«Es ist die Hölle, Herr Doktor!»

Vom Versuch eines Bankers, einen aufblasbaren Flamingo zu verkaufen. Oder wie man trotzdem empathisch mit dem Anruf eines Bankers umgeht, der seinen Kunden ruinöse US-Dollar-Zertifikate aufzuschwatzen versucht.

Das Telefon in seiner Psychotherapie-Praxis klingelte mit der sanften Beharrlichkeit, die er eigens eingestellt hatte, um sich selbst zwischen zwei anstrengenden Sitzungen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

Dr. Friedrich Weihenruh sass in seinem holzgetäfelten Arbeitszimmer, der Duft von altem Papier und frischem Earl Grey lag in der Luft. Draussen trommelte ein leichter Frühlingsregen gegen die Fensterscheiben, die ein mattes Licht auf die Bücherwände fallen liessen. Beim dritten Klingeln nahm er den Hörer ab.

«Weihenruh, guten Tag.»

Am anderen Ende der Leitung explodierte eine Stimme, aufgeladen mit der künstlichen Energie eines dreifachen Espressos.

«Einen wundervollen guten Tag, Herr Dr. Weihenruh! Tobias Mahler von Ihrer Global Invest Bank am Apparat. Ich hoffe, ich störe Sie nicht bei etwas Wichtigem?»

Tobias Mahler sass in einem gläsernen Käfig, den seine Bank ‚Open Office' nannte. Sein Anzug spannte leicht über den Schultern, ein Symbol für den Druck, der auf ihm lastete.

Vor ihm lag ein ausgedrucktes Skript mit gelben Markierungen. Perfekter Einstieg, dachte er. Höfliche, offene Frage. Er muss ‚Nein' sagen, und schon habe ich den Fuss in der Tür. Commitment und Konsistenz fängt im Kleinen an.

Dr. Weihenruh rührte gelassen in seinem Tee. «Nein, Herr Mahler, Sie stören nicht. Ich habe gerade eine Pause. Was führt Sie zu mir?»

Interessant, dachte der Psychologe. Die ‚Foot-in-the-door'-Technik. Ein kleines ‚Ja' für das Gespräch ebnet den Weg für ein grösseres ‚Ja' zum Produkt. Klassisch.

«Hervorragend!», trillerte Mahler. «Herr Dr. Weihenruh, der Grund meines Anrufs ist ein ganz besonderer. Wir haben aktuell eine Möglichkeit, die wir nur einem sehr, sehr ausgewählten Kreis unserer besten Kunden anbieten. Aufgrund Ihrer langjährigen Treue und Ihres intelligenten Portfolios dachte ich sofort an Sie. Das Produkt schreit förmlich nach Ihnen: der DollarFlex TurboYield 3000!»

So, jetzt die volle Breitseite, feuerte sich Mahler innerlich an. Knappheitsprinzip, Schmeichelei und die Identifikation des Kunden mit dem Produkt. Er soll sich als Teil einer Elite fühlen.

Weihenruh lächelte leise in seine Teetasse. «Aha. Das Produkt schreit also meinen Namen? Das klingt entweder nach einer Projektion Ihrerseits oder einem akustischen Tinnitus des Produkts. Sie appellieren an das Knappheitsprinzip, um es begehrenswerter zu machen, und schmeicheln mir, um meine rationale Abwehr zu schwächen. Erzählen Sie mir von diesem Turbo-Staubsauger, aber bitte ohne die Werbesprache.»

Stille. Man hörte ein leises Rascheln, als Mahlers Finger über sein Skript zitterten und nach der passenden Antwort suchten. Er fand sie unter der Überschrift: «Umgang mit smarten Einwänden».

«Haha, herrlich!», lachte Mahler eine Spur zu laut. «Ein scharfer Verstand, genau deshalb rufe ich ja an! Sie haben natürlich recht, das sind bewährte Kommunikationsstrategien. Aber der Kern bleibt wahr: Es ist tatsächlich eine limitierte Tranche. Es geht um eine clevere Währungsstrategie. Wir wetten darauf, dass der US-Dollar gegenüber dem Euro in den nächsten 12 Monaten in einer stabilen Bandbreite bleibt. Solange er das tut, erhalten Sie eine aussergewöhnliche Rendite von bis zu 12 Prozent pro Jahr!»

Die Zahl! Der Anker! dachte Mahler triumphierend. 12 Prozent! Das ist die Zahl, die jetzt in seinem Kopf klebt. Dagegen sehen seine mickrigen Zinsen alt aus. Die Anker-Heuristik wirkt immer.

«Zwölf Prozent», wiederholte Weihenruh langsam. «Ein beeindruckender Anker, den Sie da auswerfen. Mein Gehirn speichert das jetzt als Referenzpunkt für ‚gut' ab. Und nun zum Kleingedruckten, das Sie sicher nur beiläufig erwähnen wollen: Was passiert, wenn der Dollar diesen Korridor verlässt? Ein Produkt, bei dem ich im schlimmsten Fall viel verliere, ist doch so risikolos wie ein Tinder-Date mit einem Kettensägensammler, nicht wahr?»

Mahler schluckte. Der Schweiss auf seiner Stirn fühlte sich kalt an. «Das ist… also, die Wahrscheinlichkeit ist laut unseren Top-Analysten äusserst gering. Schauen Sie, hier der historische Chart seit 2019.»

Er wusste, dass Weihenruh es nicht sehen konnte, aber die Geste half ihm, im Skript zu bleiben. «Absolut stabil. Da können Sie praktisch eine Wasserwaage anlegen.»

«Ah, der gute alte Framing-Effekt», erwiderte Weihenruh amüsiert. «Sie zeigen mir nur den Ausschnitt, der gut aussieht – wie beim Online-Dating, wo nur das vorteilhafte Gesichtsfoto drin ist und man die drei Meter lange Python, die die Person als Haustier hält, erst beim ersten Treffen entdeckt. Sie betonen die 95 Prozent Sicherheit und nicht die 5 Prozent Wahrscheinlichkeit des katastrophalen Totalverlusts. Erklären Sie mir die Asymmetrie, Herr Mahler.»

Mahlers Selbstbewusstsein bröckelte. «Ähm, ja, also… der Gewinn ist bei 12 Prozent gedeckelt. Der Verlust… ist gehebelt. Aber Herr Dr. Weihenruh, Sie sind doch intelligent, reflektiert – ein Alpha-Investor! Genau solche Kunden verstehen: Keine Rendite ohne ein kleines, kalkuliertes Risiko!»

«Die Kompliment-Falle, kombiniert mit dem Appell an die Gruppenzugehörigkeit», konstatierte Weihenruh trocken. «Ich soll nicht der langweilige Standardkunde sein, sondern der Smarte, der es kapiert. Funktioniert leider nur bei Menschen, die ihre Egostreicheleinheiten nicht beruflich analysieren. Nächster Versuch?»

Verdammt! schoss es Mahler durch den Kopf. Der zerlegt mich wie ein Ikea-Regal. Okay, Plan B: Sozialer Beweis.

«Ich verstehe Ihre professionelle Skepsis», sagte er und versuchte, wieder Souveränität in seine Stimme zu legen. «Aber unsere besten Kunden sind schon drin. Ärzte, Unternehmer, ein pensionierter Notar…»

«Ah, die soziale Bewährtheit», unterbrach ihn Weihenruh. «Ich soll denken: Wenn der Zahnarzt von nebenan sein Geld riskiert, kann ich ja wohl nicht zurückbleiben. Aber ich habe in meinem Leben eines gelernt, Herr Mahler: Nur weil fünf Leute gemeinsam in den Abgrund springen, wird daraus noch lange kein olympischer Mannschaftssport.»

Mahler klammerte sich an seinen letzten Strohhalm: die Emotionsebene. «Und stellen Sie sich mal vor», säuselte er, «in sechs Monaten sitzen Sie mit einem Glas Champagner da, sehen, wie Ihr Geld für Sie arbeitet, und sagen sich: ‚Zum Glück habe ich es gemacht!' Wollen Sie wirklich in einem Jahr dastehen und das Bedauern spüren, diese Chance verpasst zu haben?»

«Visualisierung als Emotionsverstärker, gepaart mit Verlust-Aversion», analysierte Weihenruh. «Funktioniert prima beim Teleshopping: ‚Stellen Sie sich vor, wie Sie mit dieser Wunderpfanne endlich Ihren Schwiegervater beeindrucken!' Nur dass bei Ihnen statt einer verbrannten Hühnerbrust vermutlich mein Depotstand flambiert wird. Der Mensch fürchtet einen Verlust eben stärker, als er sich über einen Gewinn freut. Sie malen mir das schmerzhafte Bild des Bedauerns, um mich zu einer irrationalen Entscheidung zu drängen.»

Mahler war am Ende. Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. «Herr Dr. Weihenruh… ich will Ihnen doch wirklich nur helfen, Ihr Geld zu maximieren. Wir sitzen doch im selben Boot!»

«Faszinierend», sagte Weihenruh. «Jetzt versuchen Sie es mit dem Wir-Gefühl, um eine künstliche Solidarität herzustellen. Aber leider, Herr Mahler, sitzen wir nicht im selben Boot. Ich sitze in einem soliden Segelboot mit Schwimmweste und klarem Kurs. Sie hingegen stehen auf einem aufblasbaren Flamingo, der mit hochriskanten Derivaten gefüllt ist, und versuchen, auf dem stürmischen Ozean der globalen Finanzmärkte nicht zu kentern, während Sie mir zurufen, das Wasser sei herrlich.»

Es folgte eine lange, schwere Stille am anderen Ende der Leitung. Weihenruh hörte ein leises, unterdrücktes Geräusch, das wie ein Schluchzen klang. Die Fassade des Bankers war nicht nur zerbröckelt, sie war zu Staub zerfallen.

Weihenruhs Tonfall wurde augenblicklich weicher, die analytische Schärfe wich einem spürbaren Mitgefühl. «Tobias. Darf ich Sie Tobias nennen?»

«Ja», krächzte die Stimme.

«Tobias, wie geht es Ihnen wirklich?», fragte Weihenruh sanft.

Die Frage traf den jungen Mann wie eine Welle der Erleichterung. Die aufgestaute Verzweiflung brach aus ihm heraus. «Es ist die Hölle, Herr Doktor», flüsterte er. «Jeden Tag dieser Druck. Diese sinnlosen Produkte, die niemandem nützen ausser der Bank. Mein Chef sitzt mir im Nacken, die Verkaufsziele sind absurd. Ich hasse diesen Job. Ich hasse ihn.»

«Das glaube ich Ihnen», sagte Weihenruh ruhig. «Das klingt nach einer enormen Belastung.»

Es war wieder einen Moment still. Dann fragte Mahler mit einer Stimme, die kaum noch Kraft hatte: «Aber… Herr Doktor… es könnte doch auch gut gehen, oder?»

Weihenruh schloss die Augen und dachte einen Moment nach.

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«Wissen Sie, Tobias», sagte er dann mit einer warmen, fast väterlichen Stimme, «ich habe tatsächlich eine hochspekulative Anlage. Ein echtes Risikoinvestment. Der Hebel ist gewaltig, die Volatilität extrem und die zukünftige Performance absolut unvorhersehbar.»

Ein Funken Hoffnung flackerte in Mahlers Stimme auf. «Wirklich? Was für eine? Vielleicht haben wir ja so etwas Ähnliches…»

«Nein, das haben Sie nicht», sagte Weihenruh und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.

«Meine Anlage sind die Klavierstunden meiner Tochter und der Fussballverein meines Sohnes. Die Rendite lässt sich nicht in Prozent messen, sondern in schiefen Tönen und schmutzigen Trikots. Der emotionale Hebel ist so hoch, dass ein einziges Lächeln von ihnen jeden Börsengewinn wertlos macht. Und ein Totalverlust ist emotional so verheerend, dass er unvorstellbar ist.»

Er machte eine kurze Pause, um die Worte wirken zu lassen.

«Dagegen, Tobias», schloss er leise, «ist Ihr DollarFlex TurboYield 3000 eine absolut sichere, aber leider völlig sinnlose Anlage. Investieren Sie Ihre Energie lieber in etwas, das eine echte Rendite abwirft. Zum Beispiel in sich selbst.»

Am anderen Ende der Leitung war nur noch ein leises, tiefes Atmen zu hören. Das Gespräch war beendet. Der Flamingo trieb allein auf dem Ozean.

Dr. Friedrich Weihenruh ist ein literarisches Alter Ego, durch das der Autor seine Erlebnisse und Erfahrungen als Psychotherapeut erzählerisch verarbeitet. Die Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten, sind jedoch fiktionalisiert: Zum Schutz der Privatsphäre und Schweigepflicht wurden Namen, Orte und Details geändert. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.

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