Kognitive Psychotherapie in Schriftform vor über 200 Jahren
Als im Frühjahr 2020 die Behandlungsräume schlossen, stand die ambulante Psychotherapie vor der Wahl, zu pausieren oder das Medium zu wechseln. Ich wählte den Wechsel und verlegte die kognitive Psychotherapie dorthin, wo kein Virus sie erreicht: in das geschriebene Wort. Aus der ambulanten kognitiven Psychotherapie wurde die Schriftliche Kognitive Psychotherapie (SKPT) — Anamnese, Diagnose, Intervention und Verlaufskontrolle im digitalen Brief.
Wer eine Neuerung einführt, sollte wissen, wem er die Priorität schuldet. In diesem Fall einem badischen Geistlichen mit Schalk: Johann Peter Hebel - 1760 in Basel geboren, Lehrer und Direktor des Lyzeums in Karlsruhe, 1819 zum Prälaten der evangelischen Landeskirche Badens ernannt, 1826 in Schwetzingen gestorben - veröffentlichte 1811 im «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» die Kalendergeschichte «Der geheilte Patient».1 Sie erzählt, wie ein Arzt einen Patienten heilt, den er nie gesehen hat — mit nichts als zwei Briefen.
Gewiss, das heilende Wort im Brief ist älter. Senecas Briefe an Lucilius lassen sich als philosophischer Vorläufer der kognitiven Psychotherapie lesen: Sie enthalten viele Prinzipien, die erst die kognitive Psychotherapie wissenschaftlich ausarbeiten und klinisch anwenden sollte — eine Psychotherapie im modernen Sinn sind sie nicht. Hebels Erzählung leistet mehr: Sie beschreibt eine psychotherapeutische Behandlung mit allen Merkmalen, nach denen die moderne Wirksamkeitsforschung fragt - schriftliche Anamnese, Diagnose, Intervention, Verlaufsbeobachtung -, und liefert obendrein eine Katamnese von 87 Jahren, von der jede Therapiestudie nur träumen kann.
Man lese also zuerst Hebel selbst - der Text ist kurz, und er ist ein Vergnügen -, und danach lege ich dar, was in ihm steckt: eine vollständige kognitive Psychotherapie, deren Behandlungsprotokoll sich Punkt für Punkt lesen lässt wie ein modernes — mit Verhaltensänderung als Ergebnis veränderten Denkens, mit Rückfallprophylaxe und mit einer Pointe über das Medium selbst, die Hebel womöglich klarer vor Augen stand, als seine Interpreten wahrhaben wollen.
Die Anamnese: ein Lebensführungsleiden und sein Denkfehler
Hebel eröffnet mit einer Diagnose, um die ihn mancher heutige Hausarzt beneiden dürfte: Die Krankheit steckt «nicht in der Luft», sondern «in den vollen Schüsseln und Gläsern, und in den weichen Sesseln und seidenen Betten». Der reiche Amsterdamer leidet an seiner Lebensführung — am Essen ohne Hunger, «aus lauter langer Weile», an einem Tag, in dem das Mittagessen nahtlos ins Nachtessen übergeht, und an einer Müdigkeit, die nicht von Arbeit kommt. Er ist, wie Hebel mit klinischer Präzision festhält, «nicht recht gesund und nicht recht krank» — die klassische Grauzone der funktionellen Beschwerden, in der bis heute ein erheblicher Teil aller Arztbesuche spielt.
Krank ist der Mann gleichwohl, nur anderswo, als er sucht. «Wenn man aber ihn selber hörte, so hatte er 365 Krankheiten, nämlich alle Tage eine andere.» Nicht der Körper produziert diese 365 Krankheiten; sie sind das Werk einer Selbstbeobachtung, die jedes Ziehen und Drücken zum Befund erhebt. Der eigentliche Befund aber ist ein Gedanke, und Hebel legt ihn seinem Patienten wörtlich in den Mund: «wofür bin ich ein reicher Mann, wenn ich soll leben, wie ein Hund, und der Doctor will mich nicht gesund machen für mein Geld?» In diesem Satz steckt der ganze Denkfehler, an dem alle Ärzte Amsterdams scheitern: Gesundheit wird als Ware gedacht, die man kauft, und Verantwortung als Dienstleistung, die man delegiert. Der Arzt schuldet die Heilung; der Patient schuldet nur das Honorar.
Die Ärzte scheitern folgerichtig nicht an ihrer Pharmakologie, sondern an diesem unbearbeiteten Gedanken. Hebel sagt es in vier Wörtern: «denn er folgte nicht». Man kann Feuereimer voll Mixturen verschreiben und Pillen «wie Enten-Eyer so groß» — solange der Patient denkt, die Heilung sei Sache des Behandlers, bleibt jede Verordnung wirkungslos. Die «zweibeinige Apotheke», wie die Amsterdamer ihren Mitbürger spotten, ist Hebels Karikatur einer Medizin, die Mittel verabreicht, wo sie Denken verändern müsste. Wer sich heute in Wartezimmern umsieht, wird die Gattung nicht ausgestorben finden.
Die Behandlung: zwei Briefe, keine Begegnung
Dann tritt der ferne Arzt auf, und mit ihm wechselt das Medium. Der Patient «schrieb ihm seinen Umstand» — die Anamnese erfolgt schriftlich. Der Arzt «merkte bald was ihm fehle» — die Diagnose erfolgt aus dem geschriebenen Wort, ohne Untersuchung, ohne Blickkontakt, ohne Begegnung. Man beachte die Ironie, die Hebel hier versteckt hat: Der Ruf des Arztes lautet, die Kranken würden gesund, «wenn er sie nur recht anschaue» — aber angeschaut wird der Patient in der ganzen Geschichte kein einziges Mal. Der berühmte Blick, dem die Heilkraft nachgesagt wird, findet nicht statt. Das Zutrauen, das dieser Ruf stiftet, hat eine einzige Funktion: Es bringt den Patienten dazu, zu schreiben. Geheilt wird er durch etwas anderes. Hebel trennt damit, ohne die Begriffe zu kennen, was die Psychotherapieforschung erst im zwanzigsten Jahrhundert auseinanderlegen wird: den unspezifischen Erwartungseffekt, der den Patienten in Bewegung setzt, und den spezifischen Wirkmechanismus, der ihn gesund macht.
Die Intervention selbst ist ein «Brieflein» — man würdige das Diminutiv gegen die Feuereimer. Therapietechnisch gelesen, enthält dieses Brieflein ein vollständiges Behandlungsprogramm: eine Bewegungsverordnung (zu Fuss, «auf des Schuhmachers Rappen», hundert Stunden weit), einen bis aufs Bratwürstlein quantifizierten Ernährungsplan, eine Konsequenzenerläuterung von erfrischender Deutlichkeit («so hört Ihr im andern Frühjahr den Gukuk nimmer schreyen») — und, als Schlussstein, die Übergabe der Verantwortung: «Thut was Ihr wollt!» Dieser letzte Satz ist die Kapitulation aller paternalistischen Medizin und zugleich die Geburtsurkunde der Eigenverantwortung in der Behandlung. Der Arzt kann den Weg weisen; gehen muss ihn der Patient. In diesem Fall: wörtlich.
Der Lindwurm: was die Metapher leistet — und was die Täuschung kostet
Bleibt der Lindwurm mit den sieben Mäulern — die therapeutisch heikelste Stelle der Geschichte, denn der Arzt heilt durch eine Fiktion, genau genommen: durch eine Lüge. Man muss zuerst würdigen, was diese Lüge leistet. Die Wahrheit - Sie fressen sich zu Tode - hatten alle Ärzte Amsterdams bereits ausgesprochen, vergeblich. Der ferne Arzt ersetzt die unbrauchbare Kognition nicht durch dieselbe Wahrheit in lauterer Tonlage, sondern durch eine handlungsleitende Fiktion. Der Lindwurm externalisiert das Symptom: Der Patient kämpft fortan gegen etwas in seinem Bauch statt gegen sich selbst — ein Kunstgriff, den die moderne Psychotherapie als Externalisierung kennt und gezielt einsetzt. Die Metapher übersetzt zudem die abstrakte Mässigkeit in konkrete Handlungsanweisungen: Wer einen Lindwurm nicht schütteln darf, geht zu Fuss; wer ihn nicht füttern darf, isst massvoll.
Und doch bleibt es eine Täuschung, und an dieser Stelle trennen sich 1811 und die Gegenwart. Hebels Arzt musste lügen, weil ihm das Instrumentarium fehlte, den Denkfehler seines Patienten direkt zu bearbeiten. Die kognitive Psychotherapie verfügt über dieses Instrumentarium. Sie braucht keinen Lindwurm; sie zeigt dem Patienten die tatsächliche Kausalkette - vom Gedanken über das Verhalten zum Befinden - und macht ihn damit nicht zum Objekt einer wohlmeinenden List, sondern zum Mitwisser seiner eigenen Heilung. Dass die Täuschung entbehrlich ist, beweist im Übrigen niemand schlagender als Hebels Patient selbst; davon gleich mehr.
Die Heilung unterwegs: gesund am achtzehnten Tag — vor jedem Arztkontakt
Das stärkste Beweisstück der Geschichte ist ihr Zeitplan. Am achtzehnten Tag kommt der Patient in der Stadt des Arztes an, und am neunzehnten Morgen ist er gesund — so gesund, dass er sich beklagt, «zu keiner ungeschicktern Zeit» genesen zu sein als jetzt, wo er zum Doktor soll. Die Heilung ist abgeschlossen, bevor der erste Arztkontakt stattfindet. Hebel schliesst damit sämtliche Alternativerklärungen aus, die man gegen eine Behandlung ohne Begegnung vorbringen könnte: Nicht der berühmte Blick heilte, denn er wurde nie geworfen; nicht die Begegnung, denn sie hatte noch nicht stattgefunden; nicht die therapeutische Beziehung im Sinne gemeinsam verbrachter Stunden, denn die beiden Männer hatten ausser zwei Briefen nichts gewechselt. Was bleibt, ist die veränderte Lebensführung aus verändertem Denken — achtzehn Tage Bewegung und Mässigkeit, angestossen durch ein Brieflein.
Wie diese Veränderung sich anfühlt, beschreibt Hebel in einer Passage, die den Mechanismus genauer trifft als manches Lehrbuch. Am ersten Tag geht der Patient so langsam, «daß wohl eine Schnecke hätte können sein Vorreiter seyn», dankt keinem Gruss und zertritt die Würmlein am Weg. Ab dem zweiten Morgen aber kommt es ihm vor, «als wenn die Vögel schon lange nimmer so lieblich gesungen hätten wie heut», der Tau scheint ihm frisch und die Kornrosen rot, «und alle Leute, die ihm begegneten, sahen so freundlich aus, und er auch». Die Welt hat sich in vierundzwanzig Stunden nicht geändert; die Vögel sangen am ersten Tag dieselben Lieder. Geändert hat sich der, der sie hört.
Genau das ist der Satz, den der Stoiker Epiktet vor bald zwei Jahrtausenden formulierte und den die kognitive Psychotherapie zu ihrem Fundament gemacht hat: Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über die Dinge.3 Albert Ellis hat diesen Zusammenhang später in das ABC-Schema seiner Rational-Emotiven Therapie (RET) gefasst: Zwischen dem auslösenden Ereignis A und der emotionalen Konsequenz C steht immer die Bewertung B.4 Hebels Geschichte ist die erzählte Fassung dieses Schemas. Das A - der dicke Leib, die Trägheit von Jahren - ist am zweiten Reisetag noch nahezu unverändert; kein Körper baut in achtundvierzig Stunden ab, was er in Jahrzehnten angesetzt hat. Verändert ist B: Aus dem Kranken, der behandelt werden muss, ist ein Mann geworden, der etwas tut. Und mit B kippt C — aus der mürrischen Hypochondrie wird jene Grundheiterkeit, die Hebel in einem einzigen Nebensatz unterbringt. Das «und er auch» ist das Juwel der ganzen Geschichte: Die Freundlichkeit, die der Wanderer in allen Gesichtern findet, ist seine eigene, zurückgespiegelt.
Die Auflösung: der Patient, der versteht — und die Rückfallprophylaxe
Die Schlussszene widerlegt die letzte denkbare Einwendung — die Vermutung nämlich, die Lüge vom Lindwurm sei der eigentliche Wirkstoff gewesen, und die Heilung stehe und falle mit der aufrechterhaltenen Täuschung. Der Patient durchschaut den Arzt: «Herr Doctor, Ihr seid ein feiner Kautz, und ich versteh Euch wohl.» Und dann bleibt er gesund — siebenundachtzig Jahre, vier Monate und zehn Tage lang, «wie ein Fisch im Wasser». Die durchschaute Fiktion nimmt der Heilung nichts, weil die Fiktion nie der Motor war, sondern nur die Zündung. Was trägt, ist die verstandene Einsicht in den Zusammenhang von Lebensführung und Befinden. Der Patient, der «wohl versteht», ist der Endzustand, auf den jede kognitive Psychotherapie hinarbeitet: einer, der den Mechanismus seiner Gesundung kennt und ihn deshalb selbst bedienen kann — ohne Arzt, ohne Lindwurm, ohne Aufsicht.
Dass Hebels Arzt auch von Rückfallprophylaxe etwas verstand, zeigt sein zweiter Rat. Die «Eyer im Leib» verlängern die Metapher gerade so weit, wie das Erhaltungsprogramm es braucht: wieder zu Fuss heim, daheim «fleißig Holz sägen» - und zwar «daß niemand sieht», also nicht zur Schau, sondern aus eigenem Antrieb -, und essen nur, wenn «der Hunger ermahnt». Das ist, in heutiger Terminologie, fortgesetzte körperliche Aktivierung, intrinsische statt demonstrativer Gesundheitspflege und Orientierung am Körpersignal statt an äusseren Essanlässen. Der Arzt entlässt seinen Patienten nicht als Geheilten, sondern als Kompetenten — der Unterschied ist beträchtlich, denn Geheilte können rückfällig werden, Kompetente wissen, was dann zu tun wäre.
Grawes Wirkfaktoren, 183 Jahre vor Klaus Grawe
Man kann die Probe aufs Exempel machen und die Kalendergeschichte an dem Massstab messen, den Klaus Grawe 1994 aus der Auswertung von fast 900 kontrollierten Therapiestudien gewonnen hat: den allgemeinen Wirkfaktoren, die jede erfolgreiche Psychotherapie kennzeichnen, gleich welcher Schule sie sich zurechnet.5 Die Geschichte besteht die Prüfung in allen Punkten. Problemaktualisierung: Die achtzehntägige Fussreise konfrontiert den Patienten täglich und leibhaftig mit seinem Problem - der Trägheit -, statt im Lehnsessel darüber reden zu lassen. Ressourcenaktivierung: Der Arzt nutzt, was der Patient mitbringt — sein Zutrauen, sein Reisegeld und seine ungenutzten Beine. Motivationale Klärung: Am Ende versteht der Patient den Zusammenhang zwischen seiner Lebensführung und seinem Leiden — «ich versteh Euch wohl». Problembewältigung: Das neue Verhalten wird nicht besprochen, sondern achtzehn Tage lang eingeübt, bis es trägt. Eine Kalendergeschichte von 1811 erfüllt die Kriterien einer Meta-Analyse von 1994 — nicht weil Hebel gezaubert hätte, sondern weil wirksame Psychotherapie zu allen Zeiten aus denselben Elementen besteht. Die Schulen kommen und gehen; die Wirkfaktoren bleiben.
Von Hebels Brief zur Schriftlichen Kognitiven Psychotherapie
Als ich im Lockdown 2020 die ambulante kognitive Psychotherapie in die Schriftliche Kognitive Psychotherapie überführte, folgte ich derselben Logik wie Hebels Arzt — mit einem Unterschied, der den Fortschritt zweier Jahrhunderte enthält. Was 1811 die fromme Lüge leisten musste, leistet heute die transparente Korrektur der Denkfehler. Die SKPT erklärt dem Patienten, was der Lindwurm verschleierte: dass sein Denken sein Verhalten steuert und sein Verhalten sein Befinden. Der Patient wird nicht überlistet, sondern unterrichtet — und übt dann, wie der Amsterdamer auf seiner Landstrasse, das neue Verhalten als Ergebnis seines neuen Denkens selbst ein.
Die Vorzüge des schriftlichen Mediums lassen sich an der Geschichte vollständig entwickeln. Das geschriebene Wort lässt sich immer wieder lesen: Der Amsterdamer trug seinen Brief achtzehn Tage mit sich, und man darf annehmen, dass er ihn unterwegs mehr als einmal hervorzog — die gesprochenen Ratschläge der Amsterdamer Ärzte hingegen waren verklungen, ehe die Tür ins Schloss fiel. Das geschriebene Wort drängt nicht: Es wartet, bis der Leser bereit ist, und erspart ihm das Gesicht, das er im Sprechzimmer wahren müsste. Und das geschriebene Wort lässt frei: Am Ende jedes Briefes steht, ausgesprochen oder nicht, das «Thut was Ihr wollt!» — die Freiheit, die alle Verantwortung dorthin legt, wo sie hingehört.
Dass dies nicht bloss eine schöne Analogie ist, sondern empirisch belastbar, hat die Forschung längst gezeigt. James Pennebaker wies ab 1986 nach, dass schon das strukturierte Schreiben über belastende Erfahrungen messbare Gesundheitseffekte hat.6 Und die Arbeitsgruppe um Alfred Lange - man würdige die Pointe, dass die kontrollierte Evidenz für die Schreibbehandlung ausgerechnet von der Universität Amsterdam kommt, aus der Heimatstadt des geheilten Patienten - belegte in randomisierten Studien, dass eine protokollgeleitete Behandlung über das Internet, im Kern ein Austausch strukturierter Texte, grosse Effektstärken erzielt.7 Was Hebel erzählte, ist inzwischen gemessen worden. Wie die SKPT im Einzelnen arbeitet, ist an anderer Stelle dargelegt: mit der Heilkraft des präzisen Wortes.
Die Meta-Ebene: Hebels Kalender als Psychotherapie in Schriftform
Die feinste Pointe der Geschichte aber liegt nicht in ihr, sondern an ihr. Der «Rheinländische Hausfreund» war ein Kalender — das Massenmedium der kleinen Leute, gelesen von Menschen, die selten einen Arzt sahen, geschweige denn einen Psychotherapeuten. Hebel betrieb mit seinen Kalendergeschichten Volksaufklärung: Psychoedukation avant la lettre, verabreicht über das gedruckte Wort. Die Geschichte vom geheilten Patienten handelt also nicht nur von einer schriftlichen Behandlung — sie ist eine. Wer sie 1811 las und sich im reichen Amsterdamer wiedererkannte, wer also im eigenen Lehnsessel sass und sein Mittagessen nahtlos ins Nachtessen übergehen liess, der erhielt denselben Brief wie dieser: Diagnose, Verordnung, Konsequenzenerläuterung und die Freiheit, alles zu lassen. Der Leser des Kalenders war der eigentliche Adressat der Briefe.
Und für diese Behandlung benötigte Hebel keine Approbation und keine Berufsbewilligung — 1811 nicht und, da er in Literaturform behandelte, auch heute nicht. Das Wort, das aufklärt, untersteht keiner Gesundheitsbürokratie; es untersteht allein der Logik und der Redlichkeit dessen, der es schreibt. Dass die wirksamste Intervention der ganzen Geschichte ein Text war, den jedermann für ein paar Kreuzer kaufen konnte, ist die stillste Provokation, die sich gegen ein durchreguliertes Therapiewesen vorbringen lässt — und Hebel, der geistliche Herr mit dem Schalk, hätte sie verstanden.
Bleiben die zwanzig Dublonen, die der Geheilte dem Arzt alle Neujahr «zum Gruß» schickte. Man lese genau: kein Honorar, keine Rechnung, kein Tarifwerk — ein Gruss. Der Mann, der einst glaubte, Gesundheit lasse sich für Geld kaufen, bezahlt am Ende freiwillig für etwas, das ihm niemand verkauft hat: für eine Einsicht. Es ist die einzige Währung, in der sich Psychotherapie am Ende wirklich bezahlt macht — und die einzige, die der Patient selbst prägen muss.
Die häufigsten Fragen zur Schriftlichen Kognitiven Psychotherapie
Was ist Schriftliche Kognitive Psychotherapie (SKPT)?
Die SKPT ist kognitive Psychotherapie im geschriebenen Wort: Der Patient schildert schriftlich, der Psychotherapeut analysiert die krankmachenden Denkfehler und leitet schriftlich zu deren Korrektur an. Das veränderte Denken befähigt den Patienten, sein Verhalten selbst neu einzuüben. Sie entstand 2020, als der Lockdown die ambulante Behandlung verunmöglichte.
Kann Psychotherapie ohne persönliche Begegnung wirken?
Ja. Hebels Patient wurde gesund, bevor er den Arzt je gesehen hatte — allein durch zwei Briefe und die veränderte Lebensführung aus verändertem Denken. Randomisierte Studien zur internetbasierten Schreibbehandlung bestätigen grosse Effekte. Entscheidend ist nicht die Anwesenheit des Behandlers, sondern die Korrektur der Denkfehler und das eingeübte neue Verhalten.
Was zeigt Hebels «Der geheilte Patient» über die Wirkung von Psychotherapie?
Die Kalendergeschichte enthält alle Wirkelemente erfolgreicher Psychotherapie: schriftliche Anamnese und Diagnose, eine handlungsleitende Intervention, tägliche Konfrontation mit dem Problem, Einübung des neuen Verhaltens und die Übergabe der Verantwortung an den Patienten. Geheilt wird der Patient nicht durch Arznei, sondern durch verändertes Denken und Handeln.
Worin unterscheidet sich die SKPT von Hebels Briefkur?
Hebels Arzt musste mit einer Fiktion arbeiten - dem Lindwurm -, weil ihm das Instrumentarium fehlte, Denkfehler direkt zu bearbeiten. Die SKPT arbeitet transparent: Sie zeigt dem Patienten die tatsächliche Kausalkette von Denken, Verhalten und Befinden und macht ihn zum Mitwisser seiner eigenen Heilung statt zum Objekt einer wohlmeinenden List.
Für wen eignet sich Psychotherapie in Schriftform?
Für Menschen, die bereit sind, Eigenverantwortung zu übernehmen und schreibend zu denken. Das geschriebene Wort lässt sich immer wieder lesen, drängt nicht und wahrt Distanz. Es eignet sich besonders für Patienten, denen der Weg in ein Sprechzimmer verwehrt oder unangenehm ist — und für alle, die verstehen wollen, statt nur behandelt zu werden.
Schriftliche Kognitive Psychotherapie (SKPT) von Dr. Dietmar Luchmann, LLC, ist Hilfe zur Selbsthilfe, um die Selbstheilung psychischer Störungen zu ermöglichen:
1. SKPT kennenlernen
2. Eignungstest machen
3. Selbsttherapie starten
1 Hebel, J. P.: Der geheilte Patient. In: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Stuttgart und Tübingen: Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung, 1811, S. 218-221. [Text im Artikel vollständig und im originalen Wortlaut wiedergegeben, einschliesslich der historischen Orthographie.]
2 Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes von J. P. Hebel. Edited with Notes and Vocabulary by Menco Stern. New York, Cincinnati, Chicago: American Book Company, 1913, S. 78. [Quelle der Abbildung.]
3 Epiktet, Teles, Musonius: Ausgewählte Schriften. Griechisch - Deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel. Zürich: Artemis Verlag, 1994, S. 15. [Encheiridion, Kap. 5: «Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie. So ist zum Beispiel der Tod nichts Furchtbares - sonst hätte er auch Sokrates furchtbar erscheinen müssen -, sondern nur die Meinung, er sei furchtbar, ist das Furchtbare. Wenn wir also in Schwierigkeiten geraten, beunruhigt oder betrübt werden, wollen wir die Schuld niemals einem anderen, sondern nur uns selbst geben, das heißt unseren Meinungen und Urteilen.»]
4 Ellis, A.: Reason and Emotion in Psychotherapy. New York: Lyle Stuart, 1962. [Albert Ellis formalisierte den stoischen Grundgedanken im ABC-Modell der Rational-Emotiven Therapie: Nicht das auslösende Ereignis (A, activating event), sondern die Bewertung (B, belief) erzeugt die emotionale Konsequenz (C, consequence).]
5 Grawe, K.; Donati, R.; Bernauer, F.: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession. Göttingen: Hogrefe, 1994. [Aus der Meta-Analyse kontrollierter Therapiestudien abgeleitete allgemeine Wirkfaktoren erfolgreicher Psychotherapie: Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, motivationale Klärung und aktive Hilfe zur Problembewältigung.]
6 Pennebaker, J. W.; Beall, S. K.: Confronting a Traumatic Event: Toward an Understanding of Inhibition and Disease. Journal of Abnormal Psychology, 1986, 95(3), 274-281. [Grundlagenstudie des expressiven Schreibens: Studenten, die an vier aufeinanderfolgenden Tagen strukturiert über belastende Erfahrungen schrieben, zeigten in den Folgemonaten messbar weniger Krankheitszeichen und Arztbesuche als die Kontrollgruppe.]
7 Lange, A.; Rietdijk, D.; Hudcovicova, M.; van de Ven, J.-P.; Schrieken, B.; Emmelkamp, P. M. G.: Interapy: A Controlled Randomized Trial of the Standardized Treatment of Posttraumatic Stress Through the Internet. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 2003, 71(5), 901-909. [Randomisierte kontrollierte Studie der Universität Amsterdam: Die Behandlungsgruppe (n = 69) verbesserte sich gegenüber der Wartelistengruppe (n = 32) signifikant, mit grossen Effektstärken.]
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