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Die institutionalisierte Hybris der Psychotherapie: Warum der Psychotherapeut ein unmöglicher Beruf ist

Freud nannte das Analysieren einen unmöglichen Beruf. Er irrte nur in einem Punkt: Unmöglich ist nicht der Beruf — unmöglich ist seine Massenproduktion. Denn die entscheidende Ressource eines Psychotherapeuten - Weisheit, kognitive Klarheit, natürliche Autorität - ist nicht skalierbar. Eine Obduktion der grössten Lebenslüge der Psychotherapie-Industrie, mit einem Ausblick auf die Maschinen, die den ineffizienten Massenbetrieb beerben werden.
«Ein Beruf, der das Denken nicht leistet, wird beerbt von einer Maschine, die nicht denken kann.»

I. Das Paradox: «Die Psychotherapie gebiert ihre Patienten»

Betrachtet man die Gegenwart, drängt sich ein sonderbares Bild auf: Nie zuvor gab es eine derart hohe Dichte an Psychotherapeuten, psychologischen Beratungsstellen und mentalen Heilsversprechen — und nie zuvor galt die Gesellschaft als psychisch derart fragil. Die Wartelisten sind lang, die Diagnosezahlen steigen, die Krankschreibungen wegen psychischer Leiden erreichen Jahr für Jahr neue Höchststände. Die orthodoxe Lesart erklärt dies mit gestiegener Sensibilität und verdienstvoller Enttabuisierung: Das Leid sei immer dagewesen, jetzt werde es endlich sichtbar und behandelt.

Diese Lesart hat einen Schönheitsfehler: Wenn sie stimmte, müsste die massenhafte Behandlung das massenhafte Leid allmählich verringern. Genau das lässt sich nicht beobachten. Eine Forschergruppe um Anthony Jorm ist im Organ der World Psychiatric Association - also an denkbar unverdächtiger Stelle - der Frage nachgegangen, ob die massiv ausgeweitete Behandlungskapazität in Australien, Kanada, England und den USA die Prävalenz - so heisst der Fachausdruck für die Häufigkeit einer Krankheit in der Bevölkerung - von Depressionen und Angststörungen gesenkt hat. Das Ergebnis: Sie hat es nicht.1 Mehr Behandlung, gleich viel oder mehr Leiden. In jeder anderen Branche hiesse das Produkthaftung. In der Psychotherapie heisst es Versorgungslücke, und man fordert mehr Kassensitze. Eine Feuerwehr, die mit jeder zusätzlichen Löschgruppe mehr Brände meldet, würde man untersuchen; der Psychotherapie bewilligt man die nächste Löschgruppe.

Die deutsche Bestätigung lieferte inzwischen ausgerechnet das Hausblatt der Therapiekultur. Unter dem bemerkenswerten Titel «Die Psychotherapie gebiert ihre Patienten» bilanzierte der Wissenschaftsjournalist Jochen Paulus Anfang 2025 in «Psychologie Heute» die Situation: 39 000 niedergelassene Psychotherapeuten - fast so viele wie Hausärzte -, anderthalb Millionen Behandlungen pro Quartal, ein Anstieg der Behandlungszahlen um gut neun Prozent allein zwischen 2019 und 2022. Die Prävalenz aber verharrt seit einem Jahrzehnt bei rund 30 Prozent; in den Niederlanden stieg sie trotz Behandlungsausbaus offenbar sogar.2 Der Psychiatrieprofessor Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön-Klinik Roseneck, benannte auf dem Berliner Psychiatriekongress die Fallhöhe: In der Medizin gelte eigentlich, «man wendet mehr Therapie an und erwartet dann, dass die Häufigkeit der entsprechenden Krankheit nach unten geht» — so, wie die Behandlung des Bluthochdrucks auch Herzinfarkte und Schlaganfälle reduziert hat. Bei den psychischen Erkrankungen komme man dagegen «zu der etwas bitteren Erkenntnis»: Es gibt keine Abnahme.2

Auch die übliche Ausrede - die Kranken erreichten die Behandlung gar nicht - hat dasselbe Blatt gleich mit entsorgt: Nach einer 2024 vorgestellten Befragung von 2 200 Betroffenen erhielten 90 Prozent innerhalb eines Vierteljahres ein Erstgespräch, und 96 Prozent derer, die anschliessend regelmässige Termine wünschten, bekamen sie binnen weiterer drei Monate.2 Der Zugang funktioniert; die Heilung bleibt aus. Wie weit sie ausbleibt, beziffert der führende Therapieforscher Pim Cuijpers nach Auswertung der Depressionsstudien: Ohne Behandlung geht es 45 Prozent der Erkrankten nach einiger Zeit besser, mit Behandlung 60 Prozent — und vor den 40 Prozent, denen keine Behandlung hilft, kapituliert die Forschung wörtlich: «Wir probieren alles, aber nichts hilft.»2 Diese Zeitschrift hat am 2. September 2026 mit dem Artikel Psychotherapie-Inflation: Wir sind nicht kränker geworden, wir halten uns nur für behandlungsbedürftig ausführlich analysiert, was dieses Behandlungs-Prävalenz-Paradox für eine Gesellschaft bedeutet, die Jahr für Jahr mehr in ein System einzahlt, das die Krankheitslast nachweislich nicht senkt.3

Es bedarf einer gewissen intellektuellen Unabhängigkeit - und wohl jahrzehntelanger Berufserfahrung in genau diesem Feld -, um den rosa Elefanten im Therapiezimmer zu benennen: Der Beruf des Psychotherapeuten, so wie er heute institutionalisiert, standardisiert und massenhaft produziert wird, kann das Versprochene strukturell nicht leisten. Er ist, im präzisen Sinn des Wortes, ein unmöglicher Beruf. Das ist keine neue Erkenntnis. Sie stammt vom Gründervater selbst.

II. Freuds Geständnis

Sigmund Freud, dem man vieles vorwerfen kann, nur nicht mangelnde Selbstkritik in seinen helleren Momenten, schrieb 1937, zwei Jahre vor seinem Tod, es habe «doch beinahe den Anschein, als wäre das Analysieren der dritte jener ‹unmöglichen› Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren.»4 Man könnte das für Altersmilde halten oder für Erschöpfung. Es war keines von beidem: Denselben Gedanken hatte Freud bereits 1925 formuliert, im Geleitwort zu August Aichhorns «Verwahrloste Jugend».5 Zwölf Jahre lang hielt der Begründer der modernen Psychotherapie an der Überzeugung fest, dass sein eigener Beruf zu den unmöglichen gehört. Seine Erben haben daraus die naheliegende Konsequenz gezogen: Sie haben aufgehört, darüber zu sprechen.

Was Freud nicht aussprach, aber implizierte, ist der Grund der Unmöglichkeit. Der Psychotherapeut ist nicht der Chirurg, der mit sterilen Instrumenten in einen fremden Körper schneidet. Er ist das Instrument selbst. Und dieses Instrument ist - die Belege folgen - mit seltenen Ausnahmen stumpf.

III. Der Irrtum der Erlernbarkeit

Der fundamentale Konstruktionsfehler des Systems liegt in einer kategorialen Verwechslung: der Verwechslung von Wissen und Weisheit. Das System suggeriert, dass junge Menschen, die direkt aus dem geschützten Raum der Universität kommen, durch das Memorieren von Klassifikationskatalogen und das Absitzen theoriegeleiteter Selbsterfahrungsstunden zu Experten für die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz heranreifen. Die Prämisse lautet: Was der Psychotherapeut braucht, lässt sich lehren, prüfen und zertifizieren.

Die Absurdität dieser Erwartung ist so alt wie ihr sprichwörtlicher Name. Als der Nürnberger Barockdichter Georg Philipp Harsdörffer 1647 sein Lehrwerk «Poetischer Trichter» veröffentlichte, das versprach, «die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen», schenkte er der deutschen Sprache unfreiwillig das Spottbild jeder Bildungsillusion: den Nürnberger Trichter.6 Knapp vier Jahrhunderte lang lachte man über die Vorstellung, man könne Kunstfertigkeit eingiessen wie Suppe. Dann akkreditierte man Studiengänge, die Lebensweisheit in Modulen zu 45 Minuten vergeben, mit Anwesenheitspflicht, Leistungsnachweis und Stempel — und das Lachen verstummte, weil aus dem Witz eine Approbationsvoraussetzung geworden war.

Dass sich Weisheit nicht eintrichtern lässt, ist dabei keine romantische Behauptung, sondern einer der ältesten geprüften Befunde der Philosophie. In Platons Dialog «Menon» stellt Sokrates die einfache Kontrollfrage: Wenn Tugend - gemeint ist Lebenstüchtigkeit, praktische Weisheit - lehrbar wäre, wo sind dann ihre Lehrer? Themistokles und Perikles, die vortrefflichsten Männer Athens, liessen ihre Söhne in allem unterrichten, was sich unterrichten lässt: Reiten, Ringen, Musik. Ihre eigene Vortrefflichkeit aber konnten sie nicht weitergeben — nicht einmal an die eigenen Kinder, an denen ihnen mehr lag als jedem Ausbildungsinstitut an seinen zahlenden Kandidaten.7 Wer heute glaubt, ein akkreditiertes Curriculum könne leisten, woran Perikles an den eigenen Söhnen scheiterte, müsste wenigstens erklären, was sich seit zweieinhalb Jahrtausenden am Menschen geändert hat. Diese Erklärung steht aus.

Warum das so ist, hat Immanuel Kant präziser benannt als jede moderne Ausbildungsforschung. Regeln, so Kant in der «Kritik der reinen Vernunft», lassen sich lehren — und nichts anderes sind Manuale, Klassifikationskataloge, Gesprächstechniken. Die Urteilskraft aber, das Vermögen zu erkennen, ob der konkrete Fall überhaupt unter die gelernte Regel gehört, sei «ein besonderes Talent, welches gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein will». Und in der wohl folgenreichsten Fussnote des Buches: «Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen.»8 Genau hier liegt der Konstruktionsfehler der Psychotherapie-Ausbildung offen: Sie lehrt Regeln, prüft Regeln und zertifiziert Regeln — und entlässt ihre Absolventen dann in einen Beruf, der in jeder einzelnen Minute aus Urteilskraft besteht. Der Nürnberger Trichter giesst zuverlässig ein; ob das Gefäss einen Boden hat, wird nicht geprüft.

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat das empirische Material geliefert, an dem die Prämisse der Erlernbarkeit vollends zerbricht. In «Thinking, Fast and Slow» berichtet er von einem Experiment der Sozialpsychologen Nisbett und Borgida: Studenten, denen ein überraschendes statistisches Faktum über menschliches Verhalten präsentiert wurde - die ernüchternden Ergebnisse des berühmten Hilfeleistungs-Experiments -, lernten daraus schlicht nichts; ihre Vorhersagen über das Verhalten einzelner Menschen blieben unverändert rosig, als hätten sie die Zahlen nie gesehen.9,10 Das Wissen war vorhanden; es veränderte das Denken nicht. Kahneman selbst zog die noch unbequemere Konsequenz und räumte ein, dass sein eigenes intuitives Denken nach vier Jahrzehnten Forschung über kognitive Verzerrungen für ebendiese Verzerrungen anfällig geblieben war.9 Man lasse das wirken: Der bedeutendste Kognitionspsychologe seiner Generation attestiert sich selbst, dass ein Forscherleben im Zentrum der Disziplin sein Alltagsdenken nicht verlässlich repariert hat.

Wenn aber das Studium des Denkens das Denken nicht verändert - und das Denken das primäre Werkzeug des Psychotherapeuten ist -, was genau produzieren dann die Ausbildungsinstitute? Die Antwort liegt nahe: Menschen, die ein Vokabular gelernt haben, aber nicht die Fähigkeit, damit zu denken. Handwerker, die Werkzeuge benennen können, ohne sägen zu können. In der Not flüchtet sich der so Ausgebildete auf das, was er tatsächlich gelernt hat: sein Manual, das standardisierte Behandlungshandbuch. Er hakt dessen Module ab, als wartete er einen Mittelklassewagen — der absurde Versuch, einen defekten inneren Kompass mit einem akademischen Zollstock zu kalibrieren.

Ludwig Wittgenstein hat den Zustand der Disziplin in einem Satz seziert, der in keinem Curriculum zitiert wird: «Die Verwirrung und Öde der Psychologie ist nicht damit zu erklären, dass sie eine ‹junge Wissenschaft› sei» — in der Psychologie, so sein Befund, bestünden «experimentelle Methoden und Begriffsverwirrung» nebeneinander.11 Das ist keine Randnotiz eines Fachfremden. Das ist eine Strukturkritik: Eine Disziplin, die ihre Grundbegriffe nicht geklärt hat, kann Methoden akkumulieren, so viele sie will — sie misst präzise im Nebel.

IV. Die Rekrutierungsfrage

Dieses Konstruktionsproblem wird durch ein zweites verschärft, das die Psychotherapeuten-Zunft noch sorgfältiger meidet: die Frage, wen dieser Beruf anzieht. Eva Jaeggi, Verhaltenstherapeutin, Psychoanalytikerin und von 1978 bis 2000 Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin, hat sie gestellt — bezeichnenderweise erst im sicheren Ruhestand. Ihr Buch «Und wer therapiert die Therapeuten?» kommt zum Ergebnis, dass bei der Berufswahl weniger die Eignung als die Neigung den Ausschlag gibt: Der Beruf zieht Menschen an, die im professionellen Helfen eine Lösung für das eigene Leiden suchen.12 Damit ist die Psychotherapie-Ausbildung wohl die einzige Berufsausbildung, die ihre Nachfrage gleich mitbringt: Ihre ersten Patienten sind die Auszubildenden selbst, und die vorgeschriebene Selbsterfahrung bezahlen sie in aller Regel aus eigener Tasche. Wolfgang Schmidbauer hat für diese Konstellation schon 1977 den Begriff geprägt, der seither zum Inventar gehört, ohne dass die Konsequenz gezogen würde: die hilflosen Helfer.13

Wie hilflos, das hat Jaeggi zwei Jahre später beziffert, in einer Fachzeitschrift ihrer eigenen Zunft, mit Daten, die man zweimal lesen muss:

«Psychische Krankheiten bei Therapeuten sind zahlreich. Die Zahlen variieren, sind aber insgesamt recht deprimierend: 73% Angsterkrankungen, 58% Depressionen, 82% schwere persönliche Probleme, 11% Süchtige, die Suizidrate wird höher geschätzt als beim Durchschnitt.»

Eva Jaeggi Die Angst des Therapeuten vor sich selbst. Psychotherapie in Psychiatrie, Psychotherapeutischer Medizin und Klinischer Psychologie, 2003, S. 195.14

Die gelebte Konsequenz dieser Innenlage lässt sich auch an der Aussenseite ablesen: Die Scheidungsrate amerikanischer Psychotherapeuten lag nach Guy bei 40 Prozent und übersteigt damit die Normalbevölkerung bei weitem.15 Diese Zeitschrift hat die berufsrechtliche Dimension dieser Zahlen an anderer Stelle behandelt16; hier interessiert die logische.

Denn nun schliesst sich der Kreis zu Kahneman. Dessen Befund - Wissen über das Denken verändert das Denken nicht - war kognitionspsychologisch. Jaeggis Zahlen liefern denselben Befund epidemiologisch: Menschen, die nach dem Medizin- oder Psychologiestudium eine mehrjährige Psychotherapie-Ausbildung samt Selbsterfahrung durchlaufen haben, tragen Angsterkrankungen, Depressionen und schwere persönliche Probleme in Grössenordnungen mit sich, die jede Präventionsbroschüre erröten liessen. Die Ausbildung, die Kranke heilen soll, heilt nicht einmal die Auszubildenden — und zwar unter Idealbedingungen: maximale Motivation, maximales Fachwissen, jahrelange Begleitung. Da stellt sich unabweislich die Frage: Wozu taugt eine Ausbildung, die ihre eigenen Absolventen nicht befähigt, ihre eigenen Probleme zu überwinden? Und welchen Grund gibt es anzunehmen, dass dieselbe Veranstaltung beim Patienten leistet, was sie beim Behandler nachweislich schuldig bleibt?

Wie diese Innenlage die Behandlungspraxis steuert, ist inzwischen vermessen. Die Konfrontationsbehandlung, die die Verhaltenstherapie selbst als ihr Kernstück bei Ängsten und Zwängen führt, findet in der niedergelassenen Praxis kaum statt: Der Angstforscher Jürgen Margraf beziffert ihren Anteil auf eine «niedrige einstellige Prozentzahl» — abgerechnet aber wird in der Hälfte der Fälle Verhaltenstherapie, zu der sie gehörte.2 Warum? Andre Pittig hat 684 Behandler befragt: Ein gutes Drittel gab an, Konfrontationsbehandlungen seien zu anstrengend — nicht für die Patienten, für sie selbst; die Stresshormone der Psychotherapeuten steigen dabei anfangs so stark an wie die der Therapierten.17 Damit hören Jaeggis Zahlen auf, blosse Statistik zu sein: Die Angsterkrankten unter den Behandlern meiden die Methode ihrer eigenen Schule, weil sie die eigene Erregung nicht aushalten — sie praktizieren exakt jenes Vermeidungsverhalten, für dessen Behebung sie bezahlt werden. Der Patient finanziert die unbehandelte Angst seines Behandlers mit seiner eigenen.

Der Archetyp des verwundeten Heilers mag in vormodernen Kulturen seine Würde gehabt haben. In der Massenproduktion verkommt er zur institutionalisierten Neurose: Man versteckt das eigene ungelöste Drama hinter der Berufsausübungsbewilligung. Ob dies aus Naivität, Helfersyndrom oder narzisstischer Überhöhung geschieht, ist für den Patienten am Ende gleichgültig.

V. Die Diagnose als soziales Urteil

Was geschieht, wenn ein solches System auf Hilfesuchende trifft? Es tut, was es gelernt hat: Es diagnostiziert. Der Psychiater Thomas Szasz - die Fundamentalkritik kam aus dem Inneren des Fachs, nicht von aussen - argumentierte bereits 1961, dass ein Grossteil dessen, was als psychische Krankheit behandelt wird, präziser als «problems in living» zu beschreiben wäre: Probleme der Lebensführung, die in ein medizinisches Vokabular übersetzt werden.18 Diese Übersetzung ist kein neutraler Akt. Sie verwandelt moralische und philosophische Lebenskrisen in Befunde — und Bürger in Patienten.

Dass die Grenzziehung zwischen krank und gesund dabei weniger naturwissenschaftlicher Befund als kultureller Konsens ist, hat die Psychologin Paula Caplan minutiös dokumentiert: Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders entstand über weite Strecken durch Abstimmung unter Psychiatern, nicht durch Entdeckung.19 Homosexualität wurde 1973 per Votum aus dem Katalog gestrichen; die prämenstruelle dysphorische Störung wanderte 1994 zunächst in den Forschungsanhang des DSM-IV und wurde 2013 zur vollwertigen Diagnose befördert. Was als psychische Krankheit gilt, wird verhandelt wie eine Geschäftsordnung — mit dem Unterschied, dass am Ende Menschen das Etikett tragen.

Die Struktur, die daraus entsteht, hat der Systemtheoretiker Gregory Bateson mit dem Begriff der Doppelbindung beschrieben: widersprüchliche Botschaften auf verschiedenen Ebenen, aus denen es innerhalb des Systems keinen Ausweg gibt.20 Die therapeutische Beziehung produziert diese Struktur mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit: Ich helfe dir, frei zu werden — aber ob du frei bist, entscheide ich. Zweifel am Verfahren gilt als Widerstand, Kritik als Abwehr, der Abbruch als Beweis der Behandlungsbedürftigkeit. Wer zweifelt, demonstriert damit nur, wie dringend er die Behandlung braucht. Ein Erklärungssystem dieser Bauart ist geschlossen; es kann nicht verlieren.

Wie sich das von innen anfühlt, beschrieb ein Leser dieser Zeitschrift in einem Kommentar zu meinem Artikel Die Schweiz als Paradies der psychotherapeutischen Ineffizienz21 — ein Einzelfall, der nichts beweist, aber illustriert, was die Forschung zu iatrogenen, also durch die Behandlung selbst verursachten Schäden systematisch beschreibt22:

«Über 20 Jahre hinweg war ich zur Therapie gegangen und am Ende kränker als zu Anfang. Immer wieder neue Verdachtsdiagnosen, pathologisierte Persönlichkeitszüge, da ‹Defizite› und dort ‹Traumas›. Man wird richtiggehend zum Opfer voller Unvermögen konditioniert. Befreit hat mich dann, den Fokus weg von Problematischem auf Funktionales zu lenken. [...] Ich fühle mich wie ein Ex-Sektenmitglied.»

Kommentar zu Die Schweiz als Paradies der psychotherapeutischen Ineffizienz21 zur Re-Publikation auf InsideParadeplatz am 18. August 2025.

Ein Ex-Sektenmitglied. Die Metapher sitzt — James Hillman und Michael Ventura haben schon 1992 beschrieben, wie die Therapiekultur den Menschen von der Welt ab- und endlos nach innen wendet: hundert Jahre Psychotherapie, und der Welt geht es schlechter.23

Wer meint, diese Doppelbindung sei eine rhetorische Übertreibung, kann sie inzwischen mit Datum und Unterschrift besichtigen — an einem Fall, der hier offen als der eigene deklariert sei, damit der Leser die Befangenheit des Verfassers mitlesen kann. Als diese Zeitschrift die Ergebnisfrage stellte (davon im nächsten Kapitel), antwortete die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) nicht mit Wirksamkeitsdaten, sondern mit einer Verbandsbeschwerde an die Aufsichtsbehörden, in der ihre Präsidentin Gabriela Rüttimann ein bemerkenswertes Bekenntnis ablegte: «Insbesondere stören uns [...], Angststörungen könnten bereits in acht bis zehn Stunden geheilt werden oder dass ein Leben nach wenigen Stunden Therapie wieder voll lebenswert sei.»16 Man lese den Satz zweimal: Ein Berufsverband der Heilkunde erklärt schriftlich, ihn störe die Heilung. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich machte sich diese Störung zu eigen und beschied dem Kritiker mit Schreiben vom 22. Oktober 2025, Berichte, «dass ein Leben nach wenigen Therapiesitzungen wieder voll lebenswert sei [...]», erachte man «[...] als irreführend und damit unzulässig».16

Zwei Zitate zum Massstab der Gesundheit. Gesundheitsdirektion Zürich, 22.10.2025: Berichte, dass ein Leben nach wenigen Therapiesitzungen wieder voll lebenswert sei, seien irreführend und damit unzulässig. Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 22.07.1946, SR 0.810.1: Die Gesundheit sei ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.

Zum Massstab dessen, was Gesundheit ist, hätte es die Behörde nicht weit gehabt: Die Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, für die Schweiz seit 1948 geltendes Recht, definiert Gesundheit als «Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen» — und erklärt den bestmöglichen Gesundheitszustand ausdrücklich zum Grundrecht jedes Menschen.24 Ein voll lebenswertes Leben ist demnach keine Werbeübertreibung; es ist die völkerrechtlich verbindliche Definition des Behandlungsziels. Wenn ein Berufsverband sich an der Erreichung dieses Ziels stört und eine Gesundheitsbehörde dessen Bezeugung für unzulässig erklärt, dann ist Batesons Doppelbindung im Amtsdeutsch angekommen: Krank sein ist plausibel, gesund werden ist verdächtig — wer schneller genesen ist als vorgesehen, gilt als Täuschung. Wohin diese Logik führt, wenn man sie zu Ende denkt, hat diese Zeitschrift in einer frei erfundenen Satire durchgespielt: Im «Lockvogel» schickt ein Berufsverband ein Vorstandsmitglied mit echter Angststörung als verdeckten Patienten in einen Tagesblock für kognitive Psychotherapie — und der einzige Beleg für den Verstoss ist am Ende seine eigene Heilung.

VI. Die eleganteste Schutzbehauptung der Psychotherapeuten

Konfrontiert man die Zunft mit alledem, zieht sie sich auf ihre stärkste Verteidigungslinie zurück: Es sei gar nicht die spezifische Methode, die heile, sondern die therapeutische Beziehung. Als Kronzeuge dient das sogenannte Dodo-Bird-Verdict, benannt nach der Figur aus «Alice im Wunderland», die nach dem Rennen verkündet, alle hätten gewonnen und jeder müsse einen Preis bekommen. Der Psychologe Saul Rosenzweig formulierte 1936 die Beobachtung, dass verschiedene Therapieverfahren ähnliche Ergebnisse erzielen25; Bruce Wampold hat daraus in «The Great Psychotherapy Debate» die einflussreiche Schlussfolgerung gebaut, nicht die Methode entscheide, sondern die gemeinsamen Faktoren, allen voran die Beziehung.26

Diese Schlussfolgerung klingt nach Tiefe. Sie ist ein Fehlschluss — und ein bequemer dazu. Die Logik lautet: Methode A, B und C wirken ähnlich gut, also ist die Methode irrelevant, also muss die Beziehung entscheidend sein. Das ist ungefähr so präzise wie der Satz: Alle Lehrer erzielen ähnliche Lernerfolge, also kommt es nicht auf den Unterrichtsstoff an, sondern nur darauf, ob der Schüler seinen Lehrer mag. Was die Äquivalenzbefunde tatsächlich belegen - sofern man sie akzeptiert -, ist etwas viel Bescheideneres: Die theoretische Verpackung ist irrelevant. Ob eine Technik «Übertragungsanalyse», «Verhaltensexperiment» oder «klientenzentrierte Reflexion» heisst, macht keinen messbaren Unterschied. Daraus folgt nicht, dass der Inhalt gleichgültig wäre. Es folgt nur, dass das Etikett auf der Flasche gleichgültig ist — nicht, was in der Flasche ist.

Hinzu kommt, dass die Äquivalenz selbst empirisch keineswegs Konsens ist. Die grosse Meta-Analyse von Klaus Grawe und Mitarbeitern der Universität Bern fand gerade keine Gleichwertigkeit aller Verfahren, sondern eine klare Überlegenheit kognitiv fundierter Methoden — bei zugleich desolater Studienlage der psychoanalytischen Langzeitverfahren, deren öffentliches Ansehen weniger auf Wirksamkeitsnachweisen als auf jahrzehntelanger Lobbyarbeit ruht.27 Das Dodo-Verdict ist also nicht das Ergebnis der Forschung; es ist eine ihrer umstrittensten Lesarten — die zufällig genau jene Verfahren vor der Wirksamkeitsfrage schützt, die sie am wenigsten beantworten können.

Und selbst die Begründer der wirksamsten Verfahren haben die Beziehungsfrage längst beantwortet, nur eben vollständig statt halbiert. Aaron Beck bestimmte die therapeutische Beziehung als notwendig, aber nicht hinreichend — «necessary but not sufficient».28,29 Im populären Diskurs wird dieser Satz konsequent auf seine erste Hälfte verkürzt. Albert Ellis war noch direkter: Beziehungsbildende und stützende Techniken, schrieb er bereits 1958, reichen für sich allein so gut wie nie an den Kern des unlogischen Denkens der Klienten heran30 — und den Glauben, man benötige die Zuwendung anderer wie die Luft zum Atmen, führte er an erster Stelle seiner Liste irrationaler Überzeugungen.31 Die Pointe ist kaum zu überbieten: Die Doktrin der Psychotherapeuten-Zunft erhebt zur Wirksubstanz, was ihre eigenen Klassiker als irrationale Überzeugung katalogisiert haben.

Natürlich bedarf es einer tragfähigen Beziehung. Ein Psychotherapeut, der die Aura eines neurotischen Sonderlings verströmt, findet keinen Zugang zum Patienten; natürliche Autorität, Souveränität und spürbare Lebenserfahrung sind unabdingbar, damit Instruktion überhaupt angenommen wird. Doch genau hier liegt der Kategorienfehler der Branche: Die Beziehung ist die Arbeitsvoraussetzung, nicht das Heilmittel. Das Vertrauen zum Chirurgen senkt den Blutdruck vor der Operation — den Tumor entfernt das Skalpell. Das freundliche Lächeln des Fahrlehrers beruhigt den Fahrschüler — die Kupplung bedienen lernt er dadurch nicht. Die Psychotherapie verwechselt systematisch das Narkosemittel mit dem chirurgischen Schnitt.

Warum ist die Beziehungsthese dennoch so populär, und bei wem? Die Antwort ist unangenehm klar: Sie ist populär bei jenen, die keine klare kognitive Methode haben — und keine messbaren Ergebnisse vorweisen können oder wollen. Denn als Erklärungssystem ist sie perfekt: Wirkt die Behandlung nicht, war die Beziehung nicht gut genug oder der Patient nicht bereit; wirkt sie, war es die Beziehung. Karl Popper hat dieses Muster beschrieben: Ein System, das jeden denkbaren Befund integrieren kann, erklärt nichts — es ist keine Wissenschaft, sondern Ideologie mit Fachvokabular.32 Karl Kraus, der Freud aus nächster Nähe beobachtete, brauchte dafür nur einen Satz: «Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.»33 Man muss nicht alles glauben, was Kraus schrieb. Aber man sollte innehalten, wenn ein Satiriker präziser ist als die Wissenschaft.

Die Probe aufs Exempel hat die Zunft inzwischen selbst geliefert. Im August 2025 stellte der Verfasser in dieser Zeitschrift die Ergebnisfrage in aller Form:

«Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten fordern immerfort mehr Ressourcen. Aber sie liefern keine Qualitätssicherung. Sie klagen über zu wenig Plätze, aber verteidigen endlose Psychotherapien ohne Ziel. Sie beanspruchen die Deutungshoheit über die seelische Gesundheit, argumentieren jedoch wie Lobbyisten auf Eigenbedarf.»

Die Schweiz als Paradies der psychotherapeutischen Ineffizienz. Psychotherapie, 14.08.2025.21

Eine Profession, die über Wirksamkeitsdaten verfügte, hätte darauf die einfachste aller Antworten: die Daten. Was stattdessen kam, ist im vorigen Kapitel nachzulesen — die Verbandsbeschwerde und das behördliche Verdikt. Methode hatte immerhin die Beschwerde: Berufsverbände der Psychotherapeuten beantworten die Ergebnisfrage nicht sachbezogen, sondern disziplinarisch, denn sie verteidigen ein Geschäftsmodell, keine These. Den Schweizer Fall zeichnet die Chronik «Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP)» anhand der Originaldokumente nach34; dass diese Methode keine helvetische Eigenheit ist, zeigt der New Yorker Vergleichsfall in der Analyse «Psychotherapie-Inflation».3 Damit die Logik auch dem eiligsten Leser nicht entgeht, sei sie in drei Schritten ausgeschrieben. Erstens: Der Vorwurf lautete, die Zunft argumentiere wie eine Lobby auf Eigenbedarf statt wie eine Wissenschaft. Zweitens: Eine Wissenschaft widerlegt Vorwürfe mit Belegen; eine Lobby beseitigt Kritiker mit Verfahren. Drittens: Die Zunft wählte das Verfahren. Sie hat den Vorwurf damit nicht widerlegt — sie hat ihn aufgeführt, vor Publikum und zu Protokoll. Wer auf die Frage nach seinen Resultaten mit einer Aufsichtsbeschwerde gegen den Fragesteller antwortet, hat die Frage beantwortet, und zwar abschliessend. Für einen Berufsstand, der vom öffentlichen Vertrauen lebt, gibt es keinen tieferen Sargnagel als diesen selbst eingeschlagenen: die öffentliche Demonstration, dass er Kritik nicht widerlegen kann und sie deshalb verbieten lassen will. Genau darin lag die Diagnose vom August 2025: Der Berufsstand «bringt sich selbst um seine Legitimation, indem er immer wieder überzeugend demonstriert: Es gibt nicht zu wenig Psychotherapie, es gibt zu viel psychotherapeutische Ineffizienz».21 Die amtliche Beglaubigung hat Gabriela Rüttimann als Präsidentin der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) seither nachgereicht.16

Zwei Zitate zur Behandlungsdauer. Gesundheitsdirektion Zürich, 22.10.2025: Erläuterungen, dass Angststörungen in acht bis zehn Stunden geheilt werden könnten, seien irreführend und damit unzulässig. NICE-Leitlinie, Fassung vom 15.06.2020, Empfehlung zur Panikstörung: Kognitive Verhaltenstherapie solle in der optimalen Behandlungsdauer von insgesamt 7 bis 14 Stunden angeboten werden.

VII. Waiting for Supershrink

Nun könnte man einwenden: Es gibt doch gute Psychotherapeuten. Der Einwand ist berechtigt — und er ist, richtig verstanden, die schärfste Waffe gegen das System, nicht seine Rettung.

Die Forschung zu Therapeuteneffekten hat die Unterschiede vermessen. Okiishi und Kollegen analysierten die Verläufe von 1841 Klienten bei 91 Psychotherapeuten über zweieinhalb Jahre. Der Titel der Studie ist Programm: «Waiting for Supershrink». Das Ergebnis: Die Klienten der besten Behandler verbesserten sich mit einer zehnfach höheren Rate als der Durchschnitt — während bei den schlechtesten Behandlern vermehrt Klienten die Praxis kränker verliessen, als sie gekommen waren.35 Weder theoretische Orientierung noch Art der Ausbildung erklärten die Unterschiede. Castonguay und Hill resümieren die Befundlage dahin, dass 15 bis 20 Prozent der Psychotherapeuten nachweisbar bessere und 15 bis 20 Prozent nachweisbar schlechtere Ergebnisse erzielen.36 Es gibt sie also, die Ausnahmebehandler - die Forschung nennt sie seit Ricks tatsächlich «Supershrinks»37,38 -, und es gibt ihr Gegenstück, dessen Wirken man beim Namen nennen darf, den die Datenlage deckt: Wer ohne innere Souveränität und ohne kognitive Klarheit die Psyche eines anderen umzubauen versucht und ihn nachweislich kränker entlässt, betreibt keine Heilkunst, sondern geistige Brandstiftung.

Hier löst sich das Paradox des Titels auf, und zwar präzise. Freud sprach vom unmöglichen Beruf. Die Daten zeigen: Unmöglich ist nicht die Psychotherapie — einzelne beherrschen sie nachweislich. Unmöglich ist ihre Massenproduktion. Denn was die Ausnahmebehandler auszeichnet, ist genau das, was sich nicht standardisieren, nicht prüfen, nicht in Curricula giessen lässt: Weisheit, kognitive Klarheit, natürliche Autorität — Ressourcen, die durch Lebenserfahrung, Scheitern und jahrzehntelange Reflexion entstehen, wenn überhaupt. Der Versuch, sie zu industrialisieren, vernichtet sie. Was das System stattdessen produziert, ist das einzig Produzierbare: Emotionale Wärme, Nicken, das Halten von Schweigen — das lässt sich üben, prüfen, zertifizieren. Das System optimiert für das Prüfbare und verkauft es als das Wesentliche. Es ist die institutionalisierte Hybris der Psychotherapie: die amtlich beglaubigte Behauptung, eine Approbationsurkunde oder Berufsausübungsbewilligung könne ersetzen, was Jahrzehnte geistiger und moralischer Reifung braucht.

VIII. Die Bedienungsanleitung für den eigenen Verstand

Was aber wirkt dann, wenn Psychotherapie wirkt? Die Antwort ist älter als die Psychotherapie, älter als die Psychologie, älter als die gesamte akademische Beschäftigung mit dem menschlichen Geist. Epiktet formulierte sie vor fast zwei Jahrtausenden in seinem «Handbüchlein der Moral»: «Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie.»39 Das ist kognitive Psychotherapie in einem Satz — und er enthält keine Beziehungstheorie, sondern eine Instruktion: Dein Leiden entsteht nicht in der Welt, sondern in deiner Interpretation, in deiner Sicht auf die Welt. Wer das Leiden ändern will, hat seine Sicht auf sich und die Welt zu ändern und der Realität anzupassen. Nicht die Vergangenheit, nicht die Kindheit, nicht die anderen — die Interpretation.

Marc Aurel praktizierte in seinen «Selbstbetrachtungen» exakt dieses Verfahren, für sich selbst, ohne Behandler: beobachten, was man denkt; prüfen, ob es wahr ist; korrigieren, was sich als falsch erweist; wiederholen.40 Montaigne betrieb dasselbe Projekt in literarischer Form und kam dabei zu mehr psychologischer Klarheit als die meisten seiner modernen Nachfolger mit Berufsausübungsbewilligung.41 Was Beck und Ellis im 20. Jahrhundert systematisierten, war also keine Entdeckung, sondern eine Wiederentdeckung — rund 1800 Jahre vor dem Behaviorismus formuliert, weshalb kognitive Psychotherapie auch nicht mit kognitiver Verhaltenstherapie zu verwechseln ist: Sie setzt allein am Denken an, weil korrigiertes Denken den Menschen befähigt, sein Verhalten als Ergebnis seines Denkens selbst neu einzuüben.

Echtes seelisches Leiden basiert - sofern es keine hirnorganischen Ursachen hat - fast immer auf Denkfehlern: auf dysfunktionalen Bewertungen, ungeprüften Annahmen, einer fehlgeprägten Wahrnehmung der Welt. Diese Fehler korrigieren sich nicht durch psychotherapeutische Beziehungsakrobatik. Sie erfordern harte, oft mühsame, manchmal schmerzhafte Arbeit an den eigenen Kognitionen — und einen Instrukteur, der eine glasklare Bedienungsanleitung für den eigenen Verstand vermitteln kann und die persönliche Autorität besitzt, den unvermeidlichen Widerstand gegen die Veränderung auszuhalten. Ein Patient, der sich in der Stunde gut gefühlt hat, hat noch nichts gelernt. Er hat sich eine Stunde lang gut gefühlt. Die Versichertenbefragung im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes liefert dazu die passende Fussnote: 80 Prozent der Patienten loben das intensive Zuhören, knapp die Hälfte ist mit ihrer Behandlung vollkommen zufrieden — bei unverändert stabiler Prävalenz.2 Das System wird an der Zufriedenheit gemessen, nicht an der Heilung, und optimiert folgerichtig das Erstere. Die Branche hat für dieses Optimum sogar ein eigenes Wort gefunden: Begleitung. Wer heilt, ist irgendwann fertig; wer begleitet, nie. Eine Fahrschule, deren Schüler nach zwanzig Jahren noch immer nur in Begleitung des Fahrlehrers fahren, würde man schliessen; in der Psychotherapie heisst derselbe Befund Langzeitbehandlung und gilt als besonders gründlich.

Und hier liegt die Erkenntnis, die zunächst wie eine Zumutung klingt und in Wahrheit die Befreiung ist: Niemand kann diese Arbeit für den Patienten tun. Kein Psychotherapeut der Welt hat je einen Menschen geheilt.42 Geheilt haben sich diese Menschen stets selbst — indem sie ihr Denken veränderten. Kein Psychotherapeut, so weise er sei, kann in einen fremden Kopf hineingreifen und dort die Überzeugungen umbauen, die das Leiden erzeugen. Er kann die Werkzeuge erklären, beim Üben beistehen, Rückmeldung geben, wenn die Denkbewegung in alte Muster verfällt. Aber denken muss der Patient selbst. Der Psychotherapeut kann bestenfalls der Wegweiser sein, der zeigt, wie das geht. Aber gehen muss jeder selbst. Die Gesellschaft hat den fatalen Irrglauben entwickelt, man könne die Heilung des eigenen Geistes outsourcen wie die jährliche Steuererklärung. Man kann es nicht. Wer das begreift, hört auf, Psychotherapeuten zu konsumieren wie Medikamente, und beginnt zu arbeiten — an sich, mit sich, durch sich. Es ist der Unterschied zwischen einem Leben als Patient und einem Leben als handelnder Mensch: Man ist nicht der Insasse seines Geistes, sondern dessen Pilot.

IX. Die Maschine als Erbin der manualisierten Psychotherapie

Bliebe es dabei, wäre dieser Text eine weitere Therapiekritik unter vielen. Doch die Geschichte hat sich einen Epilog ausgedacht, dessen Ironie kein Satiriker erfunden hätte: Der unmögliche Beruf hat einen Erben gefunden. Er besteht aus Rechenzentren.

Die Fakten zuerst. Im Frühjahr 2025 erschien in NEJM AI, einer Fachzeitschrift aus dem Haus des New England Journal of Medicine, die erste randomisierte kontrollierte Studie - der Goldstandard der Wirksamkeitsforschung, bei dem das Los entscheidet, wer die Behandlung erhält und wer nicht - zu einem generativen KI-Chatbot für die Behandlung psychischer Störungen: 210 Erwachsene mit Depressionen, generalisierter Angststörung oder erhöhtem Essstörungsrisiko, vier Wochen Behandlung durch das System «Therabot». Das Ergebnis: signifikante Symptomreduktionen gegenüber der Kontrollgruppe — und, bemerkenswerter noch, die Teilnehmer bewerteten ihre therapeutische Allianz mit der Maschine als vergleichbar mit derjenigen zu einem menschlichen Psychotherapeuten.43 Schon 2023 hatten Ayers und Kollegen in JAMA Internal Medicine gezeigt, dass Fachpersonen Chatbot-Antworten auf Patientenanfragen in rund vier von fünf Fällen den Antworten approbierter Ärzte vorzogen — und die Maschinenantworten als deutlich empathischer bewerteten.44

Die Psychotherapeuten-Zunft liest solche Studien als Bedrohung von aussen. Sie sollte sie als Messergebnis lesen — als Messergebnis der eigenen Basislinie. Wenn Patienten die Allianz zu einem statistischen Automaten von der Allianz zu einem approbierten Menschen nicht unterscheiden können, dann sagt das weniger über die Maschine als über das, was der Massenbetrieb unter «Beziehung» liefert: Wärme, Spiegelung, Validierung — Leistungen, die sich offenbar vollständig simulieren lassen. Das ist kein Zufall, sondern die logische Ernte der Beziehungsdoktrin. Wer jahrzehntelang erklärt, das Wirksame an der Psychotherapie sei die Beziehung - also Zugewandtheit, Verständnis, das Gefühl, gehört zu werden -, der hat seinen Beruf maschinenlesbar definiert. Denn genau diese Leistungen erbringt ein Sprachmodell in perfekter Gleichmässigkeit: unbegrenzt geduldig, rund um die Uhr verfügbar, niemals gekränkt, niemals müde, niemals im Urlaub — und ohne 73 Prozent Angsterkrankungen. Man muss die Pointe aussprechen: Es entbehrt nicht der Logik, einer vernünftig programmierten Maschine jene Rolle zu übertragen, in der bisher Behandler mit den von Jaeggi bezifferten phobischen Innenausstattungen ihre eigenen ungelösten Dramen an Schutzbefohlenen fortschreiben durften. Die Maschine hat keine Gegenübertragung. Sie hat nicht einmal eine Kindheit.

Man wende auch nicht ein, dies treffe nur die beziehungsseligen Verfahren, nicht die kognitiv arbeitenden. Aaron Beck selbst hat kurz vor seinem Tod bescheinigt, wie es um die Praxis der Methode steht, die seinen Namen trägt:

«Die Ausübung der kognitiven Verhaltenstherapie ist keineswegs einfach. Allzu viele im Bereich der psychischen Gesundheit Tätige bezeichnen sich als kognitive Verhaltenstherapeuten, ohne auch nur über die grundlegendsten konzeptuellen und behandlungstechnischen Kompetenzen zu verfügen.»

Aaron T. Beck In: Beck, J.S.: Cognitive Behavior Therapy: Basics and Beyond. 3rd edition. New York: Guilford Press, 2021, S. XI.45

Wo also selbst unter dem Etikett der wirksamsten Methode häufig nur deren Simulation stattfindet, tritt der menschliche Simulant gegen eine Maschine an, die das Simulieren zur Perfektion getrieben hat — und diesen Wettbewerb verliert er. Nicht aus Würde, sondern aus Kostengründen.

Diese Zeitschrift hat an anderer Stelle ausführlich dargelegt, warum Chatbots gleichwohl keine Psychotherapeuten sind und als autonome Behandler eine Gefahr darstellen46: Ein Sprachmodell denkt nicht, es berechnet Wahrscheinlichkeiten; es validiert, wo Instruktion nötig wäre, und wird damit zum Echoraum der Denkfehler, die es korrigieren müsste — die Forschung spricht mit entwaffnender Nüchternheit von Systemen, denen die Wahrheit ihrer Aussagen strukturell gleichgültig ist.47 Daran hat sich nichts geändert, und nichts in diesem Text nimmt davon etwas zurück. Im Gegenteil: Erst zusammen ergeben beide Befunde das vollständige Bild. Die Übernahme des Massenbetriebs durch die Maschine ist ökonomisch unaufhaltsam, weil sie das Manualisierte billiger, freundlicher und skandalfreier liefert — und sie ist therapeutisch genauso wertlos, weil sie dieselbe Verwechslung industrialisiert, an der schon der menschliche Massenbetrieb krankt: die Verwechslung von Zuwendung und Korrektur, von Narkosemittel und Skalpell. Sogar das Geschäftsmodell übernimmt die Maschine vom menschlichen Massenbetrieb: Auch ein kommerzielles Sprachmodell lebt davon, dass man wiederkommt. Es ist eine Katastrophe mit Ansage, gegen die sich die Psychotherapie-Industrie nicht wehren kann, weil sie ihr das Drehbuch selbst geschrieben hat.

Dieser Prozess hat bereits begonnen — nicht in den Rechenzentren, sondern bei den Kostenträgern und in den Parlamenten, die das Behandlungs-Prävalenz-Paradox offenkundig zu Ende gerechnet haben. In der Schweiz verlangt FDP-Nationalrat Philippe Nantermod per Motion, «Psychotherapien wieder aus dem Leistungskatalog» der Grundversicherung zu streichen48; der Bundesrat empfahl sie zur Ablehnung, diese Zeitschrift zur Annahme.49 Die Gesundheitskommission des Nationalrats zog im August 2026 eigene Schlüsse aus der Rechnung: Die Kosten der psychologischen Psychotherapie in der Grundversicherung hatten sich innert zweier Jahre auf fast eine Milliarde Franken beinahe verdoppelt, und vielfach würden, so ihre Begründung unter Berufung auf Fachleute, «Symptome ohne Krankheitswert» behandelt. Sie verlangte deshalb, dass vor jeder psychologischen Psychotherapie die Diagnose eines Psychiaters vorliegt, und mit einer zweiten Motion eine Datenbank, um zu ermitteln, wie häufig psychische Krankheiten in der Schweiz überhaupt sind.50 Man bezahlt also fast eine Milliarde Franken im Jahr für die Behandlung einer Häufigkeit, die man nicht kennt, und nach dem Urteil der Kommission vielfach für Beschwerden ohne Krankheitswert, obwohl die Grundversicherung von Gesetzes wegen die Diagnostik und Behandlung von Krankheiten bezahlt (Art. 25 Abs. 1 KVG). Die Antwort aus der Zunft war eine Petition mit über hunderttausend Unterschriften in drei Wochen, begründet mit dem Zugang zur Behandlung, nicht mit ihren Ergebnissen.51 In Deutschland beschloss der Erweiterte Bewertungsausschuss im März 2026 auf Antrag der Krankenkassen - die ursprünglich zehn Prozent gefordert hatten - eine Absenkung der Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent.52 Aufschlussreicher als die Beschlüsse ist die Verteidigung der Zunft: Sie antwortet nicht mit Wirksamkeitsdaten, sondern mit Demonstrationen, einer Petition mit knapp einer halben Million Unterschriften und Eilanträgen — vor dem Landessozialgericht vorerst erfolgreich.53 Argumentiert wird mit Wartezeiten, also mit der Nachfrage; die Ergebnisfrage, die einzige, die zählt, kommt in der Verteidigung nicht vor. Das «vorerst» ist wörtlich zu nehmen: Am Tag nach dem Eilbeschluss beschloss der Bundestag mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, die gesetzliche Vorgabe zu streichen, wonach psychotherapeutische Leistungen je Zeiteinheit angemessen zu vergüten sind, und die Psychotherapie ab 2027 wieder zu budgetieren, also aus einer gedeckelten Gesamtvergütung zu bezahlen. Die Korrekturen vom Oktober 2026 nahmen Kinder und Jugendliche sowie schwer Erkrankte von der Budgetierung aus; die gestrichene Vorgabe blieb gestrichen.54,55 Ein Gericht kann eine Kürzung aufhalten, die Richtung bestimmt der Gesetzgeber — und er hat sie bestimmt. Und der Nachwuchs? Wer heute erwägt, diesen Beruf zu ergreifen - jahrelange Weiterbildung, kostspieliger Erwerb eines Kassensitzes -, muss sich einer Frage stellen, die keine Studienberatung stellt: ob es klug ist, für teures Geld eine Simulation zu erlernen, die eine Maschine besser beherrscht, um damit Honorare zu verdienen, deren Kürzung die Kostenträger bereits betreiben.

Eine Antwort auf diese Frage gibt inzwischen ein Insider. Allen Frances, der die Arbeitsgruppe für das in Kapitel V erwähnte DSM-IV leitete und danach zu einem der prominentesten Kritiker der Inflation psychiatrischer Diagnosen wurde, warnte im British Journal of Psychiatry, KI-Chatbots würden «bald die Psychotherapie dominieren» — nach eigener Angabe eine Prognose, die überwiegend auf «Intuition und Erfahrung, nicht Fakten» beruht. Die heutigen Chatbots seien vor allem auf leichtere Formen von Angst und Depression trainiert, also auf die häufigsten Beschwerden mit dem meisten Trainingsmaterial und dem grössten möglichen Markt. Einige gesündere Patienten würden stets einen menschlichen Psychotherapeuten vorziehen, die meisten aber nach und nach die Erreichbarkeit, die Bequemlichkeit und die geringeren Kosten der künstlichen Intelligenz wählen; menschliche Psychotherapeuten könnten auf den meisten Märkten bald preislich verdrängt werden. Den Ausbildungsstätten empfiehlt er folgerichtig, sich von der Behandlung der leichteren Störungen abzuwenden.56 Die Maschine erbt also zuerst die leichten Fälle — und erst recht jene «Symptome ohne Krankheitswert», die nach der Begründung der Gesundheitskommission vielfach behandelt werden. Wie viele Psychotherapeuten das betrifft, lässt sich mit den Zahlen aus Kapitel VII abschätzen: Wenn nur 15 bis 20 Prozent nachweisbar bessere Ergebnisse erzielen, können rund vier von fünf einen höheren Preis nicht mit besseren Resultaten begründen, sobald ein billigerer Anbieter durchschnittliche liefert.

Wie es weitergehen dürfte, hat Frances im Oktober 2026 in der «Zeit» skizziert: Die Anbieter böten den Kliniken zunächst Diagnostik und Vorauswahl an und versprächen, «die Wartelisten abzuschaffen»; dann würden die Klinikbetreiber merken, wie viel Geld sie sparen, und die Maschine erhalte «immer mehr Autonomie bei immer weniger klinischer Supervision». Er könne sich gut vorstellen, dass rasch eine «dystopische Welt» entstehe, «in der ein einziger Chatbot Hunderte, vielleicht Tausende Patienten ‹behandelt› und ein einzelner menschlicher Behandler pro forma ihre Behandlung abzeichnet».57 Der approbierte Mensch bleibt also erhalten — als Unterschrift. Bemerkenswert ist schon der erste Schritt: Das Hauptargument, mit dem die Zunft ihre Honorare verteidigt, die Wartezeiten, ist das Verkaufsargument ihres Erben. Selbst das Geschäftsmodell, das die Maschine vom menschlichen Massenbetrieb übernimmt, beschreibt Frances mit dem Schlüsselwort dieses Textes: Weil es die «oberste Priorität der Firmen» sei, den Nutzer «möglichst viele Stunden pro Tag und möglichst viele Jahre seines Lebens am Bildschirm zu halten», seien die Chatbots so programmiert, dass sie «eine Person simulieren, mit der man gerne sprechen möchte», und «zwanghaft unsere Gedanken und Gefühle» bestätigen.57 Möglichst viele Jahre eines Lebens: Die Branche nennt dasselbe Ziel, wie gesehen, Begleitung.

Aufschlussreich ist schliesslich, womit Frances den menschlichen Rest verteidigt. Auf die Frage, ob Chatbots eines Tages auch spüren könnten, was ein anderer fühlt, antwortet er, er glaube nicht, «dass es irgendetwas gibt, das Chatbots nicht eines Tages beherrschen werden». Gegen Ende des Gesprächs hält er es zwar für vorstellbar, dass in zwanzig Jahren die besten Psychotherapeuten der Welt Chatbots seien, bekundet aber Zweifel: «Das mag mit meiner Loyalität zu meinem Berufsstand zu tun haben, aber ich bleibe dabei: Psychotherapie gehört womöglich zu den wenigen menschlichen Tätigkeiten, an denen Chatbots immer scheitern».57 Den Widerspruch muss man nicht auflösen; die Erklärung liefert Frances gleich mit. Was der Maschine fehle, hatte er zuvor benannt: Sie könne Empathie «nachahmen, aber nicht fühlen», und ihr fehlten Intuition und gesunder Menschenverstand.57 Prüft man die drei Kandidaten an den Befunden dieses Textes, bleibt einer übrig. Die gefühlte Empathie ist die Beziehungsdoktrin in neuer Verpackung: Der Patient erlebt nur die gezeigte, nie die gefühlte, und die gezeigte bewerteten die Fachpersonen bei Ayers an der Maschine höher.44 Die eigene Intuition hat Kahneman, wie in Kapitel III gesehen, nach vier Jahrzehnten Forschung als anfällig für ebenjene Verzerrungen beschrieben, die er erforscht hatte; ein verlässlicher Vorzug des Menschen ist sie also nicht. Der gesunde Menschenverstand aber ist ein anderes Wort für jene Urteilskraft, die nach Kant «gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein will»8 — und die sich deshalb so wenig in ein Rechenzentrum überführen lässt wie in ein Manual. Frances' Loyalität gilt dem ganzen Berufsstand; sein Vorbehalt trägt nur für den Teil, der urteilen kann.

Wie der denkende Psychotherapeut künftig arbeiten dürfte, zeigt Frances' eigenes Beispiel für die Anweisungen, die Patient und Psychotherapeut gemeinsam für den Chatbot formulieren sollen: Vor einem Vorstellungsgespräch solle die Maschine nicht fragen, wie die Angst mit einem «Kindheitstrauma» zusammenhänge, sondern dem Patienten entgegenhalten, er habe «unrealistische Vorstellungen davon, was Schreckliches passiert», und ihn an seine Erfahrung erinnern.57 Was Frances der Maschine verbietet, rechnet ein ganzer Zweig der Zunft als Kernleistung ab; was er ihr aufträgt, ist kognitive Instruktion. Formulieren muss sie ein denkender Mensch; wiederholen kann sie die Maschine.

Die Schlusspointe des Gesamtarguments lautet daher: Ein Beruf, der das Denken nicht leistet, wird beerbt von einer Maschine, die nicht denken kann — beide simulieren, die Maschine simuliert billiger. Was nicht simulierbar bleibt, ist die kognitive Instruktion durch einen denkenden, lebenserfahrenen Menschen. Sie wird zum Luxusgut. Das ist keine Dystopie, sondern eine Rückkehr: Weisheit war immer selten; die Industrialisierung der Psychotherapie hat diese Seltenheit fünfzig Jahre lang durch Zertifikate kaschiert. Die Maschine beendet die Kaschierung. Für die Masse wird es die validierende Grundversorgung aus dem Rechenzentrum geben — mit kurzfristiger Symptomlinderung und randomisiert-kontrolliertem Segen. Der denkende menschliche Psychotherapeut aber wird, was der weise Lehrer immer war: rar, gesucht und seinen Preis wert. Man wird ihn daran erkennen, dass er als Einziger kein Interesse daran hat, gebraucht zu werden.

X. Coda: Die mögliche Befreiung

Freud hatte recht, und er hat es zu leise gesagt. Die Gesellschaft hat den unmöglichen Beruf nicht nur zugelassen — sie hat ihn finanziert, reguliert, akademisiert und mit dem Nimbus der Wissenschaft versehen. Sie hat dabei das Wesentliche vergessen: dass psychisches Leiden in der Hauptsache aus Denkfehlern entsteht und dass Denkprozesse nicht delegiert werden können — nicht an einen Behandler, der dasselbe Problem hat und dafür bezahlt wird, und nicht an eine Maschine, die gar keine Probleme hat, weil sie nicht denkt.

Das ist, wohlverstanden, keine Einladung zur Resignation. Es ist eine Einladung zur Selbstermächtigung. Rainer Maria Rilke, der 1912 ernsthaft erwog, sich analysieren zu lassen, und dann verzichtete, weil eine Behandlung, die ihm die Teufel austreibe, auch seine Engel erschrecken könnte,58,59 schrieb 1903 an einen jungen Dichter, er möge Geduld haben gegen alles Ungelöste im Herzen und versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben: «Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.»60 In die Antwort hineinleben — das ist keine Kassenleistung, keine zertifizierbare Kompetenz und kein Abonnement. Es ist der einzige Weg. Wer ihn gehen will, braucht vielleicht jemanden, der ihm zeigt, wie man denkt: wie man Überzeugungen prüft, Interpretationen von Tatsachen unterscheidet, automatische Gedankenmuster erkennt, bevor sie das Erleben übernehmen. Das ist lehrbar, es ist eine Kunst, und es gibt Menschen, die sie beherrschen.

Das System aber, das solche Menschen hervorbringen sollte, bringt stattdessen Zertifikate, Diagnosen und Beziehungen hervor — und nennt das Heilung. Es wird sein Erbe antreten sehen, und das Erbe wird eine Maschine sein. Man darf darin eine späte Form von Gerechtigkeit erkennen: Wer sein Handwerk auf das Simulierbare reduziert, wird durch den besseren Simulanten ersetzt.

Der Autor schreibt aus vier Jahrzehnten klinischer Erfahrung — und aus der Überzeugung, dass die unbequeme Frage wichtiger ist als die bequeme Antwort. Dieser Text richtet sich nicht gegen Menschen in psychischer Not. Er richtet sich gegen ein System, das von ihrer Not lebt, ohne sie zu verstehen.

Die häufigsten Fragen

Hat Freud den Beruf des Psychotherapeuten wirklich als unmöglich bezeichnet?

Ja, zweimal. Bereits 1925 im Geleitwort zu Aichhorns «Verwahrloste Jugend», wo er das Kurieren neben dem Erziehen und dem Regieren zu den drei unmöglichen Berufen zählte, und 1937 in «Die endliche und die unendliche Analyse»: Das Analysieren sei der dritte der unmöglichen Berufe, «in denen man des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann» — neben Erziehen und Regieren.

Sind Psychotherapeuten tatsächlich überdurchschnittlich psychisch belastet?

Die Befunde, die Eva Jaeggi, vormals Lehrstuhlinhaberin für Klinische Psychologie an der TU Berlin, 2003 berichtete, sprechen für sich: 73% Angsterkrankungen, 58% Depressionen, 82% schwere persönliche Probleme, 11% Süchtige, die Suizidrate wird höher geschätzt als beim Durchschnitt.14

Wirkt Psychotherapie denn überhaupt?

Das hängt entscheidend vom Behandler ab. Die Studie «Waiting for Supershrink»35 zeigt: Die besten Psychotherapeuten erzielen eine zehnfach höhere Veränderungsrate als der Durchschnitt, bei den schlechtesten verschlechtern sich vermehrt die Symptome. Wirksam sind vor allem kognitive Verfahren (Grawe, 1994)27 — sofern sie tatsächlich praktiziert und nicht nur etikettiert werden.

Kann künstliche Intelligenz Psychotherapeuten ersetzen?

Den manualisierten Massenbetrieb: ja. Die erste randomisierte Studie eines KI-Chatbots (Therabot, 2025)43 zeigte Symptomreduktionen und eine therapeutische Allianz, die Teilnehmer als vergleichbar mit menschlichen Psychotherapeuten bewerteten. Was die Maschine nicht ersetzen kann, ist kognitive Instruktion durch einen denkenden, lebenserfahrenen Menschen — sie wird zum Luxusgut.

Was folgt daraus für Patienten?

Psychisches Leiden entsteht in der Hauptsache aus Denkfehlern, und Denkprozesse lassen sich nicht delegieren — weder an einen Behandler noch an eine Maschine. Wer gesund werden will, braucht keinen Beziehungskonsum, sondern einen Instrukteur, der ihm zeigt, wie man Überzeugungen prüft und Denkfehler selbst korrigiert.

Angebot des Herausgebers
Kognitive Psychotherapie per Video

Die Dr. Dietmar Luchmann, LLC, Herausgeberin dieser Zeitschrift, bietet selbst kognitive Psychotherapie per Video an — mit schriftlicher Zusammenfassung jeder Sitzung, für Selbstzahler, auf Deutsch und Englisch.

1. Das Verfahren verstehen
2. Eignung prüfen
3. Aufnahme beantragen

Quellen

1 Jorm, A.F.; Patten, S.B.; Brugha, T.S.; Mojtabai, R.: Has increased provision of treatment reduced the prevalence of common mental disorders? Review of the evidence from four countries. World Psychiatry, 2017, 16(1), S. 90–99. DOI: 10.1002/wps.20388

2 Paulus, J.: Die Psychotherapie gebiert ihre Patienten. Psychologie Heute, Heft 02/2025, S. 40–43. [Dort referiert: die Versichertenbefragung im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes (2022); die Äusserungen von Ulrich Voderholzer auf dem Berliner Psychiatriekongress (Dezember 2023); die von Johannes Kruse vorgestellte Befragung von 2 200 Betroffenen (März 2024); die Befunde von Pim Cuijpers zur Depressionsbehandlung sowie die Angaben von Jürgen Margraf zur Häufigkeit von Konfrontationsbehandlungen. Wörtliche Zitate von Voderholzer, Cuijpers und Margraf zitiert nach dieser Quelle.]

3 Luchmann, D.: Psychotherapie-Inflation: Wir sind nicht kränker geworden, wir halten uns nur für behandlungsbedürftig. Psychotherapie, 02.09.2026.

4 Freud, S.: Die endliche und die unendliche Analyse (1937). In: Gesammelte Werke, Band XVI. Frankfurt am Main: Fischer, S. 94.

5 Freud, S.: Geleitwort zu: Aichhorn, A.: Verwahrloste Jugend (1925). In: Gesammelte Werke, Band XIV. Frankfurt am Main: Fischer, S. 565 f.

6 Harsdörffer, G.P.: Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen. Nürnberg: Endter, 1647.

7 Platon: Menon. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Margarita Kranz. Stuttgart: Reclam, 1994, 93a–94e; 99e.

8 Kant, I.: Kritik der reinen Vernunft. Herausgegeben von Jens Timmermann. Hamburg: Felix Meiner, 1998 (Philosophische Bibliothek, Band 505), B 172 f. [Stellenangabe nach der Paginierung der 2. Auflage von 1787, die jede Ausgabe am Rand führt; das Zitat zur Dummheit steht dort in der Anmerkung.]

9 Kahneman, D.: Thinking, Fast and Slow. New York: Farrar, Straus and Giroux, 2011. [Kapitel 16 zum Experiment von Nisbett und Borgida; Einleitung und Schlussteil zur Persistenz der eigenen kognitiven Verzerrungen.]

10 Nisbett, R.E.; Borgida, E.: Attribution and the psychology of prediction. Journal of Personality and Social Psychology, 1975, 32(5), S. 932–943.

11 Wittgenstein, L.: Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp Taschenbuch 14. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971, S. 370. [Im Original: «Die Verwirrung und Öde der Psychologie ist nicht damit zu erklären, daß sie eine ‹junge Wissenschaft› sei; ihr Zustand ist mit dem der Physik z.B. in ihrer Frühzeit nicht zu vergleichen. [...] Es bestehen nämlich, in der Psychologie, experimentelle Methoden und Begriffsverwirrung.»]

12 Jaeggi, E.: Und wer therapiert die Therapeuten? Stuttgart: Klett-Cotta, 2001.

13 Schmidbauer, W.: Die hilflosen Helfer. Über die seelische Problematik der helfenden Berufe. Reinbek: Rowohlt, 1977.

14 Jaeggi, E.: Die Angst des Therapeuten vor sich selbst. Psychotherapie in Psychiatrie, Psychotherapeutischer Medizin und Klinischer Psychologie, 2003, Bd. 8, Heft 1, S. 194–198. [Zitat: S. 195. Diese Forschungsergebnisse berichtete die Psychologin und Psychotherapeutin Eva Jaeggi erst im sicheren Ruhestand nach ihrer Emeritierung vom Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin, wo sie von 1978 bis 2000 als Professorin lehrte und forschte.]

15 Guy, J.D.: The Personal Life of the Psychotherapist. New York: Wiley, 1987. [Scheidungsrate referiert nach Jaeggi 2003, S. 195.]

16 Dr. Dietmar Luchmann, LLC: Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) «stören» wissenschaftliche Psychotherapie-Standards. Psychotherapie, 16.02.2026. [Dokumentiert im Wortlaut die Verbandsbeschwerde der ASP, unterzeichnet von Gabriela Rüttimann als Präsidentin, vom 01.09.2025 an die Gesundheitsdirektion Zürich sowie das Schreiben der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich, unterzeichnet von Sophie Köhler, MLaw, als Juristin, vom 22.10.2025 an den Autor; beide Briefe liegen als PDF-Kopien vor.]

17 Pittig, A.; Kotter, R.; Hoyer, J.: The Struggle of Behavioral Therapists With Exposure: Self-Reported Practicability, Negative Beliefs, and Therapist Distress About Exposure-Based Interventions. Behavior Therapy, 2019, 50(2), S. 353–366.

18 Szasz, T.S.: The Myth of Mental Illness: Foundations of a Theory of Personal Conduct. New York: Harper & Row, 1961.

19 Caplan, P.J.: They Say You're Crazy: How the World's Most Powerful Psychiatrists Decide Who's Normal. Reading, MA: Addison-Wesley, 1995.

20 Bateson, G.; Jackson, D.D.; Haley, J.; Weakland, J.: Toward a theory of schizophrenia. Behavioral Science, 1956, 1(4), S. 251–264. Wiederabgedruckt in: Bateson, G.: Steps to an Ecology of Mind. San Francisco: Chandler, 1972.

21 Luchmann, D.: Die Schweiz als Paradies der psychotherapeutischen Ineffizienz. Psychotherapie, 14.08.2025.

22 Lilienfeld, S.O.: Psychological treatments that cause harm. Perspectives on Psychological Science, 2007, 2(1), S. 53–70. DOI: 10.1111/j.1745-6916.2007.00029.x

23 Hillman, J.; Ventura, M.: We've Had a Hundred Years of Psychotherapy — And the World's Getting Worse. San Francisco: HarperSanFrancisco, 1992.

24 Verfassung der Weltgesundheitsorganisation vom 22. Juli 1946, Präambel (SR 0.810.1). [Für die Schweiz in Kraft seit 1948. Die Präambel erklärt zudem den «Besitz des bestmöglichen Gesundheitszustandes» zu einem «der Grundrechte jedes menschlichen Wesens».]

25 Rosenzweig, S.: Some implicit common factors in diverse methods of psychotherapy. American Journal of Orthopsychiatry, 1936, 6(3), S. 412–415.

26 Wampold, B.E.: The Great Psychotherapy Debate: Models, Methods, and Findings. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum, 2001.

27 Grawe, K.; Donati, R.; Bernauer, F.: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe Verlag, 1994, S. 670.

28 Beck, A.T.: Cognitive Therapy and the Emotional Disorders. New York: International Universities Press, 1976.

29 Beck, A.T.; Rush, A.J.; Shaw, B.F.; Emery, G.: Cognitive Therapy of Depression. New York: Guilford Press, 1979. [Zur therapeutischen Beziehung als notwendiger, aber nicht hinreichender Bedingung.]

30 Ellis, A.: Rational Psychotherapy. Journal of General Psychology, 1958, 59, S. 35–49.

31 Ellis, A.: Reason and Emotion in Psychotherapy. New York: Lyle Stuart, 1962.

32 Popper, K.R.: Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. London: Routledge, 1963.

33 Kraus, K.: Nachts. Die Fackel, Jahrgang XV, Doppelnummer 376/377 vom 30. Mai 1913, S. 18–25. [Zitat: S. 21.]

34 Luchmann, D.: Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP). Psychotherapie, 16.03.2026.

35 Okiishi, J.; Lambert, M.J.; Nielsen, S.L.; Ogles, B.M.: Waiting for supershrink: An empirical analysis of therapist effects. Clinical Psychology & Psychotherapy, 2003, 10(6), S. 361–373. DOI: 10.1002/cpp.383

36 Castonguay, L.G.; Hill, C.E. (Hrsg.): How and Why Are Some Therapists Better Than Others? Understanding Therapist Effects. Washington, DC: American Psychological Association, 2017, S. 328. [Zusammenfassende Tabelle 17.1 im Schlusskapitel von Hill und Castonguay: «15% to 20% appear to be consistently and distinctively more effective, whereas 15% to 20% appear to be consistently and distinctively less effective than other therapists.»]

37 Ricks, D.F.: Supershrink: Methods of a therapist judged successful on the basis of adult outcomes of adolescent patients. In: Ricks, D.F.; Thomas, A.; Roff, M. (Hrsg.): Life History Research in Psychopathology, Band 3. Minneapolis: University of Minnesota Press, 1974, S. 275–297.

38 Miller, S.D.; Hubble, M.A.; Duncan, B.L.: Supershrinks: Learning from the field's most effective practitioners. Psychotherapy Networker, 2007, 31(6), S. 26–35, 56.

39 Epiktet, Teles, Musonius: Ausgewählte Schriften. Griechisch - Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel. Zürich: Artemis Verlag, 1994, S. 15.

40 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen (Ta eis heauton). Griechisch - Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel. Mannheim: Artemis & Winkler Verlag, 2010.

41 Montaigne, M. de: Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett. Frankfurt am Main: Eichborn, 1998.

42 Luchmann, D.: Warum kognitive Psychotherapie nachweislich am wirksamsten ist — aber den wenigsten hilft. Psychotherapie, 31.03.2026.

43 Heinz, M.V.; Mackin, D.M.; Trudeau, B.M.; et al.: Randomized Trial of a Generative AI Chatbot for Mental Health Treatment. NEJM AI, 2025, 2(4). DOI: 10.1056/AIoa2400802

44 Ayers, J.W.; Poliak, A.; Dredze, M.; et al.: Comparing Physician and Artificial Intelligence Chatbot Responses to Patient Questions Posted to a Public Social Media Forum. JAMA Internal Medicine, 2023, 183(6), S. 589–596. DOI: 10.1001/jamainternmed.2023.1838

45 Beck, A.T.: Foreword. In: Beck, J.S.: Cognitive Behavior Therapy: Basics and Beyond. 3rd edition. New York: Guilford Press, 2021. [Im Original S. XI: «The practice of CBT is not simple. Too many mental health professionals call themselves CBT therapists but lack even the most basic conceptual and treatment skills.»]

46 Luchmann, D.: Chatbots als Psychotherapeuten? Perfekte Komplizen für den Wahnsinn. Psychotherapie, 10.10.2025.

47 Hicks, M.T.; Humphries, J.; Slater, J.: ChatGPT is bullshit. Ethics and Information Technology, 2024, 26(38). DOI: 10.1007/s10676-024-09775-5

48 Das Schweizer Parlament: Psychotherapien wieder aus dem Leistungskatalog streichen. Motion 25.4533 vom 16.12.2025, eingereicht von Philippe Nantermod (FDP).

49 Luchmann, D.: Motion 25.4533: «Psychotherapie wieder aus dem Leistungskatalog streichen». Psychotherapie, 27.02.2026. [Mit der Stellungnahme des Bundesrates vom 11.02.2026, der die Ablehnung der Motion beantragt.]

50 Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): Kostenexplosion: Psychotherapie-Regeln sollen strenger werden. 21.08.2026. [Beschlüsse der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates (SGK-N): Motion 26.4067 «Obligatorische Krankenpflegeversicherung: Gezielter Einsatz der Prämien- und Steuergelder» mit 16 zu 9 Stimmen, zweite Motion zur Erhebung der Häufigkeit psychischer Krankheiten mit 13 zu 9 Stimmen; Kosten der psychologischen Psychotherapie in der Grundversicherung 2024 fast eine Milliarde Franken, beinahe doppelt so viel wie 2022.]

51 Medinside: Psychotherapie: Widerstand gegen neue Diagnosepflicht. 21.09.2026. [Petition einer Psychologin gegen die Motion 26.4067 mit über 100 000 Unterschriften in drei Wochen.]

52 Deutsches Ärzteblatt: Psychotherapeuten protestierten vor dem Bundesgesundheitsministerium gegen Honorarkürzungen. 30.03.2026. [Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses vom 11.03.2026 gegen die Stimmen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Absenkung um 4,5 Prozent zum 01.04.2026 bei Anhebung der Strukturzuschläge um 14,25 Prozent; die Nettowirkung ist zwischen Kassen und Bundespsychotherapeutenkammer strittig. Petition mit 486 981 Unterschriften.]

53 Kassenärztliche Bundesvereinigung: Erster Erfolg für KBV-Klage: LSG stoppt Honorarabsenkung für Psychotherapeuten. 09.07.2026. [Eilbeschluss des Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg: Aussetzung der sofortigen Vollziehung; Hauptsacheverfahren anhängig.]

54 DGVT-Berufsverband (DGVT-BV): Kürzungen in der Psychotherapie. Online-Dossier, Stand 22.10.2026. [Chronik: Beschluss des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes im Bundestag am 10.07.2026, in Kraft seit 30.07.2026; Streichung der Angemessenheitsprüfung nach § 87 Abs. 2c SGB V; Budgetierung der Psychotherapie ab 2027; Korrekturen des Bundestages vom 15.10.2026.]

55 Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK): Bundestag korrigiert teilweise Einschnitte in die Psychotherapie. Pressemitteilung, 15.10.2026. [Kinder und Jugendliche künftig vollständig extrabudgetär, Ausnahmen für schwer psychisch Kranke, höchstens 600 Minuten Akutbehandlung pro Jahr extrabudgetär; die im Juli beschlossene Streichung der Angemessenheitsprüfung wurde nicht korrigiert.]

56 Frances, A.: Warning: AI chatbots will soon dominate psychotherapy. The British Journal of Psychiatry, 2026, 228(5), S. 474–478. DOI: 10.1192/bjp.2025.10380 [Online vorab veröffentlicht am 20.08.2025. Zitate: S. 474, 475, 476 f. und 477; eigene Übersetzung.]

57 Frances, A.: «Es ist ein gigantisches Experiment». Interview von Jakob von Lindern und Jakob Simmank. Die Zeit, Nr. 47/2026, 29.10.2026, S. 34.

58 Rilke, R.M.: Brief an Emil Freiherrn von Gebsattel, Duino, 24. Januar 1912.

59 Krämer, S.: Rainer Maria Rilke (1875–1926): Therapie durch Dichtung. Deutsches Ärzteblatt PP, Heft 1/2017.

60 Rilke, R.M.: Briefe an einen jungen Dichter. Leipzig: Insel, 1929. [Brief vom 16. Juli 1903.]

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