Mann, der nicht mehr weiterweiss. Ein Mann legt die Hand ans Kinn, und die halbe Menschheit erkennt darin die Anstrengung des Denkens.»

Er wischte die Kreide von den Fingern.

«Eine Frau legt die Hand ans Kinn, und was hören wir? Wir hören: Sie ist betrübt. Wir hören: Sie ist in sich gekehrt. Wir hören: Sie erträgt es. Die Körperhaltung ist dieselbe. Der Unterschied liegt nicht auf der Leinwand, meine Damen und Herren. Er liegt vollständig in uns.»

Aus dem Saal: «Das ist jetzt aber eine sehr wohlfeile Pointe.»

«Wohlfeil ist sie», sagte Weihenruh. «Sie hat den Nachteil, wahr zu sein. Prüfen Sie es an sich selbst, das kostet Sie nichts. Wenn Sie das nächste Mal in einer Sitzung, einer Konferenz oder an einem Familientisch jemanden mit der Hand am Kinn sehen: Bemerken Sie, welche Vermutung sich Ihnen zuerst anbietet, und bemerken Sie, ob sie davon abhängt, wer da sitzt.»

Er ging zurück ans Pult.

«Und nun setzen Sie denken in die Bildbeschreibung ein, versuchsweise, ohne jede Verpflichtung. Was passiert? Es passiert etwas Unangenehmes: Das ganze übrige Bild bleibt unverändert gültig. Sie schweigt, weil man beim Nachdenken schweigt. Sie sieht ihn an, weil sie prüft, was er sagt. Sie berührt ihn nicht, weil man beim Rechnen die Hände nicht braucht. Sie schauen einander nicht ununterbrochen in die Augen, weil zwei Menschen, die dasselbe Problem betrachten, nicht einander ansehen, sondern das Problem. Nicht eine einzige Beobachtung muss weggeräumt werden. Die Melancholie-Deutung dagegen muss erklären, warum das Bild Die Liebenden heisst. Sie hat es bisher nicht getan.»

Der Blick, nach dem niemand gefragt hat

«Jetzt zu dem Mann, den Sie vorhin für arrogant erklärt haben.»

Weihenruh liess das Bild noch einmal grösser stellen.

«Sehen Sie nach, wohin er sieht.»

Der Saal sah nach.

«Er sieht sie an. Das ist keine Deutung von mir, das ist die Beschreibung, die Sie in jedem Nachschlagewerk finden: sein Blick der jungen Frau zugewandt. Eine französische Bildbeschreibung geht noch weiter und nennt seinen Blick so eindringlich, dass er sie erröten lassen könnte.»

Er drehte sich um.

«Und nun bitte ich Sie um einen Augenblick logischer Redlichkeit. Was tut ein arroganter Mensch, wenn er spricht? Er sieht an seinem Gegenüber vorbei. Er hält die Zustimmung für erledigt, bevor er den Satz beendet hat. Arroganz ist keine Lautstärke, meine Damen und Herren, Arroganz ist Desinteresse am Gesicht des anderen. Genau dieses Desinteresse ist auf dem Bild nicht vorhanden. Der Mann sieht sie an, während er spricht, und ein Mann, der einen Menschen ansieht, während er spricht, kontrolliert etwas. Er kontrolliert, wie es ankommt.»

Er nahm das Blatt vom Pult.

«Und deshalb ist die Frage, mit der ich begonnen habe, so bemerkenswert. Die Frau, die sie gestellt hat, hat den Blick gesehen. Sie hat als Einzige den einen Umstand bemerkt, um den sich die gesamte Deutung dreht. Sie hat ihn nur, wie wir alle, sofort mit der nächstliegenden Bedeutung ausgestattet. Ihre Beobachtung war vollständig richtig. Ihr Schluss war voreilig. Und ihr Zusatz — oder täusche ich mich da? — war das Präziseste an der ganzen Sache. Ich wünschte, meine Fachliteratur enthielte diesen Halbsatz häufiger.»

Er legte das Blatt hin.

«Denn wenn er nicht arrogant ist, wenn er sie ansieht, während er redet, und wenn sie nachdenkt, während sie schweigt, dann bleibt genau eine sparsame Erklärung übrig. Er hat ihr etwas vorgetragen. Er hat es noch nicht durchgesetzt. Er wartet.»

Der Einwand aus der zweiten Reihe

Der Herr von vorhin meldete sich erneut, und diesmal war sein Einwand besser.

«Sie legen einer Frau von 1888 eine Rolle zu, die es damals nicht gab. Frauen wurden nicht um ihr Urteil gebeten. Sie machen aus einem Genrebild ein Gleichnis für heutige Partnerschaft, weil Ihnen das besser gefällt. Das ist Rückprojektion.»

«Ihr Einwand ist berechtigt, und ich nehme ihn in vollem Umfang an», sagte Weihenruh. «Ich weiss nicht, was Friant gemeint hat. Ich habe keinen Brief, keine Notiz, keinen Zeugen. Was ich hier vortrage, ist keine Entdeckung, sondern eine Annahme, die mit den sichtbaren Daten weniger Mühe hat als die anderen Annahmen. Wer daraus eine kunstwissenschaftliche Tatsache macht, begeht denselben Fehler wie der Kollege, der aus der Zigarette die Vergänglichkeit destilliert hat, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.»

«Also geben Sie mir recht.»

«In der Sache der Beweislast: vollständig. In der Sache der Wahrscheinlichkeit: nicht im Geringsten.» Weihenruh trat wieder ans Pult. «Denn Ihr Einwand enthält eine stille Voraussetzung, und die halte ich für falsch. Sie setzen voraus, dass zwei Menschen sich nur so zueinander verhalten können, wie es das Gesetzbuch ihrer Zeit vorsieht. Das haben Menschen noch nie getan. Gesellschaftliche Ordnungen regeln, wer erben, wählen, unterschreiben und studieren darf. Sie regeln nicht, wessen Urteil ein Mann in seinem eigenen Leben für massgeblich hält.»

Er zeigte auf die Leinwand.

«Und sehen Sie sich an, wo die beiden stehen. Nicht in einem Salon, nicht auf einer Wiese, nicht vor einer Ruine. Sie stehen auf einer eisernen Fussgängerbrücke, deren Nietenreihen man zählen kann, vor dem Areal einer Mühlenindustrie. Nancy war 1888 keine schläfrige Provinzstadt. Nach der Annexion Elsass-Lothringens durch das Deutsche Reich waren Menschen, Kapital und Können in diese Stadt gezogen, darunter ein Notar aus Bitche namens Jean Daum, der 1878 eine bankrotte Glashütte übernahm; sein Sohn Antonin trat 1887 in die Firma ein, frisch von der Ingenieurschule, und machte binnen weniger Jahre eine Weltmarke daraus. Das ist die Stadt, in der dieses Paar steht. Ein Jahr, nachdem dort ein junger Mann in das Geschäft seines Vaters eingetreten ist.»

Er wandte sich wieder dem Saal zu.

«Das beweist nichts über die beiden. Aber es beendet die Vorstellung, dieser Hintergrund sei hübsches Beiwerk. Wer 1888 an dieser Stelle steht und über die eigene Zukunft spricht, spricht über Arbeit, Geld, Wohnung, Familie und Stellung, weil er sie gar nicht ausblenden kann. Sie sind ihm ins Bild gemalt.»

Die Gefährtin

«Ich möchte nun ein Wort verwenden, das aus der Mode gekommen ist», sagte Weihenruh. «Es lautet: Gefährtin.»

Er liess es einen Moment im Saal stehen.

«Eine Gefährtin ist keine Begleiterin. Eine Begleiterin geht mit. Eine Gefährtin fährt mit, und zwar auf demselben Fahrzeug, mit demselben Risiko und mit einer Stimme bei der Frage, wohin es geht. Der Unterschied ist nicht sentimental, er ist konstruktiv. Wer eine Begleiterin hat, trägt allein. Wer eine Gefährtin hat, trägt die Hälfte und darf dafür die Hälfte abgeben.»

«Und das lesen Sie aus einem Ölgemälde», rief jemand.

«Nein. Ich lese aus dem Gemälde, dass er wartet. Was das Warten wert ist, lese ich aus meiner Berufserfahrung, und die ist an dieser Stelle unerfreulich eindeutig. Ich habe in vierzig Jahren sehr viele Menschen erlebt, die einen bewundernden Partner hatten. Bewunderung ist angenehm, sie hält ungefähr so lange wie ein Kompliment und trägt keine einzige schwierige Entscheidung. Und ich habe wenige erlebt, die einen prüfenden Partner hatten. Diese wenigen waren die belastbarsten Verbindungen, die mir untergekommen sind.»

Er ging zwei Schritte.

«Der Grund ist banal. Wer bewundert wird, bekommt keine Information. Er bekommt Beifall, und Beifall ist inhaltsleer, denn er fällt bei guten und bei schlechten Vorhaben gleich aus. Wer geprüft wird, bekommt Information. Die kostet ihn zwar einen Abend seiner Eitelkeit, und dann hat er einen zweiten Kopf an seinem Vorhaben, den besten, der ihm zur Verfügung steht, weil es der einzige ist, der genauso viel zu verlieren hat wie er. Deshalb ist die Frau auf diesem Bild nicht die Nebenfigur. Sie ist die Instanz.»

Er blieb stehen.

«Und deshalb ist sein Blick kein Blick der Überlegenheit. Er ist der Blick eines Mannes, der weiss, wen er da neben sich hat. Wer so schaut, hat nicht gesiegt. Wer so schaut, wartet auf ein Urteil, das er nicht kontrollieren kann, und findet das offenbar in Ordnung. Ich behaupte nicht, dass Sie das Glück sehen können. Ich behaupte, dass Sie hier einen Mann sehen, der Gründe dazu hätte.»

Weihenruh nahm einen Schluck Wasser.

«Über die Anziehungskraft, die von einem denkenden Menschen ausgeht, habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben — über die Erotik des Denkens und was sie mit Hochbegabung zu tun hat. Ich verweise darauf, weil ich hier nicht wiederholen möchte, was dort steht. Ich füge nur die unromantischste Fassung desselben Gedankens hinzu: Der Verstand des anderen ist der einzige Teil an ihm, der mit den Jahren besser werden kann.»

Er stellte das Glas ab.

«Und weil wir gerade dabei sind, uns modern zu fühlen: Öffnen Sie heute Abend ein beliebiges Partnerportal. Sie werden dort einige Tausend Menschen finden, die das Leben geniessen möchten. Über die Bedingungen, unter denen das Leben genossen werden kann, findet sich kein Wort. Kein Wort über Geld, kein Wort über Arbeitsteilung, kein Wort über den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten, kein Wort darüber, wer im Ernstfall die Entscheidung trifft. Zwei junge Leute von 1888 stehen auf einer Eisenbrücke und besprechen genau das. Und wir halten sie für die Rückständigen.»

Die Brücke

«Bleiben wir bei der Brücke, denn sie ist der wichtigste Gegenstand auf diesem Bild, und sie wird in der Regel für Geländer gehalten.»

Weihenruh zählte an der Hand ab.

«Erstens ist sie ein Datum. Genietetes Eisen war 1888 kein Baustoff für Verliebte, sondern der sichtbare Beweis dafür, dass man Flüsse, Entfernungen und Zeiten neuerdings berechnen konnte. Wer ein Liebespaar vor einer solchen Konstruktion malt, hat entweder keinen Sinn für Romantik oder einen Sinn für etwas anderes. Friant hatte durchaus einen Sinn für Menschen, die miteinander diskutieren; er hat ein Jahr später ein Bild gemalt, das ausdrücklich Die politische Diskussion heisst.»

«Zweitens ist eine Brücke kein Ort, sondern ein Übergang. Man wohnt nicht auf ihr. Man befindet sich nicht mehr dort, wo man herkam, und noch nicht dort, wo man hinwill. Diese beiden stehen auf dem einzigen Stück Boden in Nancy, auf dem man sich nicht einrichten kann.»

«Drittens, und das ist der Punkt, auf den es mir ankommt: Eine Brücke verbindet zwei Ufer, die verschieden sind. Wären sie gleich, bräuchte man keine. Zwei Menschen, die ein gemeinsames Leben beginnen, treten mit ungleichen Voraussetzungen ein: verschiedene Herkunft, verschiedenes Geld, verschiedene Erfahrungen, verschiedene Vorstellungen davon, was selbstverständlich ist. Eine Partnerschaft besteht nicht darin, diese Unterschiede wegzureden. Sie besteht darin, eine Konstruktion zu bauen, die beide trägt. Was geschieht, wenn zwei Menschen diese Konstruktion für überflüssig halten, weil sie ja verliebt sind, haben wir an anderer Stelle beschrieben, dort, wo es um Untreue und die Frage geht, was in einer Beziehung eigentlich verbindet. Wer nicht baut, hat übrigens keine schadhafte Brücke. Er hat einen Fluss und die ungeprüfte Erwartung, trocken hinüberzukommen.»

«Und viertens», sagte Weihenruh, «stehen Sie selbst darauf. Sie sind heute Nachmittag von er ist arrogant nach er wartet auf ihr Urteil gegangen, ohne dass sich an dem Bild ein einziger Pinselstrich geändert hätte. Was Sie überquert haben, war keine Erkenntnis über Friant. Es war der Abstand zwischen Ihrer ersten Deutung und einer geprüften. Genau diesen Weg gehen meine Patientinnen und Patienten, und ich versichere Ihnen: Bei einem Gemälde ist er angenehm kurz.»

Der Einwand aus der letzten Reihe

«Ich fasse zusammen», sagte Weihenruh. «Kein Kunstwissenschaftler hat dieses Bild bisher so gelesen. Die Deutungen bewegen sich seit Jahrzehnten zwischen Idylle und Trennung, also zwischen zwei Antworten auf ein und dieselbe Frage, nämlich wie es um die Gefühle der beiden steht. Auf die Vermutung, dass hier zwei Menschen ihre wirtschaftliche Zukunft besprechen, ist —»

«Haben Sie sie alle gelesen?»

Die Frage kam aus der letzten Reihe, von einer Frau, die den ganzen Nachmittag nichts gesagt hatte.

Weihenruh hielt inne.

«Wie bitte?»

«Ob Sie alle gelesen haben. Die gesamte Literatur zu diesem Bild. Auf Französisch. Seit 1888.»

Es wurde im Saal auf jene besondere Weise still, die eintritt, wenn siebzig Menschen gleichzeitig bemerken, was gerade geschehen ist.

«Nein», sagte Weihenruh. «Ich habe gelesen, was ich finden konnte, und das ist etwas völlig anderes.»

«Dann heisst Ihr Satz nicht Kein Kunstwissenschaftler hat das geschrieben, sondern Ich habe es nicht gefunden

«So ist es. Zu Recht beanstandet.» Weihenruh sah in den Saal. «Meine Damen und Herren, ich habe Ihnen anderthalb Stunden lang die Übergeneralisierung erklärt und sie anschliessend, in vollem Bewusstsein meiner Zuständigkeit, vor Zeugen vorgeführt. Ich bitte Sie, sich das zu merken, denn es ist die wichtigste Auskunft des Nachmittags: Der Fehler verschwindet nicht dadurch, dass man ihn kennt. Er verschwindet dadurch, dass jemand ihn bemerkt. Vorzugsweise jemand anderes.»

Er sah zur letzten Reihe.

«Sie haben soeben, ohne es zu beabsichtigen, meinen Vortrag zu Ende gehalten. Was Sie mit mir getan haben, ist exakt das, was die Frau auf diesem Bild mit dem Mann neben sich tut. Sie haben zugehört, Sie haben nicht widersprochen, solange es nichts zu widersprechen gab, und dann haben Sie den einen Satz geprüft, der die Prüfung nicht bestanden hat. Das ist keine Feindseligkeit. Das ist der einzige Freundschaftsdienst, den ein denkender Mensch einem anderen erweisen kann.»

Baucis und Philemon

«Ein Letztes noch, dann lasse ich Sie in den Abend.»

Weihenruh nahm sein Blatt vom Pult.

«Vor knapp einem Jahrhundert vor Friants Bild sass in Berlin eine Frau in einer Dachstube in der Jägerstrasse und empfing Gäste. Sie hiess Rahel Levin, später Rahel Varnhagen. In dieser Dachstube verkehrten zwischen 1790 und 1806 die Brüder Humboldt, Friedrich Schlegel, Schleiermacher, Jean Paul, Tieck, ein preussischer Prinz und eine erhebliche Anzahl von Menschen, die einander nach den Regeln der Ständegesellschaft nicht hätten begegnen dürfen. Rahel Varnhagen hat keine Universität gegründet. Sie durfte auch keine besuchen: In Preussen wurden Frauen erst 1908 regulär zum Studium zugelassen, fünfundsiebzig Jahre nach ihrem Tod. Sie hat lediglich einen Raum eingerichtet, in dem gedacht wurde, und ihn mit Tee und Butterbroten betrieben.»

Er legte das Blatt hin.

«Das ist der Punkt, den ich dem Kollegen aus der zweiten Reihe schuldig geblieben bin. Es hat zu keiner Zeit die Zustimmung der Gesellschaft gebraucht, damit zwei Menschen einander auf Augenhöhe behandeln. Es hat immer nur zwei Menschen gebraucht, die es taten. Die Gesellschaft kommt in solchen Fällen später und nennt es dann Fortschritt.»

Er nahm seine Mappe.

«Und wenn Sie wissen wollen, was aus den beiden auf der Brücke geworden ist, dann schlagen Sie bei Ovid nach. Dort steht die Geschichte eines alten Paares, Baucis und Philemon, arm, unscheinbar und so innig miteinander verbunden, dass die beiden sich von den Göttern nichts weiter wünschen, als gemeinsam zu sterben, damit keiner den anderen begraben muss. Sie werden am Ende zu zwei Bäumen, deren Kronen ineinanderwachsen. Beachten Sie bitte, dass in dieser Geschichte niemand jemandem etwas erlaubt oder verbietet. Beide handeln, beide geben, beide entscheiden. Es ist die älteste Beschreibung einer Partnerschaft, die wir haben, und es ist zugleich die modernste.»

Er ging zur Tür und drehte sich noch einmal um.

«Friant malt den Anfang. Ovid erzählt das Ende. Was dazwischen liegt, ist Beziehungsarbeit, und sie besteht überwiegend darin, dem anderen zuzutrauen, dass er denkt.»

Die Antwort

Nach der Veranstaltung wurde Weihenruh gefragt, was er der Frau nun eigentlich geantwortet habe.

«Ich habe ihr bei der nächsten Gelegenheit gesagt, dass sie sich getäuscht hat», sagte er. «Und dass sie sich auf die einzige Weise getäuscht hat, die etwas wert ist. Sie hat den Blick des Mannes gesehen, um den sich alles dreht, und sie hat als Einzige gefragt, ob sie sich täuscht. Alle anderen haben ihre Deutung mitgebracht und das Bild anschliessend darum herum gebaut.»

«Und was besprechen die beiden auf dem Bild nun?»

«Das weiss ich nicht, und es wird niemand je wissen. Wenn Sie mich nach der sparsamsten Erklärung fragen: Sie besprechen, wovon sie leben wollen.» Weihenruh knöpfte den Mantel zu. «Was ich dagegen ziemlich sicher zu wissen glaube, ist das Verhältnis der beiden. Er hat einen Gedanken. Sie hat das letzte Wort. Und er sieht sie dabei an, als sei ihm gerade erst aufgefallen, was für ein Glück das ist.»

«Und das nennen Sie kognitive Psychotherapie?»

«Ich nenne es das Ergebnis davon. Kognitive Psychotherapie ist der langweilige Teil davor: Man trennt, was man sieht, von dem, was man sich dazu denkt, und prüft anschliessend den zweiten Teil. Sie werden feststellen, dass die Welt danach nicht schöner aussieht.» Er setzte den Hut auf. «Sie sieht bloss genauer aus. Das ist erstaunlich viel angenehmer, als es klingt.»

* * *

Unser Angebot
Kognitive Psychotherapie für Menschen, die selbst denken wollen

Die Kognitive Psychotherapie (SKPT) von Dr. Dietmar Luchmann, LLC, arbeitet an den Denkfehlern, die das Leiden erzeugen — schriftlich, per Video oder im Tagesblock. Drei Wege, ein Ziel.

1. Das Verfahren verstehen
2. Eignung prüfen
3. Aufnahme beantragen

Dr. Friedrich Weihenruh ist ein literarisches Alter Ego, durch das der Autor seine Erlebnisse und Erfahrungen als Psychotherapeut erzählerisch verarbeitet. Die Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten, sind jedoch fiktionalisiert: Zum Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht wurden Namen, Orte und Details geändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.

Quellen

Arendt, Hannah: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. München: R. Piper, 1959.

Musée des Beaux-Arts de Nancy: Bestandsnotiz zu «Les Amoureux», Émile Friant, 1888, Inventarnummer 771 (Masse, Signatur, Ankauf 1888, Vandalismus 1912 und Restaurierung durch den Maler).

Musée des Beaux-Arts de Nancy: Titelvarianten «Soir d'automne» und «Idylle sur la passerelle»; Schauplatz Grands Moulins de Nancy, gesehen von der Passerelle du Pont-Cassé; Entstehung im Atelier mit nachträglich eingefügten, getrennt sitzenden Modellen.

Musée de l'École de Nancy: Auguste et Antonin Daum (Übernahme der Glashütte Sainte-Catherine durch Jean Daum 1878, Eintritt Antonin Daums 1887).

Ovid: Metamorphosen. Düsseldorf: Artemis & Winkler Verlag, 2004. [Im Original S. 413: «Da spricht Jupiter mit freundlichem Gesicht: ,Sag, du redlicher Greis, und du, eines so redlichen Mannes würdige Gattin, was ihr euch wünscht! Mit seiner Baukis beredet sich kurz Philemon und eröffnet darauf den Himmlischen diesen gemeinsamen Ratschluß: ,Priester zu sein und euren Tempel zu hüten, das verlangen wir, und da wir in Eintracht unser Leben zugebracht haben, soll beide dieselbe Stunde fortholen, damit weder ich das Grab meiner Gattin sehen noch sie mich unter den Hügel bringen muß.»]

Villeneuve de Janti, Charles: Émile Friant, 1863-1932: le dernier naturaliste? Somogy éditions d'art / Musée des Beaux-Arts de Nancy, 2016.

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