Es gibt einen Trost, der zuverlässiger wirkt als jeder menschliche Zuspruch, sofort verfügbar ist, nichts kostet und niemals ausbleibt. Er hat nur eine Eigenschaft, die man erst bemerkt, wenn man ihn eine Weile bezogen hat: Er nimmt das Verlangen weg, das einen zu anderen Menschen getrieben hätte.
Die Rede ist von den antwortenden Systemen der künstlichen Intelligenz — also von jenen Programmen, mit denen man sich unterhalten kann wie mit einem Menschen. Und es geht um die Frage, was sie mit unserer Fähigkeit anstellen, uns an andere Menschen zu binden.
Diese Unterscheidung ist wichtig, und sie soll gleich zu Beginn feststehen: Wenn hier von Bindung die Rede ist, dann immer von der Bindung zwischen Menschen. Die Gewöhnung an ein Gerät ist keine Bindung, sondern ihr Ersatz. Und wenn von Gesellschaft die Rede ist, dann von einer Gesellschaft aus Menschen, die miteinander auskommen müssen.
Der Gedankengang dieses Textes verläuft in sechs Schritten. Erstens: Das Bedürfnis nach Nähe ist angeboren und nicht ersetzbar. Zweitens: Einsamkeit ist keine Krankheit, sondern ein Warnsignal, das uns zu anderen Menschen treiben soll. Drittens: Ein antwortendes Gerät schaltet dieses Warnsignal ab, ohne seine Ursache zu beheben. Viertens: Der dafür nötige Boden wurde schon vor Jahrzehnten bereitet, als man Kindern die unbeaufsichtigte Zeit nahm. Fünftens: Was dabei verlorengeht, ist nicht nur privates Glück, sondern eine Voraussetzung des Zusammenlebens. Und sechstens: Was man dagegen tun kann.
Der Anfang liegt siebzig Jahre zurück, in einem Labor in Wisconsin.
Ein Käfig in Wisconsin offenbarte, was Bindung bedeutet
Im Jahr 1958 stellte der amerikanische Psychologe Harry Harlow zwei Puppen in einen Käfig. Die eine bestand aus nacktem Drahtgeflecht; an ihr war eine Milchflasche befestigt. Die andere war ein Holzklotz, mit weichem Frotteestoff überzogen und leicht beheizt; sie gab nichts zu trinken. Dazwischen setzte er neugeborene Rhesusaffen, die man ihren Müttern kurz nach der Geburt weggenommen hatte.1
Die damals herrschende Lehre erwartete ein eindeutiges Ergebnis. Bindung, so glaubte man, entstehe aus der Fütterung: Das Kind liebe die Mutter, weil sie es nährt. Nach dieser Auffassung wäre Zuneigung ein Nebenprodukt der Nahrungsaufnahme — man liebte den, der einen satt macht. Die Affenkinder hätten sich also an die Drahtmutter mit der Milchflasche halten müssen.
Sie taten das Gegenteil, und zwar innerhalb weniger Tage. Sie gingen zur Drahtmutter nur, um zu trinken, und kehrten sofort zurück. Bis zu achtzehn Stunden am Tag verbrachten sie an dem Stoffklotz, der ihnen nichts geben konnte ausser Wärme. Und wenn Harlow ein lautes, sich bewegendes Objekt in den Käfig stellte, um Angst zu erzeugen, flohen sie ausnahmslos zum Frottee und nicht zur Milch.
Harlow nannte das contact comfort, den Trost der Berührung. Der Befund wurde zu einem Fundament der modernen Bindungsforschung, und seine Bedeutung lässt sich in einem Satz sagen: Das Bedürfnis nach Nähe ist ein eigenständiges Bedürfnis. Es ist nicht von einem anderen abgeleitet, es ist nicht anerzogen, und es lässt sich nicht durch Versorgung ersetzen.
«Angeboren» heisst dabei nicht «unwichtig» oder «tierisch». Es heisst: Dieses Bedürfnis ist im Bauplan enthalten, so wie Hunger und Durst im Bauplan enthalten sind. Man kann es nicht abtrainieren, man kann es nur befriedigen oder unbefriedigt lassen. Und wie Harlows Versuch zeigt, ist es in der akuten Not sogar stärker als der Hunger. Ein Säugetier kann mit vollem Magen seelisch verhungern.
Eine Genauigkeit ist hier fällig, weil sie in populären Darstellungen regelmässig verlorengeht. Harlows Tiere zeigten später schwere, lebenslange Schäden: stundenlanges Schaukeln, Selbstverletzung, Unfähigkeit zur Paarung, Misshandlung des eigenen Nachwuchses. Diese Schäden stammen aber nicht aus der Aufzucht mit einer Stoffpuppe. Sie stammen aus vollständiger sozialer Isolation, also aus Versuchsbedingungen, in denen die Tiere überhaupt keinen Artgenossen sahen.
Der Unterschied ist wesentlich, und er trägt die ganze weitere Argumentation. Der Stoffklotz war kein Gift. Er war eine Sackgasse. Er beruhigte das Tier zuverlässig — und brachte ihm nichts bei. Ein beruhigtes Tier, das nichts lernt, bleibt ein hilfloses Tier.
Zwischenbilanz: Nähe zu einem anderen Lebewesen ist ein angeborenes Grundbedürfnis. Ein Ersatzobjekt kann dieses Bedürfnis für den Augenblick stillen, ohne irgendetwas beizubringen. Das ist die Grundfigur, die uns durch den ganzen Text begleiten wird.
Das Gefühl, allein zu sein, ist ein Signal
Damit sind wir beim Menschen. Wer den Befund übertragen will, muss zunächst eine Frage beantworten, die selten gestellt wird: Wozu ist Einsamkeit eigentlich da?
Ein Hinweis zum Wort vorweg, weil davon später einiges abhängt. «Einsamkeit» bedeutet im Alltagsdeutsch: Einem Menschen fehlen andere Menschen. In diesem gewohnten Sinn wird das Wort in den nächsten Kapiteln verwendet. Hannah Arendt, auf die wir gegen Ende zurückkommen, gebraucht es genau umgekehrt — bei ihr bezeichnet es den fruchtbaren Zustand des Mit-sich-allein-Seins. Bis dorthin gilt der Alltagsgebrauch.
Einsamkeit gilt gemeinhin als Zustand, den man abstellen sollte, wie man Kopfschmerzen abstellt. Tatsächlich ist sie etwas anderes: ein Messinstrument und ein Antrieb zugleich.
Der Vergleich, der das am schnellsten klarmacht, ist die Angst. Die Angst ist unangenehm — und genau darin besteht ihr Nutzen. Sie zwingt zum Handeln: Bring dich in Sicherheit, oder lerne, mit der Sache umzugehen. Wäre Angst angenehm, würde niemand auf sie reagieren, und wir wären längst ausgestorben.
Die Einsamkeit ist nach demselben Muster gebaut. Sie ist unangenehm, und sie enthält eine Handlungsanweisung: Geh zu jemandem. Wer sie spürt, verhält sich anders — er ruft an, geht aus dem Haus, sucht Gesellschaft. Das ist der Sinn der Einrichtung.
Daraus folgt eine Regel, die für alles Weitere entscheidend ist: Ein Warnsignal erfüllt seinen Zweck nur so lange, wie es unangenehm bleibt. Wer den Schmerz in einem gebrochenen Fuss betäubt, ohne den Bruch zu behandeln, läuft auf dem gebrochenen Fuss weiter und zerstört ihn vollends. Nicht weil das Schmerzmittel schlecht wäre, sondern weil es das Falsche behoben hat: das Signal statt der Ursache.
Dass es sich bei der Einsamkeit tatsächlich um ein körperliches Warnsystem von erheblicher Wucht handelt, ist inzwischen amtlich vermessen. Der oberste Gesundheitsberater der Vereinigten Staaten hat Einsamkeit und soziale Isolation zur Epidemie erklärt und beziffert das Sterberisiko in der Grössenordnung des Rauchens von bis zu fünfzehn Zigaretten täglich; hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für Angststörungen, Depressionen und Demenz.2
Man sollte diese Zahl nicht überlesen. Sie besagt nicht, dass Einsamkeit unangenehm sei. Sie besagt, dass anhaltende Einsamkeit den Körper in ähnlicher Grössenordnung schädigt wie eine schwere Sucht. Ein Alarmsystem von dieser Stärke baut die Natur nicht ohne Grund ein.
Zwischenbilanz: Einsamkeit ist kein Defekt, den man beseitigen sollte, sondern ein Antrieb, dem man folgen sollte. Wer nur das Gefühl beseitigt und nicht den Mangel, hat das Signal abgeschaltet und die Lage verschlechtert.
Die Maschine als Vermeidungsverhalten
Jetzt lässt sich präzise sagen, was ein antwortendes Gerät tut.
Jeder Psychotherapeut, der Angststörungen behandelt, kennt den Vorgang, um den es geht. Er heisst in der Fachsprache Vermeidung, und er verläuft in zwei Phasen. Wer Angst vor Aufzügen hat und die Treppe nimmt, fühlt sich sofort besser: Das ist die erste Phase, die Erleichterung. Am nächsten Tag ist die Angst vor Aufzügen jedoch grösser als zuvor: Das ist die zweite Phase.
Warum das so ist, muss man aussprechen, denn hier liegt der Schlüssel. Wer flieht, macht nie die Erfahrung, dass es auch ohne Flucht gut ausgegangen wäre. Die Befürchtung bleibt deshalb ungeprüft im Raum stehen und wird durch die Flucht sogar bestätigt: «Gut, dass ich die Treppe genommen habe.» Vermeidung entlastet also kurzfristig und erhält die Störung langfristig am Leben. Sie ist der zuverlässigste Mechanismus, mit dem sich ein psychisches Leiden selbst reproduziert — der Kranke tut genau das, was ihm Erleichterung verschafft, und wird dadurch kränker.
Und nun betrachte man das Gerät unter diesem Gesichtspunkt. Es antwortet jederzeit, bleibt freundlich, weist nie zurück und hat keine eigenen Bedürfnisse. Damit ist es das vollkommenste Vermeidungsobjekt, das für die Einsamkeit je zur Verfügung stand.
Es senkt den Leidensdruck binnen Sekunden — und beseitigt damit genau jenen Druck, der einen Menschen aus der Wohnung getrieben hätte. Der Anruf beim alten Freund unterbleibt. Der Verein wird nicht wieder besucht. Die unangenehme Aussprache findet nicht statt. Nichts davon fühlt sich wie ein Verzicht an. Es fühlt sich wie Trost an. Genau das macht es so wirksam: Niemand bemerkt eine Vermeidung, die sich gut anfühlt.
Warum das Gerät anders wirkt als die sozialen Netzwerke
An dieser Stelle ist ein Unterschied zu erklären, der selten benannt wird, aber alles verändert. Es geht darum, wie regelmässig eine Belohnung eintrifft.
Soziale Netzwerke arbeiten mit unregelmässiger Belohnung. Mal kommt Zustimmung, mal nicht, mal kommt eine Kränkung. Das ist das Prinzip des Spielautomaten: Gerade weil man nicht weiss, ob der nächste Versuch etwas bringt, versucht man es immer wieder. Unregelmässige Belohnung macht Verhalten also besonders hartnäckig — deshalb sind diese Anwendungen so klebrig. Entscheidend ist aber: In ihnen kommen noch echte Menschen vor, und echte Menschen enttäuschen.
Das antwortende System arbeitet umgekehrt: mit nahezu lückenloser Zustimmung. Es ist kein Spielautomat, sondern ein Lichtschalter — man drückt, und es geht zuverlässig an. Nach den Regeln der Lerntheorie müsste es deshalb sogar weniger festhalten als ein soziales Netzwerk.
Es tut jedoch etwas anderes, und dieses andere ist vermutlich folgenreicher. Es verschiebt den Massstab.
Wer sich an ein sehr hohes Mass an Zustimmung gewöhnt, empfindet ein gewöhnliches Mass als Mangel. Das kennt jeder aus dem Alltag: Wer täglich Süssigkeiten isst, findet einen Apfel fade — nicht weil der Apfel schlechter geworden wäre, sondern weil der Vergleichspunkt gewandert ist. Genau das geschieht hier mit dem menschlichen Umgang. Wer über Monate hinweg ausschliesslich Zustimmung erhält, erlebt die gewöhnliche Gleichgültigkeit anderer Menschen als Zurückweisung, ihre Kritik als Angriff und ihre Zerstreutheit als Beleidigung.
Nicht die Maschine bindet den Nutzer an sich. Sie verdirbt ihm den Vergleich.
Was die Forschung tatsächlich weiss
Es wäre nun bequem, hier eine Studie anzuführen, die alles beweist. Es gibt sie nicht, und wer das Gegenteil behauptet, führt seine Leser in die Irre.
Die bislang aufwendigste Untersuchung stammt vom MIT Media Lab: vier Wochen, gut neunhundert Teilnehmer, über dreihunderttausend Nachrichten, mit zufälliger Zuteilung der Versuchsbedingungen.3 Zufällige Zuteilung — man nennt sie Randomisierung — ist deshalb wichtig, weil nur sie erlaubt, von einer Ursache zu sprechen: Wenn das Los entscheidet, wer was bekommt, können die Gruppen sich vorher nicht systematisch unterschieden haben.
Das Ergebnis war ernüchternd: Zwischen den zugeteilten Bedingungen zeigte sich kein bedeutsamer Unterschied. Auffällig war etwas anderes. Jene Teilnehmer, die von sich aus mehr nutzten, hatten durchgängig schlechtere Werte bei Einsamkeit, realem Sozialkontakt, emotionaler Abhängigkeit und problematischer Nutzung.
Und hier ist Vorsicht geboten, denn genau an dieser Stelle wird in der öffentlichen Debatte gewöhnlich falsch geschlossen. Wer von sich aus mehr nutzt, wurde nicht ausgelost — er hat sich selbst ausgewählt. Fachleute sprechen von Selbstauswahl. Die Folge: Man kann nicht sagen, ob die Maschine die Menschen einsam gemacht hat oder ob die bereits Einsamen häufiger zur Maschine greifen. Es ist wie bei der Beobachtung, dass Menschen mit Krücken häufiger hinken. Die Krücke ist deshalb nicht die Ursache des Hinkens.
Es gibt zudem einen Befund, der in die entgegengesetzte Richtung weist und deshalb hierhergehört. Eine Untersuchung an gut tausend studentischen Nutzern eines Begleitprogramms fand zwar, dass diese Nutzer deutlich einsamer waren als vergleichbare Studentengruppen — sie berichteten aber häufiger davon, die Anwendung habe ihre menschlichen Kontakte angeregt, als davon, sie habe sie verdrängt. Drei Prozent gaben an, sie habe ihre Suizidgedanken beendet.4 Zu dieser Arbeit ist inzwischen eine förmliche Erwiderung in derselben Zeitschrift erschienen, die den fehlenden Hinweis auf die Vermarktung des Produkts und die Gefährdung wissenschaftlicher Unabhängigkeit durch Industrieinteressen geltend macht, samt Replik der Autoren.5
Die Fachliteratur führt die beiden Möglichkeiten unter eigenen Namen, und man versteht den ganzen Streit, wenn man sie kennt. Die Verdrängungshypothese besagt: Die Maschine nimmt den Platz ein, den vorher Menschen hatten. Die Stimulierungshypothese besagt das Gegenteil: Sie gibt dem Scheuen eine Übung und ein Selbstvertrauen, mit denen er anschliessend leichter auf Menschen zugeht.
Beide sind im Rennen. Wer heute schreibt, die Sache sei entschieden, verkauft eine Vermutung als Ergebnis.
Zwischenbilanz: Der Mechanismus ist klar beschreibbar — das Gerät wirkt wie ein Vermeidungsverhalten und verschiebt zusätzlich den Massstab für menschlichen Umgang. Was noch nicht bewiesen ist, ist die Richtung der Ursache. Diesen Unterschied wird der Text durchhalten.
Die Falle des Betrachters
Warum man diese Offenheit aushalten muss, statt sie wegzurunden, lehrt ausgerechnet Harlows Labor selbst — durch eine Episode, die kaum jemand kennt.
Im selben Jahr 1958 besuchten zwei prominente Fachleute die Versuchsanlage und sahen dieselben Tiere.
Bruno Bettelheim, damals ein gefeierter Kinderpsychologe, sah in den verstörten Affen die Bestätigung seiner These, kalte Mütter verursachten Autismus. Seine Behandlungsempfehlung bestand folgerichtig darin, Kinder ihren Eltern wegzunehmen.
John Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie, sah in denselben Tieren etwas ganz anderes: das Ausbleiben einer Antwort auf die Signale des Jungtiers. Er zog daraus den entgegengesetzten Schluss und wollte die Eltern ausdrücklich in die Behandlung einbeziehen.
Harlow selbst hielt Bettelheims Buch für weitgehend inhaltsleer und den Autismus für organisch bedingt; Bowlbys Arbeit schätzte er hoch.6
Die Geschichte hat entschieden. Bettelheims Theorie gilt als widerlegt und seine Behandlungspraxis als schädlich; die Bindungstheorie wurde zu einem Fundament der Entwicklungspsychologie. Für unseren Zusammenhang zählt aber nicht, wer recht behielt, sondern was der Vorgang zeigt: Zwei kompetente Fachleute betrachteten dieselben Tiere und gingen mit entgegengesetzten Gewissheiten wieder hinaus — beide vollkommen überzeugt, sie hätten schlicht gesehen, was da ist.
Der Fachbegriff dafür lautet Bestätigungsfehler: die Neigung, in einer unklaren Lage bevorzugt das wahrzunehmen, was die eigene Überzeugung stützt, und das Übrige zu übersehen. Er ist kein Zeichen von Dummheit. Er trifft Fachleute genauso, oft sogar stärker, weil sie mehr Theorie mitbringen, in die sich das Gesehene einfügen lässt.
Dass sich der Vorgang wiederholt, lässt sich gegenwärtig beobachten. Jonathan Haidt führt den Einbruch der psychischen Gesundheit Jugendlicher auf die Ablösung der spielbasierten durch die telefonbasierte Kindheit zurück.7 Candice Odgers hält ihm in der Zeitschrift Nature entgegen, die Behauptung einer Umverdrahtung kindlicher Gehirne sei wissenschaftlich nicht gedeckt, und warnt, die Fixierung auf die sozialen Medien lenke von den tatsächlichen Ursachen ab.8 Dieselben Zeitreihen, entgegengesetzte Lesarten, beide Seiten hochkompetent.
Zwischenbilanz: Wer in einen Käfig blickt, sollte sich zuerst fragen, was er mitgebracht hat. Das gilt auch für den Verfasser dieser Zeilen — und es ist der Grund, warum dieser Text die Gegenargumente mitliefert, statt sie zu verschweigen.
Die Fehlentwicklung ist seit 1956 sichtbar
Es gibt in diesem Streit eine dritte Position, und sie ist unbequemer als beide. Der Entwicklungspsychologe Peter Gray hat sie 2023 gemeinsam mit dem Anthropologen David Lancy und dem Psychologen David Bjorklund im Journal of Pediatrics vorgelegt.9
Ihr Kernsatz lautet: Der Einbruch der psychischen Gesundheit junger Menschen läuft nicht seit zehn oder fünfzehn Jahren, sondern seit mindestens fünf bis sechs Jahrzehnten.
Die Zahlen dazu muss man langsam lesen, weil sie in Fachsprache abgefasst sind. Auf der Children's Manifest Anxiety Scale, einem seit den fünfziger Jahren unverändert eingesetzten Fragebogen zur Angst bei Kindern, stiegen die Durchschnittswerte neun- bis elfjähriger Kinder zwischen 1956 und den späten achtziger Jahren um eine volle Standardabweichung.
Was das bedeutet, sei ausbuchstabiert. Die Standardabweichung ist das übliche Mass dafür, wie weit die Werte einer Gruppe streuen. Eine Verschiebung um eine ganze Standardabweichung ist eine sehr grosse Verschiebung: Sie bedeutet, dass rund 85 Prozent der Kinder Ende der achtziger Jahre ängstlicher waren als das Durchschnittskind von 1956. Anders gesagt: Das durchschnittliche Kind von 1956 hätte dreissig Jahre später zu den ruhigsten sechs von vierzig Kindern einer Klasse gehört.
Für die Depression bei Oberschülern zwischen 1950 und 2002 fand sich eine Veränderung ähnlicher Grössenordnung. Der Anteil junger Menschen, die über der klinischen Schwelle für eine Angststörung oder eine Depression lagen — also über jenem Wert, ab dem man von einer behandlungsbedürftigen Erkrankung spricht —, stieg in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf das Fünf- bis Achtfache. Und die Suizidrate der Kinder unter fünfzehn Jahren stieg zwischen 1950 und 2005 auf das Dreieinhalbfache und von 2005 bis 2020 noch einmal auf das 2,4-Fache.
Nun der Satz, auf den es ankommt und den man einen Augenblick stehen lassen sollte:
Das erste Smartphone kam 2007 auf den Markt.
Damit ist der Streit zwischen Haidt und seinen Kritikern nicht entschieden. Er ist neu gerahmt. Wer immer recht behält: Die Kurve war längst unterwegs, bevor das Gerät sie erreichte. Wer also das Smartphone für die Ursache hält, muss erklären, wieso die Werte schon fünfzig Jahre vor seiner Erfindung stiegen.
Was Gray stattdessen als Ursache benennt
Gray und seine Mitautoren machen den jahrzehntelangen Rückgang der Gelegenheiten verantwortlich, bei denen Kinder und Jugendliche spielen, herumstreifen und Dinge tun konnten, die nicht unter der Aufsicht und Kontrolle Erwachsener standen. Auch dafür gibt es Zahlen, und sie sind eindeutig.
In England fiel die elterliche Erlaubnis, allein von der Schule nach Hause zu gehen, von 86 Prozent im Jahr 1971 auf 35 Prozent 1990 und auf 25 Prozent im Jahr 2010. In den Vereinigten Staaten gingen oder radelten 1969 noch 47,7 Prozent der Kinder zur Schule; 2009 waren es 12,7 Prozent. Zwischen 1981 und 2003 stieg die Zeit, die sechs- bis achtjährige Kinder mit Schule und Hausaufgaben verbrachten, um 11,4 Wochenstunden — das entspricht, wie Gray anmerkt, anderthalb zusätzlichen Arbeitstagen in der Woche eines Erwachsenen. Die tägliche Pausenzeit an Grundschulen betrug 2014 im Mittel 26,9 Minuten; an manchen Schulen gab es überhaupt keine.
Fasst man das zusammen, ergibt sich ein Satz, der unbequem ist, weil er die Verantwortung anders verteilt, als man erwartet:
Der erste Ersatz für echten menschlichen Kontakt war nicht das Gerät. Es war die Aufsicht.
Der gefahrene Kurs, das betreute Spiel, der immer anwesende Erwachsene. Gray nennt diese Entwicklung ausdrücklich das Ergebnis guter Absichten, die zu weit getrieben wurden — der Absicht, Kinder zu schützen, und der Absicht, ihnen mehr Bildung zu verschaffen. Um im Bild zu bleiben: Die Eltern haben die erste Stoffmutter gebaut. Die Industrie hat sie später nur elektrifiziert.
Warum die Aufsicht schadet: drei Befunde
Erstens die Kontrollüberzeugung. Der Begriff braucht eine Erklärung, weil er das Bindeglied der ganzen Kette ist. Gemeint ist die Überzeugung eines Menschen darüber, wer sein Leben bestimmt. Wer glaubt, im Wesentlichen selbst zu bestimmen, was ihm zustösst, hat eine internale Kontrollüberzeugung. Wer glaubt, den Umständen ausgeliefert zu sein, eine externale.
Gray zeichnet daraus eine Wirkkette: Wer als Kind oft die Erfahrung macht, etwas selbst entschieden und bewältigt zu haben, entwickelt die internale Überzeugung — und diese wiederum schützt vor Angst und Depression. Eine niedrige internale Kontrollüberzeugung sagt Angst und Depression bei Kindern wie bei Erwachsenen zuverlässig vorher. Und tatsächlich wurde parallel zum Anstieg von Angst und Depression zwischen 1960 und 2002 ein deutlicher Rückgang der internalen Kontrollüberzeugung dokumentiert.10
Für unsere Frage ist das mehr als eine Korrelation, und der Grund verdient einen eigenen Satz. Eine Kontrollüberzeugung ist eine Kognition, also ein Gedanke, ein Urteil, eine Überzeugung — und nicht ein Gefühl oder ein Schicksal. Der Gegenstand, an dem die kognitive Psychotherapie arbeitet, ist hier also nicht behauptet, sondern gemessen worden.
Zweitens das riskante Spiel als Selbstbehandlung. Gray referiert Befunde, wonach Kinder, die sich freiwillig in mässig beängstigende Lagen bringen — auf einen hohen Baum klettern, von einer Mauer springen —, dadurch vor der Entwicklung von Phobien geschützt werden. Der Grund ist einfach: Sie sammeln die Erfahrung, dass sie mit einer bedrohlichen Lage fertigwerden. Passend dazu ergab eine systematische Übersicht zum überbehütenden Erziehungsstil durchgehend positive Zusammenhänge mit Angst und Depression im späteren Leben.
Man beachte, was das in der Fachsprache heisst. Die wirksamste Behandlung der Angststörung ist die abgestufte Exposition: Der Patient sucht die gefürchtete Lage in kleinen, ansteigenden Schritten planmässig auf, bis die Angst von selbst abklingt. Genau das tut ein Kind, das auf einen Baum klettert — in Eigenregie, kostenlos, ohne Behandler. Die Natur liefert die Behandlung als Nebenprodukt einer unbeaufsichtigten Kindheit aus. Die moderne Gesellschaft hat diese Auslieferung unterbunden.
Drittens das Zürcher Naturexperiment. Ein Naturexperiment liegt vor, wenn nicht ein Forscher die Bedingungen zuteilt, sondern die Wirklichkeit es tut — und dabei zufällig zwei ähnliche Gruppen mit unterschiedlichen Bedingungen entstehen.
In den frühen neunziger Jahren verglich Marco Hüttenmoser fünfjährige Kinder aus Zürcher Quartieren, in denen sie unbeaufsichtigt draussen spielen durften, mit Kindern aus wirtschaftlich vergleichbaren Quartieren, in denen der Verkehr das verhinderte.11 Die frei spielenden Kinder waren im Mittel doppelt so lange draussen, bewegten sich dort deutlich mehr, hatten mehr als doppelt so viele Freunde und bessere motorische wie soziale Fähigkeiten.
Entscheidend ist jedoch der zweite Teil des Befundes, und er ist für diesen Artikel der wichtigste überhaupt. Die Eltern der zweiten Gruppe fuhren ihre Kinder häufiger auf Spielplätze — und dieser betreute Ersatz glich den Verlust nicht aus. Hüttenmoser nennt vier Gründe: Die Eltern hatten weder Geduld noch Zeit, lange zu bleiben, das Spiel war also zeitlich beschnitten; die elterliche Aufsicht unterband das kräftige, wagemutige, riskante Spiel; auf dem Spielplatz fanden sich keine beständigen Spielgruppen, so dass das gemeinsame Spiel unter Freunden entfiel; und der Spielplatz bot weniger Möglichkeiten als das Quartier, wo die Kinder ihr Material von zu Hause holen konnten.
Ein betreuter Ersatz, der die Sache nicht ersetzt: Das ist die These dieses Artikels, nur an einem anderen Gegenstand — mit Kontrollgruppe, aus Zürich, dreissig Jahre vor der ersten Sprachmaschine.
Eine Redlichkeit, die gegen die eigene Argumentation geht
Gray und seine Mitautoren halten im Diskussionsteil ausdrücklich fest, dass systematische Übersichtsarbeiten wenig Anhalt dafür liefern, dass Bildschirmzeit oder die Nutzung sozialer Medien eine wesentliche Ursache oder auch nur ein bedeutsames Korrelat des Rückgangs sei. Sie stützen sich dabei unter anderem auf dieselbe Candice Odgers, die weiter oben gegen Haidt zitiert wurde.
Das ist offen auszusprechen: Wer diese Arbeit als Beweis dafür heranzöge, dass Geräte Kinder krank machen, zitierte einen Aufsatz, der genau das bestreitet.
Der hier vorgetragene Gedankengang braucht diesen Beweis auch nicht. Er braucht nur die Übungsfläche — also jene Gelegenheiten, bei denen ein junger Mensch mit anderen jungen Menschen ohne Aufsicht zurechtkommen muss und seine internale Kontrollüberzeugung entwickelt. Und die schrumpfte, lange bevor irgendeine KI antwortete.
Der Psychologe Julian B. Rotter, der ein Vierteljahrhundert die Ausbildung in klinischer Psychologie der University of Connecticut leitete und sich mit sozialen Lerntheorien und der Erforschung von Kontrollüberzeugungen beschäftigte, beobachtete in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, dass sich der Kontrollfokus von College-Studenten zunehmend nach aussen verlagerte. Er kam zu dem Schluss, dass man aktive Massnahmen ergreifen sollte, um diesen beunruhigenden Trend umzukehren, und sagte voraus, was passieren würde, wenn die Externalisierung weiter zunähme:
«Unsere Gesellschaft hat so viele kritische Probleme, dass sie dringend möglichst viele aktive, sich einbringende Mitglieder mit internaler Kontrollüberzeugung benötigt. Wenn das Gefühl der externen Kontrolle, der Entfremdung und der Ohnmacht weiter zunimmt, steuern wir möglicherweise auf eine Gesellschaft von Aussteigern zu — in der sich jeder zurücklehnt und die Welt an sich vorbeiziehen lässt.»12
Julian B. Rotter Rotter, J.B.: External control and internal control. Psychology Today, 1971, 5, 37–59.
Wie ernst die Lage inzwischen genommen wird, lässt sich am institutionellen Gewicht ablesen: Im Oktober 2021 erklärten die Amerikanische Akademie für Pädiatrie, die Amerikanische Akademie für Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Verband der amerikanischen Kinderkliniken gemeinsam den nationalen Notstand in der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.13
Zwischenbilanz: Der Boden war bereitet. Zwei Generationen wuchsen mit immer weniger unbeaufsichtigter Zeit auf, und mit ihr schwand die Gelegenheit, den Umgang mit anderen Menschen zu üben, internale Kontrollüberzeugungen zu erwerben und die eigene Selbstwirksamkeit zu erfahren. Das Gerät trifft also nicht auf eine gesunde Ausgangslage. Es trifft auf eine bereits sehr vulnerable Population mit einer Vielzahl geschädigter und anfälliger Individuen.
Die Elektrifizierung der Stoffmutter
Wer nun meint, hier werde bloss die alte Klage über die verweichlichte Jugend in neuer Fassung vorgetragen, übersieht die Grössenordnung. Der Rückgang der freien Zeit vollzog sich über sechs Jahrzehnte. Was jetzt geschieht, vollzieht sich über drei Jahre.
Zuvor jedoch kam eine Zwischenstufe, die man nicht überspringen darf, weil ihre Betroffenen gerade in das Erwerbsleben eintreten.
Die Zwischenstufe: eine Kohorte ohne Übungsjahre
Wer im Frühjahr 2020 vierzehn Jahre alt war, verlor nicht in erster Linie Unterrichtsstunden. Er verlor die Jahre, in denen ein Mensch lernt, sich in einer Gruppe zu behaupten, zu flirten, zu streiten, sich zu versöhnen und den eigenen Rang unter Gleichaltrigen auszuhandeln.
Warum sich das nicht einfach nachholen lässt, muss man erklären. Diese Fertigkeiten haben ein Zeitfenster. Das Gehirn ist in der Jugend für genau diese Aufgabe eingerichtet, ähnlich wie es in den ersten Lebensjahren für den Spracherwerb eingerichtet ist. Wer eine Sprache erst mit dreissig lernt, lernt sie mühsamer und behält einen Akzent. Beim sozialen Umgang verhält es sich ähnlich — er lässt sich später erwerben, aber langsamer und meist unvollständig.
Die Hirnforschung hat dazu Befunde vorgelegt, die man mit Vorsicht lesen muss, aber nicht übergehen darf. Eine Arbeitsgruppe um Ian Gotlib verglich 81 vor der Pandemie untersuchte Jugendliche mit 82 danach untersuchten. Die zweite Gruppe zeigte eine schlechtere psychische Gesundheit, eine geringere Dicke der Hirnrinde, grössere Volumina von Hippocampus und Amygdala — zwei Hirnstrukturen, die an Gedächtnis und Angstverarbeitung beteiligt sind — und insgesamt ein um etwa drei Jahre fortgeschrittenes Hirnalter.14 Eine Längsschnittuntersuchung um Neva Corrigan und Patricia Kuhl an der University of Washington kam mit eigenen Aufnahmen vor und nach den Schliessungen zu einem gleichgerichteten Ergebnis: beschleunigte Ausdünnung der Hirnrinde nach den Lockdowns.15
Die gebotene Vorsicht sei ausgesprochen. Erstens hat die zusätzliche Behauptung der zweiten Arbeit, der Effekt sei bei Mädchen deutlich ausgeprägter, in derselben Zeitschrift gleich drei förmliche Erwiderungen ausgelöst. Zweitens — und das wiegt schwerer — kann keine dieser Untersuchungen eine Ursache beweisen, denn dazu müsste man eine Pandemie auslosen können. Wer hier mehr behauptet als eine gleichgerichtete Auffälligkeit in zwei unabhängigen Stichproben, überzieht.
Nur: Diese Kohorte sitzt inzwischen in der Sprechstunde und in den Personalabteilungen. Was ihr fehlt, ist die Übung. Was sie im Überfluss mitbringt, sind Angst und Niedergeschlagenheit. Getauscht hat mit ihr niemand.
Die dritte Stufe: der Ersatz, in dem kein Mensch mehr vorkommt
Und nun kommt das Gerät.
Eine im Frühjahr 2025 erhobene, für die Vereinigten Staaten repräsentative Befragung von 1006 Jugendlichen zwischen dreizehn und siebzehn Jahren zeigt, wie schnell das gegangen ist: 72 Prozent haben einen KI-Begleiter mindestens einmal benutzt, 52 Prozent sind regelmässige Nutzer, 13 Prozent nutzen ihn täglich.16 Gemeint sind damit nicht Programme, die Hausaufgaben lösen, sondern solche, mit denen man persönliche Gespräche führt. Die Technik war zum Zeitpunkt der Erhebung keine drei Jahre alt.
Drei Einzelbefunde derselben Erhebung sind für unsere Frage entscheidend, und sie sollen einzeln betrachtet werden.
Ein Drittel der Nutzer hat ernste Angelegenheiten mit der Maschine besprochen anstatt mit einem Menschen. Das Wort «anstatt» trägt den ganzen Befund. Es handelt sich nicht um eine zusätzliche Gelegenheit, sondern um eine ersetzte.
Neun Prozent geben an, es falle ihnen leichter, mit dem Programm zu sprechen als mit einer Person. Das ist die Vermeidung, wie sie im Buche steht, und sie wird von den Betroffenen selbst als Vorteil beschrieben.
Und sieben Prozent benutzen es, um soziale Fähigkeiten zu üben. Bei dieser Zahl sollte man einen Augenblick innehalten, denn sie enthält die ganze Tragik des Vorgangs.
Diese Jugendlichen tun etwas Vernünftiges. Sie haben bemerkt, dass ihnen eine Fertigkeit fehlt, und suchen einen Übungsplatz. Nur üben sie an einem Gegenüber, das nicht gekränkt sein kann, nicht müde wird, nicht widerspricht, nicht weggeht und dem man nicht unrecht tun kann.
Damit fehlt genau das, woran sich soziale Fertigkeiten überhaupt erst bilden: der Widerstand des anderen. Man lernt das Streiten nur an jemandem, der zurückstreitet. Man lernt die Rücksicht nur an jemandem, den man verletzen kann. Man lernt die Versöhnung nur, wenn vorher wirklich etwas kaputtgegangen ist. Ein Gegenüber ohne eigene Interessen kann all das nicht liefern.
Es ist Schwimmunterricht auf dem Trockenen — mit dem Zusatz, dass der Schüler das Becken für überflüssig hält, weil er auf dem Teppich so gut vorankommt.
Warum das etwas anderes ist als der betreute Spielplatz
Nun liesse sich einwenden, das Gerät sei doch nur die jüngste Fassung derselben Verarmung, die schon der Spielplatz bedeutete. Der Einwand ist falsch, und der Unterschied ist kein gradueller, sondern ein grundsätzlicher.
Auf Hüttenmosers Spielplatz standen andere Kinder. Die Umgebung war verarmt — weniger Zeit, weniger Wagnis, keine festen Gruppen —, aber es waren Menschen anwesend, mit denen man aneinandergeriet. Die elterliche Aufsicht senkte also die Dosis.
Die Maschine wechselt den Wirkstoff. In ihr kommt kein anderer Mensch mehr vor — kein einziger, zu keinem Zeitpunkt. Es gibt niemanden, dem man auf die Füsse treten könnte, und deshalb auch niemanden, an dem sich lernen liesse, wie man das vermeidet.
Und hier liegt die Steigerung, die dem Vorgang seine Wucht gibt. Die Einschränkung der Übungsfläche brauchte sechs Jahrzehnte, um sich etwa zu halbieren. Ihr vollständiger Ersatz hat in weniger als drei Jahren drei Viertel eines Jahrgangs erreicht. Was die Aufsicht über Generationen hinweg verdünnt hat, ersetzt die Maschine binnen weniger Jahre — und sie tut es freiwillig, unentgeltlich, rund um die Uhr und ohne dass irgendein Erwachsener es anordnen müsste.
Zwischenbilanz: Drei Stufen liegen hintereinander. Zuerst nahm die Aufsicht den Kindern die unbeaufsichtigte Zeit. Dann nahm die Pandemie einem ganzen Jahrgang die Übungsjahre. Und nun bietet ein Gerät den Ersatz an, der die anderen Menschen vollständig entbehrlich macht. Wie das ausgeht, weiss heute niemand. Die Kohorte, an der es sich zeigen wird, ist gerade dreizehn.
Nie mehr allein — und trotzdem verlassen
Und doch gibt es einen Punkt, an dem die Sache nicht offen ist. Er hängt nämlich nicht von Messwerten ab, sondern von der Beschaffenheit der Dinge — und Beschaffenheiten muss man nicht abwarten, man kann sie prüfen.
Hannah Arendt unterscheidet in ihrem Hauptwerk zwei Zustände, die im Alltagsdeutsch zusammenfallen.17 Ihre Wortwahl ist gewöhnungsbedürftig, weil sie «Einsamkeit» nicht in der üblichen Bedeutung verwendet — und auch nicht in jener, in der dieser Text das Wort bisher gebraucht hat. Deshalb seien beide Begriffe zunächst ausdrücklich erklärt.
Einsamkeit nennt Arendt den guten Zustand: das Alleinsein mit sich selbst. Wer in diesem Sinne einsam ist, ist gerade nicht verlassen — er ist in Gesellschaft, nämlich in seiner eigenen. Denken vollzieht sich nach Arendt als Gespräch, das man mit sich selbst führt; man ist gewissermassen zu zweit in einer Person und prüft, was der eine sagt, mit dem Verstand des anderen. Wer nie allein ist, denkt also nicht.
An dieser Stelle drängt sich ein Einwand auf, und er ist berechtigt: Klingt das nicht nach dem Ideal von Gelehrten, die das Nachdenken ohnehin lieben? Die Frage ist untersucht worden, und das Ergebnis ist ernüchternd. Timothy Wilson und seine Mitarbeiter liessen in elf Studien Versuchspersonen sechs bis fünfzehn Minuten allein in einem leeren Raum, ohne jede Beschäftigung, mit der einzigen Aufgabe, sich mit den eigenen Gedanken zu unterhalten.18 Die meisten erlebten das als unangenehm; banale äussere Tätigkeiten genossen sie deutlich mehr.
In einem der Versuche stand den Teilnehmern zusätzlich ein Knopf zur Verfügung, mit dem sie sich selbst einen schmerzhaften Stromschlag versetzen konnten. Alle hatten zuvor angegeben, sie würden Geld dafür bezahlen, einen solchen Schlag zu vermeiden. Trotzdem betätigten ihn 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen mindestens einmal, statt einfach dazusitzen und zu denken. Ein Teilnehmer tat es 190-mal.
Man sollte diesen Befund nicht überziehen. Er zeigt nicht, dass Menschen nicht denken könnten. Er zeigt, dass ein erheblicher Teil von ihnen den Zustand, in dem das Denken stattfindet, als so unangenehm erlebt, dass fast jede Ablenkung vorgezogen wird — sogar eine schmerzhafte. Und daraus folgt für unser Thema alles Weitere: Wenn schon ein Stromschlag als Ausweg taugt, dann ist ein Gerät, das freundlich antwortet und nicht wehtut, der bequemste Ausweg, den es je gegeben hat.
Dieser Zustand ist allerdings unabgeschlossen: Man bleibt sich selbst in vielem unklar. Aufgelöst wird diese Unklarheit erst durch die Begegnung mit einem anderen Menschen, der einen als diesen einen, unverwechselbaren erkennt und einen dadurch in der eigenen Identität bestätigt.
Verlassenheit nennt Arendt den anderen Zustand. Hier ist die Stelle, an der die Wörter zu tauschen sind: Was dieser Text bisher Einsamkeit genannt hat — den schmerzhaften Mangel an Menschen —, heisst bei Arendt Verlassenheit. Hier ist der Mensch wirklich allein: verlassen nicht nur von den anderen und von der Welt, sondern auch von jenem Selbst, mit dem man sich im guten Alleinsein noch unterhalten konnte. In der Verlassenheit, schreibt Arendt, gehen Selbst und Welt zugleich zugrunde — und mit ihnen die Fähigkeit, wirklich zu denken und wirklich zu erfahren. Was moderne Menschen so leicht in totalitäre Bewegungen treibe, sei die überall «zunehmende Verlassenheit».
Mit diesen beiden Begriffen lässt sich präzise sagen, was ein antwortendes Gerät anrichtet. Und es ist das Gegenteil dessen, was es verspricht.
Es schafft die Einsamkeit ab — also den guten Zustand. Man ist nie mehr mit sich allein, weil immer etwas antwortet. Damit verschwindet der Ort, an dem nach Arendt das Denken stattfindet: jenes Gespräch mit sich selbst, das kein Gegenüber braucht und keines duldet. Wer jede aufkommende Frage sofort in ein Eingabefeld tippt, hört auf, sie selbst zu bedenken.
Und es vertieft die Verlassenheit, weil es das eine nicht leisten kann, was sie aufheben würde: die Anerkennung.
Bestätigung und Anerkennung sind nicht dasselbe
Diese Unterscheidung ist der Schlüssel des ganzen Kapitels und soll deshalb ausdrücklich erläutert werden.
Bestätigung heisst: Jemand sagt einem, man habe recht, man sei begabt, man werde verstanden. Bestätigung kann von jedem kommen, auch von einem Wildfremden, auch von einem Prospekt, auch von einem Programm. Sie hängt nicht davon ab, dass der andere weiss, wer man ist.
Anerkennung heisst etwas anderes: Jemand kennt einen — die eigene Geschichte, die eigenen Schwächen, die eigenen Umstände — und meint mit dem, was er sagt, genau diesen einen Menschen und keinen anderen. Deshalb bedeutet ein Lob von ihm etwas. Er hätte auch anders urteilen können, und zwar mit Kenntnis der Sache.
Der Unterschied lässt sich an einem Beispiel festmachen. Wenn ein Fremder sagt «Das haben Sie gut gemacht», ist das freundlich. Wenn ein alter Freund sagt «Das sieht dir ähnlich — und diesmal hast du es tatsächlich durchgezogen», ist das etwas kategorial anderes. Der zweite Satz enthält eine Geschichte, ein Urteil und ein Risiko. Der erste enthält nichts als Wohlwollen.
Und nun das Entscheidende: Ein Sprachmodell erkennt niemanden. Es berechnet, welches Wort auf das vorige am wahrscheinlichsten folgt. Es weiss nicht, mit wem es spricht, es hätte denselben Satz auch einer Million anderer Menschen geschrieben, und es könnte gar nicht anders urteilen, weil es nichts zu beurteilen hat.
Wer davon lebt, bekommt also Bestätigung in unbegrenzter Menge — und Anerkennung überhaupt nicht. Genauer lässt sich der Unterschied zwischen Schmeichelei und Zuwendung nicht fassen. Schmeichelei ist wohlfeil, weil sie nichts kostet und niemanden meint. Zuwendung ist teuer, weil sie voraussetzt, dass jemand sich die Mühe gemacht hat, einen zu kennen.
Nie mehr allein, und trotzdem verlassen. Das ist keine Pointe, sondern eine Zustandsbeschreibung.
Zwischenbilanz: Das Gerät nimmt dem Menschen beides zugleich — das fruchtbare Alleinsein, in dem er denkt, und die Anerkennung durch andere, in der er sich seiner selbst vergewissert. Übrig bleibt ein Zustand, den Arendt für den gefährlichsten hält, den eine Gesellschaft hervorbringen kann.
Was geschieht, wenn es so weitergeht — eine Prognose
Ab hier verlässt der Text den gesicherten Boden und rechnet hoch. Das sei ausdrücklich gesagt, damit niemand eine Prognose für einen Befund hält. Was folgt, ist keine Messung, sondern eine begründete Vermutung.
Prüfbar ist allerdings die Richtung der Anreize, und die ist nicht strittig: Diese Systeme verdienen an Verweildauer, nicht an gelungenen Freundschaften. Kein Unternehmen dieser Branche wird dafür bezahlt, dass ein Nutzer die Anwendung schliesst und stattdessen jemanden anruft.
Erstens verschwindet die Übungsfläche. Soziale Fähigkeiten sind Fertigkeiten wie das Radfahren; sie verkümmern ohne Gebrauch. Gemeint sind ganz konkrete Dinge: streiten, ohne die Beziehung zu zerstören; Widerspruch aushalten; die schlechte Laune eines anderen ertragen, ohne sie auf sich zu beziehen; warten, bis der andere ausgeredet hat. Niemand lernt das im Unterricht. Man lernt es als Nebenprodukt der Notwendigkeit, mit Menschen auszukommen, auf die man angewiesen ist. Entfällt die Notwendigkeit, entfällt das Training.
Diese Fläche schrumpft, wie gezeigt, seit sechs Jahrzehnten; neu ist allein, dass der Ersatz jetzt keinen einzigen anderen Menschen mehr enthält. Und man beachte, wie das Ergebnis aussieht: Eine Generation, die ihr Mitteilungsbedürfnis an einem Gerät stillt, das nie widersteht, wird nicht bösartig — sie wird ungeübt. Der Unterschied ist wichtig, weil Ungeübtheit von innen nicht als eigener Mangel erscheint. Sie erscheint als Bosheit der anderen.
Zweitens erodiert das billigste Gut, das eine Gesellschaft besitzt: der Vertrauensvorschuss. Gemeint ist die Bereitschaft, einem Fremden zunächst einmal Anständigkeit zu unterstellen. Eine Gesellschaft, in der das üblich ist, braucht weniger Verträge, weniger Kontrollen, weniger Gerichte, weniger Polizei — das Vertrauen ersetzt all diese teuren Einrichtungen.
Dieses Vertrauen ist kein Gefühl, sondern eine Infrastruktur, und es entsteht aus tausend kleinen, folgenlosen Begegnungen mit Fremden, die sich anständig verhalten: an der Kasse, im Zug, im Treppenhaus. Genau diese Begegnungen fallen weg, wenn Einkauf, Arbeit, Unterhaltung und nun auch das Gespräch in das Gerät wandern. Was übrig bleibt, ist eine Bevölkerung, die einander nur noch aus Nachrichten kennt — und Nachrichten berichten von den Ausnahmen, nicht vom Regelfall. Wer Fremde nur noch aus Kriminalmeldungen kennt, wird sie entsprechend behandeln.
Drittens stirbt die Zumutung. Eine Demokratie verlangt eine Fähigkeit, die selten benannt wird: Menschen zu ertragen, die man für im Irrtum hält. Ohne sie gibt es keine Debatte, keinen Kompromiss und keine Mehrheitsentscheidung, die der Unterlegene akzeptiert.
Über die Filterblase, die einem nur noch Gleichgesinnte zeigt, ist viel geschrieben worden. Das antwortende System ist die Filterblase mit einem einzigen Insassen: Es zeigt nicht mehr die passenden anderen, es schafft die anderen ab. Und die Folge ist absehbar: Wer sich daran gewöhnt hat, dass Widerspruch überhaupt nicht vorkommt, empfindet ihn, sobald er doch auftritt, nicht als Meinung, sondern als Übergriff.
Viertens verschiebt sich der Massstab auf die Institutionen. Diese Folge halte ich für die unterschätzteste, und sie ergibt sich zwingend aus der weiter oben beschriebenen Massstabsverschiebung.
Wer daran gewöhnt ist, ununterbrochen bestätigt zu werden, hält jede Einrichtung für defekt, die das nicht tut: die Schule, die benotet; den Vorgesetzten, der kritisiert; den Arzt, der eine Behandlung verweigert; das Gericht, das gegen einen entscheidet; die Behörde, die Nein sagt. Keine dieser Institutionen kann die Bestätigungsdichte einer Maschine erreichen — und keine sollte es, denn ihre Aufgabe besteht gerade darin, dem Einzelnen gelegentlich zu widersprechen.
Das Ergebnis ist deshalb keine private Enttäuschung, sondern ein allmählicher Ansehensverlust sämtlicher Einrichtungen, die nein sagen müssen. Und man wird das nicht als Technikfolge erkennen. Man wird es für Politikverdrossenheit halten und über die Politiker sprechen statt über die Ursache.
Fünftens entsteht der verfügbare Mensch — und hier schliesst sich der Kreis zu Hannah Arendt. Sie hat den Zusammenhang zwischen Verlassenheit und Herrschaft nicht als Klage formuliert, sondern als Mechanik, und diese Mechanik sei Schritt für Schritt nachgezeichnet.
Der Verlassene ist für die Freiheit nicht deshalb gefährlich, weil er unglücklich ist. Er ist es, weil er verfügbar ist. Wer niemanden mehr hat, an dem er sein Urteil reiben könnte — keinen Freund, der widerspricht, keinen Kollegen, der einwendet, keine Familie, die anderer Meinung ist —, dem fehlt jede Korrektur. Er bezieht seine Gewissheiten folglich von dem, der sie am wärmsten und am bereitwilligsten anbietet.
Über zwei Jahrhunderte hinweg waren das Bewegungen, Kirchen, Parteien und Ideologien. Künftig ist es ein Gerät, das eigens auf Zustimmung hin gebaut wurde und jemandem gehört. Daraus folgt der Satz, um den es geht: Wem die Quelle der Bestätigung gehört, dem gehört auf Dauer auch das Urteil der Bestätigten. Dass dieser Jemand kein Politbüro ist, sondern ein Unternehmen mit vierteljährlicher Berichtspflicht, macht die Sache nicht harmloser. Es macht sie nur unauffälliger.
Und sechstens folgt die schlichte Arithmetik. Wer keine Übung im Umgang mit Menschen hat, findet schwerer einen Partner. Wer keinen Partner findet, gründet seltener eine Familie. Wer keine Familie gegründet hat, altert allein. Der Einpersonenhaushalt, in Deutschland bereits die häufigste Haushaltsform, ist deshalb nicht nur eine Wohnform, sondern eine Pflegeprognose: Wer im Alter Hilfe braucht, bekommt sie überwiegend von Angehörigen. Ein Abonnement besucht niemanden im Spital.
Die Rechnung dafür wird nicht die Technikbranche bezahlen, sondern das Gesundheitswesen — in Gestalt jener Angststörungen, Depressionen und Demenzen, die der amerikanische Gesundheitsbericht bereits heute der Einsamkeit zurechnet.
Die soziologische Vorgeschichte dieser Entwicklung ist an anderer Stelle beschrieben: Eine Kultur, die den Ausstieg aus jeder Bindung zum Grundrecht erklärt und die Selbstverwirklichung zur höchsten Pflicht, hat den Boden bereitet, lange bevor das erste Sprachmodell antwortete.19 Neu ist also nicht die Vereinzelung. Neu ist, dass sie sich nicht mehr unangenehm anfühlt — und damit fällt der letzte Grund weg, etwas an ihr zu ändern.
Was daraus folgt
Die naheliegende Konsequenz — Verzicht, Verbot, Abstinenzpredigt — ist die falsche, und der Grund dafür wurde bereits genannt: Es handelt sich um eine Vermeidung, und Vermeidung behandelt man nicht mit einem weiteren Verbot.
Man behandelt sie in zwei Schritten. Der Betroffene durchschaut zuerst den Zusammenhang — dass die Erleichterung genau jenen Antrieb wegnimmt, den er bräuchte — und sucht dann die unangenehme Erfahrung in kleinen Schritten wieder auf. Der Angstpatient fährt wieder Aufzug, und zwar zuerst eine Station.
Man beachte, was dabei geschieht: Es ist das Nachholen einer Behandlung, die früher Kindheit hiess. Was Grays Kinder auf dem Baum von selbst erledigten, muss der Erwachsene mit einem Fachmann nachbauen — langsamer, teurer und gegen den Widerstand einer inzwischen gefestigten Überzeugung.
Vorher aber sind eben jene Überzeugungen zu prüfen, mit denen das Ausweichen gerechtfertigt wird. Sie klingen vernünftig, und genau das macht sie wirksam: «Die anderen haben ohnehin keine Zeit.» «Ich falle den Leuten zur Last.» «Mit der Maschine geht es schneller, und sie versteht mich besser.» «Ich melde mich, wenn es mir wieder bessergeht.»
Der letzte Satz ist der teuerste, und er verdient eine eigene Erklärung, weil fast jeder ihn schon einmal gedacht hat. Er kehrt die Reihenfolge um. Er behauptet, das Befinden müsse sich zuerst bessern, damit man Kontakt aufnehmen könne. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt: Es geht einem besser, weil man sich meldet. Wer auf die Besserung wartet, wartet auf etwas, das nur durch die Handlung eintreten kann, die er aufschiebt.
Das ist die Arbeit der kognitiven Psychotherapie: nicht Trost spenden, sondern Denkfehler auffindbar und korrigierbar machen, damit der Betroffene sein Verhalten anschliessend selbst neu einübt. Sie rührt dabei nicht an das Gefühl, sondern an das Urteil, das dem Gefühl vorausgeht.
Damit trainiert sie genau jene Fähigkeit, die nach Arendt in der Verlassenheit zugrunde geht: das eigenständige Denken. Und daraus folgt ein Schutz, der über den Einzelfall hinausreicht. Wer selbst denken kann, ist gegen Schmeichelei weitgehend immun — gleichgültig, ob sie von einer Maschine, einer Behandlungsschule oder einer politischen Bewegung kommt. Wer es nicht kann, wird von allen dreien gefunden, bewirtschaftet oder missbraucht.
Andreas Reckwitz hat die Gesellschaft beschrieben, in der das Besondere zur Pflicht wurde und der eigene Lebensentwurf zum Kunstwerk, das keine Kompromisse duldet — er nennt die so geformten Menschen Singularitäten, also Einzelstücke, die vor allem einzigartig sein sollen. Inzwischen, so sein Befund, sind diese Einzelstücke mit der «Desillusionierung der Utopie des persönlichen Glücks» konfrontiert: Das Versprechen, jeder könne durch Selbstverwirklichung glücklich werden, hat sich für die meisten nicht erfüllt.20
Es sind eben diese enttäuschten Einzelnen, die nun abends ein Gerät befragen, das ihnen bestätigt, dass sie besonders sind.
Der Mensch, der es nie gelernt hat
Harlows Äffchen klammerten sich an ein Stück Frottee, weil es warm war und weil es da war. Der Stoff hat sie nicht getäuscht; er hielt genau das, was er versprach. Er hat sie nur nichts gelehrt.
Was das bedeutet, zeigte sich, als man die vollständig isoliert aufgewachsenen Tiere später zu normalen Artgenossen setzte. Sie waren nicht dumm und nicht bösartig. Sie konnten es schlicht nicht. Sie wussten nicht, wie man spielt, wie man sich nähert, wie man wirbt, wie man mit einem Jungtier umgeht. Sie zogen sich zurück oder schlugen zu, und beides aus demselben Grund: Ein Stück Stoff kann nichts beibringen.
Der Mensch ist kein Rhesusaffe, und ein Erwachsener, der abends mit einem Programm spricht, ist kein isoliert aufgewachsenes Neugeborenes. Dieser Unterschied ist gewaltig und soll nicht verwischt werden. Übertragbar ist nicht das Ausmass, sondern der Mechanismus: Wer nicht übt, kann es nicht.
Deshalb lohnt es sich, einmal auszubuchstabieren, wie ein Mensch aussieht, der es nicht gelernt hat. Er hält die Pause im Gespräch nicht aus und füllt sie, ehe der andere denken kann. Er erlebt die schlechte Laune eines Freundes als Angriff, weil er nie erfahren hat, dass sie mit ihm nichts zu tun hat. Er bricht den Kontakt ab, statt eine Sache auszuräumen, weil Ausräumen etwas ist, das man geübt haben muss. Er verwechselt Kritik mit Verachtung und hält jeden, der ihm widerspricht, für einen Gegner. Er ist mit vierzig von Bekannten umgeben und hat niemanden, den er um drei Uhr nachts anrufen könnte. Er ist weder dumm noch böse noch schwach. Ihm fehlt eine Fertigkeit, so wie einem anderen das Schwimmen fehlt.
Für diesen Zustand gibt es bislang kein geläufiges Wort. Nennen wir ihn die soziale Verkrüppelung — und man beachte genau, was der Ausdruck meint und was nicht. Es geht nichts kaputt. Es wächst nur etwas nicht. Ein Muskel, der nie gebraucht wurde, ist nicht verletzt; er ist schwach. Der Vorwurf richtet sich also nicht gegen die Betroffenen, sondern gegen die Umstände, unter denen sie aufwuchsen.
Diese Menschen haben nichts verloren, was sie je besessen hätten. Und genau darin liegt die Grausamkeit der Sache: Man kann nicht vermissen, was man nie hatte. Sie erleben nur, dass Menschen anstrengend sind, dass Beziehungen scheitern, dass die Welt kalt ist — und ziehen daraus den einzigen Schluss, der ihnen zur Verfügung steht: dass sie zu Recht bei der Maschine bleiben.
Das ist der Kreis, der sich schliesst. Das Leiden liefert den Beweis für die Ursache des Leidens gleich mit. Und weil dieser Beweis in sich stimmig ist, wird niemand ihn von aussen aufbrechen, der nicht ausdrücklich darum gebeten wird.
Beim Einzelnen ist das ein privates Unglück. Bei einigen Prozent eines Jahrgangs ist es ein Betriebsunfall. Bei der Mehrheit einer Generation fällt die Voraussetzung aus, auf der alles Übrige ruht: Ehen, die geführt werden müssen. Kollegien, die streiten können müssen. Nachbarschaften, Vereine, Gemeinden, Parlamente. Nichts davon läuft von selbst. Alles davon setzt Menschen voraus, die miteinander umgehen können — und niemand kann es, der es nicht geübt hat.
Was ein Mensch von einem anderen bekommt, ist teuer: Der andere kann widersprechen, er kann enttäuschen, er kann gehen. Eben deshalb bedeutet es etwas, wenn er bleibt. Die Maschine hat diesen Preis abgeschafft. Mit dem Preis den Ertrag — und am Ende die Fähigkeit, ihn je wieder zu erwerben.
So bleibt dem Leser als Herausforderung, «die Zahl der Menschen zu prognostizieren, die auf der Flucht vor sich selbst von den Sirenengesängen dieser statistischen Automaten so betört werden, dass sie ihnen willenlos folgen und dann an den Klippen der Lebenswirklichkeit zerschellen».21
Die häufigsten Fragen zu künstlicher Intelligenz und Einsamkeit
Macht künstliche Intelligenz einsam?
Das ist wissenschaftlich noch nicht entschieden. Eine randomisierte Studie fand schlechtere Werte bei intensiveren Nutzern, konnte aber Ursache und Wirkung nicht trennen: Es könnte ebenso gut sein, dass bereits einsame Menschen häufiger zur Maschine greifen. Eine andere Untersuchung fand sogar häufiger eine Anregung als eine Verdrängung menschlicher Kontakte. Gesichert ist bislang nur der Mechanismus: Wer den Leidensdruck der Einsamkeit sofort senkt, beseitigt den Antrieb, andere Menschen aufzusuchen.
Was ist der Unterschied zwischen Bestätigung und Anerkennung?
Bestätigung heisst, dass jemand einem recht gibt oder einen lobt; sie kann von jedem kommen, auch von einem Fremden oder einem Programm. Anerkennung setzt voraus, dass der andere weiss, wer man ist, und genau diesen einen Menschen meint. Eine Maschine erkennt niemanden — sie berechnet, welches Wort auf das vorige folgt. Sie kann deshalb unbegrenzt bestätigen und niemals anerkennen.
Ist Alleinsein schädlich?
Nein — es ist die Voraussetzung des Nachdenkens. Hannah Arendt nennt diesen Zustand Einsamkeit und meint damit das Gespräch, das ein Mensch mit sich selbst führt. Schädlich ist der andere Zustand, den sie Verlassenheit nennt: allein zu sein und dabei auch den Zugang zu sich selbst verloren zu haben. Ein Gerät, das immer antwortet, beseitigt das erste und vertieft das zweite. Allerdings zeigen Untersuchungen, dass viele Menschen schon wenige Minuten ohne Beschäftigung als quälend erleben.
Ging es Kindern früher wirklich besser?
Nach der Zusammenfassung von Gray, Lancy und Bjorklund ja, und der Rückgang läuft seit mindestens fünf bis sechs Jahrzehnten. Die Angstwerte neun- bis elfjähriger Kinder stiegen zwischen 1956 und den späten achtziger Jahren so stark, dass rund 85 Prozent der Kinder Ende der achtziger Jahre ängstlicher waren als das Durchschnittskind von 1956. Als Ursache benennen die Autoren den Verlust unbeaufsichtigter Zeit — ausdrücklich nicht die Bildschirme, die sie für keine wesentliche Ursache halten.
Warum wirkt ein Chatbot wie ein Vermeidungsverhalten?
Das Gefühl, allein zu sein, ist ein Signal mit eingebauter Handlungsanweisung, vergleichbar der Angst. Wer den unangenehmen Zustand sofort lindert, ohne den Kontakt zu suchen, erlebt Erleichterung — und verliert den Antrieb, der ihn aus der Wohnung getrieben hätte. Das ist dieselbe Kurve wie beim Angstpatienten, der den Aufzug meidet: kurzfristige Entlastung, langfristige Verschlimmerung.
Kann man mit einem Chatbot soziale Fähigkeiten üben?
Sieben Prozent der jugendlichen Nutzer versuchen genau das. Der Versuch ist vernünftig gemeint und methodisch verfehlt: Geübt wird an einem Gegenüber, das nicht gekränkt sein, nicht widersprechen und nicht weggehen kann. Es fehlt gerade das, woran sich soziale Fertigkeiten bilden — der Widerstand des anderen. Streiten lernt man nur an jemandem, der zurückstreitet.
Sind KI-Begleiter für einsame Menschen immer schädlich?
Nein. Für Menschen, die vorübergehend ohne jeden Kontakt sind, kann ein antwortendes System eine Brücke sein, und einzelne Untersuchungen berichten von entlastenden Wirkungen. Schädlich wird es dort, wo es den menschlichen Kontakt nicht überbrückt, sondern ersetzt — wo also aus der Brücke ein Wohnort wird.
Wie hilft kognitive Psychotherapie bei technikgestützter Vereinsamung?
Sie verbietet nichts. Sie macht die Sätze auffindbar, mit denen das Ausweichen gerechtfertigt wird — «Ich falle den Leuten zur Last», «Ich melde mich, wenn es mir bessergeht» —, und prüft sie auf ihre Haltbarkeit. Wer den Denkfehler durchschaut hat, übt das veränderte Verhalten anschliessend selbst wieder ein.
Schriftliche Kognitive Psychotherapie (SKPT) von Dr. Dietmar Luchmann, LLC, ist Hilfe zur Selbsthilfe, um die Selbstheilung psychischer Störungen zu ermöglichen:
1. SKPT kennenlernen
2. Eignungstest machen
3. Selbsttherapie starten
1 Harlow, H.F.: The Nature of Love. American Psychologist, 1958, 13(12), 673-685. [Im Original S. 676: «These data make it obvious that contact comfort is a variable of overwhelming importance in the development of affectional response, whereas lactation is a variable of negligible importance.»]
2 Office of the U.S. Surgeon General: Our Epidemic of Loneliness and Isolation. The U.S. Surgeon General's Advisory on the Healing Effects of Social Connection and Community. Washington, DC, 2023, S. 8.
3 Fang, C.M.; Liu, A.R.; Danry, V.; Lee, E.; Chan, S.W.T.; Pataranutaporn, P.; Maes, P.; Phang, J.; Lampe, M.; Ahmad, L.; Agarwal, S.: How AI and Human Behaviors Shape Psychosocial Effects of Chatbot Use. A Longitudinal Randomized Controlled Study. MIT Media Lab / OpenAI, 2025 (arXiv:2503.17473). [n = 981, vier Wochen, über 300 000 Nachrichten. Die Studie war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht begutachtet.]
4 Maples, B.; Cerit, M.; Vishwanath, A.; Pea, R.: Loneliness and suicide mitigation for students using GPT3-enabled chatbots. npj Mental Health Research (2024) 3:4. doi.org/10.1038/s44184-023-00047-6. [n = 1006 studentische Nutzer.]
5 Zimmerman, J.W.; Ruiz, A.J.: Matters arising: a response to loneliness and suicide mitigation for students using GPT3-enabled chatbots. npj Mental Health Res (2025) 4:60. doi.org/10.1038/s44184-024-00083-w. [Nebst Replik der Autoren in derselben Zeitschrift.]
6 van Rosmalen, L.; van der Veer, R.; van der Horst, F.C.P.: The nature of love: Harlow, Bowlby and Bettelheim on affectionless mothers. History of Psychiatry, 2020, 31(2), 227-231.
7 Haidt, J.: The Anxious Generation: How the Great Rewiring of Childhood Is Causing an Epidemic of Mental Illness. New York: Penguin Press, 2024.
8 Odgers, C.L.: The great rewiring, unplugged. Is social media really behind an epidemic of teenage mental illness? Nature, 2024, 628, 29-30 [4 April 2024]. doi.org/10.1038/d41586-024-00902-2.
9 Gray, P.; Lancy, D.F.; Bjorklund, D.F.: Decline in Independent Activity as a Cause of Decline in Children's Mental Well-being. Summary of the Evidence. The Journal of Pediatrics, 2023, 260, 113352. doi.org/10.1016/j.jpeds.2023.02.004. [Es handelt sich um einen Kommentar, nicht um eine systematische Übersichtsarbeit; die Autoren sehen die Kraft ihres Arguments ausdrücklich in der Konvergenz zahlreicher korrelativer Befunde. Die im Text genannten Einzelzahlen entstammen dieser Zusammenfassung und gehen zurück auf Twenge, J.M. und Foster, J.D. (Angstwerte 1952-1993), Twenge, J.M. et al. (MMPI-Metaanalyse 1938-2007), die Sterbestatistik der Centers for Disease Control and Prevention (Suizidraten 1950-2020), Shaw, B. et al. (elterliche Erlaubnisse in England 1971-2010), McDonald, N.C. et al. (Schulweg USA 1969-2009), Juster, T. et al. (Schul- und Hausaufgabenzeit 1981-2003) sowie auf die School Health Policies and Practices Study 2014 (Pausenzeiten). Die zeitvergleichenden Metaanalysen sind methodisch bestritten, weil die Vergleichbarkeit der Stichproben über sieben Jahrzehnte fraglich ist.]
10 Twenge, J.M.; Zhang, L.; Im, C.: It's beyond my control: A cross-temporal meta-analysis of increasing externality in locus of control, 1960-2002. Personality and Social Psychology Review, 2004, 8(3), 308-319. doi.org/10.1207/s15327957pspr0803_5.
11 Hüttenmoser M.: Children and their living surroundings: empirical investigations into the significance of living surroundings for the everyday life and development of children. Children's Environments, 1995, 12(4), 403-13.
12 Rotter, J.B.: External control and internal control. Psychology Today, 1971, 5, 37-59. [Im Original S. 59: «Our society has so many critical problems that it desperately needs as many active, participating internal-minded members as possible. If feelings of external control, alienation and powerlessness continue to grow, we may be heading for a society of dropouts — each person sitting back, watching the world go by.»]
13 American Academy of Pediatrics; American Academy of Child and Adolescent Psychiatry; Children's Hospital Association: AAP-AACAP-CHA Declaration of a National Emergency in Child and Adolescent Mental Health. 19.10.2021. [Politische Erklärung mit Forderungen zur Mittelvergabe, kein Forschungsbefund; sie führt die Lage wesentlich auf die Pandemie und auf strukturelle Benachteiligung zurück und wird hier ausschliesslich als Beleg für das institutionelle Gewicht der Lagebeurteilung herangezogen.]
14 Gotlib, I.H.; Miller, J.G.; Borchers, L.R.; Coury, S.M.; Costello, L.A.; Garcia, J.M.; Ho, T.C.: Effects of the COVID-19 Pandemic on Mental Health and Brain Maturation in Adolescents. Implications for Analyzing Longitudinal Data. Biological Psychiatry Global Open Science, 2023, 3(4), 912-918. doi.org/10.1016/j.bpsgos.2022.11.002. [81 vor und 82 nach der Pandemie untersuchte Jugendliche.]
15 Corrigan, N.M.; Rokem, A.; Kuhl, P.K.: COVID-19 lockdown effects on adolescent brain structure suggest accelerated maturation that is more pronounced in females than in males. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2024, 121(38), e2403200121. doi.org/10.1073/pnas.2403200121. [Zur bestrittenen Zusatzbehauptung eines ausgeprägten Geschlechtsunterschieds vergleiche die Erwiderungen von Fine, C. et al., PNAS 2024, 121, e2420724121; Rippon, G., PNAS 2024, 121, e2421013121; sowie Brown, M. et al., PNAS 2025, 122, e2421462122 — nebst den Repliken der Autoren. Beobachtungsstudien dieser Anlage können eine Ursache nicht beweisen.]
16 Common Sense Media: Talk, Trust, and Trade-Offs. How and Why Teens Use AI Companions. San Francisco, 2025. [Für die Vereinigten Staaten repräsentative Befragung von 1006 Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren, durchgeführt von NORC an der University of Chicago im April und Mai 2025. Die Organisation empfiehlt auf dieser Grundlage, dass Minderjährige KI-Begleiter nicht nutzen.]
17 Arendt, H.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München: Piper, 2023. [Im Original S. 1014-1015: «Verlassenheit und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es die Gefahr jeder Einsamkeit ist, in Verlassenheit umzuschlagen, so wie es die Chance jeder Verlassenheit ist, zur Einsamkeit zu werden. In der Einsamkeit bin ich eigentlich niemals allein; ich bin mit mir selbst zusammen, und dies Selbst, das niemals zu einem leiblich unverwechselbar Bestimmten werden kann, ist zugleich auch jedermann. Einsames Denken gerade ist dialogisch und in Gesellschaft mit jedermann. ... Aus der Zwiespältigkeit und Vieldeutigkeit der Einsamkeit werde ich erlöst durch die Begegnung mit anderen Menschen, die mich dadurch, daß sie mich als diesen Einen, Unverwechselbaren, Eindeutigen erkennen, ansprechen und mit ihm rechnen, in meiner Identität erst bestätigen ... Verlassenheit entsteht, wenn aus gleich welchen personalen Gründen ein Mensch aus dieser Welt hinausgestoßen wird oder wenn aus gleich welchen geschichtlich-politischen Gründen diese gemeinsam bewohnte Welt auseinanderbricht und die miteinander verbundenen Menschen plötzlich auf sich selbst zurückwirft.» Arendt unterscheidet dort Isolierung, Einsamkeit und Verlassenheit und hält fest, dass in der Verlassenheit Selbst und Welt und damit die Denkfähigkeit zugleich zugrunde gehen.]
18 Wilson, T.D.; Reinhard, D.A.; Westgate, E.C.; Gilbert, D.T.; Ellerbeck, N.; Hahn, C.; Brown, C.L.; Shaked, A.: Just think. The challenges of the disengaged mind. Science, 2014, 345(6192), 75-77 [4 July 2014]. doi.org/10.1126/science.1250830. [Elf Studien mit Denkzeiten von sechs bis fünfzehn Minuten. In der Schockbedingung versetzten sich 12 von 18 Männern und 6 von 24 Frauen mindestens einen Stromschlag, obwohl alle zuvor angegeben hatten, sie würden für dessen Vermeidung bezahlen; ein Teilnehmer tat es 190-mal. Der Befund belegt eine Abneigung gegen beschäftigungsloses Nachdenken, nicht eine Unfähigkeit dazu.]
19 Luchmann, D.: «Vertrauen ist das Fundament der Partnerschaft»: Interview zur Psychologie von Seitensprung und Untreue. Psychotherapie. 26.07.2001 / 21.07.2026.
20 Reckwitz, A.: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp, 2017, S. 439.
21 Luchmann, D.: Chatbots als Psychotherapeuten? Perfekte Komplizen für den Wahnsinn. Psychotherapie. 10.10.2025.
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