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Der Lockvogel — Psychotherapie im Tagesblock, die es amtlich nicht geben darf

Ein Berufsverband von Langzeitpsychotherapeuten, die ihre Patienten am liebsten auf Lebenszeit behalten, will Dr. Weihenruh ein unzulässiges Heilversprechen nachweisen und schickt ein Vorstandsmitglied als verdeckten Patienten in einen Tagesblock für kognitive Psychotherapie. Der Lockvogel hat eine echte Angststörung und ist seit neunzehn Jahren dreimal wöchentlich in Behandlung. Weihenruh verspricht nichts, er stellt Fragen — und am Abend gibt es nichts zu protokollieren ausser dem Ergebnis: Der Lockvogel ist geheilt. Genau das wird zum Gegenstand der Beschwerde.

Traktandum sieben

Die Vereinigung für Kontinuität in der Psychotherapie tagte an einem Dienstag, wie immer im Sitzungszimmer eines Instituts, dessen Stühle für Menschen gebaut waren, die lange sitzen. Traktandum sieben - wörtlich: das zu Behandelnde - hiess «Heilversprechen im Internet». Der Präsident las vor, was ein gewisser Dr. Weihenruh behauptete: dass Menschen mit Angststörungen nach durchschnittlich zehn Stunden kognitiver Psychotherapie ihr Leben wieder als voll lebenswert erlebten, ohne Medikamente und ohne jahrelange Behandlung.

«Das stört uns», sagte der Präsident. Es blieb offen, ob er die Behauptung meinte oder den Umstand, dass jemand sie bewiesen haben könnte. Für den Vorstand machte das keinen Unterschied. Beides bedrohte die Kontinuität, und die Kontinuität stand in den Statuten an erster Stelle, vor der Weiterbildung, die an zweiter stand, und vor dem Patientenwohl, das an dritter stand und dort gut aufgehoben war. Kontinuität hiess in der Vereinigung, dass eine Behandlung nicht daran gemessen wurde, ob sie aufhörte, sondern daran, dass sie weiterging.

Am meisten störte den Vorstand das Wort «ohne», das in der Behauptung zweimal vorkam. Das erste betraf die Medikamente. Einige Mitglieder verschrieben sie als Ärzte selbst, die übrigen arbeiteten mit Psychiatern zusammen, die es taten, und alle wussten, was ein Medikament gegen Angst leistet: Es dämpft sie, aber es widerlegt sie nicht. Eine gedämpfte Angst bleibt und bringt ihren Patienten pünktlich zur nächsten Sitzung zurück. Eine widerlegte Angst geht und nimmt ihn mit sich fort. Wer die Angst nicht mit Medikamenten hält, sondern heilt, hat keine Folgetermine.

Das zweite «ohne» betraf die eigenen Jahre. Ein jüngeres Vorstandsmitglied schlug vor, die zehn Stunden und den Verzicht auf Medikamente zuerst mit der Fachliteratur zu vergleichen. Der Vorschlag wurde nicht weiterverfolgt, weil die Gefahr bestand, dass die Literatur beides bestätigte.

Das Ressort Qualitätssicherung hatte Dr. Beat Langwiler inne. Die Qualitätssicherung der Vereinigung bestand seit ihrer Gründung aus vierzehn Beschwerden an kantonale Aufsichtsbehörden und keiner einzigen Messung eines Behandlungsergebnisses. Niemand hatte das je als Widerspruch empfunden. Qualität war, was man beanstandete; was man selbst tat, war Prozess. Gezählt wurde in der Vereinigung nur eines: die Kollegen, die nach einer Beschwerde ihre Bewilligung zur Berufsausübung verloren hatten. Die Zahl stand seit der Gründung auf null, und das Ressort war entschlossen, das zu ändern.

«Wir brauchen einen Beleg», sagte Langwiler. «Eine Beschwerde ohne Beleg wird abgelegt. Eine Beschwerde mit Beleg wird weitergeleitet.» Er wusste, wovon er sprach. Elf der vierzehn Beschwerden stammten von ihm.

«Und woher nehmen wir den Beleg?»

«Jemand muss hingehen.»

Es wurde still, und in der Stille sahen sechs Vorstandsmitglieder auf das siebte. Langwiler wusste, warum. Seit dem Vereinsausflug von 2011, bei dem er als Einziger nicht aufs Schiff gestiegen war - aus Solidarität mit dem Personal am Steg, wie er damals sagte -, galt er im Vorstand als der Kollege mit der geeigneten Indikation, also mit dem Befund, der eine Behandlung rechtfertigt. Man sprach nicht darüber. Man sprach in diesem Vorstand über nichts, was man selbst hatte; von den sieben Mitgliedern waren an diesem Abend fünf in eigener Behandlung, eines in Supervision wegen der eigenen Behandlung und eines frisch geschieden, und man erwähnte das in der Pause so, wie andere Vereine das Wetter erwähnen.

«Ich habe die Angst seit neunzehn Jahren in Bearbeitung», sagte Langwiler. «Dreimal wöchentlich. Wenn der Mann sie an einem Tag beseitigt, hat er etwas getan, was es nicht gibt. Und wenn er es nicht tut, haben wir den Beleg.» Er hielt den Plan für wasserdicht, was bei seiner Indikation ein bemerkenswertes Wort war. Der Vorstand stimmte einstimmig zu. Langwiler nahm den Auftrag an; es war der einzige Auftrag seines Berufslebens, bei dem das Scheitern als Erfolg verbucht würde.

Die Beschwerde, so beschloss man, solle anschliessend die Mitglieder-Assistenz formulieren — ein Sprachmodell der künstlichen Intelligenz, das der Vorstand im Frühjahr angeschafft hatte, damit die Stellungnahmen der Vereinigung «harmonisiert» klängen. Sie klangen seither sehr verständnisvoll. Gedacht wurde dabei so wenig wie vorher, es ging nur schneller.

Das Telefonat

Er rief unter dem Namen Kurt Zehnder an, Kaufmann. Er hatte sich eine Anamnese zurechtgelegt, eine Krankengeschichte, wie seine Analytikerin sie gern hörte: eine Kindheit, einen Vater, einen frühen Vorfall an einem Weiher, eine Mutter, die nicht schwimmen konnte. Es war eine gute Anamnese. Er hatte sie in neunzehn Jahren dreimal wöchentlich poliert.

Weihenruh liess ihn nicht dazu kommen. «Was soll am Abend anders sein?»

Langwiler brauchte einen Moment. In neunzehn Jahren hatte ihn niemand das gefragt, und er hatte in neunzehn Jahren niemanden das gefragt. Die Frage kam ihm unanständig vor, wie ein Preisschild an einem Gemälde.

«Ich möchte, dass es mir besser geht.»

«Das ist kein Ziel. Das ist ein Wetterwunsch. Was soll am Abend anders sein?»

«Ich habe eine Sache mit dem Wasser.»

«Welche?»

«Ich kann nicht darüber.»

«Über welches?»

«Über jedes. Über Ihres.»

«Was für ein Kaufmann sind Sie?»

«Versicherungen», sagte Langwiler. «Langfristige.»

«Dann kommen Sie um neun. Der Tag ist reserviert, sobald er bezahlt ist; die Angaben bekommen Sie per Mail. Bringen Sie nichts mit. Vor allem keine Erklärungen. Die haben Sie sicher schon.»

«Vorauszahlung?», fragte Langwiler. «Sie haben mich noch nicht einmal gesehen.»

«Ich habe Sie gehört. Für die Rechnung genügt das. Für die Behandlung brauche ich Sie um neun.»

Weihenruh arbeitete nur gegen Vorauszahlung, und bei einem ganzen Tag ohne Ausnahme. Er hatte früh in seinem Berufsleben aufgehört, seinem Geld bei Menschen hinterherzulaufen, die nachweislich mit ihrem Leben nicht zurechtkamen; ein Psychotherapeut, der das tat, bewies damit vor allem, dass er es auch nicht konnte. Kollegen, die seit Jahren öffentlich über ihre Honorare klagten, hielten seine Regel für Härte. Weihenruh hielt ihr Klagen für ein Symptom, und zwar für eines, das er aus seiner Praxis kannte: Wer mit dem eigenen Leben nicht zurechtkommt, klagt zuerst über die anderen.

Für diese Einschätzung brauchte er keine Bosheit, nur Lektüre, und wer ihn darauf ansprach, dem nannte er eine Quelle aus dem eigenen Berufsstand. Eva Jaeggi, Verhaltenstherapeutin und Psychoanalytikerin, bis 2000 Professorin für Klinische Psychologie an der Technischen Universität Berlin, hatte 2003 in einer Fachzeitschrift zusammengetragen, was Untersuchungen über die seelische Verfassung von Psychotherapeuten ergeben hatten. Ihr Aufsatz trug einen Titel, der keiner Erläuterung bedurfte: «Die Angst des Therapeuten vor sich selbst». Die Befunde lauteten: 73 Prozent Angsterkrankungen, 58 Prozent Depressionen, 82 Prozent schwere persönliche Probleme, 11 Prozent Suchterkrankungen, dazu eine Suizidrate, die höher geschätzt wurde als im Durchschnitt der Bevölkerung. «Die Zahlen variieren», schrieb sie, «sind aber insgesamt recht deprimierend.» Weihenruh fand sie ausserdem lehrreich. In der Bevölkerung leiden nicht annähernd drei von vier Menschen an einer Angsterkrankung; in dem Beruf, der sie heilen soll, grassiert sie. Die Vereinigung für Kontinuität in der Psychotherapie hätte das aus eigener Anschauung bestätigen können. Gemessen hatte sie es nie.

Langwiler dachte an die Überweisung und an das Absenderfeld des Kontos, das seinen richtigen Namen offenbaren würde. Also ging er zur Post und zahlte das Honorar bar mit einem Einzahlungsschein ein, auf dem er in die Zeile «Zahlbar durch» K. Zehnder schrieb. Die Post fragte nicht; sie nimmt Bargeld von jedem, das ist ihre einzige Indikation. Den abgestempelten Empfangsschein legte er, weil er ein ordentlicher Mensch war, zu den Spesen des Ressorts Qualitätssicherung. Die Buchhaltung der Vereinigung führte seither eine Ausgabe im Namen eines Mannes, den es nicht gab, und beanstandete sie nicht, weil sie ordentlich ausgefüllt war. Dann notierte er die erste Feststellung für den Bericht: Der Beschuldigte verlangt Vorauszahlung vor jeder Untersuchung. Zu prüfen: Standesregeln. Und die zweite: Der Beschuldigte lehnt eine Anamnese ab. Zu prüfen: Sorgfaltspflicht. Bei der zweiten strich er «lehnt ab» und schrieb «verzichtet auf». Man musste präzise bleiben, wenn man beschuldigte.

Neun Uhr

Die Praxis lag am See. Das Haus stand dort, wo der Weg aufhörte, und der Steg begann, wo das Haus aufhörte. Am Steg lag ein Boot ohne Motor. Langwiler sah es und notierte innerlich: Feststellung drei: Wasserfahrzeug ohne Antrieb. Sicherheitsmängel. Er wusste, dass es Ruderboote gab. Er notierte es trotzdem.

Weihenruh brachte Tee, ohne zu fragen, ob man welchen wolle, und setzte sich so, dass beide auf den See sahen. Das war nicht die übliche Anordnung. In Langwilers Praxis sass man so, dass man einander nicht ansah, und in der Praxis seiner Analytikerin lag man.

«Meine Mutter konnte nicht schwimmen», begann Langwiler, weil man irgendwo beginnen musste.

«Sind Sie Ihre Mutter?»

«Nein.»

«Dann war das ihr Problem. Sie haben es geerbt wie das Geschirr. Man kann Geschirr zurückgeben.» Weihenruh trank. «Sie haben gesagt, Sie können nicht über das Wasser. Was wissen Sie, wenn Sie es sehen, und was vermuten Sie?»

«Ich weiss, dass ich die Kontrolle verliere.»

«Wann haben Sie sie zuletzt verloren?»

«Noch nie. Ich habe es immer vermieden.»

«Dann wissen Sie es nicht. Sie vermuten es. Seit wann?»

«Seit neunzehn Jahren.»

«Dann vermuten Sie es seit neunzehn Jahren und nennen die Vermutung Wissen, weil sie alt ist. Das ist eine Verwechslung, keine Diagnose.»

Langwiler wollte einwenden, dass die Angst real sei. Er formulierte innerlich Feststellung vier: Der Beschuldigte bestreitet die Realität der Angst und merkte, bevor er den Punkt setzte, dass es nicht stimmte. Weihenruh bestritt nicht die Angst. Er bestritt ihre Begründung. Das war etwas anderes, und Langwiler wusste das, weil er selbst diesen Unterschied in jedem Gutachten machte, das er gegen andere schrieb. Er strich die Feststellung. Es war die erste Streichung des Tages, und sie ärgerte ihn mehr als das Boot.

«Ich habe die Angst schon lange in Bearbeitung», sagte er.

«In Bearbeitung», wiederholte Weihenruh. «Wie ein Dossier?»

«Es ist ein Prozess.»

«Ein Prozess ist etwas, das ein Ende hat. Sonst heisst es Zustand.»

Langwiler versuchte es mit dem Köder. Er hatte ihn sorgfältig vorbereitet, denn ein Heilversprechen war der einzige Verstoss, den man einer Aufsichtsbehörde in einem Satz erklären konnte. «Versprechen Sie mir, dass ich heute Abend über den See kann?»

«Nein.»

«Nein?»

«Ich verspreche Ihnen, dass ich um fünf Uhr Tee koche. Ob Sie über den See fahren, weiss ich nicht. Das tun Sie, oder Sie tun es nicht. Ich bin nicht im Boot.»

Feststellung fünf: kein Heilversprechen. Langwiler notierte es mit einem Gefühl, das er in der Supervision als Enttäuschung bezeichnet hätte und das in Wahrheit Ärger war. Der Mann versprach nichts. Er stellte Fragen. Man konnte eine Frage nicht bei einer Aufsichtsbehörde einreichen.

Sechshundert Stunden

«Wer behandelt Sie?», fragte Weihenruh.

«Eine Kollegin. Eine Frau. Seit langem.»

«Wie lange?»

«Neunzehn Jahre. Dreimal wöchentlich.»

«Was hat sie über das Wasser gesagt?»

«Dass es ein Symbol ist.»

«Wofür?»

«Das erarbeiten wir noch.»

Weihenruh nahm einen Schluck Tee. «Seit neunzehn Jahren?»

«Es ist ein Prozess», sagte Langwiler und hörte selbst, dass er den Satz heute schon einmal verwendet hatte.

«Der See ist kein Symbol», sagte Weihenruh. «Er ist nass. Das ist sein einziger Inhalt. Alles, was Sie ihm sonst zuschreiben, haben Sie mitgebracht, und ich hatte Sie gebeten, nichts mitzubringen.»

Langwiler beschloss, das Gespräch auf sein Fachgebiet zu lenken. «Finden Sie nicht, dass die Beziehung zwischen Psychotherapeut und Patient das eigentlich Wirksame ist? Dass es weniger auf die Methode ankommt als auf das, was zwischen zwei Menschen entsteht?»

«Die Beziehung ist das Geschirr», sagte Weihenruh. «Wir sind zum Essen hier.»

«In der Psychotherapie, die ich kenne, ist die Beziehung die Mahlzeit.»

«Dann hatten Sie neunzehn Jahre lang sehr schönes Geschirr.»

Langwiler notierte Feststellung sechs: reduktionistische Methodik, Abwertung der therapeutischen Beziehung und hatte dabei zum ersten Mal das Gefühl, dass die Feststellung ihn selbst betraf, ohne dass er hätte sagen können, wie. Er liess sie stehen. Man konnte nicht alles streichen.

«Sie haben eine Ausbildung», sagte Weihenruh. Es war keine Frage.

«Eine lange.»

«Wie lange?»

«Sechshundert Stunden Lehranalyse. Dazu Theorie, Supervision, Kolloquien.»

«Sechshundert Stunden auf der Couch, damit Sie andere analysieren dürfen», sagte Weihenruh. «Und was haben Sie dabei über Ihre Angst gelernt?»

Langwiler überlegte ehrlich. Er war ein ehrlicher Mensch; das war sein Problem in einem Beruf, der Ehrlichkeit als Widerstand deutete. «Dass es länger dauert, als man denkt.»

«Das ist die einzige Lektion, die man in sechshundert Stunden nicht verfehlen kann», sagte Weihenruh. «Sie stimmt nämlich nur, wenn es lange gedauert hat. In einer Stunde gelernt, wäre sie falsch gewesen. Eine Lektion, die sich ihre Wahrheit selbst erarbeitet, indem sie Zeit verbraucht, ist keine Erkenntnis über Ihre Angst. Sie ist eine über die Rechnung.»

Mittagessen

Es gab Brot, Käse und Tee. Der Föhn stand über dem See und drückte das Wasser flach. Langwiler ass wenig und protokollierte viel; er hatte inzwischen ein Notizbuch hervorgeholt, was Weihenruh nicht kommentierte. Nichts, was Langwiler tat, wurde kommentiert. Er begann zu verstehen, dass das die Methode war und dass sie ihm nicht gefiel, weil er in ihr nicht vorkam. Nur seine Gedanken kamen vor, und die wurden geprüft wie Behauptungen in einem Gutachten.

«Wer zahlt Ihre Behandlung?», fragte Weihenruh zwischen zwei Stücken Käse.

«Die Grundversicherung.»

«Dann ist die Kasse die Einzige, die ein Interesse an Ihrem Ende hätte. Und die fragt nicht.»

«Man kann eine Analyse nicht nach dem Ende fragen. Sie ist zu Ende, wenn sie zu Ende ist.»

«Das haben Sie von Ihrer Analytikerin.»

«Von Freud.»

«Freud hat auch gesagt, Analysieren sei ein unmöglicher Beruf. Den Satz zitieren Sie in Ihrem Verband seltener. Er steht in einem Aufsatz über die endliche und die unendliche Analyse, und man hat sich bei Ihnen für die zweite entschieden.»

Langwiler legte das Brot hin. «In meinem Verband?»

«In jedem», sagte Weihenruh und schnitt Käse.

Langwiler schrieb nichts. Zum ersten Mal an diesem Tag wusste er nicht, ob eine Feststellung fällig war und welche. Der Mann wusste etwas, oder er wusste nichts, und beides war für den Bericht unbrauchbar, weil man nur protokollieren konnte, was gesagt worden war. Gesagt worden war: in jedem.

Vierzehn Uhr, die Werkstatt

«Der Gedanke, mit dem Sie arbeiten», sagte Weihenruh, «lautet: Wenn ich die Kontrolle verliere, bin ich verloren. Stimmt das?»

«Ungefähr.»

«Dann zerlegen wir ihn. Was beobachten Sie, wenn Sie am Wasser stehen?»

«Das Herz schlägt schneller. Die Hände. Der Atem.»

«Das sind Messwerte. Ein Puls ist kein Urteil. Was sagen Sie voraus?»

«Dass es schlimmer wird. Dass ich die Kontrolle verliere.»

«Ist das je eingetreten?»

«Nein.»

«Dann ist es eine Vorhersage, die seit neunzehn Jahren nicht eingetreten ist. In jedem anderen Fach würde man sie verwerfen. Und was heisst verloren? Ertrunken? Blamiert? Aus dem Verein geworfen, aus der Familie, aus dem Beruf?»

«Blamiert.»

«Vor wem?»

«Vor allen.»

«Wer ist im Boot?»

«Niemand.»

«Dann blamieren Sie sich vor niemandem. Das ist die dünnste Blamage, von der ich je gehört habe. Sie hat kein Publikum.»

Langwiler lachte, kurz und gegen seinen Willen. Er hatte in neunzehn Jahren Behandlung nicht gelacht; es war dort nicht vorgesehen, und er hatte das für Tiefe gehalten.

Weihenruh legte ein Blatt hin, zwei Spalten. Links stand Vorhersage, rechts Beobachtung. «Die linke Spalte füllen Sie jetzt. Die rechte um fünf.»

«Auf welcher Skala?», fragte Langwiler. In der Literatur gab es eine Skala von null bis hundert, und er hatte sie stets für den wissenschaftlichen Teil der Sache gehalten.

«Auf keiner. Entweder das Boot kentert, oder es kentert nicht. Das ist eine Ja-Nein-Frage, und der See beantwortet sie ohne Skala.»

«Ich deute», sagte Langwiler. «Ich prüfe nicht.»

«Das ist der Unterschied zwischen einem Kommentar und einem Experiment. Sie haben Ihre Angst neunzehn Jahre lang analysiert. Ich frage, ob sie stimmt.»

Langwiler schrieb. In die linke Spalte schrieb er: Herzrasen. Kontrollverlust. Kentern. Blamage. Beim vierten Wort hielt er inne, strich es und schrieb es wieder hin. Man konnte eine Vorhersage nicht streichen, nur weil sie kein Publikum hatte.

Innerlich formulierte er Feststellung sieben: Der Beschuldigte übt Druck aus. Dann sah er auf das Blatt, auf dem seine eigene Schrift stand, und auf Weihenruh, der aus dem Fenster sah und offensichtlich nichts von ihm wollte, und strich auch diese Feststellung. Es war die zweite Streichung. Der Bericht wurde dünner, während der Tag dicker wurde.

Fünf Uhr, der Tee

«Ich koche Tee», sagte Weihenruh um fünf und ging ins Haus.

Langwiler blieb auf dem Steg zurück. Das Boot lag da. Niemand sagte ihm, was er tun solle; niemand kam mit einem Rettungsring, einer Atemtechnik oder einer Hand auf der Schulter. In der Literatur, die Langwiler kannte, wurde die Konfrontation mit der Angst - die kognitive Verhaltenstherapie nennt sie Exposition - vom Psychotherapeuten geleitet. Man ging gemeinsam an sie heran, in abgestuften Schritten, mit Protokollbogen und Skala, und man ging gemeinsam wieder weg. Langwiler hatte diese Literatur gelesen und die Methode nie angewendet, aus Rücksicht auf seine Patienten. Das war nicht gelogen. Es war nur nicht der Grund.

Er wartete zehn Minuten. Weihenruh kam nicht. Durch das Fenster sah man ihn am Herd, und er sah nicht nach draussen.

Feststellung acht, dachte Langwiler mit wachsender Befriedigung: Der Beschuldigte lässt den Patienten in der Expositionssituation unbegleitet. Zu prüfen: unterlassene Hilfeleistung. Das war ein Punkt. Das war endlich ein Punkt. Aber eine Feststellung brauchte einen Sachverhalt, und der Sachverhalt musste eintreten: Der Patient musste in der Expositionssituation sein. Solange er auf dem Steg stand, war er in keiner Situation. Er war ein Mann auf einem Steg.

Langwiler stieg ins Boot, um die Feststellung zu vervollständigen.

Er stiess ab. Das Boot schwankte, das Herz tat, was es angekündigt hatte, und Langwiler trug es innerlich in die rechte Spalte ein: Herzrasen, eingetreten. Er hatte keinen Protokollbogen dabei und musste die Angst ohne Formular erleben. Er ruderte. Er zählte die Schläge, um die Beschwerde im Kopf zu formulieren, was die Zählung unzuverlässig machte. Bei vierzig sah er zum Haus zurück, das kleiner geworden war: ein Haus, kein Institut, mit einem Mann am Herd. Bei sechzig prüfte er die zweite Zeile, Kontrollverlust. Er hielt die Ruder. Er hatte sie die ganze Zeit gehalten. Bei achtzig war die dritte Zeile fällig, Kentern. Das Boot lag im Wasser, wie Boote im Wasser liegen. Der See war, wie Weihenruh gesagt hatte, nass, und das war alles, was er konnte.

Langwiler hörte auf zu rudern. In der Mitte des Sees war es still, und die Stille hatte kein Publikum. Er merkte, dass die Angst nicht da war, und dass ihr Fehlen ihn ärgerte, weil es den Bericht komplizierte. Man konnte keine unterlassene Hilfeleistung geltend machen, wenn niemand Hilfe gebraucht hatte. Er wartete, ob die Angst noch komme. Sie kam nicht. Sie war offenbar ein Verein, der nur tagte, wenn er die Traktanden vorher gelesen hatte.

Als er zurückruderte, stand Weihenruh auf dem Steg, zwei Tassen in der Hand.

«Wie war der See?»

«Nass.»

«Das ist alles, was er kann.» Weihenruh gab ihm die Tasse. «Die rechte Spalte.»

Langwiler füllte sie aus, alle vier Zeilen. Dann sass er eine Weile und sah auf das Blatt, wie man auf ein Röntgenbild sieht, das keinen Befund zeigt, und wusste nicht, ob er erleichtert oder betrogen war.

«Haben Sie es gewusst?», fragte er.

«Was?»

Langwiler sah ihn an, und Weihenruh sah zurück, und in dem Blick war nichts, was man hätte protokollieren können. «Nichts», sagte Langwiler.

Der Datenbogen

Weihenruh legte ein zweites Blatt auf den Tisch. Es war ein Datenbogen, wie ihn jeder Patient am Ende eines Tagesblocks unterschrieb: das Datum, die Zeile «Gearbeitet von neun bis achtzehn Uhr», darunter die Zeile «Erreicht», gefolgt von zwei leeren Linien, darunter die Unterschrift. Weihenruh hatte den Bogen eingeführt, nachdem ihm mehr als einmal ein Mensch einen Tag vorausbezahlt hatte, gesund nach Hause gefahren war und ein halbes Jahr später erklärt hatte, es sei nichts geschehen. In der Regel waren es dieselben, die vorher erklärt hatten, es könne nichts geschehen. Seither hielt Weihenruh das Ergebnis schriftlich fest, und zwar in der Handschrift dessen, der es erreicht hatte. Man konnte einem Menschen vieles ausreden, aber nicht die eigene Handschrift.

Langwiler sah auf die Zeile «Erreicht» und erkannte die Falle, die keine war. Schrieb er «geheilt», war die Beschwerde erledigt, bevor sie geschrieben war. Schrieb er «nichts», log er, und er log nicht; das war, wie gesagt, sein Problem. Er suchte den vorsichtigsten Satz, den es gab, einen Satz ohne Diagnose, ohne Wertung, ohne Verb, das man ihm vorhalten konnte, und schrieb:

War allein auf dem Wasser.

Er unterschrieb mit «K. Zehnder», weil man einen Datenbogen nicht unter einem anderen Namen unterschreiben konnte als unter dem, mit dem man bezahlt hatte. Er stellte später fest, dass es der vollständigste Satz war, den er je unterschrieben hatte. Er hatte nur vorsichtig sein wollen.

«Der Steg ist bis sieben offen, falls Sie noch einmal wollen», sagte Weihenruh. «Ich bin nicht dabei.»

Der Bericht

Im Hotel schrieb Langwiler den Bericht für den Vorstand. Er begann mit den Feststellungen und ging sie der Reihe nach durch. Die Vorauszahlung: Er hatte sie geleistet, die Leistung war erbracht, und der Beleg dafür trug seine eigene Unterschrift. Der Verzicht auf die Anamnese: Der Beschuldigte hatte in fünf Minuten mehr über die Angst erfahren, als die Anamnese in neunzehn Jahren hergegeben hatte, und Langwiler wusste nicht, wie er das einer Behörde als Mangel erklären sollte. Das Boot ohne Motor: Es war dicht gewesen. Das fehlende Heilversprechen: Das war kein Verstoss, sondern das Fehlen eines Verstosses, und man konnte das Fehlen von etwas nicht beanstanden, ohne zuzugeben, dass man es gesucht hatte. Die reduktionistische Methodik: Er versuchte den Satz zu formulieren, warum die Beziehung die Mahlzeit sei und nicht das Geschirr, und kam ohne das Wort Kontinuität nicht bis zum Punkt. Die unterlassene Hilfeleistung: Niemand hatte Hilfe gebraucht.

Es blieb: ein Tee, ein Käse, ein Blatt mit zwei Spalten und ein Ergebnis. Es gab nichts zu protokollieren ausser dem Ergebnis. Also protokollierte er das Ergebnis.

Der Beschuldigte hat den Unterzeichnenden innerhalb von acht Stunden von einer seit neunzehn Jahren bestehenden und dreimal wöchentlich behandelten Angststörung befreit.

Er las den Satz. Es war der erste Satz seines Berufslebens, der ein Ergebnis enthielt, und er stand in einer Beschwerde. Er fügte an, was das Ressort Qualitätssicherung in solchen Fällen anfügte: Dies ist geeignet, bei Patientinnen und Patienten falsche Erwartungen über schnelle Behandlungserfolge zu wecken. Dass die Erwartung in seinem eigenen Fall nicht falsch gewesen, sondern erfüllt worden war, störte die Formel nicht; sie war für Erwartungen geschrieben, nicht für Ergebnisse. Dann heftete er die Spesenabrechnung dazu. Die Vereinigung hatte damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte eine Psychotherapie bezahlt, die gewirkt hatte, und sie hatte es getan, um zu beweisen, dass es so etwas nicht gibt.

Dann öffnete er die Mitglieder-Assistenz und liess sie die Beschwerde an die Aufsichtsbehörde formulieren.

«Vielen Dank für Ihre Angaben», schrieb das Sprachmodell. «Ihre Sorge um die Patientensicherheit ist sehr nachvollziehbar.» Es folgte ein Entwurf, der in allen Punkten so klang wie die elf Beschwerden zuvor, nur wärmer. Der Entwurf nannte die Heilung eine «Behauptung», die acht Stunden «angeblich» und den Unterzeichnenden einen «Betroffenen». Er hielt fest, es mangle an wissenschaftlichen Belegen; nachgesehen hatte niemand, aber der Satz stand in jeder Beschwerde der Vereinigung und hatte noch nie einen Beleg gebraucht. Er schloss mit der Bitte um aufsichtsrechtliche Prüfung, «damit Patientinnen und Patienten vor Angeboten geschützt werden, die den anerkannten Behandlungszeiträumen widersprechen».

Langwiler las den Entwurf zweimal. Der Beweis für den Verstoss war seine Heilung. Ohne die Heilung gab es keinen Verstoss; mit ihr gab es keinen Patienten mehr, der geschützt werden musste, sondern nur noch einen Verband. Er verstand die Konstruktion vollständig, und er verstand auch, dass er sie mit elf Beschwerden mitgebaut hatte, ohne je in ihr gestanden zu haben.

«Möchten Sie, dass ich den Ton noch etwas empathischer gestalte?», fragte die Mitglieder-Assistenz. «Ich könnte ausserdem ergänzen, dass sich das Angebot laut Website an Menschen richtet, die selbst denken wollen. Das könnte als Ausgrenzung all jener gewertet werden, die das nicht wollen.»

Den Verteiler hatte sie aus den früheren Beschwerden übernommen: jede kantonale Aufsicht, die dem Beschuldigten eine Bewilligung erteilt hatte. Die meisten Behörden legten so etwas ab. Man brauchte aber nur eine, die es nicht tat.

Langwiler klickte auf Senden.

Dann öffnete er seinen Kalender. Montag, sieben Uhr fünfzig, wie seit neunzehn Jahren. Er liess den Termin stehen. Nicht, weil er ihn brauchte. Weil im Vorstand jemand fragen würde, warum nicht.

Innert dreissig Tagen

Drei Monate später wehte die Bise über dem See, und auf dem Tisch in Weihenruhs Praxis lag ein amtlicher Brief. Die kantonale Aufsicht teilte mit, es sei eine Beschwerde eingegangen. Berichte, wonach ein Leben nach wenigen Sitzungen wieder voll lebenswert sei, seien geeignet, falsche Erwartungen zu wecken, und würden als irreführend und damit unzulässig erachtet. Man bitte um Stellungnahme innert dreissig Tagen. Die Beschwerde zitierte einen Bericht, wonach der Unterzeichnende innerhalb von acht Stunden von einer Angststörung befreit worden sei. Weihenruh hatte in jenem Monat einen einzigen Tagesblock mit einer Angststörung gehabt.

Er antwortete am selben Tag, weil man Dummheit nicht reifen lassen sollte.

«Sehr geehrte Damen und Herren

Der Beschwerdeführer wurde bei mir unter dem Namen Zehnder behandelt. Er hat mit seiner Unterschrift bestätigt, von neun bis achtzehn Uhr behandelt worden zu sein, und in die Zeile «Erreicht» eingetragen: War allein auf dem Wasser. Kopie liegt bei. Unter welchem Namen er zuvor Angst hatte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das britische National Institute for Health and Care Excellence empfiehlt bei Angststörungen insgesamt sieben bis vierzehn Stunden kognitiver Psychotherapie. Der Beschwerdeführer hat acht erhalten. Ich bedaure, die untere Grenze der Empfehlung um eine Stunde überschritten zu haben; nach der Leitlinie hätte er schon nach sieben gesund sein dürfen.

Die Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, seit 1948 geltendes Recht, auch in Ihrem Kanton, bezeichnet als Gesundheit einen Zustand vollständigen Wohlergehens und nicht bloss die Abwesenheit von Krankheit. Eine Mindestdauer nennt sie nicht. Sollte das kantonale Recht eine kennen, bitte ich um Mitteilung, ab welcher Stundenzahl psychotherapeutischer Bewirtschaftung ein Leben in Ihrem Kanton wieder voll lebenswert sein darf. Bis dahin halte ich mich an die Weltgesundheitsorganisation.

Beilagen: Datenbogen, Leitlinie, Verfassung.

Mit freundlichen Grüssen
Dr. F. Weihenruh»

Eine Antwort kam nicht. Behörden beantworten keine Fragen; sie stellen sie.

Der Steg

Eine Woche später lag eine Postkarte im Briefkasten, ohne Absender, mit dem Bild einer Fähre. Die Schrift kannte Weihenruh von einem Blatt mit zwei Spalten.

Allein auf dem Wasser. Der Vorstand hält es für eine Behauptung. Er hat mich zum Vizepräsidenten gewählt. K. Z.

Weihenruh las die Karte einmal. Er antwortete nicht; es gab nichts zu behandeln, was nicht schon behandelt war. Er stellte die Karte an die Teekanne und ging hinaus.

Der Steg war leer.

* * *

Anders als die meisten Weihenruh-Erzählungen beruht diese nicht auf einer Begebenheit aus der Behandlungspraxis; sie ist eine Satire. Die Vereinigung für Kontinuität in der Psychotherapie, ihr Vorstand und Dr. Beat Langwiler sind frei erfunden, und die Krankheiten, Behandlungen und Lebensumstände, die ihnen hier zugeschrieben werden, betreffen keine reale Person.

Nicht erfunden ist hingegen die Logik, nach der schon der Bericht über eine Heilung zum Gegenstand einer Beschwerde werden kann. Sie ist in zwei Artikeln dokumentiert — für die gesellschaftliche Ebene in Psychotherapie-Inflation: Wir sind nicht kränker geworden, wir halten uns nur für behandlungsbedürftig und für die berufspolitische Ebene in Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP):

Zwei Zitate zur Behandlungsdauer. Gesundheitsdirektion Zürich, 22.10.2025: Erläuterungen, dass Angststörungen in acht bis zehn Stunden geheilt werden könnten, seien irreführend und damit unzulässig. NICE-Leitlinie, Fassung vom 15.06.2020, Empfehlung zur Panikstörung: Kognitive Verhaltenstherapie solle in der optimalen Behandlungsdauer von insgesamt 7 bis 14 Stunden angeboten werden.
Gegenüberstellung zweier Zitate. Gesundheitsdirektion Zürich, 22.10.2025: Information über die Möglichkeit, psychische Beschwerden ohne Psychopharmaka zu heilen, sei irreführend und damit unzulässig. NICE-Leitlinie, Fassung vom 15.06.2020: Benzodiazepine seien langfristig mit einem schlechteren Behandlungsergebnis verbunden und sollten Personen mit Panikstörung nicht verordnet werden.
Zwei Zitate zum Massstab der Gesundheit. Gesundheitsdirektion Zürich, 22.10.2025: Berichte, dass ein Leben nach wenigen Therapiesitzungen wieder voll lebenswert sei, seien irreführend und damit unzulässig. Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 22.07.1946, SR 0.810.1: Die Gesundheit sei ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.

Dr. Friedrich Weihenruh ist ein literarisches Alter Ego, durch das der Autor seine Erlebnisse und Erfahrungen als Psychotherapeut erzählerisch verarbeitet. Die Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten, sind jedoch fiktionalisiert: Zum Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht wurden Namen, Orte und Details geändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.

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