Ein Tagesblock gegen die Depression — «Wie einen Tripper, Herr Doktor?»

Ein Unternehmer bestellt für seine Tochter einen Tagesblock Kognitive Psychotherapie (TKPT), so wie man einen Handwerker bestellt. Was an diesem Tag geschieht, hatte er nicht bestellt: Livia lernt, ihre eigenen Gedanken zu prüfen. Und wer das einmal kann, lässt sich nicht mehr mit fremden Massstäben messen.

Das Telefonat

Das Telefon klingelte um zwanzig nach sieben, was Dr. Friedrich Weihenruh bereits für eine Auskunft über den Anrufer hielt, bevor dieser ein Wort gesagt hatte.

«Weihenruh.»

«Brunner. Konrad Brunner. Ich habe ein Problem mit meiner Tochter.»

«Dann haben Sie beim Falschen angerufen, Herr Brunner. Ihre Tochter hat möglicherweise ein Problem. Sie haben einen Wunsch. Das ist nicht dasselbe, und die Unterscheidung wird uns beiden Zeit sparen.»

Eine Pause, in der man einen Mann hören konnte, der es nicht gewohnt war, korrigiert zu werden.

«Livia, dreiundzwanzig. Hat das Studium hingeworfen, viertes Semester, kurz vor den Zwischenprüfungen. Sitzt seit anderthalb Jahren halbtags in einer Buchhandlung. Steht um elf auf, sagt alles ab, redet kaum. Der Hausarzt hat abgeklärt, was man abklärt: Blutbild, Schilddrüse, Eisen. Nichts. Er nennt es eine depressive Episode, leicht bis mittelgradig, was immer das heissen soll. Nach Suizid habe ich ihn ausdrücklich gefragt. Davon war nie die Rede.»

«Das war eine gute Frage», sagte Weihenruh. «Sie haben sie leider im Tonfall einer Inventur gestellt.»

«Herr Doktor, ich habe diesem Kind das beste Gymnasium der Region bezahlt, ein Jahr Boston, zwei Studiengänge. Ich möchte, dass sie wieder funktioniert.»

«Sie möchten, dass sie wieder funktioniert wie geplant. Auch das ist nicht dasselbe.» Weihenruh goss sich Tee ein. «Ich arbeite einen Tag mit ihr. Neun bis achtzehn Uhr, hier am See, unterbrochen von zwei Mahlzeiten. Zwei Bedingungen: Erstens. Sie zahlen im Voraus. Zweitens. Ihre Tochter kommt freiwillig, und sie kann jederzeit gehen. Wenn sie um halb zehn aufsteht und nach Hause fährt, bezahlen Sie den vollen Tag.»

«Das sind merkwürdige Bedingungen.»

«Es sind die einzigen, unter denen der Tag überhaupt stattfinden kann. Alles, was Sie für Ihre Tochter bezahlen, gehört Ihnen, Herr Brunner. Ich brauche für meine Arbeit etwas, das ihr gehört. Im Augenblick fällt mir nur das Bleiben ein.»

Neun Uhr

Der Föhn hatte in der Nacht gedreht, der See lag unnatürlich klar da, und die Berge am anderen Ufer standen so nah, dass man sie für aufdringlich halten konnte. Livia Brunner kam sieben Minuten zu spät, in Turnschuhen und mit dem Gesichtsausdruck einer Person, die eine Vorladung erhalten hat.

Sie setzte sich, sah an Weihenruh vorbei auf das Bücherregal und sagte:

«Bevor wir anfangen: Das hier hat mein Vater bezahlt. Nicht einmal das ist meine eigene Leistung.»

Weihenruh nickte langsam.

«Das stimmt.»

Sie sah ihn zum ersten Mal an. Offenbar hatte sie mit Widerspruch gerechnet und dafür bereits etwas vorbereitet, das nun ungenutzt liegen blieb.

«Er hat den Tag gekauft», fuhr Weihenruh fort. «Die Frage ist nur, wer heute arbeitet. Im Übrigen habe ich mit ihm vereinbart, dass er auch dann zahlt, wenn Sie in zehn Minuten aufstehen und gehen.»

«Sie haben ihm gesagt, er zahlt auch, wenn ich gehe?»

«Ja.»

«Warum?»

«Damit Ihr Bleiben etwas wert ist.»

Livia zog die Beine an und legte die Arme darum. Dann kam der Satz, mit dem sie ihn hatte empfangen wollen und den sie nun etwas verspätet abfeuerte:

«Und jetzt kurieren Sie mich. Wie einen Tripper.»

«Der Vergleich ist besser, als Sie ahnen», sagte Weihenruh. «Ich komme darauf zurück. Vorher hätte ich gern gewusst, wie es Ihnen geht.»

«Ich fühle mich wertlos.»

Weihenruh stellte die Tasse ab.

«Das ist kein Gefühl.»

Der erste Gedanke

«Jetzt fangen Sie an, an Wörtern herumzumäkeln», sagte Livia. «Neun Uhr sieben. Rekord.»

«Ich mäkle nicht, ich sortiere. Gefühle sind: traurig, ängstlich, wütend, beschämt, leer. Das sind Zustände. Man kann sie beschreiben, aber man kann sie nicht widerlegen. Wenn Sie mir sagen, Sie seien traurig, gibt es nichts, was ich dagegen vorbringen könnte, und ich hätte auch keine Lust dazu.» Er hob die Hand. «Wertlos ist etwas anderes. Wertlos ist ein Messergebnis. Und wo gemessen wird, gibt es einen Massstab, eine Skala und jemanden, der sie angelegt hat.»

«Wortklauberei.»

«Es ist der Unterschied zwischen ohnmächtig und zuständig. Ein Gefühl können Sie nicht prüfen. Ein Urteil schon. Wer beides verwechselt, hält sich für ohnmächtig — und hat damit sogar recht, solange er es verwechselt.»

Livia schwieg.

«Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie das über sich denken?»

Sie brauchte länger, als sie wollte.

«Scham», sagte sie schliesslich.

«Gut. Und wann haben Sie es zuletzt gedacht?»

«Gestern Abend. Halb zwölf. Ich habe auf dem Telefon ein Bild von einer Studienkollegin gesehen. Lissabon, neue Stelle, Dachterrasse. Ich habe gedacht: Ich habe nichts vorzuweisen.»

«Behalten Sie das Bild», sagte Weihenruh. «Genau dieses Bild. Und setzen Sie einen anderen Gedanken daneben, nämlich: Sie hat eine Stelle in Lissabon. Nichts weiter. Kein Trost, keine Deutung, kein Nachsatz. Und dann sagen Sie mir, was mit der Scham passiert.»

Livia schloss die Augen. Es dauerte einen Moment.

«Sie wird kleiner», sagte sie. «Nicht weg. Kleiner.»

«Das Bild war beide Male dasselbe. Der Gedanke war verschieden. Das Gefühl war verschieden.» Weihenruh lehnte sich zurück. «Sie haben soeben den einzigen Mechanismus beobachtet, um den es heute geht. Nicht das Ereignis macht das Gefühl. Der Gedanke macht es, den Sie dem Ereignis hinterherschicken. Und der Gedanke ist Ihrer.»

«Ich kann mir doch nicht einfach etwas anderes einreden.»

«Nein. Deshalb reden wir uns auch nichts ein. Wir prüfen.» Er lächelte höflich. «Einreden ist das, was Sie seit zwei Jahren tun. Ich schlage lediglich vor, es zur Abwechslung einmal mit Prüfen zu versuchen.»

Sechs Sätze

Er legte ihr ein Blatt Papier hin und einen Bleistift, was Livia für einen Regiefehler hielt.

«Schreiben Sie auf, was Sie über sich denken. Nicht, wie es Ihnen geht. Sätze.»

«Kindergarten.»

«Solange ein Gedanke im Kopf kreist, ist er keine Behauptung, sondern Wetter. Wetter kann man nicht widerlegen, man kann sich nur darunter ducken. Ein Satz auf Papier dagegen hat ein Subjekt, ein Prädikat und einen Anspruch auf Wahrheit. Er kann falsch sein. Das ist sein grösster Vorzug.»

Sie schrieb siebenundzwanzig Minuten. Was am Ende dastand, war dies:

Ich bringe nichts zu Ende.
Alle anderen sind weiter.
Es hat keinen Zweck anzufangen.
Niemand meldet sich bei mir.
Mein Vater hat recht.
Ich schaffe nichts aus eigener Kraft.

Weihenruh las, ohne das Gesicht zu bewegen, und schrieb etwas auf sein eigenes Blatt.

«Was schreiben Sie da?»

«Einen Ihrer Sätze.»

«Welchen?»

Er drehte das Blatt um. Darauf stand, unterstrichen, ein einziger:

Es hat keinen Zweck anzufangen.

Livia machte ein Geräusch, das man in einer freundlicheren Situation ein Lachen genannt hätte.

«Ausgerechnet der. Das ist doch der harmloseste von allen.»

«Es ist der einzige Befehl.»

Sie sah auf.

«Fünf dieser Sätze sind Beschreibungen», sagte Weihenruh. «Beschreibungen können falsch sein und trotzdem faul herumliegen. Ihr dritter Satz ist keine Beschreibung. Er ist eine Anweisung, und Anweisungen werden ausgeführt. Sie fangen nichts an. Deshalb bringen Sie nichts zu Ende. Deshalb ist Ihr erster Satz am Abend wahr, und Ihr fünfter gleich mit.» Er tippte auf das Papier. «Dieser Satz ist nicht der harmloseste. Er ist die Werkstatt. Er stellt die Beweise her, mit denen die anderen fünf sich rechtfertigen.»

Es war eine Weile still. Draussen tuckerte ein Motorboot vorbei.

«Das ist unangenehm», sagte Livia.

«Ja», sagte Weihenruh.

Mittagessen

Es gab Brot, Käse, Tomaten und einen Weisswein, von dem Livia nichts nahm. Weihenruh sprach über den See: über den Unterschied zwischen Föhn und Biswind, über einen Nachbarn, der seit elf Jahren an einem Ruderboot baute und regelmässig erklärte, im nächsten Frühling sei es fertig.

Nach zehn Minuten hielt Livia es nicht mehr aus.

«Machen wir nicht weiter?»

«Nicht beim Essen.»

«Warum nicht?»

«Weil Sie sonst nach Hause fahren und der ganze Tag ein einziger langer Vorwurf gewesen ist.» Er schnitt sich Käse ab. «Ausserdem esse ich gern.»

Sie musterte ihn.

«Sie leben ganz gut davon, dass es Leuten schlechtgeht.»

«Ich lebe davon, dass Menschen aufhören, zu mir zu kommen», sagte Weihenruh. «Wer seine Patienten behält, wird dafür bezahlt, dass nichts geschieht. Das ist ein ausserordentlich solides Geschäftsmodell, und es ernährt einen ganzen Berufsstand. Es ist bloss nicht meins.»

«Und wenn Sie selber so einen Satz haben? Einen von der Sorte?»

«Ich habe eine Liste. Sie ist kürzer geworden. Leer ist sie nicht.» Er schob ihr den Brotkorb hin. «Das ist keine Koketterie. Wer Ihnen erzählt, er habe seinen Kopf vollständig unter Kontrolle, verkauft Ihnen etwas.»

Nach dem Essen ging Livia mit dem Telefon hinaus auf die Terrasse und kam nach zehn Minuten zurück. Weihenruh fragte nicht.

Die Leiter

«Sagen Sie mir einen Satz von heute Morgen.»

«Sie haben die Liste.»

«Ich möchte ihn hören.»

«Niemand meldet sich bei mir.»

«Was war, bevor Sie das gedacht haben?»

Livia überlegte. «Ich habe Nora geschrieben. Am Dienstag. Sie hat nicht geantwortet.»

Weihenruh schrieb einen einzigen Satz auf sein Blatt und drehte es zu ihr. Nora hat am Dienstag nicht geantwortet.

«Das ist eine Beobachtung. Sie ist wahr, ich habe nichts dagegen einzuwenden. Was folgt daraus?»

«Dass sie keine Lust auf mich hat.»

Er schrieb es darunter. «Eine Vermutung. Kann stimmen, kann nicht stimmen. Weiter.»

«Dass es allen so geht mit mir.»

«Ein Urteil.» Dritte Zeile.

«Und dass mit mir grundsätzlich etwas nicht stimmt.»

«Ein Gesetz», sagte Weihenruh und schrieb die vierte Zeile. Dann drehte er das Blatt ganz herum. «Vier Sätze. Sehen Sie nach, welche Tatsache zwischen dem ersten und dem vierten hinzugekommen ist.»

Livia sah auf das Papier. Sie sah lange darauf.

«Keine.»

«Keine. Kein zweiter Dienstag, kein Anruf, kein Wort von irgendjemandem. Sie haben aus einer unbeantworteten Nachricht ein Naturgesetz gemacht, und Sie haben dafür ungefähr anderthalb Sekunden gebraucht. Das ist, nebenbei bemerkt, eine bemerkenswerte Leistung.»

«Sie machen sich lustig.»

«Nein. Ich stelle fest, dass Ihr Kopf sehr schnell ist. Schnell ist gut. Schnell und ungeprüft ist teuer.»

Livia zog das Blatt zu sich herüber.

«Und wenn sie mich wirklich nicht mag?»

«Dann kommt in Zeile zwei ein Häkchen. In Zeile vier kommt trotzdem nichts.»

«Das ist Schönreden.»

«Schönreden wäre, Zeile zwei zu streichen und sie liebt mich hinzuschreiben. Ich verlange nichts dergleichen. Ich verlange, dass Sie zwischen dem, was Sie wissen, und dem, was Sie vermuten, einen Strich ziehen. Diesen Strich hat bisher niemand gezogen. Deshalb steht Zeile vier seit zwei Jahren unwidersprochen da und gilt als Beschreibung Ihrer Person.»

Er hätte hier aufhören sollen. Er hörte nicht auf.

«Und was, glauben Sie, steht unter allen vier Zeilen? Was müsste über Sie wahr sein, damit Zeile vier überhaupt in Frage kommt?»

Livia wurde starr.

«Sie wollen, dass ich sage: Ich bin nichts wert. Damit Sie es aufschreiben und wir es dann gemeinsam bearbeiten können. Das kenne ich. Das haben die anderen auch gewollt.» Sie stand auf. «Ich gehe.»

Weihenruh blieb sitzen.

«Die Tür ist offen. Ihr Vater zahlt trotzdem.»

Sie blieb an der Tür stehen, die Hand schon an der Klinke, und wartete offenbar auf etwas.

«Das war mein Fehler», sagte Weihenruh. «Ich war zu schnell. Ausgerechnet ich.»

Livia lachte. Es überraschte sie selbst, es war kurz und es war echt.

Dann setzte sie sich wieder hin. Es war das zweite Mal an diesem Tag, dass sie es freiwillig tat.

Fünf Uhr, der Tee

«Wenn Sie wissen wollen, woher der Satz kommt», begann Livia, «meine Mutter hat immer gesagt, ich sei die Sensible und meine Schwester die Tüchtige, und dann hat sie —»

«Ich will es nicht wissen.»

Sie setzte die Tasse ab.

«Bei jedem Psychotherapeuten, bei dem ich war, war das die Hauptsache. Immer die Mutter. Sie sind der Erste, der es nicht hören will.» Sie sah ihn an. «Vielleicht sind Sie einfach bequem.»

«Ein gut gezielter Satz», sagte Weihenruh. «Ich beantworte ihn ernsthaft, weil er es verdient. Ich bestreite nicht, dass Ihre Gedanken eine Herkunft haben. Selbstverständlich haben sie eine; niemand erfindet mit sechs Jahren aus dem Nichts, er sei die Sensible. Nur ändert die Herkunft am Wahrheitsgehalt nichts. Ein falscher Satz wird nicht wahrer, weil ihn Ihre Mutter gesagt hat, und ein wahrer wird nicht falscher. Erklären und Verändern sind zwei verschiedene Vorgänge. Wenn Erklären heilte, wären die Historiker die gesündesten Menschen dieses Landes.»

Er stellte die Kanne ab.

«Sie haben mich heute Morgen gefragt, ob ich Sie kuriere wie einen Tripper. Halten wir also fest, wo der Vergleich trägt. Beim Tripper fragt kein Mensch nach der Kindheit. Da fragt man: Was ist da, und was hilft dagegen. Kein vernünftiger Arzt käme auf die Idee, die Behandlung davon abhängig zu machen, wie das Verhältnis zur Mutter war.» Er hob den Zeigefinger. «Und jetzt der Unterschied, und der ist der eigentliche Witz an Ihrer Situation. Gegen den Tripper brauchen Sie einen Arzt, weil Sie Penicillin nicht selbst herstellen können. Gegen Ihre Gedanken brauchen Sie niemanden, denn das Mittel liegt bereits vollständig in Ihrem Kopf. Sie besitzen einen scharfen, schnellen, logisch arbeitenden Verstand. Sie verwenden ihn seit zwei Jahren gegen sich selbst — mit einer Präzision, die mich aufrichtig beeindruckt.»

Livia sah in ihre Tasse.

«Wir haben noch drei Stunden», sagte Weihenruh. «Sie können sie haben, wofür Sie wollen. Wenn Sie möchten, reden wir über Ihre Mutter. Ich sage Ihnen nur vorher, was um sechs sein wird: Sie werden sich sehr gut verstanden fühlen, und Sie werden exakt so denken wie heute Morgen um neun. Das ist kein Trick von mir. Es ist eine Vorhersage, und Sie dürfen sie überprüfen.»

«Und wenn ich es trotzdem will?»

«Dann tun wir das. Ich habe einen Tag verkauft, keine Methode.»

Sie überlegte länger, als ihm lieb war.

«Nein», sagte sie. «Machen wir weiter mit dem Zeug, das weh tut.»

Der Beweis

«Zurück in die Werkstatt», sagte Weihenruh. «Es hat keinen Zweck anzufangen. Was müsste geschehen, damit dieser Satz falsch ist?»

«Dass ich etwas anfange und zu Ende bringe.»

«Wann haben Sie zuletzt etwas zu Ende gebracht?»

«Nie.»

«Nie ist ein sehr grosses Wort für einen Menschen, der noch nicht vierundzwanzig ist. Nehmen wir das letzte Jahr.»

«Nichts.»

«Sie arbeiten in einer Buchhandlung. Lesen Sie?»

Livia zuckte mit den Schultern. «Vierzig, fünfzig Bücher im Jahr. Das zählt nicht.»

«Weiter.»

«Ich habe im Herbst den Weihnachtskatalog gemacht. Achtzig Titel, Texte, Layout, alles. Der ist rausgegangen.» Sie winkte ab. «Das zählt auch nicht, das war ja Arbeit.»

Weihenruh legte den Bleistift hin.

«Sie haben mir soeben zwei Gegenbeispiele geliefert und beide im selben Atemzug entwertet. Das ist keine Bescheidenheit, das ist Buchhaltung: Was für den Satz spricht, wird gebucht; was gegen ihn spricht, wird als Sonderfall abgeschrieben. Ein Massstab, der jedes Gegenbeispiel wegwirft, ist kein Massstab mehr. Er ist ein Glaubensbekenntnis.»

«Und jetzt soll ich positiv denken.»

«Um Himmels willen, nein. Man ruft einem Ertrinkenden auch nicht zu, er solle weniger Wasser trinken. Man zeigt ihm, wo der Boden ist.» Weihenruh schob ihr das Blatt hin. «Der Boden ist der Strich zwischen dem, was Sie wissen, und dem, was Sie vermuten. Mehr habe ich nicht anzubieten. Es ist nur erstaunlich viel.»

Er zeichnete ihr zwei Spalten.

«Für die nächsten zwei Wochen. Links schreiben Sie vorher auf, was Sie behaupten — das bringt nichts, ich schaffe das nicht, sie meldet sich nicht. Rechts, hinterher, was tatsächlich eingetroffen ist. Ich schicke Sie nicht joggen, ich verordne Ihnen keine schönen Erlebnisse und keine Spaziergänge mit therapeutischem Ehrgeiz. Was Sie tun, ist mir gleichgültig. Mich interessiert die Vorhersage.»

«Und wenn ich recht behalte?»

«Dann schreiben Sie das genauso auf. Sonst prüfen Sie nicht, sondern werben. Junge Frauen in Ihrem Alter neigen ohnehin dazu, nur —»

«Woher wissen Sie das?»

Weihenruh hielt inne.

«Beobachtung oder Gesetz?», fragte Livia.

Es entstand eine Pause, in der ein Psychotherapeut von geringerem Format etwas Beschwichtigendes gesagt hätte.

«Urteil», sagte Weihenruh. «Zu Recht beanstandet.» Und er strich den Satz auf seinem eigenen Blatt durch.

Um halb sechs schrieb Livia die Liste neu. Sie war nicht kürzer geworden, weil Sätze verschwunden wären. Sie war kürzer geworden, weil sie sortiert war:

Nora hat am Dienstag nicht geantwortet. — weiss ich
Sie hat keine Lust auf mich. — vermute ich
Alle anderen sind weiter. — vermute ich, nie nachgezählt
Es hat keinen Zweck anzufangen. — Behauptung, wird geprüft
Ich schaffe nichts aus eigener Kraft. — Behauptung meines Vaters, von mir übernommen, nie geprüft

«Und jetzt?», fragte sie.

«In drei Wochen zwei Stunden. Danach sehen wir weiter. Vielleicht noch zweimal, vielleicht nicht.»

«Und dann?»

«Dann brauchen Sie mich nicht mehr. Das ist keine Drohung. Das ist der Zweck der Übung.»

Der Steg

Er brachte sie hinunter zum Wasser. Die Sonne stand schon tief, der See hatte diese Farbe angenommen, für die es in keiner Sprache ein brauchbares Wort gibt, und am Steg lag ein Boot, das seit dem Frühjahr keinen Motor mehr hatte.

«Was kostet so ein Tag eigentlich?», fragte Livia.

Weihenruh nannte die Zahl.

Livia pfiff durch die Zähne. Dann sagte sie, ohne besondere Betonung:

«Den nächsten zahle ich selbst.»

Weihenruh sah auf den See hinaus und sagte nichts, weil manche Sätze durch Kommentare kleiner werden.

«Und jetzt, Doc?» Sie deutete auf das Boot. «Fahren wir in den Sonnenuntergang und geniessen das Leben?»

«Wenn Sie möchten.»

Livia sah auf die Uhr.

«Geht nicht. Ich habe um sieben abgemacht.»

«Seit wann?»

«Seit dem Mittagessen.»

«Mit wem?»

«Mit Nora.» Sie hängte sich die Tasche über die Schulter. «Sie hat nach vier Minuten geantwortet. Zeile zwei bekommt kein Häkchen.»

Sie ging den Kiesweg hinauf. Auf halber Höhe drehte sie sich noch einmal um.

«Ich bringe das Blatt mit. Falls Sie es kontrollieren wollen.»

«Ich will es nicht kontrollieren», rief Weihenruh zurück. «Ich will es lesen.»

Er blieb noch eine Weile auf dem Steg stehen. Der Föhn hatte nachgelassen, der See lag da wie gebügeltes Blech, und drüben ging tatsächlich die Sonne unter, ganz ohne Zuschauer.

Das Boot blieb, wo es war.

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Die Kognitive Psychotherapie (SKPT) von Dr. Dietmar Luchmann, LLC, arbeitet an den Denkfehlern, die das Leiden erzeugen — schriftlich, per Video oder im Tagesblock. Drei Wege, ein Ziel.

1. Das Verfahren verstehen
2. Eignung prüfen
3. Aufnahme beantragen

Dr. Friedrich Weihenruh ist ein literarisches Alter Ego, durch das der Autor seine Erlebnisse und Erfahrungen als Psychotherapeut erzählerisch verarbeitet. Die Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten, sind jedoch fiktionalisiert: Zum Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht wurden Namen, Orte und Details geändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.

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