Psychotherapie: Wir sind nicht kränker geworden, wir halten uns nur für behandlungsbedürftig

Zwanzig Jahre therapeutische Gesellschaft: Die Zahl der Psychotherapie-Praxen in der Schweiz hat sich binnen zwei Jahren verdoppelt, die Mehrheit der neuen IV-Renten wird psychisch begründet — und die Zahl der Kranken ist trotzdem kaum gestiegen. Die Fachliteratur nennt es das Behandlungs-Prävalenz-Paradox. Gewachsen ist nicht die Krankheit, sondern die Zahl derer, die sich für behandlungsbedürftig halten. Ob ihnen die Behandlung genützt hat, weiss niemand — weil es niemand misst. Das ist der Systemfehler.

Zwei Bücher, einundzwanzig Jahre — und eine Frage, die keines von beiden beantwortet

Im Jahr 2005 erschien in New York ein Buch mit dem Titel «One Nation Under Therapy». Seine Autorinnen, die Philosophin Christina Hoff Sommers und die Psychiaterin Sally Satel, beschrieben darin eine Kultur, die im Begriff war, gewöhnliche Lebensschwierigkeiten in behandlungsbedürftige Zustände zu übersetzen.1 Sie prägten dafür den Begriff des Therapismus. Gemeint ist damit ein Bündel von drei Überzeugungen: dass der Mensch im Kern zerbrechlich sei; dass er über seine Gefühle sprechen müsse, um sie zu bewältigen; und dass er dafür fachliche Begleitung brauche. Das Buch war als Warnung geschrieben. Es beschrieb eine Entwicklung, die man nach Ansicht der Autorinnen noch aufhalten könne.

Einundzwanzig Jahre später, im Januar 2026, erschien «Therapy Nation» von Jonathan Alpert, einem New Yorker Psychotherapeuten mit über zwei Jahrzehnten eigener Praxis.2 Sein Buch ist keine Warnung mehr, sondern ein Bericht aus dem Inneren des Berufsstands: Noch nie seien so viele Menschen in psychotherapeutischer Behandlung gewesen, und noch nie sei die Bevölkerung ängstlicher, zerbrechlicher und zerstrittener gewesen. Alpert formuliert, was seine Zunft ungern hört: Mit dem Ausbau der Versorgung seien auch die Erkrankungszahlen gestiegen.

Zwischen beiden Büchern liegt eine Generation. Und zwischen ihnen liegt eine Frage, die keines von beiden beantwortet, weil beide sie für längst beantwortet halten: Was ist in diesen einundzwanzig Jahren tatsächlich mit der psychischen Gesundheit geschehen?

Dieser Text beantwortet diese Frage in fünf Schritten, die aufeinander aufbauen. Erstens: Der Widerspruch, um den es geht, steht nicht in einem Streitbuch, sondern in einem amtlichen Schweizer Bericht. Zweitens: Er hat in der Fachliteratur einen Namen, und dieser Name stammt nicht von Kritikern der Psychotherapie, sondern von deren führenden Forschern. Drittens: Die Zahlen zeigen etwas anderes, als die beiden Bücher behaupten — etwas Unbequemeres. Viertens: Es gibt einen Mechanismus, der dieses Andere erklärt, und er kommt ohne jede böse Absicht aus. Fünftens: Es gibt einen Befund, der schwerer wiegt als alle Zahlen — nämlich den, dass die entscheidenden Zahlen gar nicht erst erhoben werden.

Zwei Zahlen aus demselben amtlichen Bericht zur psychischen Gesundheit

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium, die Beobachtungsstelle von Bund und Kantonen für das Gesundheitswesen, legte im September 2025 den Nationalen Gesundheitsbericht vor. Er ist ganz der psychischen Gesundheit gewidmet und enthält zwei Aussagen, die sich auf den ersten Blick gegenseitig ausschliessen.

Die erste Aussage: Über neunzig Prozent der Bevölkerung berichteten im Jahr 2022 von einer hohen Lebensqualität, rund siebzig Prozent bezeichneten sich als glücklich. Die zweite Aussage: Jede zweite Person ist im Lauf ihres Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen, und der Anteil der Menschen mit mittlerer bis hoher psychischer Belastung ist seit der Befragung von 2017 stark gestiegen — bei jungen Frauen von 19 auf 28,9 Prozent, bei Männern von 9,6 auf 16,4 Prozent.3

Ein Land, in dem neun von zehn Menschen gut leben und zugleich jeder Zweite psychisch erkrankt: Das ist kein Widerspruch in der Wirklichkeit. Es ist ein Widerspruch zwischen drei Messinstrumenten, die drei verschiedene Dinge messen und deren Ergebnisse trotzdem nebeneinandergestellt werden. Weil der gesamte weitere Gedankengang von diesem Unterschied abhängt, sei er genau benannt.

Die Lebensqualität wird ermittelt, indem man Menschen bittet, ihr Leben als Ganzes zu beurteilen. Sie misst also eine Gesamtbilanz. Die Belastungswerte werden mit standardisierten Fragebogen erhoben, die nach Beschwerden der letzten beiden Wochen fragen: wie oft jemand lustlos war, schlecht geschlafen hat, sich Sorgen gemacht hat. Sie messen also eine Momentaufnahme, und zwar eine, die der Befragte selbst vornimmt. Die Lebenszeitprävalenz schliesslich — Prävalenz ist der Fachausdruck für die Häufigkeit einer Krankheit in einer Bevölkerung — ist eine Hochrechnung: der geschätzte Anteil der Menschen, die irgendwann in ihrem ganzen Leben die Kriterien einer Diagnose erfüllen werden.

Drei Instrumente, drei Antworten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welche der drei Zahlen stimmt; sie stimmen alle drei. Die Frage lautet: Welche von ihnen misst Krankheit — und welche misst die Bereitschaft, das eigene Erleben als Krankheit zu beschreiben?

Das Paradox hat einen Namen, und er stammt aus dem Fach selbst

Wer diese Frage für eine Provokation von aussen hält, irrt. Sie wird in den führenden Fachzeitschriften seit Jahren gestellt, und sie trägt dort einen Namen: das Behandlungs-Prävalenz-Paradox. Es besagt, dass die Ausweitung der Behandlung die Häufigkeit der Krankheit nicht verringert hat.

Formuliert haben es Johan Ormel, Steven Hollon, Ronald Kessler, Pim Cuijpers und Scott Monroe im Jahr 2022 in «Clinical Psychology Review».4 Ihr Befund: Die Behandlungsmöglichkeiten für Depressionen haben sich seit den 1980er Jahren verbessert, ihre Verfügbarkeit hat stark zugenommen — und die Häufigkeit der Depression in der Allgemeinbevölkerung ist trotzdem nicht gesunken.

Man muss wissen, wer das schreibt, um den Rang dieser Aussage einzuschätzen. Ronald Kessler ist der Epidemiologe hinter den grossen internationalen Erhebungen zur Häufigkeit psychischer Störungen; ohne seine Daten wüsste niemand, wie verbreitet Depressionen überhaupt sind. Pim Cuijpers ist der weltweit meistzitierte Metaanalytiker der Psychotherapieforschung — eine Metaanalyse ist die rechnerische Zusammenfassung vieler Einzelstudien zu einem Gesamtergebnis, und Cuijpers ist derjenige, der diese Rechnung für die Wirksamkeit der Psychotherapie immer wieder durchgeführt hat. Das sind nicht die Gegner des Fachs. Das sind seine Buchhalter.

Zum gleichen Ergebnis war Anthony Jorm mit Kollegen bereits 2017 in «World Psychiatry» gekommen: Für Australien, Kanada, England und die Vereinigten Staaten liess sich zwischen 1990 und 2015 kein Rückgang der Depressionen und der Angststörungen nachweisen, obwohl die Behandlung in allen vier Ländern in diesem Zeitraum massiv ausgeweitet worden war.5

Zwischenbilanz: Dass die Ausweitung der Behandlung die Häufigkeit der Krankheit nicht gesenkt hat, ist keine Streitfrage mehr, sondern der publizierte Stand des Fachs. Umstritten ist ausschliesslich die Erklärung.

Sieben Erklärungen — und keine davon ist bequem

Ormel und seine Kollegen prüfen sieben mögliche Erklärungen.4 Es gehört zur Redlichkeit, sie alle zu nennen, bevor man sich für eine einzelne interessiert — denn wer nur die Erklärung nennt, die ihm passt, hat nicht argumentiert, sondern ausgewählt.

Zwei Erklärungen nehmen an, die Behandlung habe sehr wohl gewirkt, ihr Erfolg sei aber an anderer Stelle wieder aufgezehrt worden:

  1. Es werden immer mehr Menschen als depressiv gezählt, die es nach strengen Massstäben nicht sind — die gewonnenen Heilungen verschwinden also in einer wachsenden Zahl von Fehldiagnosen.
  2. Die Zahl der Neuerkrankungen ist tatsächlich gestiegen, etwa durch veränderte Lebensbedingungen — die Behandlung hätte dann lediglich einen stärkeren Anstieg verhindert.

Fünf weitere Erklärungen nehmen an, dass die Behandlung weniger geleistet hat, als ihr zugeschrieben wird:

  1. Die Behandlungen sind weniger wirksam, als die veröffentlichte Studienlage nahelegt — unter anderem, weil erfolglose Studien seltener publiziert werden als erfolgreiche.
  2. Ihre Wirkung ist weniger dauerhaft: Was nach zehn Sitzungen gemessen wird, ist nach zwei Jahren häufig nicht mehr vorhanden.
  3. Die Ergebnisse aus Studien lassen sich nicht auf die alltägliche Versorgung übertragen, weil in Studien ausgewählte Patienten von besonders geschulten Behandlern betreut werden.
  4. Die Versorgung erreicht zu wenige Menschen in ausreichender Qualität.
  5. Ein Teil der Behandlungen schadet.

Eine achte Erklärung, die bei Ormel nicht vorkommt, liefert der französische Soziologe Alain Ehrenberg — und sie ist die eleganteste, weil sie ohne jeden Vorwurf an die Psychotherapie auskommt.6 Ehrenberg beschreibt, wie die Depression die Neurose als Leitkrankheit der westlichen Gesellschaften abgelöst hat. Eine Gesellschaft, die vor allem Gehorsam verlangt, erzeugt Schuld und innere Konflikte; das war die Welt, in der die Psychoanalyse entstand. Eine Gesellschaft, die von jedem Einzelnen Initiative, Selbstverwirklichung und permanente Entscheidung verlangt, erzeugt dagegen Erschöpfung und das Gefühl, nicht zu genügen. Nach dieser Lesart wäre der Anstieg psychischer Beschwerden kein Versagen der Behandlung, sondern der Preis der Freiheit.

Diese Erklärung ist ernst zu nehmen, und sie wird hier nicht widerlegt. Sie erklärt allerdings nicht, warum die massiv ausgeweitete Behandlung nicht wenigstens dämpfend gewirkt hat.

Bleibt die siebte Erklärung: dass ein Teil der Behandlungen schadet. Der medizinische Fachbegriff dafür lautet iatrogen, wörtlich «vom Arzt erzeugt». Er bezeichnet jeden Schaden, der nicht durch die Krankheit entsteht, sondern durch ihre Behandlung. In der Zusammenfassung von Ormel und Kollegen steht dieser Punkt ausdrücklich unter den offenen Fragen, die weiterer Untersuchung bedürften.4 Er steht dort seit 2022. Untersucht wird er nicht.

Was gestiegen ist — und was nicht

Jetzt folgt der Befund, der die Bücher von Sommers und Satel und von Alpert korrigiert, und zwar in eine unbequemere Richtung, als beide vermuten.

Wie das ausgehen würde, hat ein Psychiater vor einem Vierteljahrhundert beschrieben. Klaus Dörner, von 1980 bis 1996 Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Gütersloh, legte im «Deutschen Ärzteblatt» dar, wohin ein Gesundheitswesen unter Wettbewerbsdruck steuern muss: Weil ein wachsender Markt neue Kunden braucht und die Zahl der Kranken begrenzt ist, laufe die Entwicklung auf «die Umwandlung aller Gesunden in Kranke» hinaus — auf Menschen also, die sich lebenslang für fachlich behandlungsbedürftig halten, um überhaupt gesund leben zu können.7

Man beachte, wer in dieser Analyse handelt: nicht der Arzt, nicht der Psychotherapeut, nicht ein Verband, sondern der Wettbewerb. Dörner beschreibt keine Absicht, sondern eine Zielgrösse — jene Grösse, die ein System steigert, auch wenn niemand sie steigern will. Das war 2002 eine Voraussage. Die folgenden Zahlen prüfen sie.

Dirk Richter, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern und Berner Fachhochschule, hat 2019 in der Fachzeitschrift «Acta Psychiatrica Scandinavica» untersucht, ob die Häufigkeit psychischer Erkrankungen tatsächlich steigt.8 Entscheidend ist dabei sein methodisches Vorgehen: Er verglich ausschliesslich Untersuchungen, die dieselbe Bevölkerung mehrfach mit demselben Messinstrument befragt hatten. Nur so lässt sich ein echter Zeitvergleich anstellen; wer verschiedene Instrumente vergleicht, misst nicht die Krankheit, sondern den Fragebogen. Das Ergebnis: Die Häufigkeit steigt kaum, der beobachtete Anstieg ist klein und möglicherweise allein auf die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung zurückzuführen. Wo grosse Zunahmen berichtet werden, stützen sie sich fast immer auf etwas anderes — auf Suizidraten oder auf die Zahl derer, die Hilfe suchen.

Nick Haslam von der Universität Melbourne hat diesen Widerspruch im Mai 2026 auf den Punkt gebracht: Verschreibungen, ambulante Psychotherapie und der Anteil der Invalidenrenten wegen psychischer Erkrankung steigen in vielen Ländern steil an, während epidemiologische Untersuchungen für die grossen Störungsbilder stabile oder nur wenig erhöhte Häufigkeiten zeigen.9

Genau dieses Muster zeigt die Schweiz, und zwar in aussergewöhnlicher Schärfe. Seit dem 1. Juli 2022 gilt hier das sogenannte Anordnungsmodell: Psychologische Psychotherapie wird seither von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung — der Grundversicherung, die jede in der Schweiz wohnhafte Person abschliessen muss — bezahlt, sobald ein Arzt sie anordnet. Zuvor war das nur möglich, wenn die Behandlung in der Praxis eines Arztes stattfand. Die Folgen dieser Öffnung sind vermessen worden:

Kennzahl Veränderung Zeitraum
Psychotherapie-Praxen in der Schweiz 2340 → 4834 (mehr als verdoppelt) 2022–202410
Kosten der Grundversicherung für psychologische Psychotherapie 528 → 922 Millionen Franken (+20,4 % pro Jahr) 2021–202410
Anteil psychischer Ursachen an den neuen Renten der Invalidenversicherung 52 % aller Neurenten, 76 % aller krankheitsbedingten 202411
Selbstberichtete psychische Belastung junger Frauen 19 % → 28,9 % 2017–20223
Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei gleichbleibendem Messinstrument nahezu unverändert international, mehrere Jahrzehnte8,9

Die letzte Zeile ist die entscheidende, und sie steht bewusst am Schluss: Alles, was in dieser Tabelle steil ansteigt, ist eine Zahl über das Versorgungssystem — Praxen, Franken, Renten, Selbstauskünfte. Die einzige Zahl, die etwas über die Krankheit selbst aussagt, bewegt sich kaum. Daraus folgt eine These, die härter ist als die von Alpert und zugleich besser belegt:

«Die Zahl der Kranken ist kaum gestiegen. Gestiegen sind die Diagnosen, die Behandlungen, die Kosten und die Renten. Die therapeutische Gesellschaft hat nicht mehr Kranke hervorgebracht, sondern mehr Menschen, die sich als krank verstehen — und ein System, das von dieser Selbstdeutung lebt.»

Das ist die eigentliche Dystopie, und sie ist bescheidener und darum wahrscheinlicher als jede Untergangserzählung. Sie besteht nicht darin, dass eine Bevölkerung erkrankt. Sie besteht darin, dass eine Bevölkerung lernt, sich für krank zu halten — und dass diese Selbstdeutung Institutionen, Berufe, Renten und Milliardenbudgets erzeugt, ohne dass an irgendeiner Stelle ein Gesundheitsgewinn nachweisbar wäre.

Wie aus Belastung Krankheit wird

Wie geht das zu, ohne dass jemand es beabsichtigt? Die Antwort liefern drei Forschungslinien, die alle aus dem Inneren der Psychologie stammen.

Die erste ist die Prävalenzinflation. Lucy Foulkes und Jack Andrews haben 2023 die Vermutung formuliert und ausdrücklich zur Prüfung gestellt, dass Aufklärungskampagnen zur psychischen Gesundheit selbst zum berichteten Anstieg psychischer Probleme beitragen.12 Sie unterscheiden dabei zwei Wege, und diese Unterscheidung ist der Kern der Sache. Der erste Weg ist erwünscht: Menschen erkennen Beschwerden, die sie früher übersehen oder verschwiegen hätten. Der zweite ist es nicht: Menschen deuten gewöhnliche Schwierigkeiten in eine Störung um. Und wer sich selbst als gestört versteht, verhält sich entsprechend — er schont sich, meidet Belastungen, beobachtet sich. Die Deutung erfüllt sich damit selbst.

Die zweite Linie ist die Begriffsausweitung, für die Nick Haslam den Ausdruck «concept creep» geprägt hat: Psychologische Kernbegriffe wie Trauma, Sucht, Missbrauch oder Störung dehnen sich über die Jahrzehnte immer weiter aus, bis sie umfassen, was zuvor als gewöhnliche Erfahrung galt. Michael P. Hengartner, Professor für klinische Psychologie an der Kalaidos Fachhochschule und Mitautor des Nationalen Gesundheitsberichts 2025, hat diesen Vorgang im April 2026 gemeinsam mit Haslam empirisch untersucht.13 Zwei ihrer Befunde gehören in jede Debatte über psychische Gesundheit. Erstens: Wer einen weiter gefassten Krankheitsbegriff hat, nimmt in seiner Umgebung mehr kranke Menschen wahr — die Zahl der Kranken hängt also messbar davon ab, wie weit der Begriff gefasst ist. Zweitens: Wer Psychologie studiert hat, verwendet engere Begriffe als der Laie. Je mehr jemand vom Fach versteht, desto weniger Krankheit sieht er.

Die dritte Linie ist die älteste und philosophisch die tiefste. Der Wissenschaftstheoretiker Ian Hacking hat beschrieben, dass Klassifikationen von Menschen anders funktionieren als Klassifikationen von Dingen.14 Ein Quark ändert sich nicht dadurch, dass die Physik ihn Quark nennt. Ein Mensch ändert sich sehr wohl dadurch, dass man ihn traumatisiert nennt: Er versteht sich neu, verhält sich neu — und weil sich sein Verhalten ändert, ändert sich anschliessend auch die Beschreibung, die auf ihn passt. Hacking nennt das den Schleifeneffekt. Er ist der Grund, weshalb in der Psychologie das Messinstrument und der Gegenstand sich gegenseitig hervorbringen.

Zwischenbilanz: Niemand muss etwas Böses wollen, damit dies geschieht. Es genügt, dass alle es gut meinen — aufklären, Zugang schaffen, Stigma abbauen, hinsehen, wo früher weggesehen wurde. Der Mechanismus braucht keinen Plan. Er braucht nur genügend wohlmeinende Beteiligte und ein Vergütungssystem, das nach dem Ergebnis nicht fragt.

Die Trauer bekommt eine Frist

Wie eine solche Begriffsausweitung praktisch aussieht, lässt sich an einem Beispiel zeigen, das jeder Leser aus eigener Erfahrung kennt.

Am 1. Januar 2022 trat die elfte Fassung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) in Kraft — jenes von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene Verzeichnis, nach dem weltweit diagnostiziert und abgerechnet wird. Sie führt unter der Kennziffer 6B42 erstmals eine eigene Diagnose für Trauer: die anhaltende Trauerstörung.15 Das amerikanische Diagnosehandbuch DSM zog wenige Wochen später nach.16

Gestorben wurde zu allen Zeiten, getrauert ebenfalls. Neu ist also nicht die Trauer, und neu ist auch nicht, dass sie lange dauern kann. Neu ist, dass sie eine Frist hat.

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation kommt die Diagnose in Betracht, wenn die Trauerreaktion mindestens sechs Monate anhält und das übersteigt, was die kulturellen Normen des Betroffenen erwarten lassen. Das amerikanische Handbuch verlangt für dieselbe Diagnose mindestens zwölf Monate.

Dieser Unterschied ist der eigentliche Befund. Zwei internationale Klassifikationssysteme, derselbe Name, dieselbe Störung — und die Grenze zwischen normaler Trauer und psychischer Krankheit liegt bei dem einen doppelt so weit vom Todestag entfernt wie bei dem anderen. Eine Grenze, die sich um den Faktor zwei verschieben lässt, ohne dass sich am Gegenstand irgendetwas ändert, ist keine Entdeckung über die Wirklichkeit. Sie ist eine Vereinbarung. Und sie wirkt: In einer repräsentativen deutschen Erhebung unter Hinterbliebenen erzeugte die weiter gefasste Definition der Weltgesundheitsorganisation deutlich mehr Fälle als die engere amerikanische.17 Dieselben Menschen, dasselbe Leid, zwei Häufigkeiten.

Vorausgegangen war ein erster Schritt, der weniger bekannt ist und mehr aussagt. Bis 2013 enthielt das amerikanische Diagnosehandbuch eine Regel, die Trauerausschlussklausel: Wer kurz zuvor einen nahen Menschen verloren hatte, durfte allein aufgrund der üblichen Trauersymptome nicht als depressiv diagnostiziert werden. Die Psychiatrie hatte also nicht etwa übersehen, dass sich Trauer als Krankheit deuten lässt. Sie hatte ausdrücklich eine Schranke dagegen errichtet. 2013 wurde diese Schranke entfernt.

Die Psychiatrisierung der Gesellschaft

Der Widerspruch kam auch hier aus dem Inneren des Fachs. Der Psychiater Allen Frances, der die vierte Fassung des amerikanischen Diagnosehandbuchs geleitet hatte, nannte den Vorgang die Medikalisierung eines normalen Gefühls: Er stigmatisiere den Schmerz, unterbreche dessen Verarbeitung, entwerte die kulturellen Formen des Tröstens und liefere Trauernde einer Medikation aus, die sie nicht benötigten.18 Bereits 2007 hatten der Soziologe Allan Horwitz und der Psychologe Jerome Wakefield in einer vielbeachteten Untersuchung nachgezeichnet, wie die Psychiatrie die normale Traurigkeit Schritt für Schritt in eine depressive Störung verwandelt hatte.19 Der Harvard-Psychiater und Ethnologe Arthur Kleinman schilderte im «Lancet» seine eigene Trauer um seine verstorbene Frau und stellte die Frage, nach welchem Massstab man ihr eigentlich eine zulässige Dauer zuweisen wolle.20

Nun liesse sich einwenden: Wenn ein Teil der Hinterbliebenen tatsächlich nicht mehr aus der Trauer herausfindet, ist eine Diagnose nützlich, weil sie gezielte Hilfe ermöglicht. Der Einwand ist berechtigt, und er wird hier ausdrücklich nicht bestritten. Etwa jeder zehnte Hinterbliebene entwickelt eine anhaltende, schwer beeinträchtigende Trauer, und für diese Gruppe gibt es wirksame Behandlungen.21 Bestritten wird nicht die Existenz dieser Minderheit. Bestritten wird die Frist, die für alle gilt.

Denn was mit den übrigen neun geschieht, ist untersucht. Die umfassendste Metaanalyse psychotherapeutischer Angebote für Hinterbliebene wertete 61 kontrollierte Studien aus. Das Ergebnis: unmittelbar nach der Behandlung ein kleiner Effekt, bei der Nachuntersuchung kein statistisch bedeutsamer Vorteil mehr.22 Wer normal trauert, hat von der Behandlung auf Dauer nichts. Er hätte dieselbe Strecke auch ohne sie zurückgelegt — die Resilienzforschung von George Bonanno hat gezeigt, dass die Erholung aus eigener Kraft nach einem Verlust nicht die Ausnahme, sondern der Regelfall ist.23

Und damit ist sichtbar, worum es geht. Was sich durch die Diagnose ändert, ist nicht die Trauer. Es ist die Selbstbeobachtung. Wer einen Menschen verlor, trauerte früher, solange er trauerte; wann es genug war, entschied er selbst, und die Umgebung liess ihm Zeit. Heute trauert er gegen eine Frist. Nach einem halben Jahr stellt sich die Frage, ob das noch normal sei — und diese Frage kann er nicht mehr selbst beantworten, weil die Antwort in einem Verzeichnis steht, das er nicht kennt und dessen Zuständigkeit er nicht bestreiten kann.

Die kulturellen Formen, die Gesellschaften über Jahrtausende für den Umgang mit dem Tod entwickelt haben - Trauerzeiten, Rituale, Kleiderordnungen, Gedenktage -, waren nichts anderes als kollektiv organisierte Trauerbewältigung, und sie hatten ihre eigenen Fristen. Sie sind weitgehend verschwunden. An ihre Stelle ist eine Diagnosenummer getreten. Das ist kein Zuwachs an Wissen. Es ist eine Übertragung von Zuständigkeit — vom Trauernden und seiner Umgebung auf eine Fachwelt, und zwar eine, die niemand beantragt hat.

Dass Psychotherapie schaden kann, ist keine These, sondern ein Befund

An dieser Stelle kommt der Einwand, all das sei Spekulation: Psychotherapie helfe eben, und wer das Gegenteil vermute, müsse es beweisen. Der Beweis, dass wohlmeinende psychologische Hilfe schaden kann, liegt seit dreissig Jahren vor.

«Wie wir gesehen haben, funktionieren die gängigen psychologischen Ratschläge, 'alles herauszulassen' und 'es zu fühlen, um es zu heilen', nicht immer. Krebspatienten, die in Therapiegruppen über ihre Leidensgeschichte sprechen, leben nicht länger. Trauernde müssen nicht unbedingt fünf Phasen der Trauer durchlaufen, und eine gesunde Trauer erfordert keine quälende Traurigkeit. Das Ausdrücken von Wut lindert diese nicht zwangsläufig; im Gegenteil, es kann einen noch wütender machen. Und wenn Menschen verzweifelt sind, kann das Grübeln über ihren Schmerz diesen nur noch verstärken.»

Sommers, C.H.; Satel, S.: One Nation Under Therapy. How the Helping Culture Is Eroding Self-Reliance. New York: St. Martin's Press, 2005, S. 140.1

Sommers und Satel haben ausführlich dargestellt, wie die vermeintliche psychotherapeutische Hilfe schadet.1 Es geht um das psychologische Debriefing, auch «critical incident stress debriefing» genannt: eine strukturierte Sitzung kurz nach einem belastenden Ereignis, in der die Betroffenen ihr Erleben schildern sollen, um der Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung vorzubeugen. Das Verfahren war ab den 1980er Jahren weltweit in Gebrauch — bei Feuerwehren, Rettungsdiensten, Polizeikorps, Fluggesellschaften und nach Katastrophen.

Die randomisierten Studien — also Untersuchungen, bei denen per Los entschieden wird, wer behandelt wird und wer nicht, damit sich beide Gruppen nur in der Behandlung unterscheiden — zeigten zunächst, dass die Behandelten sich nicht besser erholten als Menschen ohne jede Intervention. Zwei Untersuchungen zeigten mehr als das. In einer Studie an Brandverletzten entwickelten die Behandelten nach einem Jahr dreimal häufiger eine posttraumatische Belastungsstörung als die Kontrollgruppe.24 In einer Nachuntersuchung von Verkehrsunfallopfern über drei Jahre erholten sich die Behandelten bei Angst, Funktionsfähigkeit und Schmerz langsamer als die Unbehandelten.25 Die Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration — jenes internationalen Netzwerks, das die Evidenz zu medizinischen Verfahren systematisch auswertet — bestätigte das Bild,26 ebenso eine Metaanalyse im «Lancet».27 Der britische Gesundheitsdienst, die NATO und die Weltgesundheitsorganisation warnten daraufhin vor dem Verfahren.1

Parallel dazu blühte eine Zertifizierungsindustrie. Sommers und Satel schildern, wie 1995 nach dem Bombenanschlag von Oklahoma City ausgewiesene Traumafachleute einer amerikanischen Spitzenuniversität vom Einsatzort abgewiesen wurden, weil ihnen das Zertifikat einer privaten Stiftung fehlte — ein Zertifikat, das jeder erhielt, der die Kursgebühr entrichtete und erschien.1

Der Fall ist kein Einzelfall. In der Kriminalprävention gibt es das Gegenstück: Programme, in denen straffällig gewordene Jugendliche Gefängnisse besuchten, um abgeschreckt zu werden. Die Cochrane-Übersicht ergab, dass die Teilnehmer anschliessend mehr Straftaten begingen als die Kontrollgruppe.28 Und in den Schulen wiederholt sich das Muster heute: Foulkes und Andrews verweisen auf eine Metaanalyse und eine randomisierte Studie, nach denen die Vermittlung verhaltenstherapeutischer Prinzipien an Jugendliche deren innere Beschwerden gegenüber Kontrollgruppen erhöhte, sowie auf eine grosse Untersuchung, in der Achtsamkeitsunterricht bei bereits belasteten Jugendlichen die depressiven Symptome verstärkte.12

Warum scheitern diese Programme? Die Antwort steht im vorigen Abschnitt: Die häufigste Reaktion auf einen schweren Verlust ist die Erholung aus eigener Kraft. Wer Menschen eine Bewältigung abnimmt, die sie selbst geleistet hätten, hilft nicht. Er unterbricht. Und was allen angeboten wird, erreicht zwangsläufig überwiegend jene, die es nicht brauchen.

Der eigentliche Befund ist eine Leerstelle

Damit sind wir beim Kern. Was weiss man über die Häufigkeit von Schäden durch Psychotherapie?

Robert Klatte, Bernhard Strauss, Christoph Flückiger und Jenny Rosendahl haben 2023 alle randomisierten Psychotherapiestudien ausgewertet, deren Studienprotokolle sich auffinden liessen: 85 Studien mit 14 420 Teilnehmern.29 Das Studienprotokoll ist dabei der vor Beginn festgelegte Plan einer Untersuchung; wer es mit dem veröffentlichten Ergebnis vergleicht, sieht, was gemessen werden sollte und was am Ende berichtet wurde. Das Ergebnis besteht aus zwei Teilen, und der zweite wiegt schwerer als der erste.

Der erste Teil: Unerwünschte Ereignisse sind bei mehr als einem von zehn Teilnehmern zu erwarten, schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei mehr als einem von 21 Teilnehmern auf.

Der zweite Teil: Schädliche Ereignisse wurden nur in 60 Prozent der Studien überhaupt ausdrücklich berichtet. Erfassung, Definition und Darstellung waren so uneinheitlich, dass sich die Ergebnisse nur eingeschränkt vergleichen liessen. Und bei den meisten berichteten Ereignissen blieb offen, ob sie überhaupt mit der Behandlung zusammenhingen.

Diese Zahl allein zu nennen, wäre unredlich. Denn es gibt eine Gegenzahl, und sie gehört unmittelbar daneben: Eine Metaanalyse von Pim Cuijpers und Kollegen aus dem Jahr 2018 ergab, dass sich Patienten in Psychotherapie um 61 Prozent seltener verschlechterten als Patienten in Kontrollgruppen.30 Psychotherapie senkt das Verschlechterungsrisiko gegenüber der Nichtbehandlung also erheblich. Wer das verschweigt, argumentiert nicht, sondern agitiert.

Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald man die beiden Vergleichsmassstäbe auseinanderhält. Cuijpers vergleicht Behandlung mit Nichtbehandlung: Dort gewinnt die Behandlung. Klatte fragt, was innerhalb der Behandlung geschieht: Dort weiss man es in vier von zehn Studien nicht. Die beiden Befunde widersprechen einander nicht — sie beantworten verschiedene Fragen. Aus «besser als nichts» folgt weder «unschädlich» noch «in dieser Menge sinnvoll». Genau diese Verwechslung trägt die berufspolitische Rhetorik seit Jahrzehnten.

Und damit steht die Frage im Raum, gegen die es kein Argument gibt, sondern nur Schweigen:

«In keiner anderen medizinischen Disziplin würde man ein Verfahren jahrzehntelang millionenfach anwenden und die Erfassung seiner Schäden dem Zufall überlassen. Bei einem Medikament fragt man nach Nutzen, Nebenwirkung, Häufigkeit und Schweregrad, bevor man es zulässt. Bei der Psychotherapie fragt man danach in vier von zehn Studien gar nicht — und niemand hat je erklären müssen, warum.»

Die Frage lässt sich beantworten, und die Antwort ist unbequemer als jeder Vorwurf. Sie lautet: Weil niemand, der an der Behandlung beteiligt ist, ein Interesse an dieser Messung hat.

Eine Vergütung, die je Sitzung bezahlt und nach dem Ergebnis nicht fragt, belohnt Dauer. Und ein Patient, der nach jeder Stunde erleichtert nach Hause geht, erlebt diese Erleichterung als Beleg dafür, dass die Behandlung wirke — auch dann, wenn sich an seiner Situation seit Jahren nichts geändert hat. Erleichterung und Veränderung sind jedoch nicht dasselbe: Die eine hält bis zum Abend, die andere ein Leben lang. Wo beide Seiten die Erleichterung für den Erfolg halten, entsteht ein stabiles Verhältnis, in dem niemand betrogen wird und trotzdem nichts geschieht. Dass gerade diese Konstellation der wirksamsten Behandlung im Weg steht, ist an anderer Stelle dieser Zeitschrift ausgeführt.31

Diese Erklärung unterstellt niemandem eine schlechte Absicht. Sie setzt nur voraus, dass Menschen tun, wofür sie bezahlt werden, und glauben, was sie fühlen. Sie erklärt aber, warum die Erforschung der Schäden, die seit 2022 empfohlen wird, keinen natürlichen Auftraggeber findet: Der Berufsstand der Psychotherapeuten und Psychiater hat von ihr nichts zu gewinnen, der Patient möchte nicht hören, dass die vertraute Stunde nichts verändert, und der Kostenträger zahlt ohnehin.

«Du sollst Angst haben.» 32

Wie sich das für den Bürger anfühlt, hat lange vor dieser Forschung jemand beschrieben, der von ihr nichts wusste. Die Zürcher Ingenieurin Isabel Villalon veröffentlichte 2019 im Finanzportal «Inside Paradeplatz» einen Meinungsbeitrag, in dem sie die Verbreitung der Depression in der Schweiz sozioökonomisch deutete. Ihren Befund fasste sie in einen Satz, der als Anklage gemeint war:

«Schweizer, Du sollst Angst haben. Denn Angst macht Dich zahm, gefügig und duckmäuserisch.»

Isabel Villalon32

Das ist keine wissenschaftliche Aussage, und sie wird hier auch nicht als solche angeführt; ob irgendjemand diese Wirkung beabsichtigt, ist damit weder belegt noch behauptet. Der Satz interessiert aus einem anderen Grund: Er benennt aus der blossen Alltagswahrnehmung heraus eine Folge, die keine Statistik erfasst — dass ein Mensch, der sich als bedroht und behandlungsbedürftig versteht, umgänglicher wird. Die Ingenieurin formulierte das als politische Beobachtung; psychologisch lässt es sich genauer sagen.

Was der Mensch dabei verliert, hat einen Namen, der in der Debatte fehlt: das Zutrauen in die eigene Wahrnehmung. Wer gelernt hat, dass seine Erschöpfung ein Syndrom, sein Kummer eine Störung und sein Zweifel ein Symptom ist, der hat damit zugleich etwas anderes gelernt — nämlich dass die Beurteilung des eigenen Innenlebens eine Fachfrage sei, für die er nicht ausgebildet ist. Niemand hindert ihn daran, über sich selbst nachzudenken. Er tut es nur nicht mehr, weil er sich selbst nicht mehr für den Zuständigen hält. Die Frage «Was ist eigentlich mit mir los?» richtet er nicht mehr an sich, sondern an einen Fachmann. Und dessen Antwort prüft er nicht nach. Man hat ihm die Fähigkeit dazu abgesprochen — und irgendwann hat er seiner kognitiven Entmündigung zugestimmt.

Genau hier scheidet sich die kognitive Psychotherapie vom Rest des Feldes: Sie gibt dem Menschen die Prüfung seiner eigenen Gedanken zurück, statt sie ihm abzunehmen.

Was geschieht, wenn jemand nach der Wirksamkeit von Psychotherapie fragt

Es gibt eine empirische Möglichkeit, die Bereitschaft eines Systems zur Selbstprüfung zu testen: Man sieht nach, was mit denen geschieht, die diese Prüfung verlangen.

Jonathan Alpert veröffentlichte 2012 in der «New York Times» einen Meinungsbeitrag über Psychotherapien ohne Ende. Er berichtet, was darauf folgte: feindselige Zuschriften von Kollegen, eine eigens einberufene Zusammenkunft von Kollegen im selben Bürogebäude, eine Eingabe an die Zulassungsbehörde mit dem Ziel, ihm die Berufserlaubnis zu entziehen, der Ausschluss aus einem Ehemaligennetzwerk und ein persönlicher Angriff von der Rednertribüne einer Universitätsfeier.2 Bemerkenswert ist daran nicht die Heftigkeit. Bemerkenswert ist, dass keine dieser Reaktionen eine fachliche Erwiderung war.

Der Schweizer Vergleichsfall gleicht dem amerikanischen bis in die Abfolge der Schritte. Im August 2025 veröffentlichte der Autor dieses Textes in dieser Zeitschrift eine Kritik an der Dauer und der Wirksamkeit der in der Schweiz verbreiteten Psychotherapieverfahren.33 Die Antwort datiert vom 1. September 2025 und bestand auch hier nicht in einer fachlichen Widerlegung, sondern in einer Eingabe an die Aufsichtsbehörde: Die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wandte sich an die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich mit dem Ersuchen, gegen den Kritiker berufsrechtlich vorzugehen. Die Behörde übernahm die Vorwürfe und stellte den Entzug der Berufsausübungsbewilligung in Aussicht. Die Eingabe selbst hielt dem Kritiker zudem eine Formulierung als Zitat vor, die auf der beanstandeten Website in ihr Gegenteil verkehrt worden war, und leitete daraus einen weiteren Vorwurf ab. Der Vorgang ist an anderer Stelle dieser Zeitschrift mit den Originaldokumenten belegt.34

Dieses Muster ist in dieser Zeitschrift bereits an einem Schweizer Fall35 im Einzelnen dokumentiert worden:

Gabriela Rüttimann und die kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP)

Gabriela Rüttimann, ASP-Präsidentin: «Insbesondere stören uns [Aussagen], Angststörungen könnten bereits in acht bis zehn Stunden geheilt werden oder dass ein Leben nach wenigen Stunden Therapie wieder voll lebenswert sei.»34 Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP).35

Zwei Kontinente, ein Ablauf: Ein Psychotherapeut stellt öffentlich die Frage nach Dauer und Wirksamkeit der Behandlung. Er erhält keine Studie zur Antwort, sondern ein Verfahren — in New York die Eingabe an die Zulassungsbehörde und den persönlichen Angriff von der Rednertribüne, in Zürich die Verbandsbeschwerde und die behördliche Drohung mit dem Berufsverbot. In beiden Fällen richtet sich die Abwehr nicht gegen die vorgetragenen Belege, sondern gegen die Zulassung dessen, der sie vorträgt.

Gesundheitsdirektion Zürich unterstützt die kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP)

Die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) bekämpft den internationalen Therapiestandard kognitiver Psychotherapie und erhält Schützenhilfe von der Gesundheitsdirektion Zürich, die die «Möglichkeit, psychische Beschwerden ohne Psychopharmaka heilen zu können», amtlich als «irreführend und damit unzulässig» einstuft. Kognitive Kriegsführung. Made in Zürich.

Das belegt keine Absicht und erst recht keine Absprache über den Atlantik hinweg. Es belegt etwas Schlichteres und Härteres: Professionelle Systeme behandeln die Frage nach ihrer Wirksamkeit nicht als empirische, sondern als disziplinarische Frage. Ein System, das so reagiert, wird die Erforschung seiner eigenen Schäden nicht aus eigenem Antrieb betreiben.

Was hier nicht behauptet wird

Vier Klarstellungen, weil sie in einer politisch aufgeladenen Debatte nicht dem Wohlwollen des Lesers überlassen werden dürfen.

Erstens wird nicht behauptet, dass Psychotherapie grundsätzlich schade. Die Datenlage sagt das Gegenteil: Gegenüber der Nichtbehandlung senkt sie das Verschlechterungsrisiko erheblich.30 Behauptet wird, dass ein Teil der Behandlungen schadet, dass niemand weiss, welcher Teil das ist und wie gross er ist, und dass diese Unkenntnis kein Zufall ist, sondern das Ergebnis unterlassener Forschung.

Zweitens wird nicht unterstellt, dieses System sei zu diesem Zweck geschaffen worden. Hier ist eine Unterscheidung nötig, an der sich sachliche Kritik und Verschwörungserzählung trennen. Die Entstehung des beschriebenen Zustands verlangt keine Absicht: Begriffsausweitung, Prävalenzinflation und Schleifeneffekt funktionieren ausschliesslich über wohlmeinende Beteiligte, und niemand musste dafür etwas beschliessen. Es genügt, dass niemand ein Interesse daran hat, das Ergebnis zu messen. Seine Verteidigung dagegen verlangt Entschlüsse, und diese sind datiert und aktenkundig — eine Eingabe an eine Aufsichtsbehörde schreibt sich nicht von selbst. Wer ein System verteidigt, hat es deshalb noch nicht gebaut. Beides zugleich zu behaupten wäre der Fehler, den dieser Text vermeidet: Absicht bei der Entstehung ist nicht belegbar, die Absicht bei der Verteidigung ist dokumentiert.35

Drittens ist dieser Text keine Empfehlung, auf Behandlung zu verzichten. Wer sich in einer Krise befindet, braucht Hilfe und soll sie suchen. Die Frage, die hier gestellt wird, betrifft nicht den Einzelfall, sondern die Ausweitung eines Systems über eine ganze Bevölkerung. Das sind zwei verschiedene Fragen, und sie werden dennoch regelmässig gegeneinander ausgespielt.

Viertens legt der Autor offen, dass er als kognitiver Psychotherapeut selbst in diesem Feld tätig ist und ein wirtschaftliches Interesse an kurzen, zielgerichteten Behandlungen hat. Wer über die Interessen eines Systems schreibt, in dem er arbeitet, hat kein Recht, die eigenen zu verschweigen. Die vorgetragenen Belege sind davon unabhängig überprüfbar; sie stammen sämtlich aus begutachteten Fachzeitschriften und amtlichen Berichten.

Der Verlust, um den es geht: Selber denken

Ivan Illich hat 1975 in «Die Nemesis der Medizin» drei Stufen des ärztlich erzeugten Schadens unterschieden.36 Die erste ist die klinische: der Schaden am einzelnen Patienten. Die zweite ist die soziale: die Abhängigkeit einer Bevölkerung von medizinischen Leistungen. Die dritte nannte er die kulturelle — und sie ist die einzige, die sich nicht rückgängig machen lässt. Kulturelle Iatrogenesis bedeutet, dass eine Gesellschaft die Fähigkeit verliert, mit Schmerz, Verlust und Endlichkeit umzugehen, weil sie diese Aufgabe vollständig an ein Fachsystem abgetreten hat.

Philip Rieff hatte denselben Prozess bereits 1966 beschrieben, als er den «psychologischen Menschen» zum Nachfolger des religiösen und des ökonomischen Menschen erklärte: ein Wesen, dessen einziger verbindlicher Inhalt das eigene Wohlbefinden ist.37 Was Sommers und Satel 2005 als amerikanische Zeiterscheinung beschrieben, war damals schon vierzig Jahre alt.

Die politische Form dieser Entwicklung hat Alexis de Tocqueville 1840 vorweggenommen, lange bevor es Psychotherapie gab. Er sah eine neue Art von Macht voraus, die nicht tyrannisch auftritt, sondern fürsorglich: eine Gewalt, die absolut, umsichtig und milde ist, die für das Glück ihrer Bürger sorgt, sie in einer immerwährenden Kindheit hält und ihnen die Mühe des Denkens und die Last des Lebens abnimmt. «Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens mit jedem Tag wertloser und seltener; sie beschränkt die Betätigung des Willens auf einen kleinen Raum, und schließlich entzieht sie jedem Bürger sogar die Verfügung über sich selbst. Die Gleichheit hat die Menschen auf dies alles vorbereitet: sie macht sie geneigt, es zu ertragen und oft sogar als Wohltat anzusehen.»38 Tocqueville hielt diese Herrschaftsform für gefährlicher als die offene Unterdrückung, und zwar aus einem einzigen Grund: Ihre Untertanen erkennen sie nicht als Herrschaft. Sie halten sie für Hilfe.

Psychotherapie als kognitive Sterbebegleitung?

Damit ist die Dystopie benannt. Sie besteht nicht darin, dass eines Tages jeder Mensch einen Psychotherapeuten hat. Sie besteht in der Abtötung der eigenen Urteilskraft; darin, dass niemand mehr auf den Gedanken kommt, ein Mensch könne sein Leiden auch ohne institutionalisierte Psychotherapie überwinden — er könne selber denken.

Dieser Vorgang ist kein blosser Verdacht. Er hat in der Fachliteratur einen Namen und inzwischen auch eine Messgrösse. Der Name stammt aus der Erkenntnistheorie und lautet epistemische Ungerechtigkeit — gemeint ist ein Unrecht, das einem Menschen nicht als Person geschieht, sondern als Wissendem: Man spricht ihm die Fähigkeit ab, über die eigene Erfahrung zu urteilen. Anna Drożdżowicz und Jan Grodniewicz haben 2025 in der Zeitschrift «Philosophical Psychology» als Erste systematisch untersucht, wie das in der Psychotherapie geschieht. Sie unterscheiden drei Formen: Dem Patienten wird weniger Glaubwürdigkeit zugestanden, als seine Auskunft verdient; ihm werden Deutungsmuster vorgegeben, die seine Erfahrung nicht treffen; und er wird am Erkenntnisvorgang gar nicht erst beteiligt. Der Schaden, den die beiden Autoren beschreiben, ist genau der, um den es hier geht: Der Mensch verliert die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen.39

Die Messgrösse liefert eine niederländische Arbeitsgruppe um Nadia Geurtzen. Sie hat einen Fragebogen entwickelt, der die Abhängigkeit von der Behandlung erfasst, und ihn an 742 ambulanten Patienten erprobt. Bemerkenswert ist bereits der Ausgangspunkt der Untersuchung: Dass Patienten von ihrem Psychotherapeuten abhängig werden können, sei allgemein anerkannt — weit weniger anerkannt sei, dass die Behandlung selbst diese Abhängigkeit erzeugen und verstärken kann. Die Zahlen, die sie dabei referieren, sind nicht klein. In einer Erhebung berichteten 18 Prozent der Patienten und ehemaligen Patienten, sich stark von ihrem Psychotherapeuten abhängig zu fühlen; als unerwünschte Wirkung wird ausserdem die Idealisierung des Psychotherapeuten genannt — also das Gefühl, von ihm abzuhängen und ihm die Führung zu überlassen.40

Der unbequemste Befund dieser Arbeit steht jedoch in der Auswertung: Je abhängiger die Patienten waren, desto geringer war ihre Wiederaufrichtung und desto schwerer waren ihre Beschwerden — und desto besser war zugleich die therapeutische Beziehung. Was in jeder Ausbildung als Qualitätsmerkmal gilt, die tragfähige Beziehung, geht also mit dem einher, was als Nebenwirkung gefürchtet werden müsste. Man muss dabei redlich bleiben: Eine solche Momentaufnahme kann nicht entscheiden, ob die Abhängigkeit die Beschwerden verstärkt oder umgekehrt die schwereren Beschwerden abhängiger machen. Die Autoren selbst ziehen die einzig mögliche Folgerung — ob es sich um eine unerwünschte Nebenwirkung oder um einen wesentlichen Bestandteil wirksamer Behandlung handle, müsse erst noch untersucht werden.40 Wir stehen wieder vor derselben Leerstelle.

Dass der Berufsstand das erkennen könnte, wenn er es wollte, zeigt ein Aufsatz aus dem Jahr 2001 im «American Journal of Psychiatry». John Beahrs und Thomas Gutheil, beide forensische Psychiater, begründeten dort die Aufklärungspflicht in der Psychotherapie und benannten dabei ausdrücklich deren Zweck: Sie stärke die Selbstbestimmung des Patienten, seine Eigenverantwortung und seine Fähigkeit, an sich selbst zu arbeiten — und sie senke das Risiko regressiver Wirkungen, also des Rückfalls in eine kindliche Abhängigkeit vom Behandelnden.41 Der Massstab liegt demnach seit einem Vierteljahrhundert vor. Was fehlt, ist jede Untersuchung darüber, wie oft er verfehlt wird.

Damit lässt sich die Frage der Überschrift beantworten. Wo eine Behandlung dem Menschen die Prüfung seiner eigenen Gedanken abnimmt, statt sie ihm beizubringen, ist sie keine Behandlung mehr. Sie ist die Begleitung eines Absterbens — nicht des Menschen, wohl aber seiner Urteilskraft, an deren Stelle die Deutung des Fachmanns tritt. Für einen Teil der Behandlungen trifft das zu. Welcher Teil das ist, steht in keiner Statistik.

Was in einundzwanzig Jahren mit unserer psychischen Gesundheit geschehen ist, lässt sich nach allem, was gemessen wurde, in drei Worten beantworten: gemessen wenig, gedeutet viel, bezahlt sehr viel. Der Verlust, der dabei entstanden ist, betrifft nicht die Gesundheit. Er betrifft die Zuständigkeit des Menschen für sich selbst: seine Eigenverantwortung. Zur Selbstverwirklichung hat diese Gesellschaft ihre Mitglieder unablässig ermuntert. Die Verantwortung für sich selbst hat sie ihnen abgenommen.

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1. Das Verfahren verstehen
2. Eignung prüfen
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Quellen

1 Sommers, C.H.; Satel, S.: One Nation Under Therapy. How the Helping Culture Is Eroding Self-Reliance. New York: St. Martin's Press, 2005. [Im Original S. 140: «As we have seen, the popular psychological imperatives to “get it all out” and “feel it to heal it” do not always work. Cancer patients who talk about their ordeal in therapy groups do not live longer. Mourners do not have to go through five stages of grieving, and healthy grieving does not require wrenching sadness. Expressing anger does not invariably alleviate it; on the contrary, it can make one angrier. And when people are distraught, ruminating about their pain may only intensify the pain.»]

2 Alpert, J.: Therapy Nation. How America Got Hooked on Therapy and Why It's Left Us More Anxious and Divided. New York: Hanover Square Press, 2026.

3 Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrsg.): Psychische Gesundheit in der Schweiz: Entwicklung, Förderung, Prävention und Versorgung. Nationaler Gesundheitsbericht 2025. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik, 2025, S. 89.

4 Ormel, J.; Hollon, S.D.; Kessler, R.C.; Cuijpers, P.; Monroe, S.M.: More treatment but no less depression: The treatment-prevalence paradox. Clinical Psychology Review, 2022, 91, 102111.

5 Jorm, A.F.; Patten, S.B.; Brugha, T.S.; Mojtabai, R.: Has increased provision of treatment reduced the prevalence of common mental disorders? Review of the evidence from four countries. World Psychiatry, 2017, 16(1), 90-99.

6 Ehrenberg, A.: Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt am Main: Campus, 2004 [französische Erstausgabe: La fatigue d'être soi. Dépression et société. Paris: Odile Jacob, 1998].

7 Dörner, K.: Gesundheitssystem: In der Fortschrittsfalle. Deutsches Ärzteblatt, 20.09.2002, Band 99, Heft 38, S. A2462–A2466. [Zitat: Ziffer 11, S. A2464.]

8 Richter, D.; Wall, A.; Bruen, A.; Whittington, R.: Is the global prevalence rate of adult mental illness increasing? Systematic review and meta-analysis. Acta Psychiatrica Scandinavica, 2019, 140(5), 393-407.

9 Haslam, N.: Concept creep and the mental health crisis. Social Issues and Policy Review, 2026, 20:e70007, 1-16.

10 Tuch, A.; Fischer, F.B.; Jörg, R.: Monitoring zur Neuregelung der psychologischen Psychotherapie. Zweiter Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Obsan Bericht 07/2025. Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2025, S. 4 und S. 20.

11 Bundesamt für Sozialversicherungen: Jahresbericht IV-Statistik 2024. Bern: Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), 2025, S. 6.

12 Foulkes, L.; Andrews, J.L.: Are mental health awareness efforts contributing to the rise in reported mental health problems? A call to test the prevalence inflation hypothesis. New Ideas in Psychology, 2023, 69, 101010.

13 Hengartner, M.P.; Eymir, A.; Haslam, N.: Expanded definitions of psychopathology: Exploring concept creep in narcissistic personality disorder. Acta Psychologica, 2026, 264, 106604.

14 Hacking, I.: The looping effects of human kinds. In: Sperber, D.; Premack, D.; Premack, A.J. (Hrsg.): Causal Cognition. A Multidisciplinary Debate. Oxford: Clarendon Press, 1995, S. 351-394.

15 World Health Organization: ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Kennziffer 6B42 Prolonged grief disorder. Genf: WHO, 2022 [in Kraft seit 1. Januar 2022].

16 American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition, Text Revision (DSM-5-TR). Washington DC: American Psychiatric Association Publishing, 2022. [Die Trauerausschlussklausel war bereits mit DSM-5, 2013, entfallen.]

17 Treml, J.; Linde, K.; Brähler, E.; Kersting, A.: Prolonged grief disorder in ICD-11 and DSM-5-TR: differences in prevalence and diagnostic criteria. Frontiers in Psychiatry, 2024, 15, 1266132.

18 Frances, A.: Saving Normal. An Insider's Revolt Against Out-of-Control Psychiatric Diagnosis, DSM-5, Big Pharma, and the Medicalization of Ordinary Life. New York: William Morrow, 2013.

19 Horwitz, A.V.; Wakefield, J.C.: The Loss of Sadness. How Psychiatry Transformed Normal Sorrow into Depressive Disorder. New York: Oxford University Press, 2007.

20 Kleinman, A.: Culture, bereavement, and psychiatry. The Lancet, 2012, 379(9816), 608-609.

21 Szuhany, K.L.; Malgaroli, M.; Miron, C.D.; Simon, N.M.: Prolonged Grief Disorder: Course, Diagnosis, Assessment, and Treatment. Focus (American Psychiatric Association Publishing), 2021, 19(2), 161–172.

22 Currier, J.M.; Neimeyer, R.A.; Berman, J.S.: The effectiveness of psychotherapeutic interventions for bereaved persons: A comprehensive quantitative review. Psychological Bulletin, 2008, 134(5), 648-661.

23 Bonanno, G.A.: The Other Side of Sadness. What the New Science of Bereavement Tells Us About Life After Loss. New York: Basic Books, 2009.

24 Bisson, J.; Jenkins, P.; Alexander, J.; Bannister, C.: A randomised controlled trial of psychological debriefing for victims of acute burn trauma. British Journal of Psychiatry, 1997, 171(1), 78-81.

25 Mayou, R.; Ehlers, A.; Hobbs, M.: Psychological debriefing for road traffic accident victims. Three-year follow-up of a randomised controlled trial. British Journal of Psychiatry, 2000, 176, 589-593.

26 Rose, S.C.; Bisson, J.; Churchill, R.; Wessely, S.: Psychological debriefing for preventing post traumatic stress disorder (PTSD). Cochrane Database of Systematic Reviews 2002, Issue 2. Art. No.: CD000560.

27 van Emmerik, A.A.P.; Kamphuis, J.H.; Hulsbosch, A.M.; Emmelkamp, P.M.G.: Single session debriefing after psychological trauma: a meta-analysis. The Lancet, 2002, 360(9335), 766-771.

28 Petrosino, A.; Turpin-Petrosino, C.; Hollis-Peel, M.E.; Lavenberg, J.G.: «Scared Straight» and other juvenile awareness programs for preventing juvenile delinquency. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 4. Art. No.: CD002796.

29 Klatte, R.; Strauss, B.; Flückiger, C.; Rosendahl, J.: Adverse events in psychotherapy randomized controlled trials: A systematic review. Psychotherapy Research, 35(1), 84-99.

30 Cuijpers, P.; Reijnders, M.; Karyotaki, E.; de Wit, L.; Ebert, D.D.: Negative effects of psychotherapies for adult depression: A meta-analysis of deterioration rates. Journal of Affective Disorders, 2018, 239, 138-145.

31 Luchmann, D.: Warum kognitive Psychotherapie nachweislich am wirksamsten ist — aber den wenigsten hilft. Psychotherapie, 31.03.2026.

32 Villalon, I.: Depression: Volkskrankheit, Angst, Enrique. Statt Mut zu verbreiten, sorgt die Schweiz dafür, dass die Leute Angst vor dem Leben haben. Lösung? Widerstandsgeist. Inside Paradeplatz, Zürich, 28.11.2019.

33 Luchmann, D.: Die Schweiz als Paradies der psychotherapeutischen Ineffizienz. Psychotherapie, 14.08.2025.

34 Luchmann, D.: Gesundheitsdirektion Zürich unter Natalie Rickli und die Assoziation Schweizer Psychotherapeuten (ASP). Psychotherapie, 03.03.2026. [Enthält die Originaldokumente: Schreiben der ASP vom 01.09.2025 an die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich sowie die Antwort der Behörde.]

35 Luchmann, D.: Kognitive Kriegsführung der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP). Psychotherapie, 16.03.2026.

36 Illich, I.: Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens. München: C.H. Beck, 1995 [englische Erstausgabe: Medical Nemesis. The Expropriation of Health. London: Calder & Boyars, 1975].

37 Rieff, P.: The Triumph of the Therapeutic. Uses of Faith After Freud. New York: Harper & Row, 1966.

38 Tocqueville, A. de: De la démocratie en Amérique. Tome cinquième. Bruxelles: Meline, Cans et Compagnie, 1840. [Im Original S. 250: «C'est ainsi que tous les jours il rend moins utile et plus rare l'emploi du libre arbitre; qu'il renferme l'action de la volonté dans un plus petit espace, et dérobe peu à peu à chaque citoyen jusqu'à l'usage de lui-même. L'égalité a préparé les hommes à toutes ces choses; elle les a disposés à les souffrir et souvent même à les regarder comme un bienfait.»]

39 Drożdżowicz, A.; Grodniewicz, J.P.: Epistemic injustice and psychotherapy. Philosophical Psychology, 2025, 1–24.

40 Geurtzen, N.; Keijsers, G.P.J.; Karremans, J.C.; Hutschemaekers, G.J.M.: Patients' care dependency in mental health care: Development of a self-report questionnaire and preliminary correlates. Journal of Clinical Psychology, 2018, 74(7), 1189-1206.

41 Beahrs, J.O.; Gutheil, T.G.: Informed consent in psychotherapy. American Journal of Psychiatry, 2001, 158(1), 4-10.

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