Kognitive Psychotherapie für das Handicap Hochbegabung

Nicht die Hochbegabung macht krank, sondern wie der Hochbegabte sie wahrnimmt und zu denken gelernt hat. Viele Hochbegabte erleben ihre Begabung als Handicap, ohne die Ursache zu erkennen. Die kognitive Psychotherapie korrigiert die Denkfehler, mit denen sie ihr Anderssein zu einem Problem machen — und wandelt die Last wieder in die Gabe der Natur, die sie ist.
«Hochbegabung ist ein Verstärker, keine Trophäe: Sie vergrössert, was in einem Menschen angelegt ist.»

Es gibt Menschen, die etwas an sich für einen Defekt halten, das in Wahrheit ihre grösste Stärke ist. Sie suchen die Ursache ihres Leidens an der falschen Stelle - in sich, in einem vermeintlichen Mangel - und übersehen dabei, dass die Reibung, an der sie sich wundscheuern, nicht aus einem Zuwenig entsteht, sondern aus einem Zuviel.

Die Rede ist von Hochbegabten, die an ihrer eigenen Hochbegabung leiden, ohne zu wissen, dass sie hochbegabt sind.

Das ist kein Paradox, sondern die Regel. Der Hochbegabte spürt lediglich, dass er anders ist und anders funktioniert als seine Umgebung; die Ursache dieses Andersseins bleibt ihm jedoch verborgen. Er erlebt das Symptom - die Fremdheit, die Angst, die depressive Erschöpfung - und deutet es als persönliches Versagen. Die Botschaft dieses Textes ist einfach und lässt sich in einem Satz sagen: Wenn Sie hochbegabt sind und leiden, muss das nicht an Ihnen liegen. Und es gibt einen Weg heraus, der nicht in der Hochbegabung ansetzt, sondern in dem, was der Hochbegabte aus ihr gemacht hat.

Was Hochbegabung ist — und was sie nicht ist

Der erste Denkfehler steht schon vor der Tür, ehe von Krankheit überhaupt die Rede sein kann: die Verwechslung der Hochbegabung mit einer Zahl, dem Intelligenz-Quotienten (IQ). Eine Enzyklopädie des menschlichen Verhaltens definiert Hochbegabung nüchtern als «hervorragende Leistung oder Fähigkeit im Vergleich zu anderen Menschen gleichen Alters, gleichen Umfelds oder gleicher Erfahrung»1 — also als ein Potenzial, nicht als ein Verdienst. Hochbegabt zu sein ist kein Titel, den man sich erwirbt, sondern eine Ausstattung, mit der man geboren wird. Der Hochbegabte hat zu seiner Hochbegabung so viel beigetragen wie zur Farbe seiner Augen.

Daraus folgt die erste, für die ganze Argumentation tragende Unterscheidung: Begabung ist nicht Leistung. Das Potenzial garantiert nichts. Den schlagendsten Beweis lieferte ausgerechnet der Mann, der die Erforschung der Hochbegabung begründete. Lewis Terman verfolgte über Jahrzehnte rund 1'500 kalifornische Kinder mit sehr hohen IQ-Werten (meist 135 oder höher), seine berühmten «Termites». Sie wurden im Durchschnitt tüchtige, erfolgreiche Erwachsene — aber keine epochalen Köpfe.2 Zwei Jungen dagegen, die Terman als nicht begabt genug aus seiner Studie aussortierte, erhielten später den Nobelpreis für Physik: William Shockley und Luis Alvarez.3,4 Ein besseres Argument gegen den Zahlenfetisch ist schwer zu finden. Der Messwert sagt, was ein Mensch könnte; er sagt nichts darüber, was er tun wird, und noch weniger, ob er glücklich sein wird.

Damit ist die Leitfigur dieses Textes gewonnen, und man sollte sie sich merken, denn alles Weitere hängt an ihr: Hochbegabung ist ein Verstärker, keine Trophäe. Sie vergrössert das, woran sie geknüpft ist — im Guten wie im Kranken. Wo das Denken gesund ist, treibt sie zu Höchstleistungen; wo es verzerrt ist, in ein umso kunstvolleres Elend.

Bevor wir dieses Elend besichtigen, ist eine Ehrlichkeit fällig, ohne die der ganze Artikel unredlich wäre. Es wäre falsch und sentimental, zu behaupten, Hochbegabte litten grundsätzlich. Die empirische Forschung sagt das Gegenteil: Das Marburger Hochbegabtenprojekt Detlef Rosts zeigte, dass Hochbegabte im statistischen Mittel sozial und emotional unauffällig sind, häufig sogar überdurchschnittlich stabil und angepasst.5 Wer aus dem spektakulären Einzelfall auf die ganze Gruppe schliesst, begeht selbst einen Denkfehler — die Übergeneralisierung. Das eigentliche Problem sitzt nicht in der Mitte der Verteilung, sondern an ihrem äussersten Rand und dort, wo die Umwelt keine Passung bereithält. Schon Leta Hollingworth, die Pionierin dieses Feldes, beobachtete, dass die sozialen Schwierigkeiten oberhalb eines «optimalen» Intelligenzbereichs nicht ab-, sondern zunehmen.6 Wir sprechen also nicht von einem Melodram, das alle Hochbegabten beträfe, sondern von einem präzisen Mechanismus, der einige trifft — und diese dafür umso härter.

Wie die Hochbegabung zum Handicap wird

Der Mechanismus beginnt früh und leise. Die Entwicklung des hochbegabten Kindes verläuft ungleichzeitig: Der französische Psychologe Jean-Charles Terrassier prägte dafür den Begriff der «Dyssynchronie».7 Der Intellekt eilt voraus, während das Gefühl und der Körper im Takt des Lebensalters bleiben. So entsteht das Kind, das mit fünf Jahren über den Tod nachdenkt, aber seine Schuhe nicht binden kann — ein Wesen, zerrissen zwischen einem Verstand, der zu weit reicht, und einer Seele, die noch klein ist. Für seine Umgebung ist es schlicht sonderbar.

Diese Besonderheit hat einen Namen, den die Umwelt allerdings selten kennt. Der polnische Psychiater Kazimierz Dabrowski beschrieb die «Übererregbarkeiten» des Hochbegabten als eine gesteigerte Ansprechbarkeit in intellektueller, sensorischer, imaginativer, psychomotorischer und emotionaler Hinsicht — eine intensivere Art, die Welt wahrzunehmen, zu denken, zu fühlen oder zu erleben.8 Was hier als Signatur der Hochbegabung auftritt, gerät in einem auf den Durchschnitt geeichten System regelmässig unter Verdacht: Die intellektuelle Rastlosigkeit wird als Aufmerksamkeitsstörung, die emotionale Tiefe als Verhaltensproblem, die Andersartigkeit überhaupt als Defizit etikettiert. Hier ist grösste diagnostische Sorgfalt am Platz, denn es gibt tatsächlich die Doppelausnahme - den hochbegabten Menschen, der zugleich eine echte Störung trägt -, und diese ist von der blossen Fehletikettierung der Hochbegabung streng zu unterscheiden. Nicht jede Auffälligkeit des Hochbegabten ist eine Krankheit; aber nicht jede ist harmlos.

Das eigentliche Handicap jedoch entsteht nicht aus der Hochbegabung selbst, sondern aus den Gedanken, mit denen der Hochbegabte sie umgibt. Hier verdient die kognitive Psychotherapie ihren Namen, denn hier liegt ihr Gegenstand. Vier Denkfehler sind für die Hochbegabung besonders kennzeichnend.

Der erste ist der falsche Konsens: die stille Annahme, den anderen falle alles ebenso leicht wie einem selbst. Der Hochbegabte merkt lange nicht, wie anders er ist, weil er von sich auf die Menschheit schliesst. Kippt diese Annahme - stösst er auf die Grenzen der anderen, die er zunächst für Böswilligkeit hält -, so schlägt sie um in ein Gefühl des Verrats: Warum stellen sich alle dumm?

Der zweite ist die Potenzialschuld, die perfideste der vier. «Bei meinen Anlagen müsste ich Grosses leisten» — dieser Satz verwandelt jede reale Leistung in einen Beleg des Versagens, denn gemessen wird nicht am Erreichten, sondern am unendlichen Massstab des Möglichen. Der Hochbegabte, der so denkt, kann gar nicht genügen; er hat sich eine Schuld ausgestellt, die niemals getilgt werden kann.

Der dritte ist das dichotome Denken in den Kategorien Genie oder Versager — ein Entweder-oder, das jede mittlere Lage, also die menschliche Normallage, unbewohnbar macht.

Der vierte ist das Hochstapler-Phänomen, das Pauline Clance und Suzanne Imes 19789 beschrieben: die quälende Überzeugung, der eigene Erfolg sei erschlichen und man werde jeden Moment als Blender entlarvt. Gerade der Hochbegabte, dem vieles zufliegt, misstraut dem Zugeflogenen und hält es für unverdient.

Diese Denkfehler bleiben nicht folgenlos. Wo der Hochbegabte spürt, dass sein Anderssein abgewertet wird, verwendet er einen erheblichen Teil seiner geistigen Energie darauf, dieses Anderssein zu verbergen — und ausgerechnet jene Verarbeitungskapazität, die er zum Verstecken aufbietet, fehlt ihm für die eigentliche Leistung. Die Forschung beschreibt den Ausgang unmissverständlich: Wer gegen die Bedrohung durch ein Stereotyp ankämpfen muss, scheut davor zurück, sich herauszufordern, und gerät so in «die Sackgasse einer lebenslangen, sich selbst erfüllenden Prophezeiung von Minderleistung oder Misserfolg».10 Die Hochbegabung schlägt nicht in Höchstleistung um, sondern in ihr Gegenteil — in das Underachievement, die chronische Minderleistung des unter Wert Lebenden.

Am Ende dieser Kette steht, in den ernsten Fällen, die klinische Erkrankung. Ein aktuelles Handbuch zur Hochbegabung formuliert den scheinbaren Widerspruch mit wünschenswerter Klarheit: Es sei kontraintuitiv, dass gerade Menschen, die sich akademisch auszeichnen, die neugierig, ehrgeizig und zielstrebig sind, anfällig für Depression und Suizidgedanken sein sollten — und doch lege die Literatur nahe, dass es «diese besonderen Eigenschaften der Hochbegabung sind, die begabten Schülern erstaunliche Bildungserfahrungen ermöglichen, aber gleichzeitig als Auslöser für ihre sozialen und emotionalen Kämpfe wirken».11 Der Perfektionismus, der höhere Anspruch, die grössere Sensibilität, die den Selbstzweifel nährt: dieselben Merkmale, die den Hochbegabten befähigen, machen ihn verwundbar. Angststörungen, soziale Phobien und Depressionen sind bei Hochbegabten deshalb nicht selten — nur werden sie mit der ganzen Kunstfertigkeit des überlegenen Verstandes verborgen, so dass weder die Umgebung noch der Betroffene selbst die behandelbare Erkrankung dahinter erkennt.

Und über all dem liegt eine Last, die keiner dieser Kategorien angehört, weil sie kein Denkfehler ist, sondern eine Wahrheit: die Last des klaren Blicks. Wer weiter und komplexer denkt als die Mehrheit, durchschaut auch ihre tröstlichen Illusionen — und steht damit allein. Doch dieser Last kommen wir erst am Schluss bei, denn sie verlangt eine eigene Antwort.

Hochbegabung zwischen Förderung und Fehlpassung — ein historischer Seitenblick

Dass die Hochbegabung überhaupt zum Handicap werden kann, ist kein Naturgesetz, sondern hängt von der Umwelt ab, in die sie fällt. Die Bereiche, in denen eine Gesellschaft Begabung anerkennt, spiegeln ihre Werte wider und sind, wie die Forschung festhält, «historischen Einflüssen unterworfen»; ein Mensch kann folglich «mit dem Potenzial geboren werden, hochbegabt zu sein», ohne es je zu werden, weil hochbegabt sein heisst, in etwas begabt zu sein, das die jeweilige Gesellschaft schätzt.12 Die Hochbegabung ist also nicht nur eine Eigenschaft des Begabten, sondern immer auch ein Verhältnis zwischen ihm und seiner Zeit.

Frühere Zeiten hielten für dieses Verhältnis Institutionen bereit. Das Talent konnte sich durch gezielte Förderung entfalten, nicht selten getragen von vermögenden Einzelnen, deren Mäzenatentum Kunst, Wissenschaft und Kultur erst ermöglichte. Man muss diese Vergangenheit nicht verklären, um festzustellen, dass sie dem Aussergewöhnlichen einen Ort gab. Die Gegenwart tut sich damit schwerer — nicht aus Bosheit, sondern aus einer Struktur, die auf den Durchschnitt hin gebaut ist und für die grosse Abweichung nach oben ebenso wenig Passung bereithält wie für die nach unten. Man muss darin keinen Kulturkampf sehen; es genügt die klinische Feststellung, dass eine Gabe zur Bürde wird, wo die Umwelt ihr keinen Anschluss bietet.

Der volkswirtschaftliche Preis dieser Fehlpassung ist beträchtlich. Der Militärdemograph Gunnar Heinsohn hat in seinem «Wettkampf um die Klugen» beschrieben, welchen Schaden eine Gesellschaft nimmt, die ihre wenigen wirklich Hochbegabten nicht zur Entfaltung bringt.13 Was für den Einzelnen ein persönliches Unglück ist, ist für die Allgemeinheit ein Verlust an Begabungen, die sie eigentlich braucht. Friedrich Schiller hat den Kern dieser undankbaren Konstellation, in der die Zahl über den Verstand entscheidet, in seinem Demetrius auf eine Zeile gebracht:

«Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen.»

Friedrich Schiller: Demetrius.14

Zwei Hochbegabte, zwei Wege — das Denken als Weiche

Wenn nicht die Hochbegabung selbst über Glück oder Unglück entscheidet, was dann? Die Antwort der kognitiven Psychotherapie lautet: das Denken, das sich zwischen das Erlebnis und sein Gefühl schiebt. Dieser Zusammenhang ist so grundlegend, dass er hier für jeden Leser nachvollziehbar sein muss, ob hochbegabt oder nicht, denn er ist der Schlüssel zu fast allem, was folgt.

Zwischen dem, was uns widerfährt, und dem, wie es uns damit geht, steht immer ein Drittes: unsere Bewertung. Nicht die Dinge erschüttern uns, wie schon der antike Philosoph Epiktet vor beinahe zwei Jahrtausenden wusste, sondern unsere Urteile über die Dinge.15 Die kognitive Psychotherapie hat diesen Gedanken in ein einfaches Schema gefasst: Zwischen dem Ereignis - nennen wir es A - und dem Gefühl, das daraus folgt - nennen wir es C -, steht immer die Bewertung B. Nicht A verursacht C, sondern B.16 Zwei Menschen, denen dasselbe widerfährt, können deshalb völlig verschieden enden — je nachdem, was sie darüber denken. Und weil man Gedanken ändern kann, kann man auch das Gefühl ändern, das aus ihnen folgt. Darin liegt die ganze Kraft der kognitiven Psychotherapie.

Wie gross diese Kraft ist, zeigt kein Lehrbuchbeispiel so eindrücklich wie ein natürliches Experiment, das die Geschichte selbst angestellt hat. In der Mitte der siebziger Jahre gelangten zwei überragend begabte Männer unabhängig voneinander zu ein und derselben Diagnose: Die technische Zivilisation, so erkannten beide, bedrohe etwas Wesentliches im Menschen — seine Autonomie, seinen unvermittelten Zugang zur Wirklichkeit. Gleiches A, gleicher klarer Blick, gleiche Last des Durchschauens. Und dann trennten sich ihre Wege so radikal, wie sich Wege nur trennen können.

Der eine war Theodore Kaczynski, ein mathematisches Wunderkind, mit sechzehn in Harvard, ein Verstand von seltener Schärfe. Bei ihm gerinnt die Wahrnehmung zur paranoiden Grandiosität. Er universalisiert die eigene Entfremdung zur Totaltheorie, entmenschlicht jeden, der seinen Blick nicht teilt, und masst sich an, im Namen seiner Einsicht zu töten. Es ist die Denkfigur des Raskolnikow aus Dostojewskijs Roman «Verbrechen und Strafe» — des «aussergewöhnlichen Menschen», der glaubt, wer mehr sehe, dürfe die Regeln der Gewöhnlichen übertreten.17 Sein Manifest ist keineswegs wirr, sondern minutiös durchargumentiert; genau das macht es so lehrreich. Die Hochbegabung fehlt hier nicht — sie ist der Motor. Sie treibt ein dichotomes Denken an, das nur System oder Freiheit kennt und nichts dazwischen, eine zur Metaphysik erhobene Katastrophisierung und einen ins Negative gewendeten falschen Konsens, dessen Formel lautet: Alle sind verblendet — ausser mir.

Der andere war Joseph Weizenbaum, Informatiker am Massachusetts Institute of Technology, ebenso hellsichtig, was die Gefahren der Rechenmaschine anging. Er hatte allen Grund zum Erschrecken, denn er hatte am eigenen Werk beobachtet, wie bereitwillig Menschen einem denkbar einfachen Computerprogramm - seinem Chatbot ELIZA - menschliches Verständnis andichteten, ja wie ganz normale Menschen in der Interaktion mit wenigen Zeilen Code starke Wahnvorstellungen entwickelten.18 Dieselbe Einsicht in die Bedrohung, die Kaczynski in den Terror trieb, verarbeitete Weizenbaum als humane, selbstkritische Warnung. Er verfasste 1976 sein Werk «Computer Power and Human Reason» — nicht als Anklage der Menschheit, sondern als sorgfältige Unterscheidung dessen, was der Rechner kann, von dem, was man ihm anvertrauen darf: «from judgment to calculation». Er blieb im Kreis der Vernunft, wandte sich an seine Fachkollegen, ertrug die Einsamkeit des Dissidenten im eigenen Feld — und wandelte diese Einsamkeit nicht in Hass um.

Man betrachte die Symmetrie dieses Experiments, denn sie ist makellos. Gleiches A — die wahrgenommene technische Bedrohung. Radikal verschiedenes B — hier das paranoide, dort das redliche Bewertungssystem. Und radikal verschiedenes C — hier eine Serie von Briefbomben, dort ein kanonisches Werk humaner Reflexion. Die Hochbegabung ist an beiden Ausgängen unschuldig. Sie war bei beiden vorhanden, in seltenem Mass; sie war der Verstärker, nicht die Ursache. In Verbindung mit verzerrtem Denken brachte sie Kaczynski hervor. In Verbindung mit gesundem Denken brachte sie Weizenbaum hervor. Was die beiden trennt, ist nicht die Gabe, sondern was sie damit dachten — und genau hier, am Bewertungssystem B, setzt die kognitive Psychotherapie an.

Zwischen diesen beiden Polen - dem Bombenleger und dem redlichen Mahner - liegt ein breites Feld, das die klinische Erfahrung kennt. Nicht jeder, der seine Hochbegabung missbraucht, greift zur Gewalt. Weit häufiger ist der Hochbegabte, der seine Gabe zwar nicht zur Waffe, aber zum Instrument der Selbsterhöhung macht — der sie wie einen Orden vor sich herträgt und aus seinem Anderssein eine Überlegenheit destilliert. In Vereinigungen, die sich vornehmlich über den gemessenen Intelligenzwert definieren, begegnet man diesem Typus nach meiner Erfahrung häufiger als dem stillen, zweifelnden Denker. Auch das ist ein Denkfehler — nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wo der Leidende sein Anderssein als Beweis seines Defekts liest, liest der Narzisst es als Beweis seiner Grösse. Beide haben denselben Fehler begangen; sie haben ihren Wert an eine Zahl gekettet.

Was die kognitive Psychotherapie für Hochbegabte leisten kann

Wer bis hierher gefolgt ist, hat das Entscheidende bereits verstanden: Wenn allein das Denken die beiden Wege trennt, dann ist das Denken der Ort, an dem sich etwas ändern lässt. Genau das ist die Arbeit der kognitiven Psychotherapie. Sie rührt nicht an die Hochbegabung - sie wäre töricht, wollte sie eine Gabe «heilen» -, sondern sie korrigiert das Bewertungssystem, das aus der Gabe eine Last gemacht hat. Sie beseitigt die krankmachenden Denkfehler, und indem sie das Denken verändert, versetzt sie den Hochbegabten in die Lage, sein Erleben und Verhalten selbst neu einzuüben.

Die zentrale Operation dabei ist die Entkopplung des Selbstwerts von der Gabe. Solange der Hochbegabte seinen Wert an seiner gemessenen Fähigkeit festmacht, ist er verloren — ob er sich nun für einen Versager hält, weil er dem Massstab nicht genügt, oder für einen Überlegenen, weil er ihn übertrifft. Beide Verzerrungen, die Deflation des Leidenden und die Inflation des Narzissten, sind derselbe Denkfehler in zwei Richtungen, und die kognitive Psychotherapie löst beide mit demselben Schnitt: Sie trennt, was der Mensch ist, von dem, was er kann. Erst wenn diese Kette durchtrennt ist, wird die Hochbegabung wieder das, was sie sein sollte — ein Werkzeug in der Hand eines Menschen, der sich nicht mehr durch dieses Werkzeug definieren muss.

Der Hochbegabte bringt für diese Arbeit eine seltene Voraussetzung mit: dieselbe schnelle Auffassungsgabe und steile Lernkurve, die ihn im Übrigen auszeichnen, machen ihn in der kognitiven Psychotherapie zum idealen Mitarbeiter an der eigenen Sache. Was hier angeboten wird, ist deshalb keine langwierige Behandlung, sondern eine psychologische Anleitung zur Selbsthilfe — eine Begleitung auf dem Weg vom kranken zum gesunden Denken, den der Hochbegabte, einmal auf die richtige Spur gesetzt, mit bemerkenswerter Geschwindigkeit selbst zurücklegt.

Wie rasch dieser Weg gegangen werden kann, sobald die Diagnose endlich stimmt, zeigt der Bericht eines Arztes, der zehn Jahre durch das Gesundheitssystem geirrt war, ehe er die wahre Ursache seines Leidens erkannte. Die Psychoanalytiker hatten ihm eine «Narzisstische Persönlichkeitsstörung» bescheinigt - eine, wie er später schrieb, «groteske Fehlbeurteilung». Erst die kognitive Psychotherapie brachte mit seinen Symptomen in Zusammenhang, was ein Jahrzehnt lang niemand gesehen hatte: seine Hochbegabung.

«Vielmehr musste ich meine hauptsächlichen Probleme als typisch für hochbegabte Menschen erkennen — nie zuvor hatte ein Psychotherapeut meine Zugehörigkeit zu dieser Personengruppe in Zusammenhang mit meinen Symptomen gebracht. ‹Handicap Hochbegabung› und ‹Soziale Phobie› waren die Begriffe, die Herr Luchmann mit Vorsicht gebrauchte, um meine Problematik zu beschreiben.»

Protokoll einer Fehldiagnose — Arzt erlebt Psychotherapeuten und Psychotherapie. Psychotherapie. 11.03.2003.19

In zwei Therapieblöcken eines einzigen Wochenendes vollzog er die Wende, die ihm zehn Jahre verwehrt geblieben war — nicht weil ihn jemand behandelt, sondern weil er umzudenken gelernt hatte. Es ist der Weg von der Kränkungsbuchhaltung - «die Welt schuldet mir Anerkennung» - hin zur Eigenverantwortung: zu der nüchternen Einsicht, dass es an einem selbst liegt, aus der eigenen Gabe etwas zu machen. Immanuel Kant nannte das den «Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit».20

Die Grenze der Psychotherapie — und die Würde des klaren Blicks

Eines aber kann auch die beste kognitive Psychotherapie nicht: Sie kann die Einsamkeit des klaren Blicks nicht abschaffen. Wer weiter sieht als die Mehrheit, wird immer ein Stück weit allein bleiben mit dem, was er sieht — das ist keine Krankheit und kein Denkfehler, sondern der Preis der Klarheit. Doch hier ist genau zu unterscheiden. Zu trennen ist die Einsamkeit selbst, die eine Tatsache ist, von dem Leiden, das der Hochbegabte ihr hinzufügt: von dem Urteil, seine Fremdheit beweise seinen Defekt, von der Selbstverachtung, von der depressiven Selbstaufgabe. Das Erste kann die Psychotherapie nicht aus der Welt schaffen. Das Zweite kann sie vollständig auflösen.

Und in dieser Unterscheidung liegt die eigentliche Wendung. Nicht die Einsamkeit quält, sondern das Urteil über sie. Die kognitive Psychotherapie verwandelt die Einsamkeit von einer Wunde in einen Preis — in den Preis für eine Klarheit, die kein Hochbegabter, hätte er die Wahl, gegen die tröstliche Blindheit der Mehrheit eintauschen wollte. Wer das begriffen hat, trägt seine Einsamkeit nicht mehr als Strafe, sondern als Würde. Und dann lässt sich der Satz, der über allem stand, endlich aushalten:

Wer die tröstlichen Illusionen der Mehrheit durchschaut, zahlt dafür mit Einsamkeit.

Die häufigsten Fragen zu Hochbegabung und Psychotherapie

Kann Hochbegabung psychisch krank machen?

Nicht die Hochbegabung selbst macht krank, sondern die Denkfehler, mit denen der Hochbegabte sein Anderssein bewertet. Die Hochbegabung ist ein Verstärker: In Verbindung mit verzerrtem Denken kann sie Angststörungen, soziale Phobien und Depressionen begünstigen. Kognitive Psychotherapie beseitigt diese Denkfehler.

Warum wissen viele Hochbegabte nicht, dass sie hochbegabt sind?

Der Hochbegabte schliesst von sich auf die anderen und hält seine Auffassungsgabe für selbstverständlich - den falschen Konsens. Er erlebt nur die Reibung mit seiner Umgebung, nicht deren Ursache. So deutet er die Folgen seiner Hochbegabung als persönliches Versagen und sucht die Ursache an der falschen Stelle.

Führt Hochbegabung zu Angststörungen, sozialer Phobie oder Depression?

Im statistischen Mittel sind Hochbegabte sozial und emotional unauffällig. Am extremen Rand und bei fehlender Passung zwischen Hochbegabung und Umwelt steigt jedoch das Risiko für Angst, soziale Phobie und Depression. Hochbegabte verbergen diese Störungen oft kunstvoll, weshalb sie unerkannt bleiben.

Wie hilft kognitive Psychotherapie beim Handicap Hochbegabung?

Sie rührt nicht an die Hochbegabung, sondern korrigiert das Bewertungssystem, das aus der Gabe eine Last gemacht hat. Ihre zentrale Operation ist die Entkopplung des Selbstwerts von der gemessenen Fähigkeit. Die steile Lernkurve Hochbegabter macht diese Arbeit rasch und wirksam.

Kann Psychotherapie die Einsamkeit hochbegabter Menschen beseitigen?

Die Einsamkeit des klaren Blicks ist keine Krankheit und lässt sich nicht abschaffen. Was die kognitive Psychotherapie auflöst, ist das Leiden, das der Hochbegabte dieser Einsamkeit hinzufügt — zum Beispiel die Selbstverachtung und die depressive Selbstaufgabe.

Psychotherapie.com unterstützt eine Gesprächsgruppe Hochbegabter am Zürichsee, die diese intellektuelle Einsamkeit gemeinsam überwinden. Interessenten im Alter über 50 setzen das Wort «hochbegabung» und das «@» vor diese Domain — und schreiben, um eingeladen zu werden.

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Quellen

1 Davidson, J.E.: Genius, Eminence, and Giftedness. In: Ramachandran, V.S. (Editor-in-Chief), Encyclopedia of Human Behavior. Second Edition. Volume 2: E-O. London: Academic Press, 2012, 221-227. [Im Original S. 221: «Giftedness: Outstanding performance or capability in comparison with others of the same age, environment, or experience. Areas of high performance or potential include general intelligence, specific academic disciplines, leadership, creative, and/or artistic.»]

2 Terman, L.M.: Genetic Studies of Genius. 5 Bände. Stanford: Stanford University Press, 1925-1959.

3 Shurkin, J.N.: Terman's Kids. The Groundbreaking Study of How the Gifted Grow Up. Boston: Little, Brown, 1992.

4 Leslie, M.: The Vexing Legacy of Lewis Terman. Stanford Magazine, July/August 2000.

5 Rost, D. H. (Hrsg.): Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Befunde aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt. 2. Auflage. Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie, Band 72. Münster: Waxmann, 2009.

6 Hollingworth, L.S.: Children Above 180 IQ Stanford-Binet. Origin and Development. Yonkers-on-Hudson, N.Y.: World Book Company, 1942.

7 Terrassier, J.-C.: Les enfants surdoués ou La précocité embarrassante. Paris: Éditions ESF, 1981.

8 Dabrowski, K.: Positive Disintegration. Boston: Little, Brown, 1964. [Im Original S. XVIII: «psychological examination of normal children in Warsaw public schools who were judged by their teachers to be above average in intelligence and well adapted has shown that about 80 per cent have different symptoms of nervousness and slight neurosis such as mild anxiety, phobias, inhibitions, slight tics, and various forms of overexcitability.» S. 6: «Loosening of structure occurs particularly during the period of puberty and in states of nervousness, such as emotional, psychomotor, sensory, imaginative, and intellectual overexcitability.»]

9 Clance, P.R.; Imes, S.A.: The Impostor Phenomenon in High Achieving Women. Dynamics and Therapeutic Intervention. Psychotherapy: Theory, Research and Practice, 1978, 15(3), 241-247.

10 Olenchak, R.; Jacobs, L.T.; Hussain, M.; Lee, K.; Gaa, J.: Giftedness Plus Talent Plus Disabilities. In: Ambrose, D.; Sternberg, R.J. (Eds.), Giftedness and Talent in the 21st Century. Advances in Creativity and Giftedness, Vol. 10. Rotterdam: Sense Publishers, 2016, 255-279. [Im Original S. 260: «Students who have to combat the anxiety that accompanies stereotype threat often shy away from challenging themselves academically, and such circumstances can cast a pathway for a lifelong, self-fulfilling prophecy of underachievement or failure ... When people are made aware of any negative stereotype (... giftedness, disabilities etc.) that could apply to them, they exert cognitive energy to ensure that the traits associated with that stereotype are suppressed ... Unfortunately, the executive processing functions being utilized to suppress stereotypical traits are the very functions needed to complete higher-level cognitive tasks. The ongoing navigation of a social landscape that devalues specific groups places a cumulative affective burden on gifted students who differ from the norm that shapes their social behavior and individual identity development.»]

11 Mueller, C.E.; Winsor, D.L.: Depression, Suicide, and Giftedness: Disentangling Risk Factors, Protective Factors, and Implications for Optimal Growth. In: Pfeiffer, S.I. (Ed.), Handbook of Giftedness in Children. Psychoeducational Theory, Research, and Best Practices. Second Edition. Cham, ZG, Switzerland: Springer International Publishing, 2018, 255-284. [Im Original S. 260f: «One way of looking at the propensity for depression among students with gifts, is that because they demonstrate advanced development, have more sophisticated reasoning ability, and have a heightened awareness of their surroundings that they somehow have a protective coating that exempts them from stress that can lead to emotional distress (e.g., depression, anxiety, and suicidal ideation). Along this perspective gifted children and adolescents either do not get caught-up in the activities of daily life that are common place among developing preteens and teens; or they are more equipped to cope with the nuances persistent across all developing children and adolescents. On the other hand, it might seem counterintuitive to think that individuals who excel academically and who demonstrate high levels of self-control, curiosity; and who are ambitious, goal-directed and have such an interest in learning could actually be prone to feelings of depression (and suicide). However, the literature suggests that it is these very gifted characteristics that provide gifted students with amazing educational experiences that act as the catalysts for their social and emotional battles. For instance, they have higher than average tendencies toward perfectionism, therefore face challenges with more intensity and persistence; their higher aptitude potential often makes them struggle to see where and how they fit into their peer group; their heightened sensitivity makes them more emotionally vulnerable with stronger senses of awareness that foster selfdoubt and self-criticism; there level of maturity prevents them from adequate coping skills that lead to relationship conflicts that in turn can cause them to be introverted and isolate themselves in all contexts (i.e., home, school, and peers).»]

12 Cross, T.L.; Coleman, L.J.: School-Based Conception of Giftedness. In: Sternberg, R.J; Davidson, J.E. (Eds.), Conceptions of Giftedness. Second Edition. Cambridge: Cambridge University Press, 2005, 52-63. [Im Original S. 62: «The domains in which giftedness are recognized are reflective of society’s values and are subject to historical influences. ... Hence, people may be born with the potential to be gifted but many do not actually become gifted because to be gifted means to be gifted at something.»]

13 Heinsohn, G.: Wettkampf um die Klugen. Kompetenz, Bildung und die Wohlfahrt der Nationen. Zürich: Orell Füssli, 2019. [Im Original S. 96: «Die Befunde der Empiriker beleidigen unsere nobelsten Gleichheitsideale und höchsten pädagogischen Erwartungen, die wir - ich war allein schon von Berufs wegen Jahrzehnte dabei - doch für die gesamte Menschheit hegen und mit immer neuen Milliardenbeträgen herbeisubventionieren wollen. Noch ist das stetige pädagogische Scheitern kaum registriert oder gar verdaut. Noch sind gewaltige Bürokratien mit hohen Budgets unermüdlich an der Arbeit für jede nur denkbare Niveauanhebung. Sicher ist bisher nur, dass zum reichsten Menschen der Geschichte würde, wer endlich eine Pille oder Methode erfände, deren Verabreichung Durchschnittskinder in Matheasse transformiert.»]

14 Schiller, F.: Demetrius. In: Schillers Dramatischer Nachlaß. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar herausgegeben von Gustav Kettner. 1. Band: Schillers Demetrius. Weimar: Hermann Böhlau, 1895, S. 21.

15 Epiktet, Teles, Musonius: Ausgewählte Schriften. Griechisch - Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel. Zürich: Artemis Verlag, 1994, S. 15. [Encheiridion, Kap. 5: «Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie. So ist zum Beispiel der Tod nichts Furchtbares - sonst hätte er auch Sokrates furchtbar erscheinen müssen -, sondern nur die Meinung, er sei furchtbar, ist das Furchtbare. Wenn wir also in Schwierigkeiten geraten, beunruhigt oder betrübt werden, wollen wir die Schuld niemals einem anderen, sondern nur uns selbst geben, das heißt unseren Meinungen und Urteilen.»]

16 Ellis, A.: Reason and Emotion in Psychotherapy. New York: Lyle Stuart, 1962. [Albert Ellis formalisierte den stoischen Grundgedanken im ABC-Modell der Rational-Emotiven Therapie: Nicht das auslösende Ereignis (A, activating event), sondern die Bewertung (B, belief) erzeugt die emotionale Konsequenz (C, consequence).]

17 Dostojewskij, F.: Verbrechen und Strafe [Преступление и наказание, 1866]. Zürich: Ammann Verlag, 1994. [Im Original S. 350-352: Raskolnikow beschreibt seine Theorie vom «aussergewöhnlichen Menschen», dem das Überschreiten der für die Gewöhnlichen geltenden Regeln erlaubt sei. Danach haben aussergewöhnliche Menschen das Recht, alle Hindernisse zu überschreiten, wenn die Verwirklichung ihrer Idee es erfordert.]

18 Weizenbaum, J.: Computer Power and Human Reason. From Judgment to Calculation. San Francisco: W.H. Freeman and Company, 1976. — Zum ELIZA-Effekt, der Auslösung starker Wahnvorstellungen durch ein einfaches Computerprogramm, siehe den Artikel: Luchmann, D.: Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers. Psychotherapie. 29.06.2026

19 Nordes, N.: Protokoll einer Fehldiagnose — ein Arzt erlebt Psychotherapeuten und Psychotherapie. Psychotherapie. 11.03.2003.

20 Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, Heft 12, 481-494. [Im Original S. 481: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.»]

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