Die Psychotherapie-Anmeldung
Die E-Mail traf an einem Sonntag um 23.14 Uhr ein, war vier Seiten lang, hatte einen Anhang und einen Betreff, der aussah wie ein Aktenzeichen.
Dr. Friedrich Weihenruh las sie zweimal. Beim ersten Mal, weil sie gut geschrieben war. Beim zweiten Mal, weil sie eine Bestellung war.
Die Absenderin, Dr. iur. Cornelia Berthold, vierundvierzig, Strafverteidigerin in Luzern mit Schwerpunkt Wirtschaftsstrafrecht, schilderte auf zwei Seiten ihre Situation, auf einer Seite den Stand der Forschung und auf der letzten das gewünschte Vorgehen: eine Expositionsbehandlung in vivo mit psychotherapeutischer Begleitung — also Übungsfahrten in wirklichen Zügen, bei denen ein Psychotherapeut daneben sitzt. Ihre Diagnose benannte sie selbst und mit dem Fachausdruck: Panikstörung mit Agoraphobie. Sie wünsche acht Sitzungen, beginnend mit kurzen Strecken. Der Anhang enthielt eine Liste von drei Psychotherapie-Kliniken samt Wartezeiten. Die Schlussfrage lautete, ob er dieses Verfahren anbiete und in welchem Zeitraum.
Er antwortete um 23.31 Uhr.
Sehr geehrte Frau Berthold, das biete ich nicht an. Ich erkläre Ihnen aber gern, warum nicht. Dafür setze ich vier Stunden an, in zwei Blöcken zu zwei Stunden; den zweiten legen wir fest, wenn der erste vorbei ist. Zwei Bedingungen. Erstens: Sie bezahlen alle vier Stunden vor der ersten Minute. Zweitens: Sie können jederzeit abbrechen, auch nach zehn Minuten, und dann bleibt trotzdem alles bezahlt. Mitzubringen ist nichts ausser der Bereitschaft, mir zu widersprechen. Da Sie nicht anreisen können, machen wir es über Video.
Die Antwort kam nach vier Minuten.
Woher wissen Sie, dass ich nicht anreisen kann? Und die Vorauszahlung ist eine ungewöhnliche Klausel.
Weihenruh lächelte in sich hinein und antwortete.
Sie haben auf vier Seiten dreimal erwähnt, wie man von Luzern nach Rapperswil gelangt, und kein einziges Mal, dass Sie kommen. Die Klausel ist nicht ungewöhnlich, sondern unhöflich, und sie hat einen Zweck: Wer im Voraus bezahlt hat, rechnet in der dritten Stunde nicht mehr nach, ob sich das lohnt. Er hört zu und widerspricht. Genau das brauche ich von Ihnen.
Die Bestätigung kam ohne Anrede, ohne Gruss und ohne weitere Erörterung: Mittwoch, vierzehn Uhr.
Der Auftrag
Der Honorarbetrag ging am Dienstagmorgen ein.
Am Mittwoch um vierzehn Uhr erschien in Weihenruhs Bildschirm ein Rechteck: dahinter ein Bücherregal mit Kommentarbänden, davor eine Frau in einer weissen Bluse, daneben ein Notizblock, ein Kugelschreiber und eine Wasserflasche.
Sie trug ihren Fall vor, wie man einen Fall vorträgt. Erste Panikattacke vor drei Jahren, Intercity nach Zürich, kurz vor Rotkreuz, elf Minuten Halt auf offener Strecke wegen einer Signalstörung. Seither kein Zug mehr. Stattdessen Auto, Taxi, ein Fahrdienst mit Abonnement.
«Einmal ein Taxi nach Mailand», sagte sie. «Den Betrag möchte ich nicht nennen.»
«Er ist auch nicht das Problem.»
«Nein. Das Problem ist Lugano. Wir eröffnen dort ein Büro, ich soll es zwei Tage pro Woche führen, und der Weg dorthin führt durch einen Tunnel von siebenundfünfzig Kilometern. Siebzehn Minuten, wenn er pünktlich ist. Kein Halt, kein Ausstieg, kein Tageslicht.» Sie sah kurz zur Seite. «Meine Partner sind geduldig. Sie sind nicht unbegrenzt geduldig.»
«Verstanden.»
«Es gibt noch eine Schwierigkeit. Von Luzern aus muss ich in Arth-Goldau umsteigen. Sieben Minuten auf einem Bahnsteig, mit einem Zug nach Hause auf dem Nachbargleis.»
«Dann ist der Umstieg der wertvollste Teil Ihrer Reise.»
«Er ist der schlimmste.»
«Beides. Merken Sie sich die sieben Minuten; wir kommen darauf zurück.»
«Dann meine Frage. Fahren Sie mit mir?»
«Nein.»
Es entstand die Art von Pause, die entsteht, wenn jemand darauf trainiert ist, Pausen entstehen zu lassen.
Die kognitive Psychotherapie
«Sie kennen die Behandlungsleitlinien für Angststörungen», sagte sie.
«Ich kenne sie und bestreite sie nicht.»
«Sie bestreiten sie nicht, und Sie befolgen sie nicht. In meinem Beruf ist das dasselbe.»
«In meinem nicht, und der Unterschied ist der Grund, weshalb Sie mir schreiben. Die Leitlinien beschreiben die kognitive Verhaltenstherapie. Sie führt zwei Verfahren nebeneinander: eines gegen das Urteil, das in Ihrem Kopf ergangen ist, und ein zweites gegen dessen Vollstreckung, also gegen Ihr Ausweichen. Das zweite heisst bei der Angst Konfrontation, und dabei sitzt der Psychotherapeut daneben. Was ich anbiete, ist kognitive Psychotherapie. Ich fechte nur das Urteil an. Wird es aufgehoben, fehlt der Vollstreckung die Grundlage.»
«Also die halbe Behandlung.»
«Die ganze, auf dem kürzeren Weg. Sie gehen in einem Mandat auch nicht gegen jede einzelne Vollstreckungsmassnahme vor, wenn Sie das Urteil kippen können. Ihr Verhalten ist kein zweiter Fall neben Ihrem Denken, sondern dessen Vollzug. Ist der Gedanke geprüft, räumt Ihr Alltag die Reste ab — jeden Tag, ohne Termin und ohne Honorar. Ist er nicht geprüft, üben Sie unter meiner Aufsicht das Aushalten und nehmen die Überzeugung unverändert mit nach Hause. Ich bestreite also nicht die Leitlinien. Ich bestreite, dass Sie von meiner Anwesenheit das bekommen, was Sie sich davon versprechen. Darauf komme ich zurück. Vorher hätte ich gern gewusst, wovor Sie sich eigentlich fürchten.»
«Vor dem Zug.»
«Das glaube ich Ihnen nicht.»
Was genau geschehen soll
«Ich bekomme eine Panikattacke», sagte sie.
«Das ist der Name eines Zustands, nicht ein Ereignis. Ich möchte das Ereignis. Was geschieht?»
«Herzrasen. Enge im Brustkorb. Das Gefühl, dass der Boden weich wird.»
«Und dann?»
«Und dann passiert es.»
«Was?»
Sie schwieg lange genug, dass er den Föhn hören konnte, der draussen am Fenster arbeitete.
«Ich verliere die Kontrolle.»
«Frau Berthold, Sie schildern seit sechzehn Jahren beruflich Sachverhalte. Schildern Sie mir diesen. Was würde ein Zeuge sehen, der im selben Wagen sitzt?»
Sie nahm den Kugelschreiber, als sei ihr wohler mit etwas in der Hand.
«Ich sacke zusammen. Ich schreie. Ich werde ohnmächtig, und niemand kümmert sich.»
«Drei Behauptungen», sagte Weihenruh und schrieb sie auf. «Und jetzt die Frage, die Sie in jedem Verfahren zuerst stellen: Woran genau würden wir erkennen, dass eine davon eingetreten ist?»
«Man würde es sehen.»
«Gut. Damit haben wir ein Kriterium: Ein Fremder müsste es sehen und benennen können. Halten wir das fest, denn es ist mehr wert als alles, was ich Ihnen heute sagen werde. Eine Befürchtung, die nicht sagt, was geschehen soll, kann nicht widerlegt werden. Das ist kein Versehen. Das ist ihre Bauweise.»
«Sie unterstellen meiner Angst Absicht.»
«Nicht Ihrer Angst. Dem Satz. Sätze haben keine Absichten, aber sie haben Konstruktionen, und diese hier ist besonders solide: Sie hat keine Bedingung, unter der sie falsch wäre.»
«Sie fragen mich aus wie ein Staatsanwalt.»
«Im Gegenteil. Der Staatsanwalt fragt, ob Sie schuldig sind. Die Verteidigerin fragt, was bewiesen ist. Ich mache Ihre Arbeit, bis Sie sie selbst wieder übernehmen.»
Sie schrieb etwas auf ihren Block. Er sah nicht, was.
«Bleiben wir bei der dritten Behauptung», sagte er, «bei der Ohnmacht, weil sie sich in zwei Sätzen erledigen lässt. Eine Ohnmacht setzt voraus, dass der Blutdruck fällt und zu wenig Blut ins Gehirn gelangt. Was tut Ihr Kreislauf im Angstanfall?»
«Er rast.»
«Puls und Blutdruck steigen. Ihr Körper tut also genau das Gegenteil dessen, was für eine Ohnmacht nötig wäre. Es gibt eine bekannte Ausnahme, die Blutphobie, bei der auf die Erregung eine zweite Phase mit Blutdruckabfall folgen kann. Fürchten Sie sich vor Blut?»
«Ich verteidige Wirtschaftsdelikte. Bei uns blutet niemand.»
«Dann fürchten Sie seit drei Jahren das Gegenteil dessen, was in Ihnen geschieht. Ich sage nicht, dass Sie das jetzt glauben. Ich sage nur, dass es überprüfbar ist, und dass Ihr Kardiologe es Ihnen bestätigen wird.»
«Er hat es bestätigt. Zweimal. Belastungs-EKG, Langzeit-EKG, alles unauffällig.»
«Sie haben zwei Befunde und glauben keinem.»
«Das klingt, als wäre ich unvernünftig.»
«Es klingt, als hätten Sie eine Überzeugung, die Beweise nur dann annimmt, wenn sie ihr recht geben. Dafür gibt es einen Fachausdruck, aber Sie kennen ihn aus dem Gerichtssaal besser als aus der Psychologie.»
Die Buchhaltung
«Wie oft haben Sie in diesen drei Jahren erwartet, dass es passiert?»
«Oft.»
«Ich brauche eine Zahl. Sie können sie schätzen, aber Sie müssen sie nennen.»
Sie rechnete sichtbar. Am Anfang fast täglich, sagte sie, später seltener, dafür jedes Mal, wenn sie an einem Bahnhof vorbeifuhr, jedes Mal beim Gedanken an Lugano.
«Dreihundert. Eher mehr.»
«Und wie oft ist es eingetreten? Nicht: Wie oft war Ihnen elend. Das glaube ich Ihnen unbesehen. Sondern: Wie oft sind Sie zusammengesackt, haben geschrien, das Bewusstsein verloren, so dass ein Fremder es hätte bezeugen können?»
«Nie.»
«Dreihundert zu null.»
«Weil ich ausgestiegen bin», sagte sie sofort. «Weil ich rechtzeitig raus bin. Es ist nicht eingetreten, weil ich es verhindert habe. Sie führen hier eine Statistik über eine Gefahr und lassen die Schutzmassnahme aus der Rechnung.»
«Das ist der beste Einwand, den Sie an dieser Stelle machen konnten», sagte Weihenruh, «und ich wäre enttäuscht gewesen, wenn er ausgeblieben wäre. Er ist trotzdem falsch, und ich zeige Ihnen mit einem alten Witz, warum.»
Die Elefanten
«Ein Mann sitzt im Zug und wirft in regelmässigen Abständen Papierkügelchen aus dem Fenster. Sein Gegenüber fragt, wozu das gut sei. Er sagt: Das vertreibt die Elefanten. Das Gegenüber sagt: Hier gibt es doch gar keine Elefanten. Der Mann sagt: Sehen Sie. Es wirkt.»
Sie lachte, kurz und gegen ihren Willen.
«Der Denkfehler heisst post hoc ergo propter hoc. Danach, also deswegen. Weil die Rettung auf die Massnahme folgte, gilt die Massnahme als Ursache der Rettung. Der Mann im Zug hat dafür eine Entschuldigung: Er ist dumm. Sie haben keine.»
«Das ist unhöflich.»
«Das ist ein Kompliment, weil es das Gegenteil behauptet: Sie sind nicht dumm. Gerade deshalb kann Ihnen niemand diese Rechnung abnehmen — und eine Rechnung ist es, wie Sie gleich sehen werden. Sie haben dreihundertmal eine Vorhersage getroffen. Sie ist dreihundertmal nicht eingetroffen. In jedem anderen Bereich Ihres Lebens hiesse eine Vorhersage mit dieser Bilanz Irrtum. In Ihrem Kopf heisst sie Erfahrung. Und zwar deshalb, weil Sie jedes Mal denselben Buchungssatz verwendet haben: Ausgeblieben, weil ich ausgestiegen bin. Ausgeblieben, weil ich am Fenster sass. Ausgeblieben, weil ich die Tablette dabeihatte. Sie haben nicht dreihundert Belege für die Gefahr. Sie haben dreihundert Belege dagegen und eine Buchhaltung, die sie konsequent auf der falschen Seite verbucht.»
«Und woher wollen Sie wissen, dass es ohne mein Aussteigen nicht eingetreten wäre? Sie waren nicht dabei.»
«Sie waren dabei. Dreihundertmal. Sie sind meine einzige Zeugin, und Sie sind eine ausgezeichnete. Deshalb frage ich Sie: Frau Berthold, angenommen, die Staatsanwaltschaft legt Ihnen dreihundert Vorfälle vor, bei denen Ihr Mandant nachweislich nichts getan hat, und schliesst daraus auf seine Gefährlichkeit. Was tun Sie?»
«Ich beantrage Freispruch.»
«Dann beantragen Sie ihn.»
Sie sagte eine Weile nichts. Dann: «Das ist ein rhetorischer Kunstgriff.»
«Selbstverständlich. Prüfen Sie ihn. Wenn er nicht hält, sagen Sie es mir, und wir streichen ihn.»
Warum kognitive Psychotherapie keine begleitete Übung braucht
«Ich möchte auf meine Frage zurückkommen», sagte sie. «Sie haben sie mit einem Wort beantwortet. Ein Wort ist keine Begründung.»
«Sie bekommen die Begründung als Frage. Angenommen, ich fahre mit. Ich sitze neben Ihnen, wir fahren durch den Tunnel, und es geschieht nichts. Was denken Sie danach?»
«Dass es gut gegangen ist.»
«Den ganzen Satz, bitte.»
Sie zögerte, und in diesem Zögern lag bereits die Antwort.
«Dass es gut gegangen ist, weil Sie dabei waren.»
«Genau. Ich wäre das nächste Papierkügelchen. Ein besonders teures, mit Approbation.»
«Es gibt Menschen, denen das hilft.»
«Es gibt Menschen, denen es zunächst hilft und die anschliessend nicht ohne den Menschen fahren können, mit dem sie gefahren sind. Was Sie brauchen, ist nicht Begleitung. Es ist eine Widerlegung, die Ihnen gehört. Eine Widerlegung, die jemand anders für Sie erzeugt, liegt wie ein Beweismittel in einer fremden Akte: Sie können sich darauf berufen, aber Sie haben es nicht in der Hand.»
«Und wenn ich zusammenbreche und niemand da ist?»
«Dann sind Sie zusammengebrochen und wir haben etwas gelernt, was wir vorher nicht wussten. Ich halte das für unwahrscheinlich, aber ich schliesse es nicht aus, und Sie sollen mir auch nicht glauben. Sie sollen es nachprüfen.»
«Sie verlangen, dass ich ohne Netz arbeite.»
«Ich verlange gar nichts. Ich sage Ihnen, was das Netz kostet. Entscheiden werden Sie.»
Die Ausrüstung
Sie zählte auf, was sie mit sich führte, seit sie überhaupt noch irgendwohin fuhr: Wasser, immer. Ein Platz in Türnähe, immer. Die Kenntnis sämtlicher Ausstiege der Strecke. Die Schwester, die zwischen halb acht und zehn erreichbar war, ohne dass je darüber gesprochen worden wäre, wozu. Und in der Seitentasche der Handtasche eine Tablette, die der Hausarzt vor drei Jahren verschrieben hatte.
«Wie oft haben Sie sie genommen?»
«Nie.»
«Dann ist es das wirksamste Medikament der Welt. Es heilt, ohne eingenommen zu werden. Fragen Sie sich, was es behandelt.»
Ihr Gesicht schloss sich, und es war nicht schwer zu erkennen, dass er zu weit gegangen war.
Weihenruh legte den Bleistift hin.
«Das war mein Fehler. Ich habe Ihnen etwas weggenommen, bevor Sie es ablegen konnten. Was Sie mit der Schachtel machen, ist Ihre Sache und die Ihres Arztes; ich rate Ihnen in dieser Frage zu gar nichts. Ich sage Ihnen nur, was sie in Ihrem Kopf tut, und dabei bleibe ich, weil es zutrifft: Jede dieser Massnahmen ist ein Satz, den Sie mit dem Körper unterschreiben. Man kann nicht gleichzeitig behaupten, es sei ungefährlich, und den Fluchtweg auswendig lernen. Eines von beidem ist unaufrichtig, und Ihr Körper glaubt nicht dem, was Sie sagen, sondern dem, was Sie tun.»
«Und die Angst vor der Angst? Denn genau das ist es inzwischen. Ich fürchte nicht den Tunnel. Ich fürchte, was in mir passiert, wenn ich im Tunnel bin.»
«Das ist die zutreffendste Aussage, die Sie heute gemacht haben, und sie ist eine ausgezeichnete Nachricht.»
«Warum um Himmels willen?»
«Weil dieser Gegenstand mitreist. Ein Tunnel ist an einem Ort. Ihr Kreislauf ist überall, wo Sie sind. Sie können ihn also überall prüfen, jederzeit, ohne Fahrkarte und ohne mich.»
Der Fahrplan
«Gut», sagte sie. «Dann fange ich klein an. Luzern-Ebikon. Eine Station.»
«Nein.»
«Jetzt sind Sie unvernünftig. Jedes Lehrbuch beginnt mit kleinen Schritten.»
«Kleine Schritte sind vernünftig, wenn Sie sich einer Gefahr nähern. Sie sind unsinnig, wenn Sie sich einem Irrtum nähern. Jeder behutsame Schritt sagt Ihrem Körper: Vorsicht, hier ist etwas. Sie würden der Angst dreissigmal recht geben, bevor Sie ihr einmal widersprechen. Einem Irrtum nähert man sich nicht behutsam. Man beendet ihn.»
«Und wenn ich den Satz nicht geprüft hätte, den wir heute auseinandergenommen haben?»
«Dann würde ich Ihnen zu keiner einzigen Minute in einem Zug raten, auch nicht bis Ebikon. Das ist der einzige Fehler in dieser Arbeit, den man nicht wiedergutmachen kann: die Konfrontation vor der kognitiven Korrektur des Denkfehlers. Alles andere lässt sich reparieren.»
Sie sah auf ihren Block, dann wieder in die Kamera.
«Dann nehme ich den Gotthard.»
«Das habe ich nicht vorgeschlagen.»
«Nein», sagte sie. «Ich schlage es vor.»
«Dann brauche ich von Ihnen drei Zeilen, und zwar vor der Abfahrt, nicht nachher. Erstens die Vorhersage: was geschehen soll. Zweitens das Kriterium: woran ein Fremder es erkennen würde. Drittens, nach der Ankunft: was tatsächlich geschehen ist. Kein Bericht über Ihre Gefühle. Ein Protokoll.»
«Und die sieben Minuten in Arth-Goldau?»
«Die bekommen einen eigenen Absatz. Sie sind die einzige Stelle der ganzen Fahrt, an der Sie frei sind und sich trotzdem entscheiden müssen. Im Tunnel haben Sie keine Wahl, und was man ohne Wahl tut, beweist nichts. Auf dem Bahnsteig haben Sie eine. Schreiben Sie auf, was Ihr Körper dort tut — und was er tut, während Sie einsteigen.»
«Und wenn ich unterwegs aussteige?»
«Dann steigen Sie aus und notieren es. Das ist kein Rückfall, sondern ein Datenpunkt. Und noch etwas, Frau Berthold, damit wir uns nicht missverstehen: Sie fahren nicht, um es auszuhalten. Aushalten kann jeder Esel. Sie fahren, um nachzuprüfen.»
«Und der zweite Block?»
«Wenn Sie zurück sind. Nicht vorher.»
«Und wenn ich nicht fahre?»
«Dann sitzen wir zwei Stunden zusammen und klären, warum nicht. Der zweite Block ist ohnehin bezahlt, und er ist keine Belohnung für eine gelungene Fahrt. Sie fahren für sich, nicht für mich.»
Siebzehn Minuten
Das Protokoll traf zehn Tage später ein, um 21.40 Uhr, ohne Begleitschreiben.
Prognose vor der Abfahrt: Ich verliere im Tunnel die Kontrolle, sacke zusammen, schreie, werde ohnmächtig. Kriterium: Ein anwesender Fremder müsste es sehen und benennen können.
17.39 Abfahrt Luzern, Gleis 2, Voralpen-Express Richtung St. Gallen. Puls hoch, Hände feucht. Gedanke: «Ich hätte kleiner anfangen sollen.» Notiert, nicht befolgt.
Unterwegs stelle ich fest, dass ich seit zwölf Minuten die Türen ansehe. Ich sehe stattdessen aus dem Fenster. Der Puls bleibt, wo er ist. Der Puls interessiert sich nicht dafür, wohin ich sehe.
18.11 Arth-Goldau, Gleis 6. Nun der Absatz, den Sie verlangt haben.
Die sieben Minuten sind der schlechteste Teil der Reise, und zwar aus dem Grund, den Sie genannt haben: Ich stehe auf einem Bahnsteig, mir steht alles offen, und es gibt keinen Tunnel, der mir die Entscheidung abnimmt. Gleis 6 nach Gleis 3, Unterführung, hundert Meter. Auf der Anzeige steht der Eurocity nach Milano Centrale, und auf dem Gleis gegenüber steht etwas, das nach Luzern zurückfährt. Ich habe beide Anzeigen gelesen. Ich habe sie dreimal gelesen.
Beim Einsteigen dann das Vollprogramm: Das Herz schlägt so hart, dass ich es im Hals spüre, die Hände sind nass, die Beine gehören jemand anderem. Nach Ihrer Vorhersage ist genau das der Augenblick, in dem der Blutdruck steigt und nicht fällt. Ich habe mich hingesetzt und nichts getan. Das ist kein Heldenmut, sondern Geiz: Es war die erste brauchbare Gelegenheit nachzuprüfen, und ich wollte sie nicht verschenken.
18.18 Abfahrt Arth-Goldau, Gleis 3, Eurocity Richtung Milano Centrale.
18.45 Einfahrt in den Gotthard-Basistunnel. Es wird sofort dunkel und sehr ruhig.
Ungefähr Kilometer neun: die Panik. Herzrasen, Enge, weicher Boden, das Ganze. Ich habe zum ersten Mal seit drei Jahren nichts dagegen unternommen. Ich habe nachgesehen, was sie tut. Sie tut nichts. Sie ist laut, und sie behauptet viel, aber sie tut nichts. Nach ungefähr zwei Minuten wurde sie langweilig, was ich hiermit als die grösste Überraschung meines Lebens zu Protokoll gebe.
19.02 Ausfahrt. Siebzehn Minuten, wie im Fahrplan.
19.28 Lugano, Gleis 2. Bilanz nach Kriterium: Zusammenbruch keiner. Geschrei keines. Ohnmacht keine. Zeugen: der Herr mir gegenüber hat von Arth-Goldau bis Bellinzona geschlafen.
Ich war enttäuscht. Ich habe drei Jahre lang etwas gefürchtet, das nicht einmal einen Zeugen findet.
Nachtrag, geschrieben auf der Rückfahrt: gleiche Strecke, gleicher Umstieg, kein besonderer Grund. Es war der nächste Zug.
Die letzte Sitzung
Der zweite Block begann vierzehn Tage später, wieder um vierzehn Uhr. Im Bildschirm erschien dasselbe Rechteck mit demselben Bücherregal. Neben dem Laptop stand nichts. Weihenruh bemerkte es und sagte nichts dazu.
«Was war der schwerste Moment?», fragte er.
«Nicht der Tunnel.»
«Sondern?»
«Der Kaffee danach. Ich sass abends in Lugano auf der Piazza, es war noch warm, und mir fiel auf, dass ich drei Jahre meines Lebens um einen Satz herum gebaut habe, der siebzehn Minuten Überprüfung nicht überstanden hat. Drei Jahre Fahrdienst. Ein Taxi nach Mailand. Ein Beruf, der beinahe daran gescheitert wäre.» Sie hielt inne. «Und dann kam die eigentlich unangenehme Frage.»
«Nämlich?»
«Was ich sonst noch nie geprüft habe.»
Weihenruh nickte langsam.
«Das ist die Behandlung. Der Tunnel war nur die Beweisaufnahme.»
«Eine Frage habe ich doch noch. Sie haben vorausgesagt, der Umstieg werde der wertvollste Teil der Reise. Woher wussten Sie das?»
«Ich wusste es nicht, ich habe es erwartet. Im Tunnel bleiben Sie sitzen, weil Sie müssen; das beweist nichts, auch wenn es sich schlimm anfühlt. In Arth-Goldau bleiben Sie, weil Sie wollen. Deshalb zählen sieben Minuten auf dem Bahnsteig mehr als siebzehn im Tunnel. Gutschreiben können Sie sich nur die sieben Minuten auf dem Bahnsteig.»
«Das haben Sie mir vorher nicht gesagt.»
«Nein. Sonst hätten Sie die sieben Minuten absolviert, statt sie zu erleben.»
«Ich habe seither zwei Plädoyers umgeschrieben», sagte sie. «Beide waren zu gut geschrieben und zu schlecht belegt. Ich habe sie sechzehn Jahre lang so gehalten, weil sie funktioniert haben.»
«Das ist derselbe Buchungsfehler», sagte Weihenruh. «Er kommt in besseren Häusern vor, als Sie denken.»
Sie lachte, diesmal ohne Widerwillen, und sammelte ihre Sachen ein, wie man das tut, wenn ein Gespräch zu Ende geht.
«Herr Weihenruh, eines noch. Sie haben mir nichts beigebracht.»
«Nein?»
«Sie haben mich gefragt, wie ich zähle. Den Rest habe ich selbst gemacht.»
«Ich weiss. Darum lasse ich im Voraus bezahlen.»
«Das müssen Sie mir erklären.»
«Ist ein Denkfehler einmal korrigiert, sieht es hinterher aus, als hätte es ihn nie gegeben. In drei Monaten werden Sie sagen, es sei alles ganz selbstverständlich gewesen. Wer dann noch eine Rechnung verschickt, wirkt unverschämt.»
«Es ist ja auch alles selbstverständlich und völlig logisch», sagte sie. «Das ist das Ärgerliche daran.»
Das Bild fror für einen Augenblick ein, dann war das Fenster leer. Weihenruh blieb vor dem dunklen Bildschirm sitzen und stellte fest, dass er diese Frau nie in einem Zug gesehen hatte. Nicht eine Minute lang. Es war auch nicht nötig gewesen.
Unten am See fuhr ein Zug Richtung Zürich am Ufer entlang, ohne sich um irgendjemanden zu kümmern. Weihenruh sah ihm nach wie einem Kollegen, der seine Arbeit ordentlich gemacht hatte.
* * *
Warum die Angst eines klugen Menschen besser gebaut ist als die eines gewöhnlichen - und warum genau das ihre Behandlung erleichtert - erklärt der Artikel Die Angst der Klugen: warum Hochbegabung nicht ängstlicher macht, die Angst aber besser baut.
Warum ausgerechnet die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich die Aufklärung über wirksame Psychotherapie dieser Art als «irreführend und damit unzulässig» bezeichnet, erläutert der Artikel Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP).
Die Dr. Dietmar Luchmann, LLC, Herausgeberin dieser Zeitschrift, bietet selbst kognitive Psychotherapie per Video an — mit schriftlicher Zusammenfassung jeder Sitzung, für Selbstzahler, auf Deutsch und Englisch.
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2. Eignung prüfen
3. Aufnahme beantragen
Dr. Friedrich Weihenruh ist ein literarisches Alter Ego, durch das der Autor seine Erlebnisse und Erfahrungen als Psychotherapeut erzählerisch verarbeitet. Die Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten, sind jedoch fiktionalisiert: Zum Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht wurden Namen, Orte und Details geändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.
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