Das gläserne Herz — ein Märchen für die kognitive Psychotherapie

Es war einmal – und es ist noch immer, denn diese Geschichte ereignet sich in jedem Zeitalter aufs Neue – ein Königreich, das zwischen hohen Bergen und einem tiefen See lag, dort, wo die Winde von keiner Seite her Wärme brachten. In diesem Königreich regierte ein junger Prinz namens Kiran, was in der alten Sprache jenes Landes «der Strahlende» bedeutet.

Von dem Prinzen, der aus Spiegeln gemacht war

Doch Kiran strahlte nicht von innen heraus, wie es die Sonne tut oder ein Feuer in einer Winternacht. Sein Strahlen war das Strahlen eines Spiegels: Er warf nur zurück, was andere ihm entgegenbrachten, und wenn niemand ihn ansah, war er dunkel wie eine Fensterscheibe bei Nacht.

Die Ältesten des Königreichs erzählten sich im Flüsterton die Geschichte seiner Herkunft. Als Kiran geboren wurde, so sagten sie, war er ein Kind wie jedes andere gewesen, rosig und schreiend und hungrig nach der Wärme seiner Mutter. Doch seine Mutter, die Königin, war eine Frau von eisiger Schönheit, die selbst nie berührt worden war, ohne zu erschaudern. Sie betrachtete das Kind in ihrer Wiege wie einen Gegenstand, der ihr gehörte, aber nicht zu ihr gehörte. «Er soll stark werden», sagte sie zum König, «stark und unverwundbar. Er soll niemals weinen wie die gemeinen Kinder auf der Strasse.»

Und so liess sie eine Amme kommen, die das Kind nährte, aber nicht streichelte. Sie liess Lehrer kommen, die das Kind unterrichteten, aber nicht liebten. Sie liess Diener kommen, die das Kind kleideten, aber nicht umarmten. Und mit jedem Jahr, das verging, wurde etwas in Kiran härter und kälter, bis sein Herz schliesslich zu Glas geworden war — durchsichtig und funkelnd, aber zerbrechlich und kalt.

Das Merkwürdigste aber war: Kiran selbst wusste nicht, dass sein Herz aus Glas war. Er glaubte, es sei aus purem Gold, dem edelsten aller Metalle, und dass alle anderen Menschen lediglich Herzen aus gewöhnlichem Ton besässen.

Von den Spiegeln, die lügen, und den Menschen, die schweigen

Als Kiran zwanzig Jahre alt wurde, übernahm er die Herrschaft über das Königreich, denn sein Vater war an einer sonderbaren Krankheit gestorben, die die Ärzte «Erschöpfung des Herzens» nannten — er hatte so viel davon seiner Gemahlin gegeben und so wenig zurückbekommen, dass am Ende nichts mehr übrig gewesen war. Die Mutter zog sich in einen Turm zurück, wo sie ihr Spiegelbild betrachtete und von niemandem mehr gesehen werden wollte, nicht einmal von ihrem Sohn. Zumal ihr Sohn ohnehin niemals der Sohn gewesen war, den sie sich gewünscht hatte — denn sie hatte sich gar keinen Sohn gewünscht; sie hatte nur eine weitere Fläche gewünscht, in der sich ihre eigene Herrlichkeit spiegeln konnte.

König Kiran liess als Erstes alle Räume seines Palastes mit Spiegeln auskleiden. «So kann ich mich stets von allen Seiten bewundern», sagte er zu seinem Ratgeber, einem alten Mann namens Erasmus, der noch seinen Vater beraten hatte. Erasmus schwieg dazu, wie er zu vielem schwieg, denn er hatte gelernt, dass Könige zwar Ratgeber beschäftigen, aber selten ihren Rat wünschen.

Kiran war in der Tat von einnehmender Erscheinung. Sein Haar glänzte wie Rabenflügel, seine Augen hatten die Farbe von Winterhimmel, und sein Körper bewegte sich mit der Anmut eines Tänzers. Wenn er durch die Strassen ritt, wandten ihm die Menschen ihre Gesichter zu, und er deutete jeden Blick als Bewunderung. Dass manche dieser Blicke Furcht enthielten und andere Gleichgültigkeit und wieder andere jene höfliche Leere, mit der man Herrschern begegnet, denen man nicht widersprechen darf — davon wollte er nichts wissen, und also wusste er es nicht.

«Bin ich nicht der grösste König, den dieses Land je gesehen hat?», fragte er Erasmus eines Abends.

«Ihr seid gewiss ein König von bemerkenswerten Eigenschaften», antwortete Erasmus vorsichtig.

«Bemerkenswert?», rief Kiran, und sein Gesicht verzerrte sich für einen Augenblick zu einer hässlichen Grimasse, wie eine Maske, die verrutscht und einen Blick auf etwas Dunkles darunter freigibt. «Nur bemerkenswert? Ich bin aussergewöhnlich! Ich bin einzigartig! Sag mir, dass ich einzigartig bin!»

«Ihr seid einzigartig, Majestät», sagte Erasmus, und in seiner Stimme war eine Müdigkeit, die Kiran nicht bemerkte, weil er nur hörte, was er hören wollte.

Zufrieden wandte sich Kiran wieder seinen Spiegeln zu.

Von der Prinzessin, die nicht bewundern wollte

Es geschah in jenem Jahr, dass der König sich zu vermählen wünschte, denn ein König ohne Königin, so dachte er, ist wie ein Diamant ohne Fassung — wer sollte seinen Wert zur Geltung bringen? Er liess also verkünden, dass die schönsten Prinzessinnen aller Nachbarreiche an seinen Hof kommen sollten, damit er sich die würdigste unter ihnen erwähle.

Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen: Prinzessinnen mit goldenen Haaren und Prinzessinnen mit schwarzen Zöpfen, Prinzessinnen, die singen konnten wie Nachtigallen, und Prinzessinnen, die rechnen konnten wie Kaufleute. Sie alle bemühten sich um Kirans Gunst, und er genoss ihre Bemühungen wie ein Durstiger das Wasser geniesst — doch wie ein Fass ohne Boden wurde sein Durst nie gestillt, gleichviel, wie viel er trank.

Unter all diesen Prinzessinnen aber war eine, die nicht strahlte, nicht tanzte und nicht sang. Ihr Name war Alethea, was in der alten Sprache «die Wahrhaftige» bedeutet, und sie war die Tochter eines kleinen, armen Königreichs im Westen, wo die Menschen sich von dem ernährten, was das karge Land ihnen gab, und einander in die Augen sahen, wenn sie miteinander sprachen.

Alethea hatte dunkle Augen, die alles zu sehen schienen, und einen Mund, der selten lächelte, aber wenn er es tat, dann ohne Berechnung. Sie war gekommen, weil ihr Vater sie geschickt hatte und sie ihm nicht hatte widersprechen wollen, aber sie hatte sich vorgenommen, nicht zu gefallen und nicht zu lügen.

Als Kiran an ihr vorüberschritt, wartete er darauf, dass sie errötete oder die Augen niederschlug oder ein bewunderndes Seufzen von sich gab, wie es die anderen Prinzessinnen taten. Doch Alethea tat nichts dergleichen. Sie sah ihn an, wie man einen Baum ansieht oder einen Stein — mit ruhiger Aufmerksamkeit, aber ohne jenes Glitzern, das er so sehr begehrte.

«Findet Ihr mich nicht ansehnlich?», fragte Kiran, und in seiner Stimme war trotz ihrer Schärfe ein Zittern, das er selbst nicht bemerkte.

«Ihr seid von angenehmem Äusseren», sagte Alethea. «Doch das Äussere ist wie der Rahmen eines Bildes. Es sagt nichts darüber aus, was sich darin befindet.»

Kiran trat zurück, als hätte sie ihn geschlagen. In seinem Inneren – dort, wo sein gläsernes Herz hing, durchsichtig und zerbrechlich – ertönte ein hoher, schriller Ton, wie wenn jemand mit dem Finger über den Rand eines Kristallglases fährt. Dieser Ton, hätte er ihn zu deuten verstanden, war der Klang einer Wahrheit, die an die Wände seines Herzens stiess und sie zum Schwingen brachte. Doch Kiran verstand ihn nicht. Er verstand nur, dass diese Frau ihm etwas versagt hatte, das er brauchte wie die Luft zum Atmen.

«Hinaus!», rief er, und seine Stimme hallte von den Spiegelwänden zurück, vervielfacht zu einem Chor der Wut. «Du wagst es, deinen König zu beleidigen? Hinaus, und kehre niemals wieder!»

Alethea verneigte sich, wie es die Höflichkeit verlangte, doch ihre Augen verliessen die seinen nicht. «Ich gehe», sagte sie leise. «Doch bevor ich gehe, will ich Euch etwas sagen, was Ihr vielleicht nicht wissen wollt, aber eines Tages wissen müsst: Die Spiegel, in die Ihr blickt, zeigen Euch nur das, was Ihr sehen wollt. Sie zeigen Euch nicht das, was ist.»

Dann wandte sie sich ab und schritt aus dem Saal, und Kiran sah ihr nach mit einem Gefühl, das er nicht benennen konnte, weil er es noch nie gefühlt hatte. Es war, als hätte jemand einen Riss in einen seiner Spiegel gemacht, und durch diesen Riss sickerte etwas Kaltes und Dunkles herein.

Von dem Versuch, die Leere zu füllen

Nach jenem Tag wählte Kiran eine der anderen Prinzessinnen zur Gemahlin — die strahlendste und bewunderndste von allen, eine Frau namens Bella, die ihn ansah, als wäre er die Sonne selbst, und die lachte, wenn er lachte, und weinte, wenn er sie tadelte, und die keinen eigenen Gedanken zu haben schien, der nicht von ihm abhing.

Eine Zeit lang war Kiran zufrieden. Er wachte auf neben einer Frau, die ihn ansah wie einen Gott, und er ging schlafen neben einer Frau, die ihm sagte, er sei der Grossartigste aller Könige, und alles, was dazwischen lag, war gefüllt mit dem süssen Nektar ihrer Bewunderung.

Doch etwas Seltsames geschah: Je mehr Bella ihn bewunderte, desto weniger bedeutete ihre Bewunderung. Es war, als tränke er Wasser, das immer dünner wurde, bis es schliesslich kein Wasser mehr war, sondern nur noch leere Luft. Er begann, sie zu verachten für ihre Bewunderung, denn insgeheim dachte er: Wenn sie mich so sehr bewundert, dann muss etwas mit ihr nicht stimmen. Eine wahrhaft kluge Frau würde die Hohlheit in mir sehen. Eine wahrhaft kluge Frau würde mich so betrachten wie diese Alethea es tat — mit Augen, die nicht geblendet sind.

Diesen Gedanken aber schob er schnell beiseite, denn er war zu schrecklich, um ihn zu Ende zu denken.

Stattdessen verlangte er mehr. Mehr Feste, auf denen die Menschen ihn feierten. Mehr Denkmäler, die sein Abbild zeigten. Mehr Dichter, die Lieder auf seine Grösse sangen. Mehr, mehr, mehr — und je mehr er bekam, desto grösser wurde die Leere in seinem Inneren, bis sie ihn manchmal mitten in der Nacht aufweckte und ihn anstarrte aus den dunklen Ecken seines Schlafgemachs.

In solchen Nächten stand er auf und wandelte durch die leeren Korridore seines Palastes, und die Spiegel, an denen er vorüberkam, warfen sein Bild zurück — aber war da nicht, wenn er genau hinsah, etwas Merkwürdiges in seinem Spiegelbild? Eine Durchsichtigkeit, die nicht hätte da sein sollen? Manchmal schien es ihm, als könne er durch sein eigenes Gesicht hindurchsehen auf die Wand dahinter, als wäre er selbst zu Glas geworden, zu einem hübschen, leeren Gefäss.

Dann schüttelte er den Kopf und kehrte in sein Bett zurück und sagte sich, dass er nur müde sei, dass das Licht ihn getäuscht habe, dass er am Morgen wieder strahlend und fest und golden sein würde.

Doch die Nächte wurden häufiger, in denen er wandelte und grübelte, und die Tage wurden seltener, in denen er sich wirklich strahlend fühlte.

Von dem Fest und dem Sturz

Im siebten Jahr seiner Herrschaft beschloss Kiran, das grösste Fest zu geben, das sein Königreich je gesehen hatte. «Wir werden meine sieben Jahre auf dem Thron feiern», verkündete er, «und alle Menschen sollen kommen und sich an meiner Grossartigkeit erfreuen.»

Die Vorbereitungen dauerten Monate. Künstler wurden herbeigerufen, die die Säle schmückten. Köche wurden herbeigerufen, die die erlesensten Speisen zubereiteten. Musiker wurden herbeigerufen, die die lieblichsten Melodien spielten. Und in der Mitte des grossen Festsaals liess Kiran eine Statue von sich selbst errichten, dreimal so gross wie ein Mensch, aus reinstem Kristall gefertigt, so dass das Licht hindurchschien und Regenbogen auf alle Wände warf.

Als der Abend des Festes kam, strömten die Menschen in den Palast. Sie assen und tranken und tanzten, und Kiran sass auf seinem Thron und sah ihnen zu, und jedes Lächeln, das sie ihm schenkten, war wie ein Tropfen Wasser auf einem glühenden Stein — es zischte kurz und war dann verschwunden, ohne etwas zu hinterlassen als den Geruch von Dampf.

Es war spät in der Nacht, als ein altes Mütterchen durch die Menge zu ihm trat. Sie war klein und gebückt, in einen grauen Umhang gehüllt, und niemand wusste, wie sie in den Palast gelangt war, denn an den Türen standen Wachen, die jeden überprüften, der eintrat.

«König Kiran», sagte das Mütterchen, und ihre Stimme war wie das Rascheln trockener Blätter, «ich bringe Euch ein Geschenk.»

Kiran sah auf sie herab, und in seinen Augen war jene Mischung aus Langeweile und Verachtung, die er all jenen zeigte, die ihm nicht nützlich schienen. «Was könntest du mir schon schenken, alte Frau?», fragte er. «Ich habe alles, was ich brauche.»

«Habt Ihr das?», fragte das Mütterchen, und in ihrer Stimme war nun etwas anderes, etwas, das Kiran mit einem Mal frösteln liess. «Dann seht selbst.»

Sie zog etwas unter ihrem Umhang hervor — einen kleinen Spiegel, nicht grösser als eine Hand, mit einem Rahmen aus dunklem Holz, in das seltsame Zeichen geschnitzt waren. «Dies», sagte sie, «ist der Spiegel der Wahrheit. Er zeigt nicht das, was du sehen willst, sondern das, was ist.»

Kiran lachte, aber sein Lachen war hohl wie eine Trommel ohne Fell. «Ein Spiegel? Ich habe tausend Spiegel in meinem Palast. Was soll mir ein weiterer nützen?»

«Sieh hinein», sagte das Mütterchen nur, «und du wirst es wissen.»

Ob aus Neugier, ob aus dem Wunsch, die alte Frau zu verspotten, ob aus einem dunklen Drang, den er selbst nicht verstand — Kiran nahm den Spiegel und blickte hinein.

Was er sah, liess seinen Atem stocken.

Im Spiegel war kein stolzer König zu sehen. Im Spiegel war ein kleiner Junge, nicht älter als fünf Jahre, zusammengekauert in einer Ecke eines dunklen Raumes. Der Junge weinte lautlos, und seine Augen waren voller Sehnsucht — Sehnsucht nach einer Hand, die ihn berührte, nach einer Stimme, die ihn tröstete, nach Augen, die ihn wirklich sahen und nicht durch ihn hindurchschauten, als wäre er Luft. Und als Kiran genauer hinsah, erkannte er, dass der Körper des Jungen durchsichtig war wie Glas, und dass in seiner Brust etwas funkelte — etwas Zerbrechliches, das bei jedem Schluchzen zu zerspringen drohte.

«Nein!», schrie Kiran und schleuderte den Spiegel zu Boden. «Das bin ich nicht! Das bin ich nicht!»

Doch der Spiegel zerbrach nicht. Er lag auf dem Marmorboden, und sein Gesicht schaute immer noch zu Kiran hinauf, und der kleine Junge im Spiegel schaute ebenfalls hinauf, und in seinen Augen war nun nicht nur Sehnsucht, sondern auch Scham — die Scham, gesehen zu werden, wie man wirklich ist.

Die Musik verstummte. Die Menschen starrten. Und Kiran stand mitten in seinem eigenen Fest und fühlte zum ersten Mal in seinem Leben, dass all die Spiegel, die er um sich errichtet hatte, nichts waren als bunte Täuschungen, und dass die einzige Wahrheit jener weinende, durchsichtige Junge war, der in seinem Inneren kauerte und darauf wartete, geliebt zu werden.

Die Scham überwältigte ihn wie eine Welle. Er rannte, vorbei an den starrenden Gästen, vorbei an den Dienern, die ihm nacheilten, hinaus in die Nacht, fort vom Palast, fort von den Spiegeln, fort von allem, was er zu sein geglaubt hatte.

Er rannte, bis seine Beine ihn nicht mehr trugen, und als er schliesslich stehen blieb, fand er sich am Ufer des tiefen Sees wieder, der das Königreich im Osten begrenzte. Der Mond schien auf das schwarze Wasser, und Kiran sah sein Spiegelbild — und zum ersten Mal sah er nichts Strahlendes darin, sondern nur einen Mann, der keuchend und schwitzend und verängstigt am Ufer kniete, ein Mann, der nicht wusste, wer er war, wenn er nicht in den Augen anderer las, wer er sein sollte.

«Was bin ich?», flüsterte er in die Nacht. «Was bin ich, wenn niemand mich sieht?»

Das Wasser gab keine Antwort. Es lag still und dunkel da wie ein Auge, das nicht blinzelt.

Von der Hütte am Rande der Welt

Kiran irrte viele Tage durch die Wälder und Berge, ohne Ziel, ohne Nahrung ausser wilden Beeren und Wurzeln, ohne Obdach ausser dem Blätterdach der Bäume. Er, der stets in Seide gekleidet gewesen war, trug nun Lumpen. Er, der stets von Dienern umgeben gewesen war, sprach nun nur mit dem Wind und den Vögeln. Er, der stets sein Spiegelbild betrachtet hatte, sah nun tagelang kein anderes Gesicht als die unerbittlichen Gesichter der Berge.

Es war ein seltsames Gefühl, niemand zu sein. Zuerst war es furchtbar — eine Leere, die ihn von innen auszuhöhlen schien, bis er glaubte, er müsse daran sterben. Doch dann, ganz langsam, wurde die Leere zu etwas anderem. Sie wurde zu Stille. Und in der Stille hörte Kiran Dinge, die er noch nie gehört hatte: das Plätschern eines Baches, der über Steine floss; das Rascheln der Blätter im Wind; das ferne Rufen eines Vogels. Und er begann zu verstehen, dass die Welt nicht nur aus Spiegeln bestand, die sein Bild zurückwarfen, sondern aus unzähligen Dingen, die ihr eigenes Sein hatten, unabhängig von seinem Blick.

Am siebten Tag seiner Wanderung kam er zu einer kleinen Hütte am Rande eines tiefen Waldes. Rauch stieg aus dem Schornstein, und durch das Fenster fiel warmes Licht. Kiran, erschöpft und ausgehungert, klopfte an die Tür.

Sie wurde geöffnet von einem Mann, der so alt war, dass sein Alter selbst alt zu sein schien. Sein Haar war weiss wie Schnee, seine Haut war braun und zerfurcht wie die Rinde eines uralten Baumes, und seine Augen — seine Augen waren von einem Blau, das Kiran an etwas erinnerte, das er vergessen hatte.

«Ich wusste, dass du kommen würdest», sagte der alte Mann. «Tritt ein.»

Kiran trat ein, zu müde, um sich zu wundern. Die Hütte war klein, aber warm, und auf einem einfachen Tisch stand ein Teller mit Brot und eine Schale mit Suppe. «Iss», sagte der alte Mann. «Fragen kommen später.»

Kiran ass, und zum ersten Mal seit vielen Jahren schmeckte er wirklich, was er ass — nicht als Mittel zur Befriedigung, sondern als das, was es war: Brot, das nach Korn und Hefe schmeckte; Suppe, die nach Kräutern und Wurzeln schmeckte. Einfache Dinge, die einfach gut waren.

Als er fertig war, sah er den alten Mann an. «Wer seid Ihr?», fragte er. «Und woher wusstet Ihr, dass ich kommen würde?»

Der alte Mann lächelte, und in seinem Lächeln war Traurigkeit und Freundlichkeit zugleich. «Ich bin ein Wanderer, wie du», sagte er. «Ich bin vor langer Zeit denselben Weg gegangen, den du jetzt gehst. Und ich wusste, dass du kommen würdest, weil alle, die diesen Weg gehen, irgendwann an diese Hütte kommen. Sie steht hier für die, die sich verirrt haben und sich finden wollen.»

«Ich weiss nicht, wer ich bin», sagte Kiran, und seine Stimme brach, und zu seiner eigenen Überraschung kamen ihm Tränen — zum ersten Mal seit seiner Kindheit, seit jenen Tagen, als er gelernt hatte, dass Tränen nichts nützten und niemanden herbeiriefen.

«Das», sagte der alte Mann sanft, «ist der erste Schritt. Nicht zu wissen, wer man ist, bedeutet, dass man aufgehört hat zu glauben, man wisse es bereits. Und wer aufgehört hat zu glauben, er wisse es bereits, der kann anfangen zu fragen.»

Von den drei Prüfungen

Kiran blieb bei dem alten Mann, den die Menschen der Umgebung den Waldweisen nannten, und er begann zu lernen. Doch das Lernen war anders, als er es kannte. Es gab keine Bücher, keine Lehrer, keine Prüfungen, bei denen er hätte glänzen können. Es gab nur die Arbeit des Tages – Holz hacken, Wasser holen, den Garten pflegen – und die Gespräche am Abend, in denen der Waldweise Geschichten erzählte und Fragen stellte, auf die es keine einfachen Antworten gab.

«Du musst drei Dinge lernen», sagte der Waldweise eines Tages, «bevor du zu einem ganzen Menschen werden kannst. Du musst lernen zu sehen, ohne gesehen zu werden. Du musst lernen zu geben, ohne zu nehmen. Und du musst lernen, dich selbst zu lieben, ohne dich zu bewundern.»

«Wie soll ich das tun?», fragte Kiran.

«Das», sagte der Waldweise, «musst du selbst herausfinden. Aber ich werde dir die Gelegenheit geben.»

Am nächsten Morgen schickte er Kiran in ein nahe gelegenes Dorf mit dem Auftrag, einen Tag lang den Menschen zu helfen — aber ohne ihnen seinen Namen zu nennen, ohne etwas über sich zu erzählen, ohne irgendeine Anerkennung für seine Hilfe zu erwarten oder anzunehmen.

Kiran ging ins Dorf und half einer alten Frau, ihr Dach zu reparieren. Er half einem Bauern, seine Schafe einzufangen, die aus dem Pferch geflohen waren. Er half einer Mutter, die ihre Kinder nicht beruhigen konnte, indem er ihnen Geschichten erzählte. Und als der Tag zu Ende ging und die Menschen ihm dankten und fragten, wer er sei, sagte er nur: «Ein Wanderer, der des Weges kam», und ging davon.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, so zu helfen. Zuerst wartete er unwillkürlich auf die Bewunderung, auf die dankbaren Blicke, auf die Worte des Lobes. Doch als sie kamen – und sie kamen, denn die Menschen waren dankbar –, nahm er sie nicht an. Er liess sie wie Wasser an sich abperlen und ging weiter. Und am Ende des Tages, als er zurück zur Hütte wanderte, fühlte er etwas Neues in seiner Brust: eine Wärme, die nicht von aussen kam, sondern von innen.

«Du hast die erste Prüfung bestanden», sagte der Waldweise, als Kiran zurückkehrte. «Du hast gelernt, zu sehen, ohne gesehen zu werden. Doch die zweite Prüfung wird schwerer sein.»

Am nächsten Tag brachte der Waldweise Kiran an einen Ort, an dem Menschen lebten, die nichts hatten — weder Haus noch Nahrung, weder Gesundheit noch Hoffnung. Sie waren die Ausgestossenen des Königreichs, die Vergessenen, jene, die niemand sehen wollte. «Du sollst heute unter ihnen leben», sagte der Waldweise. «Du sollst ihnen geben, was du hast — nicht nur dein Brot und dein Wasser, sondern deine Zeit, deine Aufmerksamkeit, dein Ohr für ihre Geschichten. Und du sollst nichts dafür erwarten — nicht einmal Dankbarkeit.»

Kiran tat, wie ihm geheissen. Er sass bei den Ausgestossenen, hörte ihre Geschichten an, die oft wirr und bitter waren, und gab ihnen, was er hatte. Am Anfang war es schwer, denn die Menschen rochen schlecht und sprachen unfreundlich und schienen seine Hilfe kaum zu bemerken. Doch dann, als er eine alte Frau ansah, die nichts mehr besass als die Lumpen auf ihrem Leib, sah er plötzlich etwas in ihren Augen, das er kannte — jene selbe Sehnsucht, die er im Spiegel der Wahrheit gesehen hatte, jene selbe Einsamkeit, die ihn in den Nächten wach gehalten hatte. Und er verstand, dass diese Frau nicht anders war als er — nur dass ihre Leere nach aussen sichtbar war, während seine im Inneren versteckt gewesen war.

Er nahm ihre Hand, und sie sah ihn an, und zum ersten Mal lächelte sie. Und Kiran fühlte, wie etwas in seiner Brust warm wurde und weicher — als hätte jemand eine Kerze angezündet in einem Raum, der lange dunkel gewesen war.

«Du hast die zweite Prüfung bestanden», sagte der Waldweise, als Kiran zurückkehrte. «Du hast gelernt zu geben, ohne zu nehmen. Doch die dritte Prüfung wird die schwerste von allen sein.»

Am dritten Tag gab der Waldweise Kiran den Spiegel der Wahrheit, denselben Spiegel, den das alte Mütterchen ihm beim Fest gegeben hatte. «Du musst hineinschauen», sagte er, «und du musst dem begegnen, was du siehst. Du musst es ansehen, ohne wegzulaufen. Du musst es annehmen, ohne es zu verurteilen. Du musst es lieben, ohne es zu bewundern.»

Kirans Hände zitterten, als er den Spiegel nahm. Die Erinnerung an jenen Abend beim Fest war noch frisch — die Scham, der kleine Junge, die Leere. Doch er wusste, dass er nicht fliehen konnte. Also blickte er hinein.

Wieder sah er den kleinen Jungen, zusammengekauert in seiner Ecke, durchsichtig wie Glas. Doch diesmal lief Kiran nicht weg. Diesmal sah er genauer hin. Er sah die Tränen auf den Wangen des Jungen. Er sah die ausgestreckten Arme, die niemanden fanden, den sie umschliessen konnten. Er sah das gläserne Herz in der kleinen Brust, das so zerbrechlich war und doch noch nicht zerbrochen.

Und etwas in Kiran zerbrach stattdessen — nicht das gläserne Herz, sondern die Mauer, die er um es herum errichtet hatte. Die Mauer aus Stolz und Verachtung und Arroganz, die er aufgebaut hatte, um niemals wieder so verletzlich zu sein wie jener kleine Junge in der dunklen Ecke.

«Du armes Kind», flüsterte Kiran, und er sprach zu seinem eigenen Spiegelbild, zu dem Kind, das er gewesen war und das immer noch in ihm lebte. «Du hast so sehr versucht, geliebt zu werden, und du wusstest nicht, wie. Du hast dir eine Rüstung gebaut aus Glanz und Hochmut, weil du dachtest, niemand könnte dich lieben, wenn er sähe, wie klein und ängstlich und bedürftig du wirklich bist. Aber ich sehe dich. Ich sehe dich, und ich verurteile dich nicht. Ich sehe dich, und ich liebe dich — nicht weil du besonders bist, sondern weil du bist.»

Und während er diese Worte sprach, geschah etwas Wundersames. Der kleine Junge im Spiegel hörte auf zu weinen. Er sah Kiran an, mit grossen, feuchten Augen, und zum ersten Mal lächelte er — ein scheues, zartes Lächeln, wie das einer Blume, die nach langem Winter die ersten Sonnenstrahlen spürt. Und sein gläsernes Herz, das so lange kalt und zerbrechlich gewesen war, begann sich zu verändern. Es wurde weniger durchsichtig, weniger hart. Es wurde weicher, wärmer, lebendiger — bis es schliesslich nicht mehr aus Glas war, sondern aus Fleisch und Blut, ein pochendes, warmes, menschliches Herz.

Kiran legte den Spiegel nieder und griff sich an die Brust. Dort, wo so lange etwas Kaltes und Hartes gewesen war, fühlte er nun etwas Weiches und Warmes — sein eigenes Herz, das zum ersten Mal richtig schlug.

Er weinte, und seine Tränen waren nicht mehr die Tränen der Scham, sondern die Tränen der Erleichterung. Und der Waldweise stand neben ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: «Du hast die dritte Prüfung bestanden. Du hast gelernt, dich selbst zu lieben, ohne dich zu bewundern. Du hast das Schwerste von allem gelernt: dich selbst anzunehmen, wie du bist, und nicht nur so, wie du sein wolltest.»

Von der Rückkehr und der wahren Krone

Es vergingen noch viele Monde, in denen Kiran bei dem Waldweisen lebte und lernte. Er lernte, andere Menschen wirklich zu sehen — nicht als Spiegel seiner selbst, sondern als eigene Wesen mit eigenen Geschichten, eigenen Ängsten, eigenen Sehnsüchten. Er lernte, dass Stärke nicht bedeutet, niemals zu weinen, sondern zu weinen und dennoch weiterzugehen. Er lernte, dass Grösse nicht bedeutet, grösser zu sein als alle anderen, sondern klein genug zu sein, um sich vor einem Kind zu verbeugen.

Schliesslich, an einem Morgen im Frühling, sagte der Waldweise: «Es ist Zeit für dich, zurückzukehren.»

«Zurück in mein Königreich?», fragte Kiran, und in seiner Stimme war Angst.

«Zurück zu den Menschen», sagte der Waldweise. «Du hast dich selbst gefunden. Nun ist es an der Zeit, das, was du gefunden hast, mit anderen zu teilen.»

Kiran machte sich auf den Weg. Die Reise war lang, doch er ging sie nicht mehr mit dem Hochmut eines Königs, der erwartet, dass die Welt sich vor ihm verneigt. Er ging sie mit der Demut eines Wanderers, der weiss, dass er nur ein kleiner Teil einer grossen Welt ist.

Als er sein Königreich erreichte, waren viele Jahre vergangen. Ein neuer König sass auf dem Thron — ein entfernter Cousin, der die Macht übernommen hatte, als Kiran verschwunden war. Die Menschen erinnerten sich kaum noch an den Prinzen, der einst in Spiegeln gelebt hatte.

Kiran trat nicht vor den neuen König und forderte seinen Thron zurück. Stattdessen liess er sich in einem kleinen Dorf am Rande des Königreichs nieder, dort, wo die Berge begannen und der Wind kalt blies. Er wurde Heiler, denn er hatte bei dem Waldweisen gelernt, Kräuter zu sammeln und Wunden zu verbinden. Und er wurde Zuhörer, denn er hatte gelernt, dass manchmal die beste Heilung nicht in Kräutern liegt, sondern in einem Ohr, das wirklich hört.

Die Menschen des Dorfes nannten ihn bald den Stillen Helfer, denn er sprach wenig über sich selbst und viel über andere. Er besass keine Spiegel mehr — nur einen einzigen, kleinen, in seinem Haus, den er brauchte, um sein Gesicht zu waschen, nicht um es zu bewundern. Und wenn er hineinblickte, sah er nicht mehr einen strahlenden Prinzen oder einen verzweifelten König. Er sah einen Mann mit Falten um die Augen, die vom Lachen kamen und vom Weinen, einen Mann mit grauen Haaren und rauen Händen, einen Mann, der nicht besonders war und dennoch genug.

Eines Tages kam eine Frau in sein Dorf, eine Reisende aus einem fernen Königreich im Westen. Ihr Name war Alethea, und sie hatte nach vielen Jahren einen Mann gesucht, dem sie einst eine Wahrheit gesagt hatte, die er nicht hatte hören wollen.

Sie erkannte ihn nicht sofort, denn der Mann, der ihr entgegentrat, hatte nichts mehr von dem Prinzen, der einst in Kristall und Seide gelebt hatte. Doch seine Augen waren dieselben, nur dass sie nun nicht mehr kalt waren, sondern warm.

«Ihr seid es», sagte Alethea. «Ich habe Euch gesucht.»

«Warum?», fragte Kiran.

«Weil ich wissen wollte, ob Ihr jemals den Weg gefunden habt.»

Kiran lächelte, und in seinem Lächeln war keine Spur von Selbstgefälligkeit, nur Dankbarkeit. «Ich habe ihn gefunden», sagte er. «Und ich habe Euch zu danken, denn Ihr wart die Erste, die mir die Wahrheit sagte, auch wenn ich sie damals nicht hören konnte.»

Alethea setzte sich zu ihm, und sie sprachen den ganzen Nachmittag, und dann den ganzen Abend, und dann den ganzen nächsten Tag. Und als Alethea schliesslich weiterzog, wusste sie, dass sie zurückkehren würde, und Kiran wusste es auch.

Sie heirateten im Herbst jenes Jahres, in einer kleinen Kapelle im Dorf, ohne Fanfaren und ohne Feuerwerk. Ihre Ehe war keine Ehe aus Bewunderung, sondern aus Verstehen. Sie sahen einander nicht als Spiegel, sondern als Fenster — als Öffnungen in eine andere Welt, die man nie ganz verstehen konnte, aber immer weiter erkunden.

Kiran wurde nie wieder König. Er wurde etwas viel Schwereres und Kostbareres: Er wurde ein Mensch.

Der Epilog, den das Märchen nicht braucht, aber der Leser vielleicht

Viele Jahre später, als Kiran alt war und weiss und gebeugt, sass er eines Abends am Feuer und hielt seinen Enkel auf dem Schoss. Der Junge war neugierig und lebhaft und wollte eine Geschichte hören.

«Erzähl mir von dem gläsernen Herzen», sagte der Junge, denn er hatte Gerüchte gehört, Fetzen einer alten Geschichte, die die Menschen im Dorf manchmal murmelten.

Kiran sah in die Flammen, und er sah darin das Gesicht des kleinen Jungen, der er einst gewesen war — nicht als Gefangenen, sondern als alten Freund, den er nun kannte und verstand.

«Es war einmal ein Prinz», begann er, «der glaubte, sein Herz sei aus Gold. Aber in Wahrheit war es aus Glas — durchsichtig und zerbrechlich und sehr, sehr einsam. Er hatte solche Angst davor, dass es zerbrechen könnte, dass er es in eine Rüstung aus Hochmut und Eitelkeit steckte. Und er glaubte, diese Rüstung würde ihn schützen. Aber weisst du was? Sie schützte ihn nur vor den Dingen, die ihn hätten heilen können. Sie schützte ihn vor der Liebe. Sie schützte ihn vor der Wahrheit. Sie schützte ihn vor sich selbst.»

«Und was geschah dann?», fragte der Junge.

«Dann», sagte Kiran, «brach die Rüstung. Und der Prinz dachte, er würde sterben, als er ohne sie war. Aber er starb nicht. Er wurde nur endlich geboren.»

Der Junge verstand nicht ganz, was sein Grossvater meinte, aber er spürte, dass es etwas Wichtiges war. Er kuschelte sich an Kirans Brust und lauschte dem gleichmässigen Schlag seines Herzens — eines Herzens, das nicht mehr aus Glas war, sondern aus Fleisch und Blut und Liebe.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

ENDE.

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