Was hier geprüft wird und in welcher Reihenfolge
Dieser Artikel beantwortet eine Frage, die in den letzten Jahren regelmässig durch die Feuilletons wandert: Sind kluge und hochbegabte Menschen ängstlicher? Der Weg dorthin führt in acht Schritten, und es ist nützlich, sie vorher zu kennen.
Erster Schritt: die populäre Behauptung samt ihrer Quelle. Zweiter Schritt: warum diese Quelle die Frage gar nicht beantworten kann, und zwar aus einem Grund, den jeder Leser in zwei Minuten nachvollziehen kann. Dritter Schritt: die Daten, die es können, und eine Zwischenbilanz, die das Gegenteil der Schlagzeile ergibt. Vierter Schritt: der Befund, der nach dieser Bereinigung übrig bleibt - eine Richtungsumkehr, die man leicht überliest und die den ganzen Rest erklärt. Fünfter Schritt: der Mechanismus dahinter, nämlich dass Sorgen ein sprachlicher Vorgang ist und deshalb ausgerechnet die sprachliche Begabung die entscheidende. Sechster Schritt: die Bauanleitung einer klugen Angst und die Antwort auf die eigentlich interessante Frage - warum nützen einer intelligenten Person dreihundert Widerlegungen ihrer Befürchtung nichts? Siebter Schritt: ein Vorgehen in vier Handgriffen, das jeder Leser noch heute auf dem eigenen Papier anwenden kann, samt einer Übersicht, welche Behauptung dieses Artikels wie gut belegt ist. Achter Schritt: was daraus für die Behandlung folgt, warum Hochbegabung gleichwohl zum Handicap werden kann, wo die Grenze zum Arzt verläuft und was von alledem belastbar ist.
Die populäre Behauptung: Hochbegabung als Risikofaktor
Im Jahr 2018 erschien in der Fachzeitschrift Intelligence eine Untersuchung, die es schnell in die Publikumspresse schaffte. Eine Arbeitsgruppe um Ruth Karpinski hatte 3715 Mitglieder der amerikanischen Hochbegabtenvereinigung Mensa befragt; aufgenommen wird dort, wer in einem anerkannten Intelligenztest zu den besten zwei Prozent gehört, was ungefähr einem Intelligenzquotienten von 130 und darüber entspricht. Abgefragt wurde, ob bei ihnen psychische und körperliche Störungen diagnostiziert worden seien oder ob sie solche bei sich vermuteten. Das Ergebnis: für sämtliche untersuchten Erkrankungen deutlich erhöhte Werte gegenüber dem nationalen Durchschnitt, von Angst- und affektiven Störungen über Aufmerksamkeitsstörungen bis zu Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen.1 Die Autoren erklärten das mit einer Theorie, die sie hyper brain / hyper body nannten: Ein besonders erregbarer Verstand ziehe einen besonders erregbaren Körper nach sich, mitsamt entgleister Immunreaktion.
Der Scientific American überschrieb seinen Bericht mit «Schlechte Nachrichten für die Hochintelligenten».2 Seither gehört der Satz, Hochbegabung sei ein Risikofaktor, zum festen Bestand der populären Psychologie. Er hat den Vorzug jeder guten Schlagzeile: Er ist tröstlich für die einen und schmeichelhaft für die anderen.
2022 wiederholte eine europäische Arbeitsgruppe um Jonathan Fries an der Universität Wien die Untersuchung, diesmal vorregistriert - also mit vorab festgelegtem Auswertungsplan, was nachträgliches Zurechtrechnen ausschliesst - und mit 615 Mensa-Mitgliedern aus Österreich, Deutschland, Ungarn, der Schweiz und Grossbritannien. Die psychischen Befunde bestätigten sich in beeindruckender Deutlichkeit: für die generalisierte Angststörung ein relatives Risiko von 3,82, für Depression 4,38.3 Ein relatives Risiko von 3,82 bedeutet, dass die Störung in dieser Gruppe knapp viermal so häufig berichtet wurde wie in der Allgemeinbevölkerung.
Damit scheint die Sache erledigt. Sie ist es nicht, und die interessantesten Sätze stehen in derselben Arbeit.
Warum diese Zahlen über Intelligenz nichts aussagen
Denn dieselbe Wiederholungsstudie fand die körperliche Hälfte der Theorie nicht bestätigt: weder Asthma noch Allergien noch Autoimmunerkrankungen waren erhöht.3 Damit fällt der hyper body weg, und mit ihm die immunologische Erklärung, die den ganzen Bau erst zusammenhielt. Und die Autoren selbst schreiben, was von den psychischen Zahlen zu halten ist: Die Effekte könnten auch durch die Selektivität der Stichprobe zustande kommen - also durch die Mitgliedschaft in einem Hochbegabtenverein - und nicht durch die hohe Intelligenz.3
Dieser Einwand ist entscheidend, deshalb sei er in seine Einzelteile zerlegt.
Erstens: Ein Verein ist keine Stichprobe. Wer zwei Prozent der Bevölkerung untersuchen will, muss zwei Prozent der Bevölkerung befragen. Befragt wurde aber nicht, wer intelligent ist, sondern wer intelligent ist und sich in einem Verein für Intelligente angemeldet hat. Das sind zwei verschiedene Gruppen, und die zweite ist eine Selbstauswahl. Selbstauswahl beantwortet immer zuerst die Frage, wer sich auswählt. Ein hochbegabter Mensch, der einen Beruf hat, der ihn fordert, Freunde, die ihm folgen können, und einen Alltag ohne Reibung, hat wenig Anlass, einer Vereinigung beizutreten, deren Zweck darin besteht, unter seinesgleichen zu sein. Wer diesen Anlass hat, ist tendenziell derjenige, dem die Passung fehlt. Fehlende Passung und psychische Belastung hängen zusammen. Die hohe Intelligenz ist an dieser Stelle nicht die Ursache, sondern das Eintrittsbillett.
Zweitens: Auch die Antwort ist eine Selbstauswahl. Von den Mitgliedern hat nicht jedes geantwortet. Wer auf eine Umfrage über eigene Krankheiten antwortet, hat im Durchschnitt mehr davon zu berichten als wer sie ungeöffnet löscht. Diese Verzerrung wirkt in dieselbe Richtung wie die erste und addiert sich zu ihr.
Drittens: Erhoben wurden Selbstauskünfte, ausdrücklich auch vermutete Diagnosen. Wer über einen grösseren Wortschatz, mehr gelesene Fachliteratur und mehr Neigung zur Selbstbeobachtung verfügt, erkennt bei sich eher etwas wieder und benennt es eher. Es ist gut möglich, dass hier nicht mehr Krankheit gemessen wurde, sondern mehr Sprachvermögen für Krankheit.
Viertens: Verglichen wurde mit nationalen Durchschnittswerten, nicht mit einer Kontrollgruppe. Die Vergleichszahlen stammen aus anderen Erhebungen, mit anderen Fragebogen, anderen Diagnosekriterien und anderen Jahren. Sobald sich zwei Gruppen in der Erhebungsmethode unterscheiden, ist jeder Unterschied im Ergebnis zunächst ein Unterschied der Methode.
Vier Verzerrungen, alle in dieselbe Richtung wirkend. Was hier gemessen wurde, ist die psychische Belastung von Menschen, die einem Hochbegabtenverein beitreten und über ihre Beschwerden Auskunft geben. Das ist ein interessanter Befund über diese Gruppe. Über die Intelligenz sagt er nichts.
Was die grossen Bevölkerungsdaten über Hochbegabung und Angst sagen
Die Frage lässt sich beantworten, aber nur mit Daten, die niemand danach ausgewählt hat, ob er sich für klug hält. Drei Untersuchungen kommen dem nahe.
Die erste stammt von einer Gruppe um Camille Michèle Williams und Franck Ramus an der École Normale Supérieure in Paris und verwendet die UK Biobank, eine britische Datensammlung mit mehreren hunderttausend Teilnehmern, die kognitive Tests absolviert und Angaben zu ihrer Gesundheit gemacht haben. Verglichen wurden Personen mit hoher allgemeiner Intelligenz - zwei Standardabweichungen über dem Mittel, also derselbe Bereich wie bei der Mensa-Aufnahme - mit dem Durchschnitt der übrigen Teilnehmer.4 Das Ergebnis ist der Schlagzeile diametral entgegengesetzt: Die Hochintelligenten litten seltener an generalisierter Angst (Chancenverhältnis 0,69) und seltener an posttraumatischen Belastungsstörungen (0,67), waren weniger neurotisch und weniger sozial isoliert. Bei Depression, sozialer Angst, Zwangsstörung, Essstörungen, bipolarer Störung, Schizophrenie und Substanzgebrauchsstörungen fand sich kein Unterschied. Erhöht war eine einzige Kategorie: Allergien.
Ein Chancenverhältnis von 0,69 bedeutet, dass die Chance, betroffen zu sein, in der hochintelligenten Gruppe rund einunddreissig Prozent geringer war. Gemeint ist dabei das Verhältnis zweier Wettquoten und nicht der prozentuale Anteil der Erkrankten; bei seltenen Störungen liegen beide Werte nahe beieinander, und für die Richtung des Befundes macht die Unterscheidung keinen Unterschied. Die Autoren halten in ihrer Schlussfolgerung ausdrücklich fest, dass die gegenteiligen Studien an kleinen Stichproben, an Auswahlverzerrung oder am Fehlen einer Kontrollgruppe litten.4 Zur Redlichkeit gehört der Hinweis, dass die Arbeit 2025 eine Berichtigung fehlerhafter Tabellenwerte erhielt, die an den Schlussfolgerungen nichts ändert.5
Die zweite Untersuchung ist eine Metaanalyse - die statistische Zusammenfassung vieler Einzelstudien, aussagekräftiger als jede von ihnen, weil sich Zufallsschwankungen ausmitteln. Eine Gruppe um Léo Duplenne an der Universität Amiens fasste 27 Studien zusammen, die Hochbegabte und normal begabte Vergleichspersonen im Angstniveau verglichen hatten. Der Effekt betrug g = −0,14 und war statistisch nicht bedeutsam; für Depression ergab sich in 15 Studien derselbe Wert.6 Das negative Vorzeichen zeigt in Richtung weniger Angst bei den Hochbegabten, ist aber zu klein, um statistisch relevant genannt zu werden. Die Autoren mahnen selbst zur Vorsicht, weil die Streuung zwischen den Studien hoch war und durch keine der geprüften Erklärungsgrössen aufgelöst werden konnte.
Die dritte Untersuchung ist die jüngste und methodisch die sauberste. Eine Gruppe um Steffani Saß an der Universität Kiel ging 2025 nicht von einem Verein aus, sondern von einer unausgelesenen Schülerstichprobe von 3918 Personen. Aus ihr wurden 100 hochbegabte Schüler mit 100 durchschnittlich begabten paarweise zusammengestellt, und zwar nach vergleichbaren Hintergrundmerkmalen — ein Verfahren, das genau jene Verzerrung ausschaltet, an der die Vereinsumfragen scheitern. Die Hochbegabten waren in Mathematik und Lesen besser, hatten ein höheres Zutrauen in die eigene mathematische Fähigkeit und wurden von ihren Lehrern als weniger störend im Unterricht beurteilt — gemessen wurde das sogenannte nach aussen gerichtete Problemverhalten, also Aggression und Regelverstösse. In sämtlichen übrigen Vergleichen zum sozialen und emotionalen Befinden - beurteilt von Eltern, Lehrern und Mitschülern - fand sich kein Unterschied.7 Das betrifft Schüler und nicht Erwachsene; für die Erwachsenenfrage bleiben die beiden vorgenannten Arbeiten massgeblich.
Auch diese drei Arbeiten sind keine Wahrheitsmaschinen. Die UK Biobank ist selbst eine Freiwilligenstichprobe und bildet die gesündere Hälfte der Bevölkerung ab; eine Metaanalyse mit hoher Streuung fasst am Ende Ungleiches zusammen; und zweihundert Schüler sind zweihundert Schüler. Wer die Mensa-Umfrage wegen ihrer Auswahlverzerrung verwirft, muss diese Einwände mitnennen, sonst wendet er seinen Massstab nur auf die Ergebnisse an, die ihm nicht passen.
Zwischenbilanz: Hochbegabung ist kein Risikofaktor
Was sich nach diesem ersten Durchgang sagen lässt, ist kurz: Die Behauptung, hohe Intelligenz erhöhe das Risiko, an einer Angststörung zu erkranken, ist nicht haltbar. Die besten verfügbaren Daten zeigen entweder keinen Unterschied oder einen leichten Vorteil für die Klugen. Wer sich seine Ängstlichkeit mit seiner Begabung erklärt, hat eine schmeichelhafte Erklärung gefunden, aber keine richtige.
Damit könnte der Artikel enden. Er beginnt hier erst, denn in den Daten steckt ein zweiter Befund, der viel leichter zu übersehen und viel folgenreicher ist.
Der Befund, der übrig bleibt: die Richtungsumkehr
2012 veröffentlichte eine Gruppe um Jeremy Coplan am SUNY Downstate Medical Center in Brooklyn eine kleine Untersuchung an 26 Patienten mit generalisierter Angststörung und 18 gesunden Vergleichspersonen. Gemessen wurden Intelligenz und die Ausprägung des Sorgens. Das Ergebnis war ein Vorzeichenwechsel: Bei den Gesunden ging höhere Intelligenz mit weniger Sorgen einher. Bei den Angstkranken ging höhere Intelligenz mit mehr Sorgen einher.8
2015 fand eine Gruppe um Alexander Penney an der Lakehead University in Kanada an 126 Studierenden etwas dazu Passendes, aber Genaueres. Nicht die allgemeine Intelligenz sagte das Ausmass des Sorgens und Grübelns vorher, sondern ausschliesslich die verbale Intelligenz — die Fähigkeit, mit Sprache und Begriffen umzugehen. Die nichtsprachliche, anschaulich-räumliche Intelligenz sagte das Gegenteil vorher: Wer darin stark war, wälzte vergangene soziale Situationen weniger im Kopf herum.9
Über die Belastbarkeit dieser beiden Arbeiten darf man sich keine Illusionen machen, und ich mache sie mir nicht. Vierundvierzig Personen im einen Fall, Studierende im anderen, beide Male eine Momentaufnahme ohne zeitlichen Verlauf und damit ohne jede Aussage über Ursache und Wirkung. Es sind Hinweise, keine Beweise. Sie verdienen die Aufmerksamkeit dennoch, weil sie mit dem, was in der Sprechstunde zu sehen ist, so genau übereinstimmen, und weil sie den scheinbaren Widerspruch der grossen Daten auflösen.
Die Auflösung lautet: Intelligenz ist keine Ursache der Angst, sondern ihr Baumeister. Sie bestimmt nicht, ob jemand ängstlich wird, sondern wie gut das Ergebnis gebaut ist.
Dieser Satz ist wörtlich zu nehmen, weil er sonst als Widerspruch zur Überschrift dieses Artikels gelesen wird. Baumeister heisst nicht: mehr Angstkranke unter den Begabten. Es heisst: Bei denjenigen Begabten, die erkranken, steht am Ende eine besser begründete und darum hartnäckigere Angst. Es ist derselbe Unterschied wie zwischen der Frage, wer ein Haus baut, und der Frage, wie gut es gemauert ist. Ein guter Maurer baut nicht häufiger, er baut haltbarer - und wenn das Gebäude an der falschen Stelle steht, ist genau das das Problem.
Damit erklären sich beide Richtungen in den Daten. Wer nicht ängstlich denkt, denkt mit hoher Begabung gründlicher und kommt eher zur Ruhe — deshalb die negative Richtung bei den Gesunden. Wer ängstlich denkt, denkt mit hoher Begabung ängstlicher, weil er es besser kann — deshalb die positive Richtung bei den Kranken.
«Intelligenz erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit, Angst zu bekommen. Sie erhöht die Qualität der Begründung, mit der man sie behält.»
Warum ausgerechnet die sprachliche Begabung
Dass es die verbale und nicht die räumliche Begabung ist, wirkt zunächst wie eine Kuriosität der Messtechnik. Es ist der Kern der Sache.
Thomas Borkovec und Jonathan Inz haben 1990 untersucht, woraus das Sorgen eigentlich besteht. Ergebnis: überwiegend aus Sprache. Wer sich Sorgen macht, sieht nicht in erster Linie Bilder, sondern führt ein inneres Gespräch in Sätzen.10 Aus dieser Beobachtung entwickelte Borkovec eine Erklärung, die bis heute die einflussreichste geblieben ist: Sorgen sei eine Form der Vermeidung. Indem der Mensch über das Befürchtete redet, statt es sich vorzustellen, hält er sich die bildhafte Vorstellung vom Leib — und mit ihr die volle körperliche Reaktion.11 In derselben Arbeitsreihe zeigte sich, dass eine vorausgehende Sorgenphase die Herz-Kreislauf-Reaktion auf anschliessend vorgestellte Angstbilder dämpfte.12
Daraus folgt etwas Unangenehmes und logisch Zwingendes. Wenn das Sorgen die Angst kurzfristig dämpft, dann wird es belohnt. Es fühlt sich an wie Problemlösen, es beschäftigt, es hält die Bilder weg — und es verhindert genau dadurch, dass die Befürchtung je bis zu Ende gedacht und geprüft wird. Der Sorgende hat den Eindruck zu arbeiten, während er in Wahrheit ausweicht. Das ist keine Faulheit. Es ist ein sehr wirksames Verfahren, dessen einziger Fehler darin besteht, dass es das Problem konserviert.
Auch hier ist die Beleglage nicht einheitlich, und das gehört gesagt: Die Annahme der körperlichen Dämpfung wurde mit empfindlicheren Messverfahren mehrfach nicht bestätigt; dort fand sich während des Sorgens sogar eine Zunahme der Erregung.13 Was von allen Seiten geteilt wird, ist der andere Teil: dass Sorgen überwiegend sprachliches Denken ist, abstrakter und bildärmer als andere Denkvorgänge.
Neu ist die Beobachtung nicht. Seneca hat sie im ersten Jahrhundert in einen Satz gefasst: Es gebe mehr Dinge, die uns erschreckten, als solche, die uns wirklich bedrängten, und wir litten häufiger in der Vorstellung als in der Wirklichkeit.14 Die bekanntere Fassung - «Mein Leben war voller schrecklicher Unglücke, von denen die meisten nie eingetreten sind» - wird wahlweise Montaigne, Mark Twain oder Churchill zugeschrieben und lässt sich bei keinem von ihnen nachweisen. In einem Artikel über ungeprüfte Behauptungen gehört das erwähnt.
Und damit steht der Befund von Penney nicht mehr kurios da, sondern folgerichtig. Wenn die Sorge ein sprachlicher Vorgang ist, dann ist die sprachliche Begabung das Werkzeug, mit dem sie ausgeführt wird. Ein grösserer Wortschatz, geläufigere Begriffe, mehr Übung im Formulieren von Folgerungen: Das alles macht den Sorgenden nicht ruhiger. Es macht ihn produktiver. Die Sorge besteht aus Sätzen, nicht aus Bildern. Wer besser formuliert, hat differenziertere Sorgen.
Wie eine kluge Angst gebaut ist
Vorab eine Unterscheidung, die seit Kierkegaard zum philosophischen Bestand gehört und die in der Umgangssprache verlorengegangen ist: Furcht hat einen Gegenstand, Angst hat keinen. Wer den Hund fürchtet, kann dem Hund ausweichen; wer sich ängstigt, weiss nicht, wovor — Kierkegaard nannte es den Schwindel der Freiheit.15 Die Psychiatrie macht diese Unterscheidung nicht mit; sie verwendet den Oberbegriff Angststörung für beides, und dieser Artikel folgt ihr darin.
Für die Behandlung ist die philosophische Unterscheidung dennoch von Wert, weil die krankhafte Angst genau zwischen beidem liegt: Sie hat einen Gegenstand, aber einen falsch bestimmten. Die Körperempfindung ist echt, das Herz rast tatsächlich; falsch ist allein, was der Betroffene daraus schliesst. Genau deshalb ist diese Angst behandelbar — und genau deshalb muss der Gegenstand zuerst benannt werden, bevor irgendetwas anderes geschieht.
Was in der Sprechstunde daraus wird, lässt sich am Beispiel der Panikstörung am genauesten zeigen, weil dort die Denkkette am kürzesten und am besten untersucht ist.
Der britische Psychologe David M. Clark hat 1986 das Modell formuliert, das seither die Behandlung der Panikstörung bestimmt: Eine Panikattacke entsteht, wenn harmlose Körperempfindungen als Anzeichen einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe fehlgedeutet werden — Herzklopfen als Herzinfarkt, Schwindel als Ohnmacht, ein Gefühl der Unwirklichkeit als beginnender Verstandesverlust.16 Die Fehldeutung erzeugt Angst, die Angst erzeugt stärkere Körperempfindungen, diese bestätigen die Fehldeutung. Ein geschlossener Kreis, der in drei Minuten von der Wahrnehmung bis zur Todesangst führt.
Der entscheidende Punkt für unser Thema: Dieser Kreis braucht eine Begründung. Er funktioniert nur, solange die Fehldeutung plausibel erscheint. Und hier trennt sich die kluge Angst von der einfachen. Der eine Patient sagt: «Ich dachte, ich sterbe.» Der andere sagt: «Ich habe eine Extrasystole gespürt, ich weiss, dass ventrikuläre Extrasystolen bei struktureller Herzerkrankung prognostisch bedeutsam sind, und ich weiss auch, dass ein unauffälliges Ruhe-Elektrokardiogramm eine zeitweilige Rhythmusstörung nicht ausschliesst.» Der zweite Satz ist nicht ängstlicher als der erste. Er ist besser gebaut. Er enthält korrektes Fachwissen, eine gültige Schlussfigur und einen wahren Einwand gegen den beruhigenden Befund.
Genau das macht ihn so schwer angreifbar. Wer gut denkt, produziert zu jedem Gegenargument ein «ja, aber», das sachlich zutrifft. Damit erreicht die Befürchtung einen Zustand, für den die Wissenschaftstheorie einen genauen Namen bereithält. Karl Popper nannte die Kunstgriffe, mit denen eine Theorie gegen widersprechende Erfahrung abgeschirmt wird, zunächst «konventionalistische Wendungen»; den treffenderen Ausdruck Immunisierung übernahm er später ausdrücklich von Hans Albert und schrieb dazu den Satz, der für jeden Angstpatienten gilt: «Man kann jede Theorie gegen Kritik immunisieren.»17,18 Eine Behauptung, die jedes denkbare Ereignis erklären kann, verbietet keines — und was nichts verbietet, kann durch nichts widerlegt werden. Der intelligente Angstpatient hat, ohne es zu wollen, eine unwiderlegbare Theorie über seinen eigenen Körper aufgestellt. Sein Verstand hat sie gebaut, und sein Verstand verteidigt sie gegen jeden, der es gut meint.
Das erklärt nebenbei, warum Beruhigung bei diesen Patienten nicht wirkt, sondern verletzt — und zwar gleichgültig, ob sie von Angehörigen, von Ärzten oder von Psychotherapeuten kommt. Wer einem klugen Menschen sagt, er solle sich keine Sorgen machen, unterbietet sein Denkniveau. Der Patient merkt das sofort. Er zieht daraus den Schluss, sein Gegenüber habe das Problem nicht verstanden — und dieser Schluss ist meistens zutreffend. Nach ein paar solchen Erfahrungen hört er auf zu fragen. Das ist der Punkt, an dem intelligente Angstpatienten aufhören, sich behandeln zu lassen, und anfangen, sich zu belesen.
Warum dreihundert Widerlegungen nichts nützen
Nun die Frage, an der sich alles entscheidet. Ein Mensch mit Panikstörung hat, sagen wir, dreihundert Attacken hinter sich. In keiner einzigen ist die befürchtete Katastrophe eingetreten: kein Herzstillstand, keine Ohnmacht, kein Verstandesverlust. Er verfügt über dreihundert Widerlegungen seiner eigenen Hypothese. Warum glaubt er sie trotzdem?
Die Antwort hat Paul Salkovskis 1991 gegeben, und sie ist die praktisch nützlichste Erkenntnis der gesamten Angstforschung. Wer eine Katastrophe für unmittelbar bevorstehend hält, tut alles, was er für geeignet hält, sie zu verhindern. Er setzt sich hin, wenn er Ohnmacht fürchtet. Er vermeidet Anstrengung, wenn er den Herzinfarkt fürchtet. Er steigt an der nächsten Station aus. Er trägt eine Tablette bei sich. Salkovskis nannte das Sicherheitsverhalten und zeigte, was es anrichtet: Es verhindert die Widerlegung. Denn wenn die Katastrophe ausbleibt, schreibt der Betroffene das Ausbleiben nicht der Ungefährlichkeit der Situation zu, sondern seiner Massnahme.19 Aus einem Ereignis, das seine Befürchtung hätte zerstören können, wird auf diese Weise ein Beleg für sie.
Dass dies nicht bloss eine hübsche Theorie ist, hat eine Untersuchung an Patienten mit Panikstörung und Agoraphobie gezeigt: Wer während einer kurzen Konfrontation sein Sicherheitsverhalten aufgab, hatte danach deutlich weniger Angst und schwächere Katastrophenüberzeugungen als wer es beibehielt — bei identischer Dauer und identischer Situation.20 Es ist also nicht die Konfrontation, die wirkt. Es ist die Widerlegung, und Sicherheitsverhalten verhindert sie.
Logisch handelt es sich um einen der ältesten Fehlschlüsse überhaupt: post hoc ergo propter hoc — danach, also deswegen. Weil die Rettung auf die Massnahme folgte, gilt die Massnahme als Ursache der Rettung. Die Medizingeschichte liefert dafür das teuerste Beispiel, den Aderlass. Zweitausend Jahre lang galt er als wirksam, weil Kranke nach dem Aderlass genasen; dass sie auch ohne ihn genesen wären, prüfte niemand nach. Ins Wanken gebracht hat diesen Irrtum kein besseres Argument, sondern eine simple Zählung. Der Pariser Arzt Pierre-Charles-Alexandre Louis nahm 1835 die Krankengeschichten von 77 Patienten mit Lungenentzündung und zählte aus, wie es ihnen ergangen war. Von den 41 Patienten, die früh zur Ader gelassen worden waren, starben rund vierundvierzig Prozent, von den 36 später zur Ader gelassenen rund fünfundzwanzig.21 Wer die Behandlung früher erhalten hatte, starb also häufiger als wer sie später erhielt.
Was dieser Befund nicht zeigt, gehört dazu, weil es derselbe Denkfehler wäre: Louis hat nicht Behandelte mit Unbehandelten verglichen, sondern früh Behandelte mit spät Behandelten. Dass der Aderlass schade, folgt daraus nicht. Was folgt, ist weit unbequemer für die damalige Medizin, nämlich dass die Behandlung in der Richtung wirkte, die niemand erwartet hatte — und dass zweitausend Jahre Erfahrung niemandem aufgefallen waren, weil niemand gezählt hatte.
Zwei weitere Dinge an diesem Vorgang verdienen Beachtung. Erstens nannte Louis sein eigenes Ergebnis verblüffend und scheinbar widersinnig — und hielt trotzdem daran fest, statt es wegzuerklären. Zweitens machte er daraus keinen Feldzug, sondern eine Einschränkung: Er hielt den Aderlass bei schweren Entzündungen weiter für begründet. Der Irrtum verschwand deshalb nicht über Nacht; der Aderlass hielt sich noch Jahrzehnte. Was Louis hinterliess, war nicht das Ende einer Behandlung, sondern der Anfang eines Verfahrens. Er nannte es méthode numérique, die numerische Methode. Es ist genau die Methode, die weiter unten empfohlen wird, und sie hat den Vorzug, dass sie niemandem etwas glauben muss.
Dass dieses Zählen so selten von selbst geschieht, hat lange vor der Psychologie ein Gottloser vorgeführt — erklärt hat es erst sehr viel später ein Engländer.
Cicero berichtet von Diagoras von Melos, dem man im Tempel die Weihetafeln jener Seeleute zeigte, die nach einem Gelübde dem Sturm entkommen waren: Beweis genug für die Macht der Götter. Diagoras bestritt nichts und widerlegte nichts. Er bemerkte nur, die Schiffbrüchigen, die trotz ihres Gelübdes im Meer umgekommen seien, habe niemand gemalt.22 Damit hatte er die Schieflage sichtbar gemacht, ohne sie zu erklären: Die Geretteten stiften Tafeln, die Ertrunkenen stiften keine.
Die Erklärung lieferte gut sechzehn Jahrhunderte später Francis Bacon, der dasselbe Beispiel zum Lehrstück über den menschlichen Verstand machte: Dieser merke sich, was eintrifft, und vergesse, was ausbleibt.23 Übertragen auf die Angst heisst das: Die Tafeln der bedrohlichen Momente hängen vollzählig im Tempel, jede einzelne beschriftet und datiert. Die dreihundert Fahrten, auf denen nichts geschah, hat niemand aufgehängt. Wer die Wand ansieht, sieht deshalb eine Gefahr — und sieht sie auch dann, wenn er die klügste Person im Raum ist.
Damit ist auch klar, weshalb Klugheit an dieser Stelle keine Hilfe ist. Die Buchhaltung ist falsch, nicht das Rechnen. Wer intelligenter ist, führt die falsche Buchhaltung nur ordentlicher.
Das Werkzeug, das jeder Leser heute anwenden kann
Aus dem Vorstehenden ergibt sich ein Vorgehen in vier Schritten, das keine Ausbildung voraussetzt, sondern nur Papier und die Bereitschaft, sich selbst nicht zu schonen.
Erstens die Vorhersage. Schreiben Sie auf, was genau geschehen soll. Nicht «ich bekomme eine Panikattacke» — das ist der Name eines Zustands, nicht ein Ereignis. Sondern: Was tut mein Körper, was tue ich, und was würde ein anwesender Fremder sehen? Solange die Befürchtung namenlos bleibt, ist sie unwiderlegbar, und das ist kein Zufall, sondern ihre Bauweise.
Zweitens das Kriterium. Woran genau wäre zu erkennen, dass die Vorhersage eingetroffen ist? Wer diese Frage nicht beantworten kann, hat keine Befürchtung, sondern eine Stimmung.
Drittens die Zählung. Wie oft haben Sie das vorhergesagt, und wie oft ist es nach dem eben festgelegten Kriterium eingetreten? Bei Angststörungen lautet die zweite Zahl in aller Regel: null. Eine Vorhersage, die dreihundertmal nicht eingetroffen ist, heisst in jedem anderen Bereich des Lebens Irrtum. Nur im eigenen Kopf heisst sie Erfahrung.
Viertens die Verbuchung. Wem haben Sie das Ausbleiben gutgeschrieben? Der Tablette in der Tasche, dem Sitzplatz an der Tür, dem rechtzeitigen Ausstieg, der Begleitperson? Jede dieser Zuschreibungen ist eine Behauptung, die Sie mit Ihrem Verhalten unterschreiben. Man kann nicht gleichzeitig sagen «es ist ungefährlich» und den Fluchtweg auswendig lernen. Eines von beidem ist unaufrichtig, und der Körper glaubt dem Verhalten.
| Behauptung | Worauf sie sich stützt | Bewertung |
|---|---|---|
| Hochbegabte erkranken häufiger an Angststörungen | Umfragen unter Mitgliedern von Hochbegabtenvereinen | Nicht haltbar; die Auswahl der Befragten erklärt den Befund |
| Hohe Intelligenz erhöht das Risiko für eine Angststörung nicht | UK Biobank, Metaanalyse aus 27 Vergleichsstudien, Kieler Vergleichsstudie von 2025 | Gut gestützt; alle drei Arbeiten zeigen in dieselbe Richtung |
| Hohe Intelligenz schützt darüber hinaus vor generalisierter Angst | Allein die UK-Biobank-Auswertung; Metaanalyse und Kieler Studie finden keinen Unterschied | Einzelbefund, nicht bestätigt; mit den Vorbehalten jeder Freiwilligenkohorte |
| Unter Angstkranken geht mehr Intelligenz mit mehr Sorgen einher | Zwei kleine Untersuchungen (44 und 126 Personen) | Plausibel, aber schwach belegt; keine Aussage zur Ursache |
| Sorgen ist überwiegend sprachliches Denken | Experimentelle Untersuchungen seit 1990 | Gut gestützt; die Annahme der körperlichen Dämpfung ist bestritten |
| Sicherheitsverhalten verhindert die Widerlegung der Angst | Experimentelle Prüfung an Panikpatienten | Gut gestützt und praktisch unmittelbar verwertbar |
Warum hochbegabte Angstpatienten die besten Patienten der kognitiven Psychotherapie sind
Hier ist der Punkt, an dem aus einer Forschungsübersicht eine Behandlungsentscheidung wird.
Wenn die Angst eines intelligenten Menschen deshalb so hartnäckig ist, weil sie mit seinem besten Werkzeug gebaut wurde, dann gibt es genau zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Die eine besteht darin, das Werkzeug zu umgehen: den Patienten zum Fühlen anzuhalten, ihn zu entspannen, ihn psychotherapeutisch zu begleiten, ihm die Auseinandersetzung abzunehmen. Diese Möglichkeit hat den Nachteil, dass sie die stärkste Fähigkeit des Patienten stilllegt und ihn genau dort schont, wo er belastbar ist. Sie erzeugt Patienten, die sich verstanden fühlen und unverändert weiter falsch denken.
Die andere Möglichkeit besteht darin, dasselbe Werkzeug in die andere Richtung zu drehen. Wer eine unwiderlegbare Theorie über seinen Körper aufstellen kann, kann auch prüfen, warum sie unwiderlegbar ist. Wer aus einer unbeantworteten Nachricht in anderthalb Sekunden ein Naturgesetz macht, verfügt über eine bemerkenswerte Denkgeschwindigkeit; sie lässt sich auf die Prüfung des eigenen Denkens und seiner Ergebnisse richten. Genau das ist der Gegenstand der kognitiven Psychotherapie24: die Beseitigung der Denkfehler, die das Leiden erzeugen, durch den Patienten selbst.
Sie ist deshalb nicht dasselbe wie die kognitive Verhaltenstherapie. Die kognitive Verhaltenstherapie setzt an zwei Stellen an: am Denken und zusätzlich, mit eigenen Übungen, am Verhalten. Die kognitive Psychotherapie setzt an einer einzigen an, und zwar an der, von der die andere abhängt. Weil Verhalten das Ergebnis von Denken ist, ändert sich das Verhalten mit, sobald die Denkfehler beseitigt sind; ein eigenes Übungsprogramm wird damit entbehrlich.
Juristen kennen den Grundsatz aus ihrem Alltag: Wer ein Fehlurteil aufheben lässt, muss nicht zusätzlich gegen jede einzelne Vollstreckungsmassnahme vorgehen, denn ohne Urteil fehlt der Vollstreckung die Grundlage. Genau so verhält sich eine krankmachende Überzeugung zum Verhalten. Wer überzeugt ist, im Zug breche er zusammen, vollstreckt dieses Urteil, indem er aussteigt. Wird das Urteil aufgehoben, gibt es nichts mehr zu vollstrecken; was an Gewohnheit übrig bleibt, räumt der Alltag ab. Der Unterschied zwischen beiden Verfahren ist also keiner der Wortwahl, sondern einer des Ansatzpunktes und damit der Effizienz: nicht zwei Eingriffe, sondern der richtige eine. Ausführlich dargestellt ist er dort, wo kognitive Psychotherapie und kognitive Verhaltenstherapie gegeneinandergestellt werden25.
Bei einem hochbegabten Angstpatienten fällt dieser Unterschied besonders ins Gewicht. Ihm fehlt es nicht an Übung im Umgang mit Situationen — er hat dreihundert Attacken überstanden, ohne dass ihm jemand dabei die Hand gehalten hätte. Ihm fehlt die Korrektur einer einzigen krankmachenden Überzeugung, eines Satzes wie «wenn mein Herz so rast, breche ich zusammen». Ist diese Überzeugung geprüft und ersetzt, ist sein Alltag der Raum, in dem die neuen Routinen eingeübt werden, und zwar von morgens bis abends und ohne Zeugen. Warum aus diesem Grund auf von Psychotherapeuten begleitete Konfrontationsübungen verzichtet werden kann, ist Gegenstand eines eigenen Artikels: warum kognitive Psychotherapie der Angst Freude macht.26
Ein Wort zum Zeitbedarf, weil er gern überschätzt wird. Klaus Grawe, Professor für klinische Psychologie an der Universität Bern, hat bereits 1994 in seiner Auswertung der gesamten damaligen Wirksamkeitsforschung gezeigt, dass die kognitiven Verfahren den vermeintlich aufdeckenden Langzeitverfahren hochsignifikant überlegen sind, und zwar bei einem Bruchteil der Sitzungszahl.27 An dieser Rangfolge hat sich in dreissig Jahren nichts geändert. Geändert hat sich nur, wie wenig sie das Versorgungssystem beeindruckt, und dass die von der SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli geführte Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich sich anmasst, den internationalen Psychotherapiestandard, «dass Angststörungen in acht bis zehn Stunden geheilt werden könnten», amtlich für «irreführend und damit unzulässig» zu erklären.28
Gabriela Rüttimann, Präsidentin der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP): «Insbesondere stören uns ..., Angststörungen könnten bereits in acht bis zehn Stunden geheilt werden oder dass ein Leben nach wenigen Stunden Therapie wieder voll lebenswert sei.»28 Das ist die kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) gegen wirksame Psychotherapie.
Wie wirksame kognitive Psychotherapie konkret aussieht, illustriert am Beispiel einer Frau, die seit drei Jahren keinen Zug mehr betreten hat und von ihrem Psychotherapeuten verlangt, mit ihr zu fahren, die Erzählung Die Frau, die nicht mehr Zug fährt — bis sie ihre Panikstörung mit Agoraphobie in vier Stunden heilt.29
Der Sonderfall: wenn Hochbegabung zum Handicap wird
Bleibt die Gruppe, um die es bei der Mensa-Umfrage eigentlich ging. Dass Hochbegabte statistisch nicht ängstlicher sind, heisst nicht, dass es keine hochbegabten Menschen gibt, denen ihre Begabung das Leben schwer macht. Es heisst nur, dass die Ursache nicht in der Begabung selbst liegt, sondern in ihrer Passung zur Umgebung: in Unterforderung, in der Erfahrung, dass Gedankengänge regelmässig nicht ankommen, in der Vereinzelung, die daraus folgt, und nicht selten in einer Diagnostik, die Tempo und Reizoffenheit für eine Störung hält. Wer diesen Zusammenhang genauer verfolgen möchte, findet ihn in der Darstellung der Hochbegabung als Handicap.30
Für die Behandlung folgt daraus dasselbe wie oben, nur schärfer: Ein Verfahren, das einem hochbegabten Menschen das Denken abnimmt, nimmt ihm das Einzige, worin er allen überlegen ist. Ein Verfahren, das es ihm zumutet, gibt ihm zum ersten Mal eine Aufgabe auf seinem Niveau.
Wann es doch den Arzt braucht
Alles Vorstehende gilt unter einer Bedingung, und sie ist nicht verhandelbar: Körperliche Ursachen gehören abgeklärt, bevor irgendjemand über Denkfehler spricht. Herzrhythmusstörungen, Schilddrüsenüberfunktion, Blutarmut, Unterzucker, Nebenwirkungen von Medikamenten — all das kann Angstanfälle auslösen, und all das ist rasch überprüft. Wer ohne diese Abklärung mit der kognitiven Arbeit beginnt, behandelt möglicherweise einen richtigen Gedanken als Denkfehler. Das ist der einzige Fehler in diesem Gebiet, der wirklich gefährlich ist.
Ebenso gilt: Wer tatsächlich das Bewusstsein verloren hat, gehört untersucht und nicht beraten. Und bei einer schweren depressiven Episode mit erheblich beeinträchtigter Denkfähigkeit oder bei Gedanken an Suizid endet jede Selbstbehandlung; dann gehört die Situation unverzüglich in ärztliche Hände oder in einen psychiatrischen Notfalldienst am eigenen Wohnort.
Ein Hinweis für die Ohnmachtsfürchtigen, weil er einen ganzen Katalog von Befürchtungen erledigt: Eine Ohnmacht setzt voraus, dass der Blutdruck fällt und zu wenig Blut ins Gehirn gelangt. Im Angstanfall steigen Puls und Blutdruck. Der Körper tut also im Angstanfall genau das Gegenteil dessen, was für eine Ohnmacht nötig wäre. Wer in einer Angststörung die Ohnmacht fürchtet, fürchtet damit das Gegenteil dessen, was sein Körper gerade tut.
Die bekannte Ausnahme ist die Blut-Spritzen-Verletzungsphobie, kurz Blutphobie: Dort folgt auf die erste Erregung regelhaft eine zweite Phase mit Blutdruckabfall, und die Ohnmacht ist real und gut untersucht.31 Sie ist die einzige Phobie, bei der das verlässlich geschieht. Eine vereinzelte Ohnmacht kann auch sonst vorkommen, etwa nach sehr langem Überatmen oder bei niedrigem Ausgangsblutdruck; sie bleibt die Ausnahme und ist, wie jede tatsächlich eingetretene Ohnmacht, ein Fall für die ärztliche Abklärung und nicht für die Beratung.
Kernbewertung
Sechs Sätze fassen zusammen, was sich aus der Forschungslage belastbar sagen lässt.
Erstens: Die Behauptung, Hochbegabung sei ein Risikofaktor für psychische Störungen, stammt aus Umfragen unter Mitgliedern von Hochbegabtenvereinen und hält der methodischen Prüfung nicht stand. Sie misst, wer solchen Vereinen beitritt und auf Krankheitsumfragen antwortet.
Zweitens: Grosse Bevölkerungsdaten zeigen das Gegenteil oder gar nichts. Hochintelligente leiden seltener an generalisierter Angst; in der Metaanalyse und in der jüngsten Vergleichsstudie unterscheiden sich Hochbegabte von Vergleichspersonen im Angstniveau nicht bedeutsam.
Drittens: Was empirisch übrig bleibt, ist eine Richtungsumkehr. Unter Gesunden geht mehr Intelligenz mit weniger Sorgen einher, unter Angstkranken mit mehr. Die Datengrundlage dafür ist dünn und lässt keine Aussage über Ursache und Wirkung zu.
Viertens: Die naheliegende Erklärung dieser Umkehr ist, dass Sorgen ein sprachlicher Vorgang ist. Damit ist die sprachliche Begabung nicht die Ursache der Angst, sondern das Werkzeug ihrer Ausführung — und zwar dasselbe Werkzeug, das die Korrektur leisten müsste.
Fünftens: Der Grund, weshalb intelligente Menschen ihre Angst trotz hundertfacher Widerlegung behalten, liegt nicht in einem Denkmangel, sondern in einer Fehlbuchung: Das Ausbleiben der Katastrophe wird dem eigenen Sicherheitsverhalten gutgeschrieben statt der Ungefährlichkeit der Situation. Das ist der Fehlschluss post hoc ergo propter hoc, und ein guter Kopf führt ihn nur ordentlicher aus.
Sechstens: Daraus folgt für die Behandlung, dass bei hochbegabten Angstpatienten jedes Verfahren Verschwendung ist, das ihr Denken umgeht. Zu korrigieren ist eine krankmachende Überzeugung - ein Satz wie «wenn ich nicht aussteige, breche ich zusammen». Wer ihn geprüft und ersetzt hat, übt das Neue in seinem eigenen Alltag ein, ohne Begleitung und ohne Programm.
Wer daraus einen Ratschlag ableiten möchte, kommt zu einem, der weniger schmeichelhaft klingt, als er ist: Ihre Angst ist kein Preis Ihrer Intelligenz. Sie ist deren Produkt — und darum können Sie sie zurücknehmen.
Die Dr. Dietmar Luchmann, LLC, Herausgeberin dieser Zeitschrift, bietet selbst kognitive Psychotherapie per Video an — mit schriftlicher Zusammenfassung jeder Sitzung, für Selbstzahler, auf Deutsch und Englisch.
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2. Eignung prüfen
3. Aufnahme beantragen
1 Karpinski, R.I.; Kinase Kolb, A.M.; Tetreault, N.A.; Borowski, T.B.: High intelligence: A risk factor for psychological and physiological overexcitabilities. Intelligence, 2018, 66, S. 8-23.
2 Hambrick, D.Z.; Marquardt, M.: Bad News for the Highly Intelligent. Scientific American Mind (New York), March 2018, 29(2), S. 12.
3 Fries, J.; Baudson, T.G.; Kovacs, K.; Pietschnig, J.: Bright, but allergic and neurotic? A critical investigation of the «overexcitable genius» hypothesis. Frontiers in Psychology, 2022, 13, 1051910. [Im Original: «However, it is possible that the effects are caused by sample selectiveness (i.e., membership in a high-IQ society) rather than high IQ itself.»]
4 Williams, C.M.; Peyre, H.; Labouret, G.; Fassaya, J.; Guzmán García, A.; Gauvrit, N.; Ramus, F.: High intelligence is not associated with a greater propensity for mental health disorders. European Psychiatry, 2023, 66(1), e3, S. 1-8.
5 Williams, C.M.; Peyre, H.; Labouret, G.; Fassaya, J.; Guzmán García, A.; Gauvrit, N.; Ramus, F.: High intelligence is not associated with a greater propensity for mental health disorders — CORRIGENDUM. European Psychiatry, 2025, 68(1), e136, 1.
6 Duplenne, L.; Bourdin, B.; Fernandez, D.N.; Blondelle, G.; Aubry, A.: Anxiety and Depression in Gifted Individuals: A Systematic and Meta-Analytic Review. Gifted Child Quarterly, 2024, 68(1), S. 65-83.
7 Saß, S.; Köller, O.; Zimmermann, F.: Smart But Maladapted? Differences in the Psychological Functioning of Intellectually Gifted Students Compared With Average-Ability Students. Gifted Child Quarterly, 2025, 69(3), S. 219-236.
8 Coplan, J.D.; Hodulik, S.; Mathew, S.J.; Mao, X.; Hof, P.R.; Gorman, J.M.; Shungu, D.C.: The Relationship between Intelligence and Anxiety: An Association with Subcortical White Matter Metabolism. Frontiers in Evolutionary Neuroscience, 2012, 3, Artikel 8.
9 Penney, A.M.; Miedema, V.C.; Mazmanian, D.: Intelligence and emotional disorders: Is the worrying and ruminating mind a more intelligent mind? Personality and Individual Differences, 2015, 74, S. 90-93.
10 Borkovec, T.D.; Inz, J.: The nature of worry in generalized anxiety disorder: A predominance of thought activity. Behaviour Research and Therapy, 1990, 28(2), S. 153-158.
11 Borkovec, T.D.; Ray, W.J.; Stöber, J.: Worry: A Cognitive Phenomenon Intimately Linked to Affective, Physiological, and Interpersonal Behavioral Processes. Cognitive Therapy and Research, 1998, 22(6), S. 561-576.
12 Borkovec, T.D.; Hu, S.: The effect of worry on cardiovascular response to phobic imagery. Behaviour Research and Therapy, 1990, 28(1), S. 69-73.
13 Sibrava, N.J.; Borkovec, T.D.: The cognitive avoidance theory of worry. In: Davey, G.C.L.; Wells, A. (Hrsg.): Worry and its Psychological Disorders. Theory, Assessment and Treatment. Chichester: John Wiley & Sons, 2006.
14 Seneca, L.A.: Epistulae morales ad Lucilium, Brief 13, Abschnitt 4. [Im Original: «plura sunt, Lucili, quae nos terrent quam quae premunt, et saepius opinione quam re laboramus.»]
15 Kierkegaard, S.: Der Begriff Angst. In: Gesammelte Werke, 11. und 12. Abteilung. 3. Auflage. Gütersloh: Gerd Mohn, 1991, S. 68. [Im Original: «Saaledes er Angest den Frihedens Svimlen […]». Übersetzung von Emanuel Hirsch: «Die Angst ist der Schwindel der Freiheit».]
16 Clark, D.M.: A cognitive approach to panic. Behaviour Research and Therapy, 1986, 24(4), S. 461-470.
17 Popper, K.R.: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1973, S. 43. [Dort der Satz «Man kann jede Theorie gegen Kritik immunisieren» samt Poppers Anmerkung, dieser Ausdruck stamme von Hans Albert und werde von ihm den eigenen Ausdrücken «konventionalistische Strategie» und «konventionalistische Wendung» vorgezogen.]
18 Albert, H.: Traktat über kritische Vernunft. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), 1968.
19 Salkovskis, P.M.: The Importance of Behaviour in the Maintenance of Anxiety and Panic: A Cognitive Account. Behavioural Psychotherapy, 1991, 19(1), S. 6-19.
20 Salkovskis, P.M.; Clark, D.M.; Hackmann, A.; Wells, A.; Gelder, M.G.: An experimental investigation of the role of safety-seeking behaviours in the maintenance of panic disorder with agoraphobia. Behaviour Research and Therapy, 1999, 37(6), S. 559-574.
21 Louis, P.C.A.: Recherches sur les effets de la saignée dans quelques maladies inflammatoires et sur l'action de l'émétique et des vésicatoires dans la pneumonie. Paris: Librairie de l'Académie royale de médecine, 1835.
22 Cicero, M.T.: De natura deorum, Buch III, 89. [Die Anekdote von Diagoras und den Weihetafeln der Geretteten.]
23 Bacon, F.: Novum Organum, Erstes Buch, Aphorismus 46. London 1620.
24 Luchmann, D.: Was ist kognitive Psychotherapie? Psychotherapie. 22.07.2026.
25 Luchmann, D.: Kognitive Verhaltenstherapie und kognitive Psychotherapie — der Unterschied. Psychotherapie. 04.06.2026.
26 Luchmann, D.: Warum kognitive Psychotherapie der Angst Freude macht. Psychotherapie. 08.08.2026.
27 Grawe, K.; Donati, R.; Bernauer, F.: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe Verlag, 1994.
28 Luchmann, D.: Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP). Psychotherapie, 16.03.2026.
29 Luchmann, D.: Die Frau, die nicht mehr Zug fährt — bis sie ihre Panikstörung mit Agoraphobie in vier Stunden heilt. Psychotherapie. 21.10.2026.
30 Luchmann, D.: Kognitive Psychotherapie für das Handicap Hochbegabung. Psychotherapie. 01.07.2026.
31 Ritz, T.; Meuret, A.E.; Ayala, E.S.: The psychophysiology of blood-injection-injury phobia: looking beyond the diphasic response paradigm. International Journal of Psychophysiology, 2010, 78(1), S. 50-67.
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