Verhaltenstherapie: Schein und Wirklichkeit. Teil 3: «Dann hole ich den Leichenwagen»

Beim zweiten Anlauf macht der Patient fast alles richtig: Er bestimmt das Vorgehen selbst, wiederholt dieselben Strecken, geht zwei Kilometer allein durch den Regen und erlebt dabei Glück. Als er vorschlägt, für diesen Tag aufzuhören, um den Gewinn nicht zu verspielen, wird der Psychotherapeut wütend. Am Jahresende verwaltet der Mann seine Angst mit einem selbstgebauten Zwanzig-Stufen-Plan. Der Schlussteil eines Erfahrungsberichts, der zeigt, dass bei dieser Reizkonfrontation nicht die Tapferkeit fehlte, sondern die kognitive Psychotherapie.

Der Patient tat fast alles richtig

Man lese den zweiten Behandlungsversuch zunächst als Leistungsnachweis — und zwar als den des Patienten.

Er handelt ein Vorgehen aus, bei dem er selbst bestimmt, was unternommen wird. Er wählt die Wiederholung derselben Strecken, weil er vermutet, dass es dadurch leichter werde — was zutrifft. Er geht zwei Kilometer allein über die Felder zum Nachbarort, wartet dort in einer Scheune und stellt fest, dass sich Glück einstellt. Er tastet sich von diesem Punkt aus in kleinen Gängen weiter, hält aber vor der Ortsmitte an, weil dort eine zweite, andere Furcht beginnt. Er tritt den Rückweg von sich aus an, sucht sich sogar eine neue Route und kommt an.

Und dann trifft er die klügste Entscheidung des ganzen Berichts. Der Psychotherapeut will anschliessend mit ihm essen gehen; der Patient lehnt ab, weil er nass, müde und am Rand seiner Kräfte ist und, in seinen Worten, verhindern will, dass seine positiven Eindrücke ins Gegenteil umschlagen. Er hatte diesen Umschlag im Herbst zuvor erlebt und die Lehre daraus gezogen.

Die Reaktion darauf steht im Text: Der Psychotherapeut wurde regelrecht wütend; das sei eine einmalige Chance, die er nie wieder bekomme. Am nächsten Morgen fuhr er sichtlich genervt davon.

Damit ist das Verhältnis auf den Kopf gestellt. Der einzige Bestandteil dieser Behandlung, der funktionierte, war das Urteilsvermögen des Patienten — und es wurde als Disziplinproblem behandelt. Wer den Massstab anlegt, den die Fachärztin Carmen Heerdegen im Text formuliert — gute Psychotherapeuten machen ihre Klienten zu kompetenten Psychotherapeuten für sich selbst —, muss feststellen: Genau in dem Augenblick, in dem der Patient dieses Ziel von allein erreichte, wurde er dafür getadelt.

Der Leichenwagen

Vor dem Alleingang stellt der Patient eine Frage, die er sich nach eigener Auskunft nie zuvor laut zu stellen getraut hatte: Was passiere, wenn er unterwegs tot umfalle?

Für einen kognitiven Psychotherapeuten ist das der günstigste Augenblick der ganzen Behandlung. Der Patient legt seine Katastrophenvorhersage unaufgefordert auf den Tisch, in einem Satz, klar und prüfbar. Von hier aus führt der Weg über wenige Fragen: Wie wahrscheinlich ist das? Was müsste zutreffen, damit es geschieht? Wie oft war die Vorhersage bisher richtig, und wie oft falsch? Was spricht dafür, was dagegen? Am Ende steht eine Erwartung, die der Patient selbst formuliert hat und die der Gang anschliessend widerlegt oder bestätigt.

Die Antwort des Psychotherapeuten lautete: «Dann hole ich den Leichenwagen.»

Man kann das für Galgenhumor halten, und vermutlich war es so gemeint. Sachlich ist es die Umkehrung der Behandlung. Die falsche Überzeugung des Patienten wurde nicht kognitiv geprüft, sondern quittiert und stehengelassen. Der Mann marschierte los, während er weiterhin für möglich hielt, dabei zu sterben. Das ist Tapferkeit. Es ist keine Psychotherapie.

Und darin liegt die Erklärung dafür, dass der Erfolg nicht hielt. Nach heutigem Kenntnisstand wirkt eine Konfrontation nicht durch Gewöhnung, sondern durch die vorausgehende kognitive Korrektur und die anschliessende Erfahrung, dass die befürchtete Katastrophe in der Situation ausbleibt. Eine Erwartung lässt sich aber nur widerlegen, wenn sie zuvor ausgesprochen und als prüfbare Aussage festgehalten wurde. Bleibt sie unausgesprochen, geht der Patient durch die Situation hindurch, kommt heil an — und behält seine falsche Erwartung. Genau das ist hier geschehen, und im Lauf der folgenden Monate vermied er wieder.1

Was ihm blieb: eine Methode, die Angst zu verwalten

Der Schluss des Berichts ist die bitterste Stelle der ganzen Serie, und man sollte sie langsam lesen.

Der Mann baut sich selbst einen Behandlungsplan: zwanzig Stufen, jeweils etwa hundertfünfzig Meter auseinander, auf jeder Stufe zu verharren, bis er völlig ohne Angst ist, und das mindestens dreimal je Stufe. Bei Rücksprache mit der Einrichtung wird ihm bestätigt, das sei ein Schritt in die richtige Richtung; es dauere nur viel länger.

Er hat die Gewöhnungslehre so vollständig übernommen, dass er sie nun gegen sich selbst anwendet — einschliesslich der Bedingung «bis ich völlig ohne Angst bin», also genau jener Grösse, die sich später als nicht vorhersagekräftig für den Behandlungserfolg erwies. Man hat ihm nicht die Angst genommen. Man hat ihm eine Methode hinterlassen, mit der er sie verwaltet.

Eine Zeile weiter steht ein Eingeständnis, das die Grenze der Selbsthilfe ohne kognitive professionelle Führung sichtbar macht: Er habe sich in den letzten Monaten sehr viel Grundwissen über Angststörungen angelesen, es in die Praxis umzusetzen sei ihm aber nicht gelungen. Die Fachärztin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen hält in ihrem Kommentar fest, dass Bücher hier regelmässig eine schlechte Investition seien.

Das ist richtig und verlangt eine Unterscheidung, die selten gemacht wird. Ein Buch wendet sich an alle und kennt niemanden; es kann allgemeine Zusammenhänge erklären, aber nicht die individuellen Denkfehler erkennen, die der einzelne Leser begeht. Der Unterschied zwischen Lektüre und schriftlicher psychotherapeutischer Arbeit liegt nicht im Medium, sondern darin, wer wessen Überzeugungen prüft. Wer nur liest, sammelt Wissen über die Angst. Wer schreibt und dabei professionelle kognitive Führung erhält, bearbeitet die eigene.

Was dieses Dokument belegt und was nicht

Es ist ein Einzelfall und eine Stimme. Die beiden Psychotherapeuten sind nicht gehört worden. Der Patient selbst hält im Text ausdrücklich fest, dass die Einrichtung die Sache wahrscheinlich anders sehe, und nennt das verständlich. Der Bericht beschreibt die Jahre 2000 und 2001 und sagt nichts über den heutigen Zustand der genannten Einrichtung.

Zu den privaten Umständen. Der Bericht endet mit der Trennung von der Lebensgefährtin. Sie gehört zum Dokument und wird deshalb wiedergegeben, sie erklärt aber nicht das Scheitern der Behandlung — dieses lag ein halbes Jahr davor und war zu diesem Zeitpunkt längst eingetreten.

Was der Text zeigt, ist etwas anderes. Der fehlende Bestandteil der verhaltenstherapeutischen Konfrontationsbehandlung war nicht die Anstrengung. Die hatte dieser Mann im Übermass: gegen die Behörden, gegen die Kostenträger, gegen den Regen, gegen sich selbst. Gefehlt hat die vorbereitende und begleitende kognitive Arbeit, die ihm verständlich macht, wie er die Angst gelernt hat, die seine Denkfehler korrigiert und die Übungen zu einer beglückenden Bestätigung seines korrigierten Denkens macht.1

Der Anfang der Serie steht in Teil 1,2 der erste Behandlungsversuch in Teil 2.3

Quellen

1 Luchmann, D.: Warum kognitive Psychotherapie der Angst Freude macht. Psychotherapie. 08.08.2026. [Dort die Belege zur Erwartungsverletzung als Wirkfaktor der Konfrontation, insbesondere Craske u. a. 2008 und 2014, sowie zur Rolle des begleitenden Psychotherapeuten.]

2 Seelen, G.: Verhaltenstherapie: Schein und Wirklichkeit. Teil 1: «Christoph-Dornier-Klinik habe ich mitgemacht, seitdem bin ich pleite». Psychotherapie. 31.12.2001.

3 Mayer, H.: Verhaltenstherapie: Schein und Wirklichkeit. Teil 2: Erfahrungsbericht über Konfrontationsbehandlung bei Agoraphobie und Panikattacken. Psychotherapie. 31.12.2001.


Ein Zeitdokument von 2001

Der nachfolgende Erfahrungsbericht erschien zuerst am 31.12.2001 in der Zeitschrift Psychotherapie. Der Text wird im Original wiedergegeben — einschliesslich der damaligen Rechtschreibung und Begrifflichkeit. Der Name des Verfassers wurde bereits 2001 zu seinem Persönlichkeitsschutz geändert; der Bericht wurde von ihm ausdrücklich zur Veröffentlichung freigegeben. Die eingeschobenen Kommentare stammen von der Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen, Stuttgart; die dortigen Angaben zu Arzneimitteln geben den Zulassungs- und Prüfstand des Jahres 2001 wieder. Der Bericht bildet den Kenntnisstand der Jahre 2000 und 2001 ab und enthält keine Aussage über den gegenwärtigen Zustand der genannten Einrichtung.

Verhaltenstherapie der Ängste, Phobien und Panik-Störungen

Psychotherapie mit der Christoph-Dornier-Stiftung in Marburg — ein Erfahrungsbericht. Psychotherapie-Kliniken als teure Illusion bei Angst- und Panikstörungen, Teil 3 der dreiteiligen Artikelserie.

Von Helmut Mayer*

Zeitschrift PSYCHOTHERAPIE

Fortsetzung von Teil 2.

Im vorangegangenen Teil schilderte ich meine erste erfolglose Psychotherapie mit der Christoph-Dornier-Stiftung Marburg. Nachdem ich das Vertrauen zu der Psychotherapeutin verloren hatte, stand ich nun wieder sozusagen alleine da und bin einfach nicht am Ball geblieben. Heute weiß ich, dass dies ein Fehler war. Ich bin dann nach und nach wieder in mein altes Schema übergegangen, was halt eben aus Vermeidung besteht.

Im Frühjahr diesen Jahres beschloss ich, die Psychotherapie mit einem männlichen Kollegen von ihr fortzusetzen, was nach einigen Korrespondenzen mit der zuständigen Behörde auch genehmigt wurde. Ich dachte eben, zu einem Mann habe ich vielleicht mehr Vertrauen und er bringt auch mehr Erfahrung mit.

Als er sich dann bei mir vorstellte, musste ich feststellen, dass dieser Psychotherapeut auch nicht älter als 30 war, was mir schon wieder zu denken gab. Wir haben dann ein ganz anderes Therapiekonzept ausgearbeitet. Dieses sah so aus, dass von nun an ich selber entscheiden konnte, was wir unternehmen. Das gefiel mir auch sehr gut. Ich wollte ja nicht mehr in einer Stadt herumfahren müssen, während ich hier zu Hause noch nicht zurechtkam.

Wir haben dann einen Tag sehr viel Fußmärsche gemacht, meistens die selben Strecken. Denn ich war der Meinung, desto öfter ich diese Situationen bewältige, umso einfacher wird es dann, was sich auch als richtig heraus stellte. Es kamen auch hin und wieder diese alten negativen Gedanken hoch, dies alles nicht zu schaffen, aber es ging von Stunde zu Stunde besser. Am dritten Tag wollte ich eine ganze Strecke alleine gehen, hatte mir auch schon eine Route ausgedacht, die mir für den Anfang ausreichend erschien. Der Psychotherapeut meinte aber, er hätte sich eine andere, längere Strecke ausgedacht. Diese sollte bis zum nächsten Ort führen, was mich natürlich geschockt hat. Trotzdem habe ich aber dann nach kurzer Überlegungspause eingewilligt. Ich fragte ihn noch, was passieren würde, wenn ich tot umfalle. Seine Antwort ist mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Er meinte einfach nur: Dann hole ich den Leichenwagen.

Das fand ich aber gar nicht so toll und bin trotzdem losmarschiert. Ich war am Anfang schon sehr nervös. Nach einer Weile ging es dann und ich bin quer über die Felder mutterseelenallein auf mein Ziel losmarschiert. Ich war wirklich froh, dass es März war und es ziemlich stark regnete. In der Sommerhitze hätte ich das bestimmt nicht gemacht. Seit diesem ersten Panikanfall im Sommer 1982 habe ich nämlich Probleme bei großer Hitze.

Nach einer dreiviertel Stunde hatte ich mein Ziel erreicht und stellte mich in einer landwirtschaftlich genutzten Scheune unter, die kurz am Ortsrand steht. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, so ganz alleine da in einer ungewohnten Umgebung zu stehen. Aber auch ein Gefühl des Glücks kam in mir auf. Ich, ja ich hatte es ganz alleine geschafft, diese zwei Kilometer ohne große Probleme zu gehen. Weil wir uns dort verabredet hatten, wartete ich auf den Psychotherapeuten, der ja auch zu Fuß unterwegs war, aber bestimmt länger brauchen würde, weil er einen Umweg gehen musste. Ich fühlte mich nach und nach immer besser an diesem Ort, so das ich kleinere Spaziergänge in Richtung Dorf unternahm.

Bis zur Ortsmitte habe ich mich aber nicht getraut, da kam wieder diese Angst auf. Ich könnte ja einem Bekannten begegnen, weil ich die meisten Leute noch von früher kenne, da ich schließlich mal in diesem Dorf meine Lehre absolvierte. In einer mir nicht gewohnten Umgebung und dann noch einen Bekannten treffen, der dann auch bestimmt fragt, was ich bei diesem Regen hier mache, und ich nicht weiß, was ich ihm antworten soll - nein, das war zu viel. So habe ich mich immer in geringer Distanz von dieser Scheune aufgehalten, wo ich mich ja notfalls hätte verstecken können.

Als ich fast eine Stunde in diesem Bereich war und der Regen mich schon durchgeweicht hatte, entschloss ich mich, den Heimweg anzutreten. Ich wusste ja nicht, wo mein Psychotherapeut war. Vielleicht war er ja in der Ortsmitte, wo ich sowieso nicht hin gehen wollte, zumindest nicht alleine.

Ich bin dann in Richtung Heimat losmarschiert und hatte auch den Gedanken, dass ich dieses schaffen werde. Einfach zu sagen, ich gehe jetzt nach Hause, ohne wie früher zu denken, ich komme nie mehr nach Hause. Das war schon ein starkes Gefühl. Dass ich ein wenig Angst hatte, war ja klar, aber es war ein Gefühl da, das mir sagte, geh los, das schaffst du schon.

Und ich habe es geschafft! Sogar eine andere Route habe ich mir ausgedacht, und das war ein tolles Gefühl. Nicht lange danach, als ich schon zu Hause war, kam auch mein Psychotherapeut und meinte, dass ich die Sache sehr gut gemacht hätte. Er wollte dann gleich mit mir in ein Lokal gehen zum Essen. Das löste in mir wieder großes Unbehagen aus, weil ich so etwas, auch als ich noch gesund war, nie gerne gemacht habe. Ich sagte zu ihm, dass ich das nicht möchte, so etwas kann ich immer noch machen, wenn ich darauf Lust habe. Ich war zu diesem Zeitpunkt auch bis auf die Knochen nass und dachte mir, dass ich mir nicht mehr so viel zumuten möchte an einem Tag, weil ich die Erfahrung ja schon gesammelt hatte darüber. Und bevor dadurch meine positiven Eindrücke und Gedanken wieder in das Gegenteil umschlagen, schlug ich ihm vor, es für heute zu belassen. Was ihm aber gar nicht so recht war, wie mir schien. Ich hatte einfach den Eindruck, dass ich jetzt selber alleine die Psychotherapie weiter machen möchte.

Auch der zweite Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Stiftung hat den Patienten nur ausgeführt, aber nicht kognitiv mit ihm gearbeitet. Das hätte, so weckt die Schilderung den Eindruck, ein Nachbar oder die Freundin nicht schlechter machen können. Trotz der unnötigen Quälerei mangels kognitiver Vorbereitung ist das eigene Bemühen des Patienten bewundernswert. Leider genügt es nicht allein für einen Erfolg.

Kommentar: Carmen Heerdegen Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart.

Ich war zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder ein wenig überfordert, wollte es mir aber nicht anmerken lassen. Es ist schon klar, dass eine solche Psychotherapie kein Zuckerschlecken ist. Weil ich mich ja am besten kenne, wusste ich nur soviel: Wenn ich da hätte weiter machen sollen und am nächsten Tag wieder mit dem Auto in der Gegend herum fahren soll, dann wäre es wieder soweit gekommen, dass ich diese Psychotherapie in keiner guten Erinnerung behalten würde. Nein, ich hätte mich einfach wieder zurück gezogen - und das wollte ich ja nicht.

Ich sagte ihm dann klipp und klar, was ich denke und fühle, und dass ich jetzt allein meine Schritte machen möchte. Er wurde regelrecht wütend: das wäre eine einmalige Chance für mich, die bekäme ich nie wieder und so weiter. Mit seinem Verhalten hat er mich aber erst recht darin bekräftigt, die Psychotherapie alleine weiter zu machen. Ich sollte meine Entscheidung noch mal überschlafen, was ich tat. Mit dem gleichen Ergebnis. Er ist dann an diesem Morgen, sichtlich genervt und auch böse, weggefahren.

Zum Abschluss zu diesen beiden Therapien konnte und kann ich immer noch so viel sagen: Es kam mir alles sehr unpersönlich vor. Die Psychotherapeuten sind gar nicht genug auf meine Gedanken und Gefühle eingegangen, was mich in Anbetracht der hohen Kosten, auf die mich der letzte Psychotherapeut immer wieder hingewiesen hat, alles irgendwie nur so abgespult wurde.

In mir kam das Gefühl auf, das sie ein eingespieltes Programm in kurzer Zeit abspulen mussten. Und ein so genannter Therapieabbruch, wie er es nannte, nicht zu ihrem Erfolg beitragen würde. Wie gesagt, das war und ist noch immer mein gewonnener Eindruck. Und dazu stehe ich heute noch. Auch wenn es von der CDS wahrscheinlich anders gesehen wird, was ja auch zu verstehen ist.

Ich habe dann angefangen, alleine weiter zu machen. Bin morgens, mittags und abends sehr viel unterwegs gewesen. Meistens zu Fuß. Oder mit meinem Geländemotorrad. Hat auch Spaß gemacht. Ich bin immer ein bisschen weiter raus gegangen, aber leider nicht weit genug. Da kam immer wieder diese Angst. Es gab Tage, da bin ich weiter raus und dann auch wieder nicht, weil mein altes Denkschema immer wieder durchkam.

Auch in Begleitung meiner damaligen Freundin habe ich es einfach nicht geschafft. Ich dachte, die ganze Anstrengung mit dieser teuren Psychotherapie war für die Katz. War sie aber trotzdem nicht, wie ich heute weiß. Denn die Erkenntnis, dass auch ich es schaffen kann, habe ich ja. Nun gut, Spaß hat es beileibe nicht gemacht, in der Stadt herum zu fahren, aber diese Spaziergänge in meiner geliebten Natur waren letztendlich doch sehr schön. Mein Ziel war es ohnehin nicht, in der Stadt herum zu fahren, sondern hier in meiner vertrauten Gegend wieder allmählich Fuß zu fassen.

Und dieses Ziel habe ich immer noch. Nur geht mir manchmal doch der Glaube daran verloren, leider.

Ich sehe die Menschen, wie sie sich frei bewegen, hier hin oder dort hin fahren, einfach die Dinge tun, die ihnen Spaß machen, dann kommt doch schon sehr viel Wehmut auf. Ich fühle mich außen vor, nicht dazu gehörig, nicht richtig akzeptiert usw.

Und zum Schluss kam noch sehr erschwerend hinzu, dass meine Freundin sich von mir getrennt hat. Weil sie, wie sie meinte, einfach keine Kraft mehr aufbringen könne und sie in unserer Beziehung keine gemeinsame Zukunft sehen würde. Da brach natürlich eine Welt in mir zusammen. Habe ich doch die ganzen Anstrengungen und Strapazen auf mich genommen, um mit ihr eine schöne Zukunft zu haben. Und jetzt das. Ich dachte, das kann doch alles nicht sein. Wozu soll ich denn jetzt noch weiter an mir arbeiten? Die ganzen Zukunftspläne und Träume wurden auf einen Schlag zunichte gemacht. Ich saß in einem ganz tiefen Loch, wo ich jetzt so langsam wieder heraus komme, im Zuschauen, ob die Welt noch da ist.

Ich ertappe mich aber öfters dabei, dass ich Gedanken zulasse, du schaffst es auch alleine, aber nur warum...

Der Gedanke, es für mich zu tun, scheint mir immer noch absurd. Oder doch nicht? Ich weiß es leider noch nicht richtig, dafür ist die Zeitspanne seit unsrer Trennung noch nicht groß genug. Ich war immer so glücklich, meiner Freundin abends von meinen Erfolgserlebnissen zu berichten, auch wenn es nur kleine Schritte waren. Und jetzt: Wem soll ich in Zukunft von meinen Erfolgen berichten? Es ist schon ein sehr merkwürdiger Zustand, der, wie ich mittlerweile weiß, auch vorübergeht. Es braucht halt seine Zeit. Meine Exfreundin möchte mir auf jeden Fall weiter helfen und mich unterstützen. Aber sie wohnt nicht mehr bei mir, und es ist alles ein wenig anders.

Ich habe vor ein paar Wochen, als wir noch nicht getrennt waren, den Entschluss gefasst, es mal mit Psychopharmaka zu versuchen, obwohl ich seit meiner Kindheit ein Gegner jeglicher Medikamente bin. Und da bin ich auf eine Seite im Internet gestoßen, wo über eine Studie berichtet wird, wonach ein Kava-Kava Produkt die gleichen Wirkungen erzielt habe. Habe mir dieses Produkt besorgt. Die Dosierung war einmal täglich 120 mg. Habe meine Johanniskraut-Tabletten abgesetzt und über einen Zeitraum von drei Wochen dieses Kava-Kava Produkt eingenommen. Es hat sich aber auch in der dritten Woche keine Verbesserung eingestellt, so dass ich beschloss, wieder meine bewährten Johanniskraut-Tabletten zu nehmen.

Viele an Angst und Panik leidende Menschen greifen früher oder später in ihrer Verzweiflung zu Tabletten und vergrößern damit ihre Probleme. Tabletten können kein Denken ändern. Krankhafte Angst jedoch ist das Ergebnis von fehlgesteuertem Denken, aus dem am wirksamsten kognitive Verhaltenstherapie heraus hilft. Übrigens steht Kava im Verdacht, die Leber zu schädigen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte prüft deshalb ein Verbot Kava-haltiger Beruhigungs- und Entspannungs-Mittel. Der Pharmakonzern Merck hat vor diesem Hintergrund seine Kava-haltigen Beruhigungs- und Entspannungsmittel bereits Ende November vom Markt genommen.

Kommentar: Carmen Heerdegen Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart.

Habe ja hier zu Hause oder in meinem Umkreis, den ich mir gesteckt habe, kaum oder gar keine Ängste, habe aber gemerkt, dass ich viel ruhiger bin seit ich vor etwa drei Jahren diese Tabletten nehme.

Nun bin ich endlich einigermaßen wieder so weit, dass ich wieder versuche, mit meiner Geländemaschine wenigstens dorthin raus zu fahren, wo ich vorher, also am Schluss der Psychotherapie war, was mir auch einigermaßen gelingt. Sobald ich aber nur ein paar Meter weiter will, meldet sich der Saboteur wieder und gibt mir das Gefühl, wieder zurückfahren zu müssen, was ich letztendlich dann auch tue.

Weil ich demnächst von einem Freund ein kleines Auto geschenkt bekomme, habe ich mir einen Hierarchieplan erarbeitet. Dieser besteht aus 20 Stufen. Die erste Stufe ist die, wo ich am wenigsten Angst empfinde, die zweite dort, wo ich mehr Angst empfinde usw. In jeder Stufe muss ich so lange bleiben, bis ich völlig ohne Angst bin. Und dieses wiederhole ich dann mindestens dreimal pro Stufe, bis ich dann zur nächsten höheren Stufe übergehe. So meine Theorie. Wie die Praxis dann in meinem Fall aussieht, weiß ich noch nicht. Habe es jedenfalls mal vor, sobald ich das Auto mein eigen nennen kann. Habe mir die einzelnen Stufen so ausgearbeitet, das zwischen jeder so ca. 150 Meter liegen. Mal schauen, ob es mir gelingt. Bei Rücksprache mit der CDS wurde mir gesagt, dass dies ein Schritt in die richtige Richtung sein könne. Es würde nur viel länger dauern. Es bleibt mir aber keine andere Wahl, als mir selber zu helfen. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich klammere mich jedenfalls an jeden Strohhalm, der mir angeboten wird und vielleicht Erfolg verspricht.

In den letzten Monaten habe ich mir sehr viel Grundwissen über die Angststörungen im allgemeinen angelesen, aber es in die Praxis umzusetzen, ist mir bis jetzt nicht gelungen.

Angst- und Panikstörungen allein mit einem Buch überwinden zu wollen, erweist sich regelmäßig als schlechte Investition. Der Markt bietet viele Bücher, aber keines, das Psychotherapeuten ersetzt, die individuell in nur 12 Stunden zum Erfolg führen.

Kommentar: Carmen Heerdegen Fachärztin für Neurologie und Psychotherapeutin, Stuttgart.

Ich habe nur einen Wunsch, meine Angststörungen in den Griff zu bekommen und wieder ein normales Leben führen zu können. Ich hoffe, ich konnte Ihnen hiermit einen Eindruck vermitteln über mein Leben, die Psychotherapie und was danach geschehen ist.

*Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Wir danken dem Autor für den Mut und die Mühe, diese Dokumentation zu verfassen, «um anderen Patienten mit Angststörungen behilflich zu sein».

Zum Teil 1 und Startbeitrag dieses Erfahrungsberichtes über die Christoph-Dornier-Stiftung und Christoph-Dornier-Klinik.

Publiziert am 31.12.2001.

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